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Skjegglav

Usnea Barbata, ein unter den Namen „Old Man’s Beard“ oder Bartflechte bekanntes Gewächs: ein Zwitterwesen, das wegen seiner urtümlich wilden Form auch Eingang in die Fantasywelt der Medienindustrie gefunden hat. In Herr der Ringe tritt uns eine Anleihe an die Baumflechten in Gestalt der Ents entgegen, als große, baumartige Wesen, die geschaffen wurden, um die Wälder von Mittelerde zu beschützen: „Ent, der Erdsproß, alt wie die Berge …“ Ob Tolkien beim Schreiben der Brauch aus Österreich bekannt war, der mittlerweile in das Immateriellen Kulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde, ist nicht bekannt aber möglich. Im Telfer Schleicherlaufen in Tirol wird eine Bartflechte gesammelt und als Kostüm der „Wilden“ verwendet. Laut Berichten benötigt man für das Kostum eines Mannes etwa fünf Jutesäcke voller Baumflechten, die im Kühtai knapp unterhalb der Baumgrenze wachsen. Für das Anbringen der Bartflechten am Kostüm muß sie frisch und feucht sein, sonst würde sie beim Aufnähen brechen. Viel also braucht man von der bedrohten Art, die langsam wächst und in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht wird.

Tatsächlich hat die Bartflechte also etwas Dämonisches, Wildes, Unheimliches an sich. Wer sich in Wäldern bewegt, in der die Bartflechten von den Bäumen hängen, wird sich (im besten Fall!) an einen Märchenwald, eher aber an einen Geisterwald erinnert fühlen. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß die Flechten im Vergleich zu uns Menschen ein mehr als biblisches Alter erreichen. Manche Flechten erreichen sogar ein Alter von 1000 Jahren – umgekehrt wächst die Flechte allerdings sehr langsam, die Bartflechte ist eine der schnelleren mit etwa 2 cm pro Jahr. Man sollte daher beim Pflücken große Rücksichtnahme nehmen und die Bartflechte nur von umgestürzten oder toten Bäumen entnehmen. Sie einfach als Zunder oder als Faschingsverkleidung abzureißen, kommt Raubbau gleich. Die dunkelbraunen bis schwärzlichen Bärte wirken nur abgestorben, sind aber höchst vital. Insbesondere in Wäldern mit altem und sich wenig veränderndem Baumbestand kommen die Bartflechten häufig vor, insbesondere an Nadel- und Laubbäumen mit saurer Borke.

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Die Bartflechte, neben anderen Gruppen wie Krustenflechten, Bartflechten, Nabelflechten und Strauchflechten) ist ein eigenartiges Wesen: halb Alge, halb Flechte, wächst sie nur mehr an feuchten borealen Standorten mit ausgezeichneter Luftqualität. Eine Selbstmordpflanze: indem sie die Luftfeuchtigkeit aufnimmt, nimmt sie auch darin enthaltene Schadstoffe auf und geht schließlich daran zugrunde. Sie ist deshalb auch in Industriezonen kaum mehr zu finden. Schwefeldioxid, Ozon, Schwermetalle und Stickoxyde sind für ihren rapiden Rückgang verantwortlich. Glücklich also jene Gegenden, wo sie noch wachsen kann: in Lappland etwa, wo sie noch häufig vorkommt.

Und natürlich hat die Pflanze als Heilmittel auch einen unmittelbaren Nutzen für den Menschen. Usnea barbata wird wegen der antientzündlichen Eigenschaften der in ihr enthaltenen Usninsäure in der Homöopathie oder als Flechtenhonig als anthroposophisches Heilmittel gegen die Erkrankung der Luftmittel verwendet. Die Firma Weleda hat derartiges einmal vertrieben.  Vor Selbstmedikation ist allerdings, wie immer, zu warnen. Wie man selbst eine Tinktur herstellen kann, ist auf diesem Blog beschrieben. Eat the weeds beschreibt noch weitere Verwendungsmöglichkeiten, etwa als Nahrungsergänzungsmittel oder Wundheilmittel.

Wie so vieles aus der Natur kann die Bartflechte auch zum Räuchern verwendet werden Entsprechende Literatur schreibt ihr reinigende und stärkende Wirkung zu, bzw. pur oder als Mischung zum Räuchern in den Rauhnächten. Und auch zum Färben von Wolle scheint sie geeignet und gibt ein kräftiges Orange.