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Der deutschsprachige pay.tv Sender History, ein Ableger von A+E networks, sendet derzeit die zweite Staffel von Mountain Men, eine Serie über Aussteiger, die sich in die Wildnisgebiete der USA zurückgezogen haben. Wer auch gerne in englischer Sprache hört, dem sei der YouTube Kanal von Kalvi Leet ans Herz gelegt, wo sowohl die erste wie auch zweite Staffel kostenfrei zum Download angeboten wird.

Ich habe mich ja in meinem Blogbeitrag „Into the wild“ mit dem Mythos Alaska in Zusammenhang mit dem gleichnamigen Film- und Bucherfolg beschäftigt.

Tatsächlich wird in Mountain Men ein ähnlicher Wildnis – Mythos gezeigt: Es sind die Aussteiger und Outsider, die sich entschlossen haben „off the grid“ zu leben und anstatt den Überforderungen der modernen Zivilisation der Überfolderung durch eine „unbarmherzige“ Wildnis zu begegnen. Das ist ein hartes Geschäft. Wie wird so schön in regelmäßiger Penetranz als Disclaimer am Beginn der einzelnen Episoden eingeblendet:

Man is not at the top of the food chain in the mountains. To survive he must do what is necessary. Some images may be disturbing. Viewer discretion is advised.

Dieser Hinweis mag die Sensationslust in uns wecken, ist aber nichts anderes als einer jener schwachsinnigen US – Disclaimer, die einer verlogenen Medienpolitik entsprechen. Und da gibt es ja noch diese Mantra – artigen  Wiederholungen des ohnehin schon Gesehenen und die ebenso penetrant vorgebrachte Vorschau auf Künftiges: all das erfordert vom Betrachter eine gewisse Geduld und Nachsichtigkeit. Was dabei als authentischer Filmbericht daherkommt, ist letztendlich nichts anderes als ein sorgsam inszeniertes Spektakel, in dem die Kameraführung ständig so tut, als wäre sie eigentlich nicht anwesend. Wer kennt das nicht: Der Held wird dabei gefilmt, wie er in lebensbedrohlichen Situationen gerade noch überlebt. Das Kamerateam hält sich unsichtbar im Hintergrund – in einer wohl nachgestellten Situation, denn sonst hätte man eine Menge unangenehmer ethischer Fragen zu beantworten. Trotzdem wird ständig auf Authentizität beharrt, mit grimmigen Kommentaren, herbeigeredeten Gefahren, erhobenem Zeigefinger und verlogenem Pathos. Doch das sind wir von den Live-Shows schon so gewohnt, dass es uns kaum mehr stört.

Wer also sind diese Mountain Heroes, die sich für einige Zeit am Gängelband der Produzenten,  Regisseure und Kameraleute prostituiert und mögliche Erlebnisse für uns nachgelebt haben? Im wesentlichen Männer, die am Rande des Existenzminimums existieren und dies wohl aus Überzeugung tun. Von Well-Being mag aber keiner mehr reden: nicht Tom der krummbeinige Alte, für den das Leben im Norden Montanas fast zur körperlichen Pein geworden ist, noch Eustace, der überschuldet sein Leben in den Appalachen in North Carolina fristet. Auch Marty und Charlie, die als Trapper nur magere Einkommen erwirtschaften, sind nicht gerade gute beispiele für gelungene Lebensführung. „Living off the land“ ist zwar Wahlspuch der Betroffenen aber nicht im Geringsten Erfolgsrezept. Subsistenzwirtschaft wäre das richtige Wort, um ihre Lebensführung zu beschreiben, eine, die den amerikanischen Pioniergeist wieder einmal bestätigt. Das Leben in der Wildnis ist also nicht nur lebensbedrohlich, sondern auch eines, welches die eigene Existenz materiell permanent in Frage stellt.

Es sind verschrobene Waldmänner, die sich in einen „non-grid“ zurückgezogen haben, in denen das, was sie fasziniert auch ständig bedroht. Man mag sie auch als Sonderlinge bezeichnen, vielleicht auch als Lebenskünstler.  Die Wildnis wird zur Heimstätte der Outsider und Anti-Helden, die sich an den Entbehrungen ihrer Urgroßväter orientieren.

Trotzdem tat es gut, die Folgen zu sehen. Das ist, was mich am Meisten verwundert.

Siehe auch: „Into the Wild“ – Mythen der Wildnis, Teil 1