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Abend eines Reisenden.

Bunt, beeindruckend und mächtig wirkt das Bild des Wenzelsplatzes in mir nach, als im November 1989 Vaclav Havel zur Samtenen Revolution aufrief. Am Höhepunkt der machtvollen Demonstration mußte ich Prag verlassen, ich fuhr in der Metro, eingezwängt zwischen Menschen, die sich gegen das Joch des Kommunismus wehrten. Frauen verkauften politische Anstecker, überall war Revolution. Ich versäumte sie, physisch und mental. Erst zu Hause verfolgte ich am Abend im Fernsehen die Geschehnisse.

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Von Gampe – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17348914

Das alles ist nach fast dreißig Jahren vergessen. Den Platz erkenne ich nur schwer wieder. Ein Tag im Arbeitseinerlei. Die Bilder von damals sind viel gewaltiger als die blasse Gegenwart. Enttäuschung macht sich breit, als ich den touristisch verdorbenen Platz überquere.

Es ist stickig heiß in der Stadt, es hat nichts von der Duftigkeit des Frühlings. Den unangenehmen Keilern will ich entkommen, die vor den Lokalen am Wenzelsplatz die Stadt zu einem unerfreulichen Erlebnis machen, mit Ihren lauernden Blicken, ihrem bedrohlichen Herumgelungere und einem Habitus zwischen Übervorteilung und Aggressivität. Lieber im Hotel das abendliche Bier trinken als in den belagerten Lokalen.

Ich muss die junge Kellnerin sehr energisch an meinen Tisch rufen. Sie übersieht mich geflissentlich, konzentriert sich völlig auf die Gäste aus Skandinavien, die Drinks in großen Gläsern mit langen Gemüsestangen serviert bekommen. Dazu trinken sie Bier. Meine Aggression beim Nachrufen spürend, dreht sie sich schließlich nach mir um und wird sofort sanft und freundlich, fast devot. Mir ist das letzten Endes peinlich. Sie stellt mir auch Wasabi Nüsse an den Tisch, grellgrüne scharfe, linsenförmige Dinger, die mir letztendlich den Geschmack des tschechischen Bieres verderben werden.

Ich starre auf den Fernseher: BBC World News.  Eine mich an Gundel Gaukelei (der Lidstrich !!!!)erinnernde Nachrichtensprecherin  berichtet, daß 1, 1 Milliarden Menschen keine Ausweispapiere besäßen, sie also offiziell nicht existent seien. Danach Bilder von einer Müllhalde in der Dritten Welt, unermeßliche Mengen an Müll, der von zerlumpt gekleideten Menschen sofort nach Einlagerung nach Brauchbarem durchsucht wird. Auch hier gewinnen nur die Starken, Schnellen, Tüchtigen. Ich bin deprimiert.

Beim Zahlen versucht mich die Kellnerin aufzuheitern. Sie entdeckt meinen Namen auf der Kreditkarte und liefert mir die deutsche Bdeutung meines Namens unaufgefordert gleich nach. Sie ist auch aus Mähren, so wie meine Urgroßmutter. Mehr als 120 Jahre liegen dazwischen. Nichts ist heute mehr, wie es einst war. Mich interessiert meine Herkunft heute nicht, nicht an diesem Abend. Die junge Dame mit dem Bartflaum und der drallen Figur in Baruniform finde ich unerträglich. In meiner Jugend hätten mich solch interkulturell angehauchte Gespräche beflügelt. Die Globalisierung hat das entwertet. Auch das deprimiert ungemein. Ich gebe kein Trinkgeld, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit.

Im Hotelzimmer riecht es nach abgestandenem Zigarettenrauch und großzügig versprühtem Raumduft (Rosen?). Wäre ich nicht so müde, würde ich versuchen, das Zimmer zu wechseln. Doch so schlafe ich unruhig ein.

Wieder ist ein Arbeitstag zu Ende.