jhp51efa33de0960

Cover, Moon Books

Nimue Brown: Spirituality without Structure. The Power of Finding your own Path. Moon Books, 2013.

In dem schmalen Band von knapp achtzig Seiten scheint die britische Autorin und Druidin Nimue Brown etwas sehr Zeitgemäßes und damit möglicherweise Verlockendes anzubieten: Anleitungen für das Leben von Spiritualität, welche ohne große formale Strukturen auszukommen scheint. Den eigenen (spirituellen) Weg zu wählen, ihn in aller Freiheit und Selbstverantwortung zu gehen und dabei nur sich selbst und seiner persönlichen Integrität verantwortlich zu sein – das alles klingt nach dem Individualismus unserer Tage, in dem wir verfangen sind. In letzter Konsequenz könnte das ja auch so interpretiert werden: Jede/r sei sein eigener Gott und MeisterIn des eigenen Schicksals. Für viele mag diese Argumentation verführerisch klingen, auch wenn sie sicherlich nicht zielführend ist.

Den Göttern sei Dank, muß ich alle LeserInnen, die sich auf derartige Weise von diesem Buch angesprochen fühlen, bitter enttäuschen. Hinter der vermeintlichen Freiheit des selbstgewählten Weges versteckt sich ein harter Weg: die Mühen, in dem Chaos der Welt und zwischen den unbeantwortbaren Fragen den eigenen Weg zu finden. Am Ende der Reise steht vielleicht auch kein einziger Gott und nur ein mechanistisches System.  Dieser ungewisse Weg hat zunächst nur wenig mit Spiritualität zu tun, eher mit „richtiger“, das heißt sich selbst aufrichtig Rechenschaft gebender, bewußter Lebensführung.   Im vorletzten Kapitel faßt die Autorin die Essenz des Buches zusammen:

Das Buch selbst bietet nur wenig  Beruhigung und Trost an. Es wird gedanklich auf die existentiellen Krise hinweisen aber keine Ratschläge geben, wie man sich dabei wohler fühlen kann. Die einzige Wahrheit des Buches ist, dass es immer wieder betont, dass wir die großen Fragen nicht lösen können und es uns selbst überlassen bleibt, sich in aller Einsamkeit mit ihnen zu konfrontieren und individuelle Konsequenzen zu ziehen. Letztendlich gibt es keine richtigen Antworten. Alles was wir tun können, ist, aus mehreren Möglichkeiten zu wählen. Wir können dies bei vollem Bewusstsein tun und nur versuchen, das Richtige dabei zu wählen.

(Nimue Brown: Spirituality without Structure. S. 74, dt. Übersetzung: Tinderness)

Das klingt natürlich sehr nach dem Existentialismus des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich beruft sich Nimue Brown auf den Kreis um Jean-Paul Sartre und führt immer wieder die „existentielle Krise“ als mögliche Ursache für die Entwicklung der eigenen Spiritualität an. Begleitet wird diese Auffassung von der grundsätzlichen Kritik am Christentums, den monotheistischen Religionen und aller Glaubenssysteme, denen ein unumstößlicher Regelkanon zugrundeliegt. Hier schließt sie sich dem rhetorischen Gestus des vor allem im britischen und amerikanischen Raum vertretenen Paganismus an. Selbst als Druidin im Order of Bards, Ovades und Druids ausgebildet, wende sie sich an Pagans aller Coleur, Like Minded People, wie sie diese nennt: Hexen (Wicca), Druiden, Schamanen, Heathens und viele andere mehr. Sie alle folgten ja nicht einer Religion im engeren Sinne. Religion wäre hingegen durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet, welche eben diesen spirituellen Richtungen fehlten: Kodifizierte Texte, Glaubensväter, verpflichtende Glaubensregeln, Gotteshäuser, Geld, Macht und anderes mehr. Der Paganismus selbst greift allein auf Rites of Passage, Rituale, Feste und Gebete zurück. Mit derart leichtem Gepäck auf dem Rücken, sei die Erforschung des eigenen Weges ein zentraler Fokus der spirituellen Arbeit. Darum gehe es in diesem Buch.

Flammarion

Flammarion Engraving, 1888. Public Domain. Ein Missionar aus dem Mittelalter berichtet, daß er den Ort gefunden habe, an dem Himmel und Erde aufeinandertreffen.

