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Wie verarbeitet eine Filmemacherin, die sich in ihrem Schaffen vorrangig mit Frauenschicksalen befaßt hat, die Wildnis? Klischeehaft denke ich, dass eine engagiert weibliche Betrachtungsweise einen fundamentalen Unterschied nahelegt zur sonst gebräuchlichen filmischen Verarbeitung der Natur. Ich spreche hier von Jane Campions sechsteiliger Miniserie Top of the Lake, die im November 2013 auf Arte ausgestrahlt wurde, aber auch als Video on Demand am Kunstkanal Mubi und auf Netflix angesehen werden kann. Am Stück habe ich sechs Stunden genossen und bin recht nachdenklich zurückgeblieben.

Oberflächlich betrachtet könnte man Top of the Lake als Krimiserie ansehen, in der es um das Verschwinden einer mißbrauchten, schwangeren Zwölfjährigen in den Bergen eines fiktiven Ortes namens Laketop geht. Dem geht eine in ihren Heimatort  zurückgekehrte Ermittlerin nach, die im Laufe ihrer Ermittlungen einen Sumpf aus Gewalt und unbewältigtem Leid freilegt, der auch sie nicht unbeschadet läßt.  Das wäre ja durchaus Stoff für eine jener Durchschnittsserien britischer, us-amerikanischer oder skandinavischer Provenienz. Jane Campion und Garth Davies machen mehr daraus und drehen im Queenstown Lake District in Neuseeland ein beeindruckendes Drama um dunkle Geheimnisse und kaum verdrängte Gewalt in überwältigender Landschaft. Unwillkürlich fühlte ich mich an die Kultserie Twin Peaks erinnert, doch die Irrfahrten menschlicher Befindlichkeit führen bei Campion nicht wie bei David Lynch ins Absurd – Okkulte, sondern ins Zentrum dessen, was wir in uns nur schwer beherrschen können, ins halb Verdrängte, Vergessene und Unaussprechliche verwirrender Seelenlandschaften.

Gleich zu Beginn wird klar gemacht, dass die Wildnis am Ende der Welt nicht für Projektionen der ZuschauerInnen zur Verfügung steht. Am Ende eines über 70 Kilometer langen Sees, der in einer einsamen, schwer zugänglichen und von dichten Wäldern geprägten Gebirgslandschaft liegt, siedelt sich in einem Containerdorf eine Gruppe von Frauen an, die in einer Art Selbsthilfegruppe ihren traumatischen Erfahrungen mit Männern nachhängen.

William Blake: The Tempation of Eve.

William Blake: The Tempation of Eve.

Der Ort heißt ironischerweise Paradise, entsprechende Erwartungshaltungen werden aber gleich mit dem Motto der ersten Miniserie konterkariert: mit Lost Paradise wird sie, offenbar in Anspielung an John Miltons Paradise Lost bezeichnet.  Kaum Aussicht auf Hoffnung also für die Geschlagenen denn an psychische Genesung ist nicht zu denken, trotz aller Bemühung um Selbsterfahrung, Medidation und andere sozialtechnologische Praktiken. Auch das Eintauchen in die Szenerie der Landschaft hilft nicht mehr. Die Unschuld und das Potential der Wildnis ist zu Ende, wenn Menschen in ihr leben.  Das Paradis ist verspielt. See, Wald und Berge sind statt dessen dramatische Kulisse und unheimlicher Ort entsetzlicher Geheimnisse – selten aber Vehikel der ganz großen Gefühle von Zärtlichkeit und Liebe. Draußen Wildnis, aber auch in den Menschen Wildnis, welche um ein Vielfaches grausamer sein kann als die Herausforderungen durch die Natur. Das Paradies ist verspielt.

Machen wir uns nichts vor, der Mythos Wildnis wurde wohl von einer eigenartigen Spezies von Männern konstruiert; von Pionieren und Bezwingern, skrupellosen Unternehmern, siegreichen Pseudohelden, rauhen Vereinsamten und sadistischen Irrläufern. Der patriarchal organisierte Zivilisationsprozeß mag wohl letzten Endes ein Fehlschlag gewesen sein. Frauen gehen vielleicht anders vor. Doch Campion disillusioniert auch hier, denn längst ist die Natur keine Heilerin mehr und Frauen nicht ihre Verbündeten. Anstatt das naheliegende Klischee von der „Heilenden Natur“ oder „Mutter Erde“ aufzugreifen, bleibt die Sicht der Regisseurin auf die Natur seltsam distanziert. Denn wo der Mensch sich nicht helfen kann, da kann auch die Natur nichts tun. Wie ein Raubtier fauchend, erschießt ein Opfer bedenkenlos all jene, die sie und ihr Neugeborenes zu bedrohen scheinen – auch die Natur in uns kennt keine Moral, wenn es ums Überleben geht. Rat weiß letzten Endes auch die von der Frauenkommune unfreiwillig zum weiblichen Guru erhobene Führerin G.J. im verlorenen Paradies  nicht zu geben. Der in sich selbst verstrickten Ermittlerin prophezeit sie nur Unheilvolles und als diese am Boden zerstört ist, darf sie nicht auf Hilfe hoffen. Allein den Rat, sich wie eine Katze zusammenzurollen und schlafend sich selbst zu heilen, will G.J. geben. Einsam ist der Mensch in der Wildnis, aber noch einsamer mit sich selbst.

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Aus dem Vorspann des Films

So leiden Mann und Frau, jeder für sich und gegeneinander. Sie stehen einander schroff und unversöhnlich gegenüber, bereit einander Böses anzutun und am Anderen zugrunde zu gehen. Beide leiden, die Männer allerdings an der Spitze der Verteilungspyramide. Wie kann Natur da noch helfen? Hilflos sieht sie als Kulisse zu, so daß es fast weh tut, sich ihrer Schönheit hinzugeben. Sie umhüllt die Akteure so, wie das eiskalte Wasser des Sees diejenigen, die darin umkommen wollen und es doch nicht alleine schaffen. Nur manchmal blitzt die Schönheit auf, wie das Moos des Waldes, das die beiden Liebenden umhüllt. Unter der spiegelglatten Fläche des Sees lauert nur Leiden, nie aber Trost.