Winterkrieg – Talvisota

Nicht nur Österreich, auch andere Länder haben es schwer, mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Hier ein Beitrag zur Erinnerung in Finnland, anläßlich seiner Hundertjahrfeier, die es schon 2017 begangen hat.

Kriegsfilme.  Im Regelfall führen sie uns an Orte des Kriegsgeschehens zurück und nehmen auf unterschiedliche Weise für sich in Anspruch, authentisch zu sein. Aber auch hier trifft zu: bei kulturellen Erzeugnissen sagt ihre Kontextualisierung wohl mehr über die Gegenwart aus, als über die historischen Geschehnisse, die sie uns näherbringen sollen. Sie sind Diskurs über die nationale und politische Befindlichkeit ihrer Zeit. So auch der Film, von dem wir hier sprechen wollen.

Talvisota ist 1989 als Arbeit des finnischen Regisseurs Pekka PARIKKA (1939 – 1997) erschienen, auf Basis der literarischen Vorlage von Annti TUURI mit gleichem Namen.In deutscher und zeitlich abgeschlankter Fassung ist der Film unter dem Titel Winterkrieg erst seit 2015 erhältlich. Er ist der zeitlich ungeschickt platzierte Versuch einer nationalistischen Konstruktion finnischer Geschichte, der sich mit mit dem Diskurs des Kalten Krieges verbindet.

Lahti-Saloranta_M-26_in_position(1)
Unbekannter Fotograph, Wikimedia Commons

Winterkrieg – die Geschichte: Der reale Winterkrieg (30. November 1939 – 13. März 1940) stellt eine der Ikonen des Selbstbewußtseins Finnland dar. Ein Volk hatte dem Angriff von Josef STALIN auf schier unglaubliche Weise getrotzt und seine Selbstständigkeit behalten: ganz anders als die Staaten des Baltikums, die nach dem Hitler-Stalin Pakt 1939 ihre Selbstständigkeit verloren hatten und von sowjetischen Truppen besetzt worden waren. Bis ins Jahr 1989 sollten sie zur Sowjetunion gehören. Anders Finnland, das in vier Kriegen (Bürgerkrieg, Winterkrieg, Fortsetzungskrieg und Lapplandkrieg) seine staatliche Integrität bewahren konnte, wenn auch mit beträchtlichen Gebietsverlusten und unter allerlei ideologischen und politischen Verdrehungen. Die lange Zeit gültige Interpretation dieser drei Kriege konstituiert das finnische Nationalbewußtsein: ein kleines Volk, das in der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs seine Selbständigkeit gewahrt hatte und seinen eigenen Krieg geführt hatte.

Dem Winterkrieg kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu, symbolisiert er doch den erfolgreichen Widerstandswillen, die Leidensfähigkeit und das taktische Geschick eines Volkes bzw. seines Militärs, sich rund 100 Tage ohne wesentliche Unterstützung von Außen gegen den Angriff eines zahlenmäßig und waffentechnisch weit überlegenen Feindes erfolgreich gewehrt zu haben. Ein lesenswerter, aber patriotisch verdrehter Artikel in Die Zeit vom 1. Dezember 1989 bringt den ideologischen Gehalt auf den Punkt:

Finnische Rekruten muß man nicht erst zum Wehrdienst motivieren – der Geschichtsunterricht genügt. Längst hat das finnische Volk begriffen, daß der blutige Kampf nicht umsonst gewesen ist. Er hat Finnland vor dem Schicksal der baltischen Völker – Versklavung, Terror, Deportation, Russifizierung – bewahrt. Was aber hat es mit dem Wunder auf sich? Für den Militärhistoriker Oberstleutnant Sampo Ahto gibt es da nur eine Erklärung: „Es war der einmütige Widerstandswille der finnischen Truppen und des ganzen Volkes – der Geist des Winterkrieges.“

Wir schreiben auch hier das Jahr 1989. Im Wesentlichen führt der sich als kritisch gerierende Zeitungsartikel, der ebenso wie der Fim am Ende des Kalten Krieges erscheint, den nationalistischen Diskurs in der Feindbildmanier des Ost-West Konflikts.

screenshot_97
Screenshot aus der SW Anfangssequenz von Talvisoto

Winterkrieg – der Film:  Genau dieser nationalistische Diskurs bildet sich in dem hier besprochenen Film ab, auch deshalb, weil der Winterkrieg zunächst nicht in den Zusammenhang der gemeinsamen deutsch-finnischen  Offensive gegen die Sowjetunion zu bringen ist. Finnland hatte ohne jede substantielle militärische Hilfe gegen die Angriffe der Sowjetunion bestanden. Der Winterkrieg als vermeintlich rein „finnischer Krieg“ wird zum Paradigma aller Kriegshandlungen, in die Finnland während des Zweiten Weltkriegs verwickelt war. Er stellt das Leiden des finnischen Soldaten vor die eigene Involvierung in (mitunter verbrecherische) Kriegshandlungen.

