Die Stlle der Tage, Teil 8

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Während die Pandemie unter den Armen dieser Welt wütet, sitze ich als Privilegierter zu Hause im Home Office. Ich habe Zeit, nachzudenken, kann mein Leben während der Krise ein wenig zurechtzurücken und versuchen, ihm eine neue Dimension zu geben. Ich bin weder von Kurzarbeit noch von Entlassung oder Gehaltskürzung bedroht. Ich lebe diese Krise wie eine neue Erfahrung, die mich neugierig gemacht hat. Ich habe diese Angst, mich anzustecken und weiß, ich gehöre zur Risikogruppe. Das ist die ganze lächerliche Bedrohung. Sie hat mich fest im Griff, sonst geht es mir gut. Freilich, ich bin von meiner Familie getrennt, die Grenzen zwischen unseren beiden Ländern wurden wieder errichtet. Doch ich kann, dank unseres Zugangs zum Internet, ständigen Kontakt halten. Es ist zwar ein wenig einsam um mich herum geworden, doch das bin ich gewohnt. Wenn die selbstverordnete Quarantäne unerträglich zu werden droht, steige ich hinauf auf die Dachterrasse, füttere meine Rabenvögel und lese ein Buch. Vom Alkohol halte ich mich ferne, die Verlockung ist groß, sich in einen anderen Zustand zu trinken. Weit ausgedehnte Spaziergänge am nahegelegenen Flussufer sind eine willkommene Abwechslung, werden aber bald zu eintönig. Ich lebe gut, nur eben anders. Das gibt mir die Möglichkeit, über dies alles nachzudenken und es einzuordnen.

Wir sind Privilegierte, hat Slavoj Zizek zurecht in einem Interview gesagt, er meinte auch mich. Möge also keiner der Bevorzugten nun beginnen, auf hohem Niveau zu jammern. Möge keiner sich über Distanz, Gesichtsschutz und die eingeschränkte Möglichkeit, seinem früheren Leben zu frönen, beschweren. Wir haben nicht das Recht dazu. Wir haben unsere Bücher, die Filme und die Nachrichten. Es gilt so viel nachzuholen. Zu klagen wäre arrogant, unsensibel und realitätsfremd.

Daß COVID-19 Menschen ohne Ansehen der Person hinraffen würde und der so erlittene Tod als großer „Gleichmacher“ wirke, ist verlogene Ideologie. Nie in der Geschichte war eine Seuche klassenneutral, der Schutz vor ihr war immer abhängig von den Möglichkeiten, die den Betroffenen zur Verfügung standen: intellektuell, finanziell, sozial und emotional. Damit unterschieden sie sich: von den anderen und von der dumpfen Masse.

Während ich also auf meiner Dachterrasse zu gärtnern begonnen habe, muss der Malermeister um die Ecke schließen und panikartig sein Geschäftslokal verlassen. Die Miete ist unleistbar geworden. In seinen Kombi packt er alles, was noch Wert für ihn besitzt, gemeinsam mit seiner Frau, die ein im Weg stehendes Kind anschnauzt. Vor wenigen Monaten haben sie das Geschäft eröffnet, voller Hoffnung mit wenig Geld – nun müssen sie beschämt kapitulieren. Es ist wie eine Flucht. Da hilft kein Rettungsschirm, er kommt zu spät.

Im Stiegenhaus begegne ich der Stewardess einer Billigfluglinie, die entlassen worden ist, weil es einfach opportun geworden war. Der CEO von Ryan Air nur noch diese Krise gebraucht hat, um den Standort Wien zu schließen. Mit 800 EURO Nettolohn hätten die Flugbegleiter im Schichtbetrieb ab nun mehr arbeiten als leben sollen. Ich weiß nicht, was ich zu ihr sagen soll. Wir reden von ihrem kranken Hund. Ich will sie nicht noch mehr beschämen.

Im Supermarkt schreit mich eine verwahrloste Jugendliche an, als ich um mehr Abstand zu mir ersuche: „Wenn ich Angst vor Corona hätte, soll ich gefälligst zu Hause bleiben. Sie habe genug von all dem Scheiß, den uns die da oben eingebrockt hätten.“

Die Populisten, Verängstigten und Verrückten haben mit einem Male das Sagen. Die Schockstarre löst sich langsam auf. Alle wittern den Stimmungsumschwung und genießen ihre Aggressivität. Die Angst vor dem Tod ist jener vor der sozialen Deklassierung gewichen.

Verschwörungstheoretiker spinnen ihre kranken Geschichten und nutzen die Gunst der Stunde. Die Privilegierten warnen. Parteipolitik wird auch wieder betrieben, mit all der gebotenen Gewissenlosigkeit. Weil Wien vermehrt testet und einen Cluster in zwei Postverteilungszentren ausgemacht hat, zeigt der Innenminister verlogen auf die Gesundheits- und Seuchenpolitik der Stadt. Bald wird in Wien gewählt, auch hier muss politisches Kleingeld gemacht werden. Ist das den Menschen zumutbar? Offenbar schon.

Es wird unappetittlich, der Alltag einer neuen Normalität kehrt ein in unsere Stadt. Warum alle in den Baumarkt gehen dürfen, aber die Theater und Kinos gesperrt bleiben müssen, versteht keiner. Doch Kultur ist nicht von Belang und die demokratische Prinzipien nur hinderlich im ungehemmten Regieren. Demonstrieren darf ohnehin noch keiner: das ist sehr praktisch. Es herrscht Versammlungsverbot, nur der Kanzler darf das bewußt organisierte Bad in der Menge nehmen. Die Opposition schäumt, zu Recht oder zu Unrecht, jedenfalls ohne baldige Aussicht auf Erfolg.