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Was es denn so mit Rauhnächten auf sich habe, fragte ich J. vor einigen Wochen, und warum sie denn hießen, wie sie hießen. Darufhin hat J. ein kleines Büchlein besorgt, mit dem ich meine Neugier stillen konnte. Elfie Courtenay hat darin so einiges an Wissen zusammengetragen, mit ein wenig rückwärtsgewandter Emphase und spitituell überbordender Begeisterung, die ich zwar nicht teilen, aber über die ich auch mühelos hinwegsehen kann. Lieber ein Mosaik an Wissensbestandteilen als komplette Weltbilder, denke ich, als ich das Buch lesend durchblättere. Ich nehme das auf, was mich anspricht, nicht mehr und nicht weniger. Das tun ohnehin immer alle.

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Zunächst lerne ich zum Namen „Rauhnächte“, bei dem zwei Deutungen zulässig erscheinen. Als Rauhnächte werden jene 12 Nächte ab 21. Dezember (der Wintersonnenwende) bezeichnet, die eben in die kalte, rauhe Jahreszeit fallen, in denen aber auch früher die Bauern ihre Ställe ausgeräuchert haben. Rauhnacht ist also gleich Rauchnacht. Und was mir ganz wichtig erscheint: im Übergang vom Mondjahr zum Sonnenjahr sind elf Tage und zwölf Tage ab der Wintersonnenwende übrig geplieben: „Aus der Zeit gefallen“ sind also die Rauhnächte, ein magischer Ort im Ablauf der Zeit, die wir ständig neu berechnen. Vielerorts vergessen sind bereits die Überlieferungen über den Ritt Odins, die Wilde Jagd der Frau Holle oder das Perchtentreiben, welche eng mit dieser Zeit zusammenhängen. In den Rauhnächten geschehen im Volksglauben Dinge, die es gefährlich machen, die  Nächte draußen zu verbringen. Auch so manche Opfergabe wurde einst von ängstlichen Bauern dargebracht, um sich mit den Naturgeistern oder umherirrenden Seelen zu verbünden.

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Mich hingegen drängt es, draußen zu sein, am heutigen Weihnachtsabend etwa, den ich ohnehin nicht im christlichen Sinne verbringe und dem ich, angeekelt von der pseudoreligiösen Betulichkeit der Welt gerne für mich einen anderen Sinn geben möchte. Hinaus also in die Welt der Geister und wilden Horden, die den furchtsamen Christen in Angst und Schrecken versetzen. Schon einmal war ich draußen, dort mit P. zusammen im Garten, in einem Vorort von St. Louis (MO) und fühlte den Wind und die Geräusche der Wilden Horde durch die breiten Baumkronen auf mich hereinbrechen. Als schmerzvolle und tiefgehende Erinnerung trage ich dies tief in mir und kann doch nicht davon lassen.

Der Geisterzug zieht mit einem fürchterlichen Gerassel unter Schreien, Johlen, Heulen, Jammern, Ächzen und Stöhnen durch die Lüfte. Manchmal macht er aber auch liebliche Musik, was dann meist als ein gutes Vorzeichen verstanden wird, ansonsten kündigt er Unzeiten an.

Am Zug nehmen Männer, Frauen und Kinder teil, meist solche, die vorzeitig einen gewaltsamen oder unglücklichen Tod gefunden haben. Der Zug besteht aus den Seelen der Menschen, die „vor ihrer Zeit“ gestorben sind, also durch Umstände verursacht, die vor dem natürlichen Tod im Alter eintraten. Legendarisch ist überliefert, dass Menschen, die den Zug betrachten, mitgezogen werden und dann jahrelang mitziehen müssen, bis sie befreit werden. Auch Tiere, vornehmlich Pferde und Hunde, ziehen mit.

Allgemein ist die Wilde Jagd dem Menschen nicht feindlich gesinnt, doch ist es ratsam, sich niederzuwerfen oder (christlich gesehen) sich im Hause einzuschließen und zu beten. Wer das Heer provoziert oder ihm spottet, wird unweigerlich Schaden davontragen, und wer absichtlich aus dem Fenster sieht, um das Heer zu betrachten, dem schwillt etwa der Kopf an, so dass er ihn nicht zurückziehen kann.

zitiert nach Wikipedia

Das alles im Kopf, ziehe ich heute in den Wald. Lieber sich dem Unbill des Heeres aussetzen, als fromm sich niederzuwerfen zu Hause, denke ich. Empörung war stets mein Ding und Gehorsam verachte ich.

Der Feuerplatz, den wir gerne aufsuchen liegt oben auf einem Hügel und blickt hinunter auf die ein Dorf im Thurgau. Er ist hineingepaßt und eingeschnitten in den Hügel, rundum von hohen Bäumen umgeben, im Hintergrund eine Art Höhle, die die Innereien des Hügels preisgibt. Am Feuer sitzend lausche ich dem rhytmischen Tamtam der Trommel von J. Hie und da frischt ein Wind auf, der das Feuer mit Licht anreichert und Schatten auf die kleine Höhle im Hintergrund wirft. Äste schlagen aneinander, Baumstämme knarren, es heult in der Luft. Längst bin ich Teilnehmer und Bestandteil der Wilden Jagd, seit Jahren schon. Unruhig streife ich umher und weiss nicht wonach ich suche. Heute ist wieder Anlaß, mich damit zu beschäftigen.