Rosa und die Pferde

Drei Nachrichten der letzten Woche alarmieren. Im Standard lese ich, dass Konzentrationsminister Kickl plant, wieder berittene Polizisten in Wien einzusetzen. Im Freitag  lese ich über das schwierige Erinnern  an den Holocaust in Deutschland und in Österreich zeigt Tag für Tag der Antisemitismus seine haßverzerrte Fratze. Das Vokabel von der Judenvergasung ist in aller Munde. Unwillkürlich muß ich an Rosa denken, meine schon lange verstorbene Großmutter.  Heute, im Gedenkjahr 2018, spricht sie öfters zu mir. Wir wollen das Gedenkjahr würdig begehen – für die Skandale sorgen allerdings die Anderen.

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Angeordnete Säbelattacke der Wiener Polizei gegen demonstrierende Arbeiter vor dem Justizpalast, 15. Juli 1927. Irgendwo auch Oma, bereits auf der Flucht.

Rosa Oma. 1904 in Wien geboren, war sie Hilfsarbeiterin in einer Zuckerlfabrik. Ihre Mutter, Appolonia, war eine sgn. “ Ziaglbehmin„, die vor der Jahrhundertwende nach Wien zugewandert war. Tochter Rosa war natürlich Sozialdemokratin, wer sonst als die Partei hätte für ihre Rechte sonst kämpfen wollen? Rosa selbst stand zwar niemals in der ersten Linie des politischen Kampfes, aber sie war eine, die immer wieder bereit war, unbotmäßig zu sein. Passiver Widerstand, würde man heute dazu sagen, Gerechtigkeitssinn hieß es damals.  Den Bubikopf als Zeichen der Freiheit stolz den Zöpfen der Braunen Maid entgegengereckt. Der Kirche die Verfügungsgewalt über den eigenen Körper und die Seele verweigert. Das Hirn benutzt, um zu überleben, nicht um zu dienen. Ihrer Tochter Gertrude, in den Dreißigerjahren geboren, hatte sie untersagt, über die Zwangsverpflichtung hinaus mit dem Bund deutscher Mädel herumzuhängen und sich in die Heimatfront – Maschinerie des Zweiten Weltkriegs einbinden zu lassen. Der Vater war auch dagegen. Nein, kein Heilpflanzen – Sammeln in den Wiener Wäldern und keine volkstümelnde Verschwesterung mit den Nazis! Kein Eva Braun – Geschnattere und widerwärtige Hitlererotik! Keine Fleißaufgaben und Lieder für die Braunen.

Den Abtransport der Jüdinnen und Juden aus Wien hat Rosa mit Abscheu kommentiert, sie erinnerte sich, daß diese mit ihren Zahnbürsten das Straßenpflaster hatten reinigen müssen. Sie kannte den Vornamen des damals in ein KONZENTRATIONSlager verbrachten Juden Silberstein. Er und seine Familie waren nie mehr zurückgekehrt. Nazis waren unmittelbar nach seinem Abtransport in seine Wohnung ein- und niemals wieder ausgezogen. Immer schon habe man gewußt, daß den Juden Schlimmes angetan worden war, auch daß man sich an ihnen unverschämt bereicherte. Gewispert wurde darüber überall. Das sah doch damals jeder, sprach Rosa auch in der Gegenwart ihres Enkels unverblümt aus, den sie gottseidank nicht schonte mit ihrer Geschichte.  Aber man mußte mit seiner Meinung auch vorsichtig sein. Die Frontlinien verliefen quer durch die eigene Familie: Rosas Schwester sympathisierte mit den Nazis, ihre Nichte war mit einem SS Mann verheiratet. Der ist mittlerweile schon lange tot, der Schrecken des Nationalsozialismus aber bleibt bis heute. Heute singen die neuen Nazis, Identitären und Burschenschafter der Germania: „Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: ‚Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.‘ „

