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Also hab ich mich doch hingesetzt und mein vor wenigen Tagen auf diesem Blog gegebenes Versprechen eingelöst. Gut so. Es ist fast ein kathartischer Akt, eine auf Fakten beruhende Lebensgeschichte des Johannes Seluner zu verfassen und ihn damit ein wenig Recht zurückzugeben, das er in den bürokratischen Mühlen und Fantasien der Geschichtenerzähler des Toggenburgs verloren hat. Die Biographie wird dürr, denn mehr an Fakten ist nicht vorhanden. Alles andere ist Fantasie, zum Teil menschenverachtender Natur. Ich stelle den unten folgenden Text mit einigen kleinen redaktionellen Ergänzungen heute auf Wikipedia ein. Ich gehe davon aus, dass sich im Laufe der Zeit dort wieder Phantasien einschleichen werden.

**** Am 9. September 1844 wird auf der Seluner Alp (Churfirsten) im Toggenburg vom Viehhirten Niklas Baumgartner ein fast nackter, taubstummer Bursch gefunden. Da diese zu Alt St. Johann gehört, wird er der Behörde des Ortes übergeben und in die Armenanstalt des Dorfes eingewiesen. Ein untersuchender Arzt schätzt das Alter des Jungen auf 15 bis 16 Jahre. Nachforschungen durch die Polizei, auch per öffentlichem Steckbrief, bleiben erfolglos. In ihm wird der Knabe mit schwarzem Haar, einer Größe von „4 Schuh und 7 Zoll“ (das sind rund 155 cm), mit „tölpelhaften Zügen“ und einem „läppischem Gang mit vorhängenden Oberkörper“ beschrieben.
Die öffentliche Ausschreibung trug wesentlich zum Bekanntheitsgrad des „Seluners“ bei, blieb allerdings erfolglos und wurde daraufhin eingestellt. Aus verwaltungstechnischen Gründen wird dem Burschen ab August 1845 ein Name gegeben: er wird nach dem Namenspatron des Dorfes (Johannes) und dem Fundort (Seluner Alpe) benannt. Die der Gemeinde Alt St. Johann entstandenen Kosten für den Unterhalt des Findlings wurden vom Kanton St. Gallen getragen. Ab 1850 wird dem „Heimatlosen“ aufgrund der neuen Bestimmungen zu den Bürgerrechten in der Bundesverfassung der Schweizer Eidgenossenschaft das Bürgerrecht gegeben und Nesslau als seine Heimatgemeinde bestimmt. 1854 wird er in das Armenhaus in Nesslau überstellt, die als Heimatgemeinde ab nun seine Unterhaltskosten zu tragen hat. Am 20. Jänner 1898 wird Johannes Seluner nach katholischem Ritus getauft und ins Taufregister Neu St. Johann eingetragen. Mehrere Monate darauf, am 20. Oktober 1898 stirbt Johannes Seluner nach kurzer Krankheit und wird am 23. Oktober 1898 auf dem Friedhof in Neu St. Johann unter großer Anteilnahme der Bevölkerung bestattet.

Auf Betreiben von Emil Bächler, vor allem aber des Arztes Ernst Gottlieb Finkbeiner aus Zuzwil, konnte der Anthropologie, Rassenhygieniker und Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich Otto Schlaginhaufen für eine Exhumierung des Skeletts von Johannes Seluner am 19. November 1926 gewonnen werden. Das „Rätsel“ des Seluners sollte gelüftet werden, da vor dem Hintergrund eugenischer Überlegungen dieser Zeit ein Zusammenhang zwischen der geistigen wie körperlichen Einschränkung (vermuteter Kretinismus ) des Betroffenen und Merkmalen von Neandertalern bzw. außereuropäischer Völker vermutet wurden. Die Untersuchungen zeigten allerdings nur altersbedingte Degenerationserscheinungen des Skeletts auf.

Wie Rea Brändle in ihrem Buch nachweist, wurde Johannes Seluner wahrscheinlich schon während der Zeit seines Lebens aber auch im Rahmen der zahlreichen Nekrologe auf ihn zum Opfer nicht verbürgter Beschreibungen, die seine Biographie mit zahlreichen zusätzlichen Elementen ausschmücken. Diese beziehen sich auf seine mögliche Herkunft und die Umstände der Auffindung sowie auf sein behauptetes Verhalten als „Wilder Mann„, „Wolfskind“ und „Idiot“. Hinzuerfunden und durch keinerlei Fakten belegt sind etwa, dass Seluner beim Milchdiebstahl in eine Falle von Sennern gelaufen und so entdeckt worden war, ebenso unbewiesen wie seine angebliche adelige Herkunft, das ständige Zerreißen seiner Kleider, das unterstellte tierähnliches Verhalten und seine angeblichen Körperkräfte. Auch wird berichtet, dass er vor seiner Auffindung 1844 einige Zeit im Wildenmannlisloch verbracht hätte und eben einer der dort lebenden „Wilden Männer“ gewesen sei. Diese Fabulierlust der vermeintlichen Augenzeugen und die Nacherzählungen nicht verbürgter biographischer Elemente finden sich in zahlreichen, auch als seriös geltenden Dokumenten, wie etwa die diesbezüglichen Aufsätze des Emil Bächler bzw. der Eintrag zu Johannes Seluner in der 2003 im Auftrag des Kantons erschienenen Geschichte St. Gallens. Die zahlreichen, historisch gewachsenen Zuschreibungen machten seine Person allmählich zu einer dehumanisierten Kunstfigur, die bis heute entsprechend interpretiert wird.

Mehrere Dokumente zum Leben Johannes Seluners, wie etwa der „Steckbrief“ mit dem nach Angehörigen von ihm gefahndet wurden sowie die einzig von ihm erhaltene Fotografie aus dem Jahr 1885, finden sich im Toggenburger Museum der Gemeinde Lichtensteig.*****