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Im Landkreis Tuttlingen (Deutschland) liegt der 18 km lange Rundwanderweg namens „Grenzgänger“. Er ist nach den Grenzen benannt, die er historisch und gegenwärtig aufsucht: die Grenzen zwischen Österreich und Baden Würtemberg vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, von Baden und Würtemberg bzw. die gegenwärtigen Landkreisgrenzen von Donaueschingen, Tuttlingen und Stockach. Pradigmatisch für den Weg ist seine erste Station, eine Grenzspirale mit unterschiedlichen Grenzsteinen, darunter sein ältester aus dem Jahre 1584, als an diesem Ort noch Würtemberg znd Österreich aneinander grenzten und auf dem 1810 nachträglich das badische Wappen eingemeißelt wurde. Weitere Steine stammen aus den Jahren 1606, 1828, 1839 und 1894. Anderen Grenzsteinen werden wir noch wiederholt auf diesem Wanderweg begegnen.

Mit seinen 18 km Länge und seinem Ausgangspunkt Liptingen ist dieser Wanderweg für eine Ganztagswanderung durchaus geeignet, zählt man zu den veranschlagten 5 Stunden Gehzeit noch eine Mittagspause (es gibt mehrere Einkehrmöglichkeiten) und Verweilzeiten bei anderen markanten Wegpunkten dazu, wie etwa die Wellingtonie (ein Mammubaum), der 1866 im Auftrag des Landesherren gepflanzt wurde. Der Weg führt zur Hälfte auf asphaltierten Wegen, sonst meist auf Schotterwegen. Einzig der durch ein Tobel hinaufführende Weg von Neuhausen Richtung Tuttlingen führt über weichen Waldboden. Die Steigung ist jedoch mit 320 m aufwärts und 320 Meter abwärts für den Durchschnittswanderer durchaus komfortabel und ausgezeichnet markiert.

Verbinden kann man die Wanderung  sehr gut mit interessanten Caches (Traditionals), die unweit des Weges liegen und nicht sehr schwierig zu finden sind: den Caches Ruhebänkle #2, Ruhebänkle #14, Ein Haufen Steine, Grenzgänger #3, Grenzgänger #1, Sie kamen aus der Dunkelheit und Hirschkopf.

Mit eigenartig ambivalenten Gefühl bin ich diesen Rundwanderweg bei sonnig-kalten Wetter gegangen: eine seltsame Irritation war es. Denn einerseits wird hier Grenzgängertum zur Tourismusattraktion geadelt, andrerseits liegt im Begriff Grenzgänger („der, der Grenzen überschreitet“, physisch, psychisch, kulturell) viel an Ambivalenz, über die man/frau im allgemeinen wenig zu sprechen bereit ist und wenn, dann sehr oft in aufgeregter und recht gehässiger Weise. Jedenfalls, so denke ich, bei Grenzüberschreitungen kann man sich auch wohlfühlen, wenn man sich einmal dazu bekannt hat. Das trifft auch für diese konservative Region zu, wo an jeder Ecke Manifestationen des politischen Katholizismus in Form von Kapellen, Wegkreuzen und Kirchen lauern. Von den Deutschlandfahnen an den Fahnenstangen trotziger Einfamilienhäuser ganz zu schweigen, die hier so tun, als wäre die Einheitsgesellschaft die soziale Norm und das Grenzgängertum nur eine unliebsame Ausnahmeerscheinung. Aber so wie sich in diese Landschaft die Ordnung des Christentums eingeprägt hat, so lauert dann doch, so man es auch will, die Aufforderung zum Ungehorsamen und Grenzüberschreitenden. Und, werte LeserInnen, wir leben in dieser globalisierten Welt, deren relativen Reichtum wir gerne akzeptieren aber deren negative Folgen wir so gerne aussperren möchten. Dabei lernen wir gerade auf diesem Weg wie hinfällig doch Grenzen im Lauf der Geschichte sind.