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zagreb02

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Telefongespräch am Ende eines Konferenztages: Ja, ich hätte von jenem offiziellen Abendessen gewußt und ja, ich hätte mich auch eingeladen gefühlt, aber leider hätte ich mich entschließen müssen,  im Hotel zu bleiben. Ich fühlte mich nicht so gut, müsse morgen auch früh aufstehen. Nein, ich bräuchte keinen Arzt, alles sei gut. Und ja: ich würde auch nicht vergessen, die Rechnung an sie zu schicken, mit der mein Flug abgegolten werden soll. Und auch ein PDF übermitteln, mit den Bankdaten meiner Organisation. Erschöpft von dem Gespräch mit der sehr professionellen Organisatorin lege ich auf. Ruhe, dringend benötigt!

Wenige Minuten später taumle ich vom Hotelinneren auf die Straße. An der Kreuzug in nächster Nähe zum Hotel lasse ich mich nach links treiben, in eine Richtung, die ich sonst nie eingeschlagen hätte. Der Idee,  ein Dérive zu wagen, wäre ich kaum gefolgt, hätte das Licht an diesem Abend den Straßenzug nicht in eine so verheißungsvolle Atmosphäre getaucht. Ich trat aus dem Hotel und fühlte mich auf eine seltsame Art schwebend und unentschlossen, begierig mich treiben zu lassen.  Aus dem Halbdunkel taucht eine junge Frau auf, mit Stock und Gehproblemen. Sie stackst an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen, ganz auf ihr mühevolles Humpeln konzentriert. Vorbei an einem kleinen Supermarkt und zwei Dönerlokalen. Leute auf der Straße haben noch Manieren: wir weichen einander höflich aus, anstatt wie Roboter für die Wegfreiheit im Straßenkampf zu kämpfen. Wien ist weit weg. Unter einer Eisenbahnbrücke geht es auf eine Art Industriegelände, das sich jedoch schon bald als Universitätscampus entpuppt. Ich folge einem Obdachlosen, der vor mir mit mehreren Plasticksäcken offenbar ein Nachtquartier sucht. In Schlangenlinien führt der Weg an mehreren Zweckbauten vorbei. Zwei, drei Lokale, die spärlich besucht sind, keine Touristen, offenbar alles Studenten. Ich durchforste die Winkel des Geländes, rein meiner Intuition folgend und ohne jene Scheu, die mich an fremden Orten normalerweise befällt. Eine seltsame Art von Freiheit, entbunden von den Konventionen des Alltags. Ich selbst fühle mich alterslos, ohne beruflichen oder privaten Hintergrund, ohne jede Verpflichtung. Einfach gehen ohne jedes Ziel. Ich kenne diesen Zustand, mein ganzes Leben lang gab es solche Situationen, in denen ich völlig bei mir war. Viel zu wenige waren es. Es sollen mehr werden.

Ich nehme vieles in mich auf: die Arbeiter, die an jenem runden, turmartigen Gebäude stehen und Bier trinken, die alten Bordsteinbegrenzungen, die kreuz und quer über einen kleinen Weg verstreut liegen und dann: all die Graffities, mit denen die Gebäudewände geschmückt sind. Vögel, Regen, vom Himmel stürzende Menschen. Da gab es doch dieses Lied: Vom Himmel auf die Erde fallen sich die Engel tot.

Zagreb01

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Ich bin auf der anderen Seite des Bahnhofsgeländes angelangt, das ich vor Jahren besucht habe, um mir die Murales an der Mauer zum Bahnhofsgelände anzusehen. In einem anderen Blog habe ich 2005 davon geschrieben, nicht sehr enthusiastisch, eher als Pflichtübung. Heute, zwölf Jahre danach, ist das anders. ich stehe vor dem Vogelbild und fühle all die Energie, mit der es mich erfüllt.