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Der Exotismus des herkömmlichen Westerngenres bedingt, dass sehr sparsam mit den Alltagsroutinen seiner ProtagonistInnen umgegangen wird. Wenig ist zu lesen über den Alltag der gar nicht so großen Helden, über die Unbequemlichkeiten des Reisens, über die Unattraktivität der Wildnis, über die Arbeit und Mühsal eines Pionierlebens. Das Genre schwankt vielmehr zwischen der Überhöhung der Natur und der Verherrlichung von Helden – selbst wenn es kritisch mit sich selbst umgehen will. Es bemüht Klischees, die immer wieder in unterschiedlichen Ausprägungen und mit ideologischen Hintergründen daherkommen: Rassismus, Zivilisationskritik, Neurdnung des Westens, Gewaltätigkeit, Natursehnsucht. All dies sind Möglichkeiten eines erprobten Genres, das seit 1900 existiert. Western sind Gefäße für die Fantasien ewig pubertierender Männer: das ist zunächst weder gut noch schlecht, auf alle Fälle aber Faktum. Das vorliegende Buch von John Williams ist da völlig anders gestrickt, weil es sich den Klischees entzieht und sein Augenmerk auf etwas anderes lenkt: auf die Mühen des Alltags.

butchers crossing

Zunächst verspricht der Klappentext noch Abenteuer: wieder ein Junge, der auf der Suche nach sich selbst in die Wildnis aufbricht. Das hatten wir doch schon, oder ? Und obwohl Butchers Crossing nicht von sich behauptet, dokumentarisch zu sein, ist es wahrscheinlich historisch gesehen authentischer als viele, die von sich behaupten, dokumentarisch vorzugehen. Wer jemals die Mühen langwieriger Wanderungen oder umständlicher Bergbesteigungen auf sich genommen hat, dem wird es nicht schwerfallen, nachzuvollziehen, was die Wahrheit dieses Buches ausmacht: die Normalität des Lebens und der Alltagsroutinen von vier Männern, die sich zu einer Büffeljagd in die von Menschenhand noch kaum berührten Landschaften von Kansas und Colorado des Jahres 1870 aufmachen. Der Held des Buches ist unter ihnen: der junge Harvard Absolvent William Andrews, der sich mit 600 Dollar in ein Unternehmen eingekauft hat, das die Jagd (The Kill) inmitten unermesslicher Büffelherden der Prärie noch einmal aufleben lassen will; denn auch der Westen beginnt seine Unberührtheit zu verlieren und die Kadaver erlegter Büffel werden bereits mit Fuhrwerken abgeholt, um in der Düngemittelindustrie den letzten Profit aus den Kadavern der Tiere herausschlagen zu wollen. Schnell verstehen wir den Titel des Buches, welches den Namen eines Ortes bezeichnet, der fast ausschließlich vom Handel mit Büffelherden lebt: Butchers Crossing. Dennoch: wer auf die moralinsaure Emphase in der Art der Hollywood – Mythen wie „Der mit dem Wolf tanzt“ gehofft hat, der wird enttäuscht sein. Der 1960 erschienene Roman ist Chronist eines Abgesangs und nicht dessen moralischer Wächter. Das tut gut. Denn niemand kann ernsthaft glauben, dass das Leben in der Wildnis ein schönes, erhebendes, exotisches, von Spannung und Abenteuern durchdrungenes sein kann. Ja, am Anfang steht noch der Rausch des Unbekannten, des hinter der schäbigen Einfachheit des Straßenzugs und jenseits der Stadtgrenzen von Butchers Crossing liegenden, vermeintlichen Abenteuers.

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Doch schon bald verwandelt sich das Prickeln des Unbekannten in die Qualen der Reise: das schmerzhafte Sitzen im Sattel, so lange bis nichts als Taubheit bleibt, die Moskitos am Flußufer, die eintönigen Mahlzeiten (Bohnen natürlich), der quälende Durst, die körperlichen Anstrengungen des Gebirges, das Wetzen der Schlachtmesser, das Töten der Tiere, das prekäre Überleben im Winter, die enttäuschende Rückkehr nach Butchers Crossing. Fast somnambule Zustände werden beschrieben, mit unerbittlicher Akribie und Treffsicherheit.

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Schließlich ist ein Jahr ist vergangen und so hätte das Buch in seiner Einfachheit auch enden können. Aber es kommt zur Katastrophe und auf einmal verstehen wir, wie sehr das vergangene Jahr auf den Seelen der überlebenden Männer gelastet hatte.  Ein empfehlenswertes Buch für all jene, die dem westlichen Konzept der Wildnis immer schon mit Skepsis begegnet sind.