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Heute,  auf dem Flug nach Wien, lese ich im Standard einen Artikel über die Geier-Wally,  eine Person,  über die meine Familie öfters gesprochen hatte, allerdings immer in einem leicht spöttisch Ton. Die Geier-Wally ware in den 50 Jahren in den Kinos gewesen, eine Heimatschnulze allererster Klasse, ein Sujet, das die sozialdemokratisch geprägten  und im Nationalsozialismus aufgewachsenen Städter unbewußt ablehnten aber dennoch mit maliziösem Behagen zerrissen. Immerhin, die Heldin war eine Frau mit einem nicht undramatischen Schicksal und die Fünfzigerjahre waren wohl anfällig für Familiengeschichten jedweder Art.die-geierwally--2

Für mich, der ich diesen Film weder gesehen noch das Buch gelesen habe, war die Geier-Wally nur eine Kunstfigur, die meine Eltern im Kino kennengelernt haben und über die Mutter und Großmutter anzügliche Bemerkungen austauschten. Sie hatten die Geier-Wally sowohl in der nationalsozialistischen als auch in der Nachkriegsfilmversion gesehen.  An Herz und Schmerz, Heimat und Frauenklischees war ich weder damals noch später interessiert.
Nun aber lese ich mit großem Interesse, das es die Geierwally tatsächlich gegeben hat,  und zwar als Anna Stainer-Knittel,  die in den Tiroler Alpen 1841 geboren wurde und als erfolgreiche Kunsthändlerin 1915 starb. Als Siebzehnjährige soll die Tochter eines Büchsenmachers die jungen Männer ihres Dorfes beschämt und wohl auch ein wenig erniedrigt haben,  als sie,  ganz im Sinn eines männlichen Initiatsionsritus, in eine Wand eingestiegen war,  um von dort junge Adler aus dem Nest zu holen. In der Logik der damaligen Zeit wurde das Reißen jungen Viehs durch die Bauern nicht toleriert. Der Nestraub an exponierten Felswänden gehörte allerdings zu den nicht ungefährlich Mutproben,  die die Geierwally wohl bravourös meisterte.

„Wo es was Gefährliches zu vollbringen gab, da war von Kindheit an die Wally dabeigewesen und hatte die Buben beschämt. Schon als Kind war sie jung und ungestüm wie die jungen Stiere des Vaters, die sie bändigte. Als sie kaum 14 Jahre alt war, hatte ein Bauer an einer schroffen Felswand das Nest eines Lämmergeiers mit einem Jungen entdeckt, aber Keiner im Dorf mochte es wagen, das Nest auszunehmen. Da erklärte der Höchstbauer zum Hohn für die Mannhafte Jugend des Orts, er werde es seine Walpurga thun lassen. Und richtig, die Wally war dazu bereit, zum Entsetzen der Weiber und zum Verdruß der „Buab’n“. „Höchstbauer, das heißt Gott versuchen“, sagten die Männer. Aber der Stromminger mußte seinen Spaß haben, alle Welt mußte es erfahren, daß das Stromminger’sche Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind herab seines Gleichen suche.“ Aus: Geier_Wally. Eine Geschichte aus den Tiroler Alpen, 1875. S. 4f.

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Beeindruckt von derartig großem sozialem wie auch körperlichem Wagemut faßte die  Münchner Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern das Abenteuer in ein sehr erfolgreiches Buch,  das von der  im Jahr 1875  veröffentlicht und in sieben Sachen übersetzt wurde. Das Geier-Erlebnis bildete dabei als Motiv den Hintergrund, um die Roman- und Fimheldin zu charakterisieren. Die dichterische Phantasie gallopierte entsprechend weit in Richtung Heimatroman, der allerdings äußerst erfolgreich war.

Lesenswert ist in diesem Zusammenhang die Rezeptionsgeschichte von Roman und Film, welche die Volkskundlerin Susanne Päsler in Zusammenarbeit mit sozialen Protestbewegungen von Frauen bringt:

„Die Beliebtheit des Themas beim Publikum ist nicht zuletzt auf die ungewöhnliche Figur der Walpurga Stromminger zurückzuführen, deren Geschichte immer dann eine Neubearbeitung erfuhr, wenn die Rückbesinnung der Frau auf ihre Rolle innerhalb der Familie von außen gefordert wurde.“ Aus: Susanne Päsler: Die Geier-Wally. Eine Romanfigur im Spiegel ihrer Popularität.

Das haben Mutter wie Großmutter aber beileibe nicht so gesehen. Für sie war das Bergmelodram wohl nur eine Schmalzgeschichte: „Als ob frau nicht schon ohnehin genug Probleme gehabt hätte!“