Ihre argumentative Reise führt sie von der Kritik der Religionen hin zum Versuch der Beschreibung des Paganismus und individueller Spiritualität. Letztere ist für sie eine Erfahrung, die eng an das eigene Fühlen gebunden ist und sich intrinsisch in Eigenverantwortung vollzieht: eine Art Gegenbewegung zur Religion, die sich auf Regeln, Strukturen, kodifizierten Text, Institutionen und letztlich auf eine göttliche Wahrheit bezieht. Dabei seien Denken und Fühlen in einem stetigen Austausch befangen und die Aufgabe des Suchenden bestehe darin, seine eigene Philosophie (eigentlich: Weltanschauung) und Spiritualität zu entwickeln, die stets entwicklungsfähig und fluid bleiben müsse, um der Erstarrung der Spiritualität in Glaubensgrundsätzen zu entgehen.

Was die ethischen Strukturen eines derartigen spirituellen Handelns betrifft, zögert sie, das Notwendige auszusprechen: denn aus ihrer Sicht führe das bedingungslose Befolgen von Regeln stets zu religiösem Fundamentalismus. Damit zieht sie sich letztendlich auf die Wicca – Rede zurück, nach der alles getan werden könne, was dem anderen keinen Schaden zufüge:  „An‘ it harm none, do what ye will“. Diese ethische Unverbindlichkeit empfinde ich als große Schwäche des Buches. Aus meiner Sicht kann und darf der Paganismus, so sehr er die Individualität seiner TrägerInnen respektiert schützt, sich an seinen zentralen ethischen Verpflichtungen (Ökologiefragen, Menschenrechtsfragen u.a.m.) nicht vorbeidrücken. Gerade der Mißbrauch des Paganismus durch das rechtsgerichtete „Neuheidentum“ zeigt, wie sehr es hier an einem klaren Standpunkt in diesem Buch fehlt. Nimue Brown weicht diesem generellen Ansinnen aus und argumentiert in Bezug auf die Wicca – Rede: „(…) which once you start to think about it, turns out to be a pleasingly complex proposition“. Warum also nicht mit Inhalt füllen und seiner Verantwortung gegenüber der Welt Ausdruck verleihen?

Besonders beeindruckt hat mich an dem Büchlein von Nimue Brown, wie sie mit dem scheinbaren Gegensatzpaar von Spiritualität und Rationalität umgeht. Mit Recht führt sie aus, das die Existenz eines Gottes nie selbstevident sei. Dennoch führe die Beweisführung der Atheisten, da0 das, was nicht bewiesen werden könne auch nicht existiere, zu kurz.  Sie sieht darüber hinaus aber keinen Grund, warum sich Rationalität und Spiritualität nicht ergänzen könnten und warnt vor einer Überschätzung des Geistig-Spirituellen:

There are no magical shortcuts. Spiritual practice can help us to develop the inner reserves to tackle our challenges and to make sense of them, but it won`’t make them go away.

Manchmal hat es den Anschein, als würde Nimue Brown mehr Fragen stellen wollen, als beantworten zu können. Das ist eine im Kern exzellente Methode für all ihre LeserInnen, die dieses Buch als Anstoß verstehen, selbst weiterdenken und die eigene Spiritualität weiterzuentwickeln. Manche mögen die von ihr vertretenen Thesen als Ausflucht vor jedweder spiritueller Festlegung verstehen. Manch ihrer LeserInnen mögen enttäuscht sein, weil sie sich (trotz des Titels) doch mehr Anleitung und Hilfe auf ihrem Weg im Paganismus erwartet haben. Trotz alledem: die Kritiken des Buches auf Goodreads zeigen, wie erfolgreich das Buch war. Bleibt zu hoffen, daß sich dies auch finanziell für die Autorin niederschlägt.

Ich selbst empfehle dieses Buch, vor allem dann, wenn man es mit Papier und Bleistift zu lesen gewillt ist, um die darin gestellten Fragen und Meinungen auf ihre individuelle Haltbarkeit zu prüfen. Denn die zentrale Frage bei jedweder Lektüre ist ja: Was bedeutet sie für mich? Was fällt mir dazu ein? Welche Assoziationen weckt sie in mir? Nimue Brown hat ein wohlüberlegtes und sicherlich nicht einfaches Buch geschrieben, welches der Komplexität der paganen Spiritualität gerecht wird. Steuern müssen wir schon selber lernen.


TINDERNESS WEITERLESEN: