Dazed and Confused, anno 1976

Tatsächlich ist es niemals so, dass Teeniefilme zu Zeitlosigkeit tendieren. Da übernimmt sich die PR auf Mubi, wenn sie euphorisch Dazed and Confused von Richard Linkkater als zeitlos beschreibt. Tatsächlich ist der Film ganz nah am Zeitgeist der Siebziger angelegt und stellt ein Stück verklärter Erinnerung dar. Linkkater hat vieles aus eigenem Erleben eingearbeitet. Erfährungsgemäß werden andere Generationen mit dem darin vermittelten Erinnerungsmustern wenig anzufangen wissen. Nichts da, Zeitlosigkeit!

Es gibt Teeniefilme in Hülle und Fülle, die begeistert von ihrer Generation rezipiert, von den Anderen aber höchstens mit einem teilnahmslosen Achselzucken begleitet werden: American Pie, The Last Picture Show, Grease und andere lassen grüßen.
Das soll nicht heißen, dass Dazed and Confused ein schlechter Film ist, aber Art House ist er bestimmt auch nicht. Die Ingredienzien sind bekannt: Verhasste Schule, bekiffte Freizeit, lächerlich-dramatischer Vorspiel-Sex und schmerzhaftes Erwachsenwerden. Daneben, wir sind in den USA, der unvermeidliche Sport mit seinem unverholenen Macho-Gehabe.

Doch es geht mir hier nicht um Filmkritik, sondern vielmehr um die Erinnerung an die Generation der Post-68er, die selbst nicht mehr direkt in den politischen Aufstand involviert waren, sondern diesen eher in ihrer Privatheit auslebten. Ausdrucksformen waren da langes Haar,  nachlässige Kleidung, antiautoritäres Verhalten, schräger Musikgeschmack und ausgiebiger Marihuana-Konsum. „Get it while you can!“ Das war für das Establishment eine zwar ärgerliche aber kaum mehr politisch gefährliche oder auch nur wirksame Opposition. Lehrer spotteten über lange Haare oder übertrumpften den prüden Staat, wenn sie das zensurierte Je t’aime moi non plus im Musikunterricht abspielten und Musikguerilla spielten. Wenn selbst in den Wohnzimmern der Eltern psychedelisch inspirierte Tapeten- und Vorhangmuster vorzufinden waren, die Väter poppige Freizeithemden trugen und Fernsehmoderatoren sich eigenartige Haartrachten wachsen ließen, dann war wohl die Protestbewegung weitgehend immunisiert. Die Popkultur war in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Protestmusik wurde zur Unterhaltungsindustrie. Bis zu Abba war es nicht mehr lange hin. The Seventies suck.

Doch zurück zu Dazed and Confused. Die Handlung hatte den Film ja präzise zeitlich verortet: Mai 1976, kurz vor der 200 – Jahr – Feier der USA. Wir befinden uns auf einem Campusgelände in Texas, School is Out for Summer, flanierende Autofahrten pubertierender Jugendlicher auf der Suche nach dem Leben, skurril anmutende Rituale, denen sich Freshmen and -women unterziehen müssen, Alkohol- und Drogenexzesse, Versuche sexueller Annäherung. Alles ist Dazed und Confused. Was es nicht gibt: Hippies, Sex, Drugs and Rock n Roll. Nur Musik, andauernd Musik – aber auch hier kein Jimmie Hendricks, keine Janis Joplin, keine Doors, Stones oder wie sie sonst alle geheißen haben mögen. Stattdessen Aerosmith und andere weichgespülten Bands der späten 1970er.

Der Film ist, wie sie wahrscheinlich schon ahnen, nicht nur ein Stück Biographie von Richard Linklater sondern auch von Krakatoa. Ich war zu genau dieser Zeit in den USA – nicht in Texas, sondern an der Ostküste, in der Nähe von NYC. Und wie der biographische Zufall will, durfte ich in einem Jugendlager arbeiten. Gleich zu Beginn war das Setting meines Stückchens Vergangenheit klar: die Kids waren um die Zehn, die Erzieher um die Zwanzig. Der Koch Kenny brachte das Gras  aus NYC mit und tauschte es gerne gegen ein kleines Entgelt ein. Kiffen war Pflicht. Richard Linklater war zu der Zeit Sechzehn (also fünf Jahre jünger als ich) und ging in Huntsville (Texas) zur Schule. Irgendwie ist der Altersunterschied von fünf Jahren zwischen ihm und mir nebulös und unverständlich . War das alles „meine“ Musik oder die der mir anvertrauten Zöglinge?

