Áhkká

Die ersten Schneeschauer ziehen aus Nordwesten über den Akkajaure als wir in Ritsem ankommen. Es herrscht rauhes Wetter, das sehr schnell mit Sonnenschein wechselt, so wie das hier im nördlichen Sápmi üblich ist. Nachdem wir die kleine primitive Hütte an einem Hang des nördlichen Seeufers bezogen haben, blicken wir auf das gewaltige Massiv des Áhkká, welches sich langsam vor unseren Augen enthüllt. Nebel und Wolken lösen gegen Abend langsam auf.

Ritsem Stugor

Vor Jahren haben wir im finnischen und norwegischen Teil von Sápmi einige Sieidis aufgesucht. Das sind Opferstätten der Sami, die meist an signifikanten Landschaftspunkten errichtet wurden. Viele dieser Siedis wurden während der Verfolgung der Samen im Rahmen der Christianisierung entweder zerstört oder sind zu einem Art Geheimwissen jener Samen geworden, die sich ihren Glauben nicht nehmen lassen wollten. Inzwischen sind die Ethnologie und Religionswissenschaft dazu übergegangen, diese für die Samen bedeutsamen Orte in der Landschaft zu kartographieren, sie werden in einigen Fällen staatlicherseits unter Denkmalschutz gestellt. Einige, wie etwa der Ukonkivi bei Inari sind Touristenattraktionen geworden und haben all ihre heilige Aura verloren. Der Ukonvivi, der mit einem Touristenboot angefahren werden kann, ist nichts mehr als ein weinig begrünter Felsen im See, an dem Touristen ihren Müll hinterlassen. Sie schaffen es nicht, diesen wieder aufs Boot mitzubringen. Und im Übrigen ist dort kaum Platz für eine stille Andacht.

Das Áhkká – Bergmassiv, das wir dieses Jahr besuchen, ist auch ein Sieidi, ein heiliger Ort der Sami-Mythologie. Es trägt den Namen der Muttergottheit, die in der Mythologie in mehreren Formen erscheint: als Maderakka, der ersten Akka (Erdmutter) mit ihren drei Töchtern Sarakka (die Göttin der Fruchtbarkeit, Menstruation, Liebe, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt), Juksakka (der Beschützerin der Kinder) und Uksakka (jene Göttin, die das beginnende Leben im Uterus formt).

Die Heilige Mutter Áhkká

Wir sind also, folgen wir der Mythologie, am Beginn der Menschheitsgeschichte angelangt, an einem Ort, der heilig war und noch immer ist. Wer das Gebirgsmassiv sieht, wundert sich darüber nicht, so beeindruckend ist es. Es selbst besteht aus vier Gipfeln, von denen einer keinen Namen trägt. Glücklicherweise liegt das Bergmassiv im Stora Sjöfallet Nationalpark, sollte also die nahe Zukunft relativ unbeschadet von den Einflüssen der modernen Zivilisation existieren dürfen. Nur der Tross der Fernwanderer, die sich im Sarek bewähren wollen, zieht in den Sommermonaten vorbei, zwar von den Bergen beeindruckt, aber im Wesentlichen ihrer körperlichen Leistung verschrieben. Die Rentierherden passen hingegen ins Bild.

Immer wieder müssen wir beim Einrichten für die Nacht aus dem Fenster unserer kleinen Hütte schauen, welche direkt auf das Áhkká schaut. Wir beschließen mit dem Auto zum Ende der Straße in Ritsem zu fahren und parken uns dort, hoch oben beim Campingplatz und der bereits geschlossenen Jugendherberge ein. Ein anderes Auto steht bereits oben mit einem Fotographen, der sich ebenfalls in das Gebirgsmassiv verliebt hat. Draußen stehend und wegen des kalten Wetters auch in unseren Autos sitzend, verlieren wir uns in der Landschaft, im gleißenden Licht des Massivs und letztendlich im Beginn der Menschheitsgeschichte. So muss alles mit uns begonnen haben hier in Sapmí. Vor der grandiosen Kulisse des Akkajaure und des Áhkká fällt es nicht schwer, demütig zu sein.