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Manchmal finden wir im gegenwärtigen Internet der Dinge auch liebevoll, ein wenig altmodisch wirkende, aber sehr informative Webseiten. Jene von Juminkeko aus dem Jahr 1988 ist so eine. Darin wird dem Leben von Elias Lönnrot (1802-1884), dem Schöpfer des finnischen Nationalepos, der Kalevala, nachgegangen. Lönnrot hat auf seinen ausgedehnten Wanderungen im Inneren Finnlands von den dort ansässigen ungebildeten und finnischsprechenden Bauern Runen (=Lieder) gesammelt.

Um einen Einblick von seinen Reisen im Inland zu verdeutlichen, versucht ein Kapitel der Website von Juminkeko die allgemeinen Bedingungen von Mobilität in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts  zu erklären. Im Allgemeinen waren nur die Küstenstädte verkehrstechnisch erschlossen. Das Straßennetz ins Landesinnere war sehr eingeschränkt, im allgemeinen versuchte man sich mittels Boot vorwärts zu bewegen oder ging einfach zu Fuß. Lönnrot berichtet von einer Reise westlich der heutigen Hafenstadt Oulu in der Region Kainuu:

Nach einem 13 km langen Fußmarsch kamen wir zum Ufer des Osmajärvi. Die Hoffnung, die wir gehegt hatten, daß wir dort ein Boot finden würden, mit dem wir weiterreisen könnten, zerschlugen sich. Deshalb wanderten wir weiter entlang des linken Seeufers bis wir nach 4 km zu einer Landenge kamen, welche Osmajärvi mit Kolvasjärvi verband. Dort hielten wir an und riefen so laut wir konnten aber leider vergeblich nach einem Boot. Auch im Dorf Kolvajärvi, welches 3 km entfernt war, hörte man uns nicht. Aber wir mußten den See überqueren, weil er einfach zu groß war, um ihn zu umgehen: selbst wenn wir es vorgehabt hätten, wären wir an einen Wassergraben angelangt, der genauso schwer zu passieren gewesen wäre wie der strait.  Wir hatten keine andere Möglichkeit als uns selbst ein Floß zu bauen, dass uns ermöglichen würde, überzusetzen.

(Eigenübersetzung aus dem Englischen)

Lönnrot empfiehlt da eher die Reise im Winter:

Wenn jemand an einer derartigen Reiseunternehmung interessiert ist, empfehle ich den Winter. Er wird es dann auch leichter mit dem Transport seines Gepäcks haben, nutzt er nur Pferd und Schlitten. Ebenso wird er um diese Jahreszeit eher Leute zuhause antreffen, und sie werden weniger mit Arbeit beschäftigt sein.

(Eigenübersetzung aus dem Englischen)

Doch warum nimmt man über Jahrzehnte hinweg die Mühe auf sich, auf derart beschwerlichen Reisen mündlich tradierte Artefakte von Bauern zu sammeln, zu ordnen, zu erforschen und in einen Nationalmythos zu gießen? Lönnrot war der Überzeugung, daß die von ihm gesammelte Volkspoesie viel über die kulturelle, soziale und materielle Welt der Vorväter zu offenbaren imstande sei, sie sei die unbewußte, nächtliche Seite des Wissens. Dies war eine allgemeine Annahme, die innerhalb der damaligen Gelehrtenwelt weit verbreitet war. Im unerforschten und von der Zivilisation wenig berührten finnischen Inland würde man in der mündlich tradierten Volksdichtung den Kern und den Ursprung des Finnischen auffinden und damit einen substantiellen Beitrag zur nationalen Identität leisten können.

Und so kommt es, dass die unter der Mühsal des damaligen Reisens gesammelten Artifakte eigentlich nur unverifizierte Bruchstücke von Geschichten sind, die von Lönnrot zu einem literarischen Werk, der Kalevala zusammengesetzt wurden. Das Gegenstück zur schwedischen Zivilisation entlang der Küsten ist das unerforschte Sumpfland im Landesinneren, welches scheinbar das Wissen um seinen Ursprung birgt.

Elias Lönnrot kalevala kansanrunous piirilääkäri lehtimies _ Wikimedia