Beide Biographien „spielen“ 1976, und weil ich vor Ort war, kann ich sagen, dass Linkkater diesen Auszug aus amerikanischer Jugend(un)kultur treffsicher gefilmt hat. Zumindest decken sich meine und seine Erinnerungsmuster und die damit verbundenen Stimmungen zu einem großen Teil. Oder etwa doch nicht? Zweifel melden sich sanft. Immerhin hat geographische Distanz meinen Erfahrungshintergrund seltsam deformiert. Was heute an Jugendkultur in den globalen Metropolen passiert, wird nahezu simultan über die sozialen Medien verbreitet und rezipiert. Damals, in den Jugendzeiten der späteren Digital Immigrants dauerte es oft Jahre, bis sich ein Trend auf einen anderen Kontinent verschob. Direktimport von Schallplatten war nur der modischen und einkommensstarken Elite vorbehalten.  Ich fand mich also beim Ankommen in den USA im Jahre 1976 in einer Zeit wieder, die jener, deren Manifestationen ich im Kopf und am Körper trug, weit voraus war. Das machte mich, nimmt man es genau, zu einem Dynosaurier aus den Weiten Osteuropas.

Nein, ich rede dabei nicht von einer interkulturellen Differenz USA-Österreich, die es natürlich auch gab. Ich rede hauptsächlich davon, dass ich Joplin, Hendricks und die Doors mit den USA identifizierte und diese quasi musikalisch wie als „Lifestyle“ erwartete, aber tatsächlich mit den samtenen Akkorden von Aerosmith und den Eagles begrüßt wurde. Der Trainingsanzug, auf den ich so stolz war, galt als konservativ-schwul (Faggot nannten mich die kleinen Teufel), der selbsternannte österreichische Revoluzzer galt jenseits des Großen Teiches als brav, deplatziert und schwerfällig. Wenn man so will, rutschte ich ein kleines Stück in die Zukunft: andere Standards einfach, die sich mittlerweilen in einem anderen Kontinent entwickelt hatten.  Ich kam aus der Vergangenheit, aus einem noch dazu rückständigen Winkel Europas am Rande des Eisernen Vorhangs. Die 68er hatte es dort nur als bundesdeutsche Mimikry gegeben. Man hatte in den Hörsaal des Neuen Institutsgebäudes in Wien exkrementiert: aus heutiger Sicht mutet das wie eine Verzweiflungstat unreifer Studenten an.

Ein kleines Andenken durfte ich letztendlich aber mitnehmen, aus dem tollen Amerika von Woodstock und San Francisco. Ein Stück Jugendphilosophie. Amy, ihres Zeichens Krankenschwester mit Hippiehintergrund steckte mir unmotiviert ein beschriebenes Papier zu, auf der die Maxime der damaligen Freiheitssehnsucht vermerkt war: I do my thing and you so your thing and if we meet each other its wonderful.

Ansonsten war bereits überall der Niedergang der Rebellion bemerkbar. Sie begann, sich langsam in Jugendkultur zu verwandeln. Zuerst hier in den USA, dann in Deutschland und Frankreich.  Die Gesellschaft in Österreich hatte (bis auf einige Ausnahmen) nie rebelliert – sie wurde von Kreisky und seinen MitstreiterInnen paternalistisch reformiert und, zugegebenerweise, ein Stückchen freier, liberaler und demokratischer gemacht. Rebellion wurde in Österreich stets mit schlechtem Geschmack gleichgesetzt und dementsprechend ignoriert. Lieber baute man sein trautes Heim, im Windschatten der Kreiskyschen Reformen.

Irgendwo in der Mitte des Filmes, auf einer der lässigen Autofahrten hört man ein wenig Aufbegehren gegenüber der eigenen Zukunft. „Little Red Head“ räsonniert:

Ich meine, hast du nie das Gefühl, daß alles, was wir tun, und alles was man uns beibringt, nur der Zukunft dienen soll? (…) Aber worauf bereiten wir uns vor? (…) Wenn wir sowieso alle sterben werden, sollten wir uns dann nicht jetzt amüsieren? Ich würde gerne damit aufhören, die Gegenwart als eine Art unbedeutende Präambel zu etwas Anderem zu betrachten.

Das wars dann auch schon. Heute wissen wir, wie unbedeutend dieses Vorspiel war. Hier und dort und überall.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.