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Viel Aufhebens ist gemacht worden um das Buch und den Fim, die beide vom Mythos der Selbstfindung in der Wildnis Alaskas erzählen: Into the Wild erzählt die Geschichte eines Vierundzwanzigjährigen aus West Virginia namens Chris McCandless, der nach dem Bruch mit seiner Familie und zweijährigem Trampen durch die USA in einem alten Bus am Rande eines Nationalparks in Alaska an Entkräftung stirbt. Die Geschichte muss wohl in seinen Grundzügen auf einer wahren Begebenheit basieren, wirbt doch selbst die eigene Familie mit dem Tod des Jungen, selbstverständlich für einen guten Zweck. Bald aber wird daraus ein Kassenschlager, insbesondere als sich Hollywood der Geschichte annimmt. Survival und Road Movie zugleich, wird von zwei Toden erzählt: dem physischen und dem sozialen Tod, eines von der Erwachsenenwelt zutiefst verstörten Jungen. Diese Geschichten sind bekannt, zur Genüge ausgebreitet seit uns larmoyante Platitüden aus Hollywood mit billigen Emotionen versorgen. Es fällt schwer, nicht zynisch zu werden.

McCandless represents the human urge to push the limits of experience, to live a life untouched by the trappings of culture and civilization. Now that portrait has been taken up by the ultimate mythologizer: Hollywood.

schreibt Mathew Powers in seinem kritischen und lesenswerten Essay The Cult of Chris McCandless, in dem er auf die 15 jahre Medienaufgeregtheit zurückblickt. Alaska meets Jugendrebellion meets Hollywood meets Selbstfindung: fürwahr ein etwas überbordender Reigen an konstruierten Bedeutsamkeiten. Was Motorrad und Marihuana für Easy Rider war, ist Alaska dem mittellosen Stromer, der auf genug Geld zurückgreifen kann, um Kreditkarten zerschneidend darauf verzichten zu können. So ändern sich die Zeiten.

Ich bekam Buch und Film 2009 von einem wanderbegeisterten Sozialwissenschafter ans Herz gelegt, dem ich Irrationalität nie nachgesagt hätte. Das macht mich stutzig, insbesondere, wenn ich spüre, wie leicht dieser Film auch zu kritisieren ist. Was hat es mit dem Symbol Alaska auf sich, das ja nur stellvertretend für den schwindenden Anteil von Wildnis an unserer Welt steht. Mit welchen Sehnsüchten haben wir zu rechnen, frage ich mich, und wohin treiben sie uns, wenn wir ihnen nicht entsagen wollen. Dass bedrohliche Wildnis genug in uns ist und sie den dünnen Firnis unserer Zivilisation so leicht durchbricht: auch das ist eine Binsenwahrheit, auf die wir seit den Katastrophen des 20. Jahrhunderts immer wieder hingewiesen werden. Dass wir aber ständig außerhalb von uns nach Wildnis suchen, in der trügerischen Hoffnung auf Ruhe und Frieden, das ist nun doch bemerkenswert. Sie zu finden ist gefährlich, denn man mag darin nur sinnlosen Tod finden: auch dafür steht Alaska.

Ist also Alaska nur ein melodram, ein medial gepushtes Konstrukt, mit dem wir die Routinen und Bedeutungslosigkeiten unseres Lebens kompensieren wollen? Reality Shows haben sich auf den Weg gemacht, den Mehrwert Alaska und Wildnis für die Mediengesellschaft zu entdecken: davon wird an anderer Stelle in diesem Blog die Rede sein.

Siehe auch: „Mountain Men“ – Mythen der Wildnis, Teil 2