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Ein Mann in unserer fernen Verwandtschaft ist gestorben und hat Geweihe hinterlassen. Weil es seitens S. reges Interesse an Knochenfunden gibt, kam eine Schachtel mit fünf Geweihtrophäen zu uns. Die Familie des Verstorbenen wusste wohl nichts mit dieser Verlassenschaft anzufangen und sie wegzuwerfen, ja, das hat man wohl nicht übers Herz gebracht. So war man froh, die Trophäen an die Frau bringen zu können.

Doch das geschah sicherlich nicht zu meiner Freude. Ich denke: Wie unappetitlich und spießig sind solche Jagdüberreste, die geschmacklos mit Schrauben auf lackierten Baumstammscheiben befestigt werden, um in Gasthäusern und ebenso geschmacklosen Bauernstuben ihr Dasein zu fristen. Dumpfes und betrunkenes Gejauchze über die Freuden des Jägerdaseins dürften unter den Geweihen zu hören gewesen sein, auch so manch vorgestriges Geschwafel über die vermeintlichen Werte bereits sinnentleerter Tradition. Abscheulich!

Ja, ich bin gegen die Zunft der Jäger, die solche Totenmasken hervorbringt und sich auch noch an diesen hobbymäßig erregt. Das hat nichts damit zu tun, dass man/frau Tiere tötet, das hat wohl eher mit der damit verbundenen Kultur des Tötens als Hobby zu tun. Das schäbige Ableben der Tiere empört, der Voyeurismus und die Sammelwut, mit dem das Getötete präsentiert wird, ist weithin pornographischer Natur. Aber was nun tun mit dieser Schachtel voll Abscheulichkeiten, deren Existenz in unserem Haus den Interessen unserer Knochenfrau gedankt ist?

Nachdem die Kiste einige Tage bei uns im Vorraum stand, habe ich mich erbarmt und die Geweihe von ihren Halterungen abgeschraubt, die verrosteten Schrauben mitsamt der Baumscheiben weggeworfen und die Schädel vorsichtig mit warmem Wasser gewaschen, so als wären sie menschliche Überreste, denen man mit Achtung und ein wenig Zärtlichkeit begegnen müßte. Wir werden sehen, was S. mit diesen Schädeln machen wird. Wahrscheinlich werden sie in einer Ecke verstauben.

Ich jedenfalls würde sie in einem Zeremoniell mit Feuer und leisem Wehklagen tief im Waldboden vergraben, sie quasi der Natur wieder überantworten. Und dabei an die alte Kultur der Jäger denken, die sich einst rituell bei dem Tier bedankt haben, welches sie mit überlebensnotwendigem Eiweiß versorgt hat. Ich glaube, dies ist die einzig akzeptable Art mit den Geweihen umzugehen.