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Gestern, stark vergrippt und in einer Art krankheitsbedingtem Trancezustand lese ich  Philip Carr-Gomm: Druidcraft. The Magic of Wicca & Druidry. In dem 2012 erschienen Buch versucht er den Gemeinsamkeiten von Wicca und Druidry nachzuspüren, nicht nur auf Basis gemeinsamer historischer Wurzeln sondern auch aufgrund zentraler Begrifflichkeiten, die er in einer Art sokratischem Dialog umreisst. Als Einstimmung erzählen Barden alte Geschichten.

Seal

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Eine davon betrifft die Selkies, Wesen, die in der Mythologie Schottlands, Irlands, Islands, der Orkney und der Färoer Inseln weithin bekannt sind. Diese besonderen Robben kommen einmal im Jahr an Land, um dort ihr Seehundfell abzulegen und sich als Menschen zu lieben bzw. sich mit Menschen zu vereinen. Tatsächlich hat sich im Laufe der Überlieferung ein großer Geschichtenkreis um die Selkies gebildet, regional oft sehr unterschiedlich.

Philip Carr-Gomm erzählt eine davon. Als zu Beltane sechs Selkie – Paare an einem Strand zusammentreffen, ihr Fell abwerfen und sich als Wesen in Menschengestalt zu lieben beginnen, werden sie von einem Fischer beobachtet. Dieser entwendet das Fell einer wunderschönen Selkie und gewinnt dadurch Macht über sie. Er zwingt ihr die Übereinkunft ab, mit ihm 7 Jahre lang zusammenzuleben: danach wäre sie frei und könne wieder ins Meer zurückkehren. Das ungleiche Paar bekommt bald einen Jungen und als die sieben Jahre vorüber sind, stellt sich heraus,  daß der Fischer sein Versprechen nicht halten will. Er versteckt das Fell seiner Frau weiterhin, doch durch die Hilfe des Sohnes gelingt es der Mutter wieder ins Meer zu entkommen. Fortan legt sie in selbstloser Liebe jeden Tag zwei Fische ans Ufer: für ihren Sohn und den selbstsüchtigen Ehemann.

Zweimal habe ich Seehunde auf meinen Reisen gesehen. Einmal, im Süden Chiles, in der Nähe eines Meeresarmes mit dem romantisch-schaurigen Namen Seno del Ultimo Esperanza (Kanal der letzten Hoffnung). In einer Touristengruppe wurden wir auf ein mittelgroßes Boot verfrachtet und zu einer Robbenkolonie geführt, die wir umkreisten und nach unzähligen Fotos wieder hinter uns ließen. Beide, Mensch wie Tier, blieben von der Begegnung unbeeindruckt. Ein bedeutungsloses Ereignis, wenn ich mich heute daran zurückerinnere. Die Tiere waren für mich putzige Wesen in einer malerischen Umgebung.

Mein zweites Erlebnis mit Robben verlief anders. Meine Begleiterin und ich waren nach stundenlanger Fahrt in einem vergessenen Winkel im äußersten Norden Norwegens an jenem menschenleeren Strand angelangt, an dem die Straße endete. Wolken, Wind, Meer: eine dramatische Szenerie. Das Meer war bleiern Grau und bewegt. Beide suchten wird den Strand ab nach seinen wunderbaren Schätzen an Muscheln, Seetang, Federn und Knochen. Wir befanden uns am Ende der Welt. Plötzlich, bei einem routinemäßigen Blick auf das Meer, sah ich sie: die wunderbaren, schönen dunklen Wesen, wie sie in die kleine Bucht einschwammen und sich neugierig umblickten. Alarmiert korrespondierte ich mit meiner Partnerin per SMS, da wir sicherlich einen Kilometer entfernt voneinander das Meer beobachteten. Sie folgte ihnen auch.

Die Zeit schien stillzustehen und der Augenblick war von sakraler Stille. Entrückt war alles, Vergangenheit und Zukunft verschmolzen in dem Augenblick, der eine Ewigkeit zu dauern scheinte. Zu kostbar der Augenblick, um ihn mit Fotografieren zu vertrödeln. Halb verdeckt von einem Felsen verfolge ich die kraftvollen Bewegungen der glänzenden Wasserwesen. Verliebt träumte ich vor mich hin. Fast schäme ich mich für meinen Blick, der in diesen wunderbaren Augenblicken fast dem eines Voyeurs glich. Ich war der Fischer, dort draußen waren die glänzend geschmeidigen Meerjungfrauen. Momente des Glücks, so, als ob sich das Leben gelohnt hätte.

Heute bin ich mir sicher, daß ich Selkies gesehen habe.


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