Im selben Jahr, in dem gleichzeitig auch der Eiserne Vorhang fiel und damit eigentlich erst der Zweite Weltkrieg mit all seinen unmittelbaren Folgen zu Ende war, erschien der unter enormen hohen Produktionskosten zustande gekommene Fim Talvisota. Kritiker verwiesen gleich von Beginn an auf seine altmodische Machart, seinen immanenten nationalistischen Diskurs und seine Obsession für kollektiven Schmerz und Leid. (vgl. dazu: John Sundholm. Finland at War on Screen since 1989, S.119). Der Film, so Sundholm,  beschreibe eine rein finnische Angelegenheit. Überhaupt sei nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und den rapiden Veränderungen in Europa ein derartiger Film mit derart hohem Budget unverständlich, meint der Autor.

Auf dem internationalen Markt konnte der Film aus den genannten Gründen nicht reüssieren. In Finnland selbst jedoch wurde er als TV Serie in mehr als drei Stunden Länge produziert und ausgestrahlt. Die Öffentlichkeit diskutierte dem offensichtlichen Nationalismus des Films wohlmeinend als notwendige  Erinnerung und Tribut an die Opfer, die von den Kriegsveteranen erbracht worden waren. Deshalb auch das Insert am Beginn des Fims: „Dieser Film ist allen Finnen (sic!) gewidmet, die am Winterkrieg teilgenommen haben“. Er wurde so Teil der nationalen Erinnerungskultur, welche heute noch für die finnische Identität nachwirkt. Krieg konstituiert finnisches Nationalbewußtsein, das war auch ein Teil seiner Botschaft.

Wie sehr der Film einer nationalen Nabelschau folgt, zeigt sich an der Darstellung des Feindes. Während der familäre Hintergrund der Familie und das körperliche wie psychische Leiden der finnischen Soldaten ausgiebig dargestellt wird, erscheinen die Sowjets als ununterscheidbare soldatische Masse in neuwertigen Uniformen, die auf die finnischen Verteidigungslinien zulaufen und sterben. Derart entindividualisiert ist ihr Leiden nicht nachvollziehbar. Die frischen und kaum getragen erscheinenden Uniformen der Soldaten machen sie zu ungeschickten Statisten des Films, zu Slapstickfiguren, zum übermächtigen, aber beliebigen Kanonenfutter. Ihr Tod berührt kaum. Schmerz, Leiden und Kriegserfahrung ist allein auf Seiten der Finnen.

Auch Frauen kommen in diesem Film nur als Randfiguren vor. Sie sind in diesem Fim höchstens (vor allem in den ersten Minuten des Filmes) als passive Verkörperungen des Heimat zu sehen: weder sind sie Kriegsbeteiligte noch Akteurinnen an der „Heimatfront“ – sie bleiben Hintergrundbild für die an der Front tapfer und leidensreich kämpfenden Männer. Wer die finnischen Filme Wildauge (2016) oder Käsky/Tears of April (2008) kennt, die ebenso wie Talvisota Verfilmungen literarischer Vorlagen sind, weiß um den gravierenden Unterschied. Beides sind Filme, die das Schicksal zweier selbstbewußter Frauen ins Zentrum ihrer Handlung stellen, und zwar ihre Verwicklung in den Bürgerkrieg bzw. in den Lapplandkrieg. Beides sind Liebesgeschichten zwischen gegnerischen ProtagonistInnen, die versuchen das Schwarz-Weiss Schema des Krieges zu überwinden.

In Talvisota hingegen wird kein Klischee des finnischen Nationalismus wird ausgelassen: der Bürgerkrieg 1918 gegen die „Roten“ , die Erfindung der Molotov Cocktails, die enttäuschende Haltung Schwedens. In bezug auf die Deutschen fällt kein Wort. Der Diskurs des Filmes behandelt den Winterkrieg nicht als eine der vielen tragischen Ereignisse in Folge des geheimen Zusatzprotokolls zum Hitler-Stalin Pakt 1939, sondern als rein finnisch-russische Angelegenheit. Damit verkürzt er nicht nur Geschichte zu einem nationalistischen Diskurs, sondern spart auch die in den folgenden Kriegsjahren so problematische „Waffenbrüderschaft“ mit den Deutschen und dem Nationalsozialismus aus. Ein ranghoher Offizier ruft die Männer am Vorabend des Kampfes folgendermaßen zu den Waffen, seine Rede ist die Essenz des Kalten Krieges und des eigenen nationalistischen Diskurses, die dem Fim zugrundeliegen:

„Wie schon so oft in der Vergangenheit, müssen Finnlands tapfere Männer nun zu den Waffen greifen, denn unser alter Feind Russland greift unser Vaterland an. Wir wollten den Krieg nicht, wir wollten Frieden. Doch der Frieden bleibt uns verwehrt. Durch Männer wie Stalin oder Otto Willem Kuusinen, den wir schon 1918 aus unserem Land vertrieben haben. Unser Armee hat den Russen schon einmal gezeigt, daß dies kein Spaziergang für sie werden wird. Und heute, an unserem Unabhängigkeitstag, sind wir an der Reihe, uns zu beweisen. Nicht einen Zentimeter werden wir zurückweichen. Ein dreifaches Hurrah auf unser Vaterland, unsere finnische Armee und den Oberbefehlshaber Mannerheim.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.