Im Austrofaschismus war Rosa nach den Februarkämpfen 1934 mit anderen Genossinnen und Genossen im Anhaltelager Wöllersdorf KONZENTRIERT, 1936 aber wieder freigelassen worden. Ihr Leben lang hat sie von der Mitschuld der katholischen Kirche am hausgemachten Faschismus Österreichs gesprochen und von ihnen, wie auch den „Hahnenschwanzlern“, die im Februar 1934 ihre Wohnung stürmten, mit Abscheu erzählt. Nach dem Einmarsch Hitlers in seine Perle Wien war sie mit ihren öffentlichen Äußerungen vorsichtiger geworden – sie verhielt sich „unauffälliger“ als bisher – wohl ein Stück Anpassung der nun über Dreißigjährigen, um zu überleben. Sie hatte als Arbeiterin für ihre Tochter Gertrude zu sorgen. Rosa war keine Märtyrerin – dazu liebte sie das Leben und ihr Kind zu sehr.

Ihre Bücher von Julius Deutsch, Karl Renner, Käthe Leichter und  Otto Bauer hat sie aber trotz Rückzug von der Politik nicht verbrannt, sondern gut verborgen aufbewahrt. Die Jahrbücher der Österreichischen  Naturfreunde blieben in ihrem Schrank. Sie las gelegentlich in ihnen und träumte vom Frieden und dem Ende der Angst vor der Gestapo und den Bomben, die sie befreien sollten. All diese Bücher habe ich mir nach ihrem Tod in meine Bibliothek geholt und gelesen. Der kämpferische Ton von Otto Bauer hat mich besonders angesprochen, denn wer nicht kämpft, dem wird genommen. Es ist ganz einfach: durch meine Großmutter ist die Arbeiterbewegung in meiner Familie immer präsent gewesen, auch die meist vergebliche Suche nach Gerechtigkeit. Sie war keine Heldin, aber eine selbstbewußte und von ihrer Überzeugung erfüllte, einfache Frau. Demagogie jedoch hat sie sofort erkannt und Hetzparolen ist sie selten auf den Leim gegangen. Die Tochter brachte sie nach Kriegsende bei der SPÖ als Bürolehrling unter.

Das Fanal Schattendorf und der Justizpalastbrand im Juli 1927 gehörten für die damals junge Frau (sie war gerade 23 Jahre alt) zusammen, auch nach dem Krieg wurde zu Hause immer wieder davon gesprochen. Rosa konnte nicht aufhören zu erzählen – ihre Angst vor den berittenen Polizisten war einfach noch immer zu präsent. Ich verstand auf einer emotionalen Ebene, lange noch bevor ich schreiben konnte.

Wien, 15. Juli 1927. Schon frühmorgens war Rosa mit den ArbeitskollegInnen von der Schokoladenfabrik in Meidling, in der sie arbeitete, in die Innenstadt marschiert, um gegen das Skandalurteil von Schattendorf zu protestieren. Die beiden Angeklagten des rechtsgerichteten Frontkämpferverbandes, die im burgenländischen Schattendorf  nachweislich einen kroatischen Hilfsarbeiter und ein sechsjähriges Kind ermordet hatten, waren am Vortag freigesprochen worden. Flugblätter hatten zur Demonstration aufgerufen, die Mundpropaganda funktionierte rasend schnell. Streik und Marsch in die Innenstadt. Als Rosa nach einem weit mehr als einstündigen Fußmarsch vor dem Justizpalast ankam, war der Konflikt zwischen den empörten Arbeitern und der Polizei längst eskaliert und das Gebäude, das von einer wütenden Menge gestürmt worden war, brannte. Akten flogen aus dem Fenster. Die Polizisten hatten das Feuer auf die Menge eröffnet. Vor den auf sie gerichteten Schüssen davonlaufend, begegneten Rosa den auf ihren Pferden sitzenden Sicherheitsbeamten, die hoch zu Ross ihre Säbel gezückt hatten und hinter den Arbeitern herjagten. Auch sie wurde zur Verfolgten. Sie sah, wie eine Frau mit Schürze und Kopftuch niedergetrampelt wurde, wie ein Mann von einem Schuß niedergestreckt wurde und lief panisch um ihr Leben. Schließlich konnte sie sich in einem Hauseingang verstecken. Dort überdauerte sie das Chaos, bis sie sich wieder auf den Heimweg machen konnte. Sie zitterte am ganzen Körper. Das Erlebnis hatte sie traumatisiert und hielt sie fortan traumatisiert vor Pferden fern – bis zu dem Tag, als die russischen Soldaten in Meidling einmarschierten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Herrn Kikls Pferde und meine Großmutter. An Rosa erinnere ich mich in diesen Tagen immer wieder, als ich von den Plänen des Konzentrationsministers höre, die Polizei bei Demonstrationen wieder mit Pferden auszurüsten. Rosa fällt mir ein, als ich davon höre, daß Kickl Flüchtlinge in Lagern KONZENTRIEREN will. Und auch denke ich an sie, wenn ich von den Nazigesängen der Germania höre. Sie fällt mir ein, als jüngst die Wiener Polizei von gewaltbereiten DemonstrantInnen gegen den Akademikerball spricht, ohne diese Einschätzungen nachvollziehbar begründen zu können. Man mag mich hysterisch nennen, aber ich habe Gründe für mein schlechtes Gefühl.

