Es muss wohl daran liegen, daß ich in einer Stadt aufgewachsen bin und wohl auch im falschen Land – denn in den Wald gegangen bin ich schon immer. Was ich bei meinen Wanderungen in Österreich vorher nie gesehen hatte, bei meinen spätberufenen Aufenthalten in der Schweiz fand ich sie fast regelmäßig: die Spuren der Waldkinder.

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Wald in der Schweiz. Copyright: gemeinfrei

Unerwartet etwa fand ich, am Rande auf einer Waldlichtung, die kleine Feenstadt aus Zweigen rund um die schützende Baumwurzel gebaut. Irgendwo bemalte Steine, auf denen freundliche Grüße gemalt waren. Buntbemalte Steine, die einen Feuerkreis umrahmen und Feuer, Erde, Luft und Wasser zeichnen. Und dann mein Lieblingsplatz: ein von Eltern und Kindern mit Genehmigung des Waldbesitzers errichteter Bänkekreis rund um ein Lagerfeuer, neben einer Hütte, in dem trockenes Holz und selbstgemachte Musikinstrumente lagern, rund um einen langen Tisch.

Waldpädagogik nennt man den Bildungsansatz, der in der Schweiz so trefflich umgesetzt wird und dessen Spuren sich in den Wäldern wohl finden lassen. Diese Nähe zum Wald hängt wohl mit der historisch gewachsenen und sich verändernden Allmende zusammen, eine tradierte Regel, wonach die Gemeinschaft den Wald (natürlich beschränkt) nutzen darf – auch zu Schlaf- und Feuerzwecken. Das ist so etwas wie das Jedermannsrecht, welches in großen Teilen Skandinaviens gültig ist, eine Besonderheit in unserem verreglementierten Europa.

Es ist schön, daß eine Kulturzeitschrift wie die Saiten ihre Februarausgabe der Waldpädagogik gewidmet hat und ihr die Bedeutung zumisst, der ihr tatsächlich zukommt: nämlich die Eigengesetzlichkeiten der Natur für unsere Sinne wieder zugänglich zu machen. Das wäre natürlich auch ganz im Sinne der Erwachsenen und gäbe uns wieder ein Stückchen Achtung für das von uns so schamlos benutzte und ausgebeutete Stück Universum wieder. Wie wir immer wieder vor Augen geführt bekommen, sind wir nicht so sehr (wie das Christentum uns eingebleut hat) die Krone der Schöpfung als vielmehr ihre Bedrohung und ihr möglicher Untergang.

Juli 2014 073

Naturandacht. Copyright: tinderness

Abgedruckt in diesem Heft finde ich einen sehr interessanten Artikel des Schweizer Historikers und Journalisten Peter Müller mit dem Titel „Die Schule des Waldes“. In diesem geht er der Frage nach, was der Wald uns denn beibringen könne und fasst seine Erkenttnisse in sieben Lektionen zusammen. Ich hänge seinen Gedanken nach:

  1. Im Wald werden wir wieder mit unseren ursprünglichen Sinnen konfrontiert, die in der Alltagswelt mit völlig anderen Eindrücken konfrontiert sind. Hier könne man wieder in einer „ursprünglichen“ Art sehen, schmecken und riechen, und diese Erfahrung unterscheide sich stark von den hochtourigen Sinneseindrücken in der gegenwärtigen Zivilisation. Meine Waldgefährtin etwa hat durch ihre regelmäßigen Aufenthalte in der Natur sich ein Sehen erschlossen, daß weniger punktgenau und analytisch ist, sondern sich auf Bewegung und Peripherie konzentriert. Sie sieht Tiere, fallende Blätter und Bewegungen im Laub, die mich immer wieder erstaunen machen. Sie sieht im Wald viel mehr als ich. In der Nacht im Wald zu schlafen wiederum schult das Gehör für Geräusche in einem Maß, welches manche Menschen in Angst und Schrecken versetzt: da ist der raschelnde Käfer, die schreiende Eule, der kratzende Fuchs und das Prasseln des Regens auf dem aufgespannten Tarp, unter dem man nächtens oder tagsüber Zuschlupf gesucht hat.
  2. Der Wald lehrt uns, vorsichtig mit unserer eigenen Befindlichkeit umzugehen und uns in unserem Menschsein in der Natur zu begreifen: wir lernen, uns nicht zu überschätzen. Denn wer sind wir schon im Wald, der uns seine eigenen Regeln aufzwingt, etwa bei Regen, Sturm oder Feuer. Angesichts der Komplexität und Vernetzung des natürlichen Lebensraumes und seiner Fremdheit für uns „Zivilisierte“ bleibt uns wohl nichts anderes über, als uns selbst als Teil eines sensiblen Gefüges zu begreifen. Wer sich nicht an die Regeln des Waldes hält, dem kann dieser mitunter gefährlich werden.
  3. Der Wald schult das Gefühl für das Lebendige: das reicht vom komplexen Zusammenspiel des Ökosystems im Wald bis zur Abfolge der Jahreszeiten und der entsprechenden Anpassung der Organismen. Daß das Lebendige den Vorrang gegenüber den sogenannten Zweckmäßigkeiten des Alltags besitzen sollte, bekommen wir im Wald als beeindruckendes Beispiel vor Augen geführt. Das Tote und das Lebende liegen im Wald sehr eng nebeneinander und der Kreislauf der Natur ist auch unser Schicksal.
  4. Der Wald hat sein eigenes Zeitmaß und jedes Ding braucht seine Zeit. Schon das Wachsen eines Baumes, die Bemoosung eines Steines oder die Bildung von Humus braucht seine Zeit und läßt sich nicht über das „natürliche Maß“ hinaus beschleunigen oder in einen Stundenplan pressen. Es das Licht, der Regen, die Temparatur und sehr viel anderes mehr welche den Rhytmus des Waldes bestimmen. Nachhaltigkeit hat Vorrang, wenn schon nicht in unserem gestressten Berufsleben, so doch in der Natur.
  5. Im Wald entstehen innere Bilder, es entwickelt sich Bewußtsein, mit Hilfe dessen wir unsere Begegnungen mit der Natur speichern. Diese inneren Bilder helfen uns, Ankerpunkte zu entwickeln, die die Angemessenheit des eigenen Lebens bestimmen. Der Wald wird zum Erlebnis- und Reflexionsraum: wir denken über uns nach, als Teil eines wertvollen Ganzen. Wir akzeptieren das, was uns im Wald begegnet und erarbeiten uns in der Stille eine eigene Poetik, auf die wir uns in Krisenzeiten verlassen können.
  6. Der Wald lehrt uns, daß er notwendig, wertvoll und schützenswert ist. Genau wie die realen Wälder in ihrer Funktionen als Schutzwälder, Wasserreservoire und geheimnisvolle Orte beschützt werden müssen, sollten wir auch mit unseren „inneren Wäldern“ umgehen lernen: mit der Weite und Tiefe unseres Unbewußten. Beides gilt es zu schützen und mit beidem ist umzugehen.
  7. Ein denkbar unmoderner Begriff ist wohl die Dankbarkeit. Wer jedoch jemals die Schönheit und Tiefe des Waldes erlebt hat,  der mag für sein Stückchen bewegendes Leben wohl auch jenes altmodische Gefühl erlebt haben. Seien wir also dankbar für den Wald, so gequält, so ausgenutzt und so geschlagen er auch sein sollte. Wir haben nur ihn.

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