Entscheidungen trotz Unwägbarkeit: ein ethisches Desaster!

Daß die Atomkraft ein Problem lebensbedohendes Problem für die nächsten (mindestens) 100.000 Jahre schaffen wird, weil wir ihre Technologie nicht beherrschen (können), darüber ist viel geschrieben und diskutiert worden. Von vielen WissenschafterInnen und TechnikerInnen, die sich auf Atomkraft eingelassen haben, wurde zunächst abgewunken. Es müssten, trotz Unwägbarkeiten in der Risikoabschätzung, Entscheidungen getroffen werden, was mit dem Atommüll getan werden könne: denn auf Atomkraft sei nicht zu verzichten. Und überdies sei auch schon bis dato genügend Material angefallen. Der 2009 erschienene Film Into Eternity, den ich dieser Tage auf MUBI sehen durfte, setzt sich mit der moralischen Problematik auseinander, daß die Atomgesellschaft nicht nur die kommenden Generationen,  sondern darüber hinaus die ErdenbewohnerInnen über einen Zeitraum von mindestens 100.000 Jahren mit hochgefährlichem Abfall belasten wird. Damit treten wir in eine zeitliche Dimension ein, in der ernsthafte Prognosen und Abschätzungen unmöglich sind.   Wir hinterlassen ein potentielles Desaster und treten damit in ein moralisches Dilemma ein, das einen ganzen Planeten betrifft.

Die Frage ist völlig offen, ob jemand irgendetwas interpretieren kann in diesem Zeitrahmen. Ich muss in aller Kürze sagen: Niemand weiss irgendwas.(Verantwortlicher)

Der Ausgangspunkt des Filmes ist rasch erzählt.

Die moralischen, technischen und philosophischen Überlegungen, die sich an ein derartiges Vorhaben anschließen sind von größter Bedeutung. Wenn man schon die Gefährlichkeit der Strahlung weg von der Erdoberfläche, die auch von Fachleuten als äußerst instabil betrachtet wird (Unfälle, Terrorismus, Kriege, Naturkatastrophen), in die Stabilität des Untergrundes verfrachtet, wie kann man dort Sicherheit bei Null Wartung über einen unermeßlich langen Zeitraum gewährleisten? Wenn heute derartige Maßnahmen getroffen werden, welche Initiativen müssen ergriffen werden, um nachfolgende Bevölkerungen der Erde vor der Gefährlichkeit derartiger Lagerstätten zu warnen? Wäre es nicht besser, die Lagerstätte nach erfolgreicher Versiegelung in „Vergessenheit“ geraten zu lassen, um Nachforschungen und damit die Entdeckung dessen zu verhindern, die Menschheit, Fauna und Flora zerstören können? Und von welch moralischer Kapitulation der Menschheit sprechen wir, wenn wir unter hohen Risiken (Tschernobyl, Fukushima) Atomkraft gewinnen, aber nicht wissen, was denn eigentlich mit diesen, von der Atomindustrie hinterlassenen Resten passieren wird? Von welcher Art von „Verantwortungsbewußtsein“ sprechen wir, wenn wir in dem Bauch des Planeten ein Giftpotential über einen Zeitraum von 100.000 Jahre zu implantieren? 2018 Jahre waren es nur seit Christi Geburt: ein lächerlich kleiner Zeitraum.

Woran wird man sich in etwa 50.000 Jahren erinnern können? Sollte man nicht besser vergessen, wo die toxische Hybris vergraben wurde? Wie wird man erinnern, an einen mythologischen Abglanz längst vergangener Zeit, vielleicht? Was an schriftlicher Dokumentation des Infernos wird man wie entschlüsseln können?  Und selbst wenn es gelänge einen sicheren, sich selbst kontrollierenden Lagerplatz zu finden, ist es legitim die Zukunft mit derartig gefährlichen Hypotheken zu belasten?

Die Hybris des Menschen erscheint monströs. An den ernsten Gesichtern der Interviewpartner, alles hochrangige Entscheidungsträger und Techniker, taucht dieses Dilemma immer wieder auf: eigentlich nicht zu wissen, was man der Zukunft der Menschheit antut. Der Film dokumentiert ihre Zweifel, ihre Sorgen und die Schwierigkeit mit derartigen Entscheidungen (eigentlich nicht verantwortungsvoll) leben zu können. Ich bin atemlos, als ich entdecke, wie (philosophisch, moralisch, ethisch) unbedarft man sich auf einen Hasard um die zukunft eingelassen hat, der seinesgleichen sucht.  Irgendwann im Verlauf des Filmes verstehe ich: wir haben uns in etwas hineinmanövrieren lassen, das wir eigentlich nicht vertreten dürfen. Darin liegt der Wert des Filmes: er operiert nicht mit billigen Katastrophenphantasien, sondern ist ein Nachdenken, Abwägen und Zweifeln, das tiefgehende Menschheitsfragen, mögliche Antworten und einen globalen, zukunftsbezogenen Zusammenhang thematisiert. Hinter all dem Fortschrittsglauben und der Energiebesessenheit unserer Zeit taucht mit einem Mal ein skandalöses Stück Egoismus und Verantwortungslosigkeit auf. Wir blicken in den Spiegel und schrecken vor unserem Anblick zurück. Keine Entschuldigungen sind mehr möglich oder gar wirksam: die Zukunft wurde mit einem Schlag vertan.

2020 soll das Endlager auf der kleinen südfinnischen Insel eröffnet werden und nach 100 Jahren Befüllung versiegelt werden. Dann beginnen 100.000 Jahre, in dem sich die Erbschaft, die wir unseren Nachfahren hinterlassen haben, von selbst erledigen soll.  Wenn das Wort Erbsünde einen Sinn macht, dann hier.

Ein unsichtbares Licht durchdringt dich. Es ist das letzte Glimmen meiner Zivilisation, die die Macht des Universums einfangen wollte.

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