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Es ist schon eine vertrackte Sache mit der Sinnsuche. Wer meint, daß Sinnsuche in unserer säkularisierten Welt keine Bedeutung mehr habe, der irrt, wenigstens laut Lisa Marchiano in einem Artikel in Quilette (Our Search for Meaning and the Danger of Possession, engl.). Dort greift die Familientherapeutin die C.G. Jung’sche Idee von einem, jedem Menschen innewohnenden religiösen Instinkt auf. Trotz der Abwendung der Menschen von den großen Religionssystemen, die als nicht mehr zeitgemäß und lebensunterstützend empfunden werden, sei die religiöse Sinnsuche weiterhin ein bedeutender Bestandteil unserer Natur geblieben. Säkularismus bedeute also nicht das Ende religiösen Empfindens, sondern nur die Veränderung seiner Ausdrucksformen.

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Sie verweist an dieser Stelle auf einen Artikel in der New York Times mit dem Titel „Don’t believe in God? Maybe you’ll Try U.F.O.S!“ Dort argumentiert der Autor Gray Matter, daß zwar der traditionelle Glaube und die aktive Mitgliedschaft in den Glaubensgemeinschaften in den U.S.A. sinke, nicht jedoch das Interesse an Religiösität, gerade angesichts der Vielzahl an existentiellen Fragen und Unsicherheiten, die sich in der gegenwärtigen Welt stellen. Dieser Befund ist auch für die europäischen Gesellschaften gültig.

Wir leben also in keiner „gottlosen“ Welt, sondern (und hier zitiert Marchiano James Hollis):

Quite the contrary. We have too many of them. Too many surrogates with which the ego seeks to resist the spiritual vacuum of modernism. Besieged by pseudo-deities such as Power, Wealth, Health, Pleasure, Progress, we grow more and more alienated from nature, from each other, and from ourselves.

An diese anderen Götter zu glauben, geschehe meistens unbewusst und ohne die explizite Referenz auf religiöse bzw. spirituelle Prozesse. Und sie sei für Individuum und Gesellschaft auch deshalb gefährlich, weil diese unbewußte  Glaubenssuche nicht mit Sinngebungen von anhaltender Bedeutung verbinde.

Aber selbst, wenn wir uns von diesen neuen „Göttern“ fernhalten, lauern weitere Fallstricke auf uns. Denn sich mit dem Unendlichen in Verbindung zu setzen, berge immer auch die Gefahr in sich, einer Art „Bessessenheit“ anheim zu fallen und den eigenen Platz, das heißt die eigene Sterblichkeit und die eigene Natur zu verleugnen und in die Unendlichkeit zu verlängern. Derartig anmaßende Grenzüberschreitungen wurden in der Antike Hyprib, bzw. Superbia genannt. C.G. Jung bezeichnete solche Dynamiken als pathologischen Willen zur Macht.

Lisa Marchiano führt an mehreren Beispielen aus, was mit dieser Besessenheit gemeint sein könnte, etwa am Beispiel des selbsternannten „Bärenflüsterers“ Timothy Treadwell oder der Drachenfrau Eva Tiamat Medusa. Ein weiterer Fallstrick in diesem religös motivierten Willen zur Macht liege in der politischen orientierten Besessenheit. Ideologien und „-isms“ bieten eine ideale Projektionsfläche für quasi-religiöse Verehrung. Am Beispiel der „White Supremacy“ oder anderer glaubensbasierter Kreuzzugsphänomene macht die Autorin klar, dass dabei ein Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ konstruiert wird, der irrationales und menschenverachtendes Verhalten erst möglich macht und als selbstverständlich akzeptiert.

Um nicht in diese psychologischen Fallstricke zu geraten, bliebe als „menschengerechte“ und gesunde Reaktion die Selbstbeschränkung und Demut vor unserer eigenen Natur:

An awareness of our dependence upon that which is larger breeds the humility without which wisdom is not possible. It reminds us that our ego is just a small part of us, and is dependent upon – and easily influenced by – irrational, unconscious forces that are beyond our full understanding.