Ich denke, daß nur jene die Provokation des in solchen Dingen hochbegabten Konzentrationsministers verstehen können, die das politische Symbol und kollektive Erinnerungsrelikt „Polizist auf Pferd vis a vis DemonstrantIn“ auch historisch deuten können. Rosa hätte auch sofort verstanden, was unter KONZENTRATION gemeint war und was berittenene Polizei symbolisch und ganz konkret bedeuten kann. Sie hätte verstanden, daß Antisemitismus und Nationalsozialismus in unserem Land wieder kräftige Lebenszeichen von sich geben und auch daß die selbsternannten Vaterlandsverteidiger ihre Sündenböcke brauchen: Flüchtlinge, Juden und Linke, die „Rote Bagage“. Rosa hätte manches der heutigen öffentlichen Äußerungen als Versuche nationalsozialistischer Wiederbetätigung gedeutet, ohne sich um rechtliche Konsequenzen zu kümmern. Sie hätte sich gefragt, warum der Justizminister Untersuchungen gegen Herrn Landbauer zunächst so einfach ausschließt und damit die Arbeit seiner BeamtInnen zu präjudizieren versucht. Und sie hätte sich im reifen Alter wahrscheinlich den „Omas gegen Rechts“ angeschlossen, weil sie sich um die Zukunft ihrer Kinder Sorgen macht. „Nie wider Nationalsozialismus“, wäre auch heute ihre Parole gewesen. Ich aber bin froh, daß sie die Herren Kickl, Strache, Mölzer, die „Landbauers“ und Germaniakämpfer nicht mehr erleben muss, mit ihren provokativen Verharmlosungen, den plumpen Verdrehungen der Wahrheit und der gezielten Enttabuisierung politischer Sprache. Sie hätte sich gegen die Menschenverachtung des Pöbels und den Haß der extremen Rechten gewandt. Denn sie liebte die Demokratie, die ihr persönliche Sicherheit, eine Mindestrente und einen guten Lebensabend beschert hatte, nach einem arbeitsreichen Leben, zwei Kriegen und politischer Verfolgung, die sie hatte erdulden hatte müssen.

Ich beobachte mich beim Schreiben. Ich sehe, wie die Erinnerung funktioniert, was sie in Gang setzt und sie antreibt, wie sie vom Kollektiven zum Individuellen, von der Gegenwart in die Vergangenheit springt und umgekehrt. Es ist kein Spiel der Worte, es ist Realität. Das ist meine, ganz persönliche Erinnerungskultur. Im Freitag lese ich, daß es wohl die Zeugen der Zeitzeugen geben muss, nachdem letztere verstorben sind. Nur so kann auch kollektive Erinnerung verinnerlicht werden kann. Erst wenn sie verinnerlicht ist, wird die Shoa nicht bloß selbstreferentiell wie ein Mantra des Grauen vor sich hergetragen. Zur Bekräftigung kann Walter Benjamin zitiert werden:

„Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen ‚wie es denn eigentlich gewesen ist‘. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“

Auch das sei Kanzler Kurz ins Stammbuch geschrieben. Die Gefahr blitzt auf, mehrmals schon in diesen Wochen.

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