Schlagwörter

Tatsächlich existiert eine Fülle von Sachliteratur über Spiritualismus und Stadt, meist bezieht sich diese auf die großen monotheistischen Religionen. Der Paganismus bildet dabei keine Ausnahme, sind doch, so behauptet man zumindest, die Mehrheit der praktizierenden Pagans StadtbewohnerInnen. Ich habe eine Recherche mit der Datenkrake durchgeführt und bin allein bei den einschlägigen (englischsprachigen) Verlagen auf unterschiedliche Titel gekommen, die ein wenig die Bandbreite der Themen abbilden: etwa über den Urban Pagan im Llewellyn Journal oder zum selben Thema an anderer Stelle in The Pagan and the Pen. Im Blog des Moon Verlag etwa finden sich Hinweise auf drei Titel zum Pagan als Stadtbewohner: The Handbook of Urban Druidry von Brendan Howlin, The Rush Hour Shaman von Janet Elizabeth Gale und Traditional Witchcraft for Urban Living von Melusine Draco. Immer wieder zitiert findet sich ein älteres Buch aus dem Jahr 2002: The Urban Primitive: Paganism in the Concrete Jungle von den beiden Autoren Raven Caldera und Tannin Schwartzstein. Ich selbst bin das erste Mal auf dem Blog von Nimue Brown (Druidlife) auf das Thema gestoßen, die sich mit den Bäumen als Residuen spiritueller Tätigkeit in der Stadt beschäftigt hat. Dann kreuzte ein schmales und hübsch gemachtes Bändchen meinen Weg, dass heute rezensiert sein will: The City is a Labyrinth von Sarah Kate Istra Winter. Erschienen ist das Buch 2017 im Eigenverlag.

SKI Winter

Copyright: Tinderness

Tatsächlich darf man sich von den knapp 60 Seiten des Buches, welches man sehr bequem auch in kleine Taschen stecken kann, nicht zu viel erwarten: das große Thema Stadt als Hintergrund für spirituelle Begegnungen  wird eigentlich nur gestreift. Auch über den Animismus wird man hier wenig erfahren können, eine Beschäftigung mit ihm wird vorausgesetzt. Worüber wird also geschrieben?

Wie schon der Untertitel des Buches richtig vermuten läßt: es geht vorrangig um eine Anleitung für den gelassenen und assoziativen Gang durch städtische Umgebungen auf der Suche nach spiritueller Begegnung und Einsicht. Auch Pagans anderer Richtungen sollten mit den darin angesprochenen methodischen Tips etwas anfangen können. Das Buch ist ein methodischer Wanderführer für unsere Spaziergänge durch unbestimmte städtische Umgebungen. Die Stadt wird als Labyrinth begriffen, in dem man sich unter bestimmten Voraussetzungen verlieren soll, um Ungeahntes zu entdecken, gerade auch in spiritueller Hinsicht.

Sarah Kate Istra Winter bedient sich dabei eines methodischen Tricks. Sie verweist auf die Flaneure des 19. Jahrhunderts, die Situationisten der 1950er Jahre und die Psychogeographie der Gegenwart und versucht deren Methodik für ihre Zwecke nutzbar zu machen: die „animistisch beseelte Stadt“ besser verstehen zu können. Das klingt zunächst überzeugend, denn tatsächlich ermöglicht der Dérive (so haben die Situationisten ihre Methode des Spazierengehens nach dem Zufallsprinzip genannt) durch die Stadt die Überwindung der eingeübten Routinen und sinnlichen Begrenzungen des Alltags (Arbeit, Einkauf, Erholung, Behördenwege). Ob das aber aus sozialpolitischer  Sicht zusammenpassen kann (die Situationisten sahen sich durchaus als „linke“ Gruppierung), mag dahingestellt bleiben.

In a dérive one or more persons during a certain period drop their relations, their work and leisure activities, and all their other usual motives for movement and action, and let themselves be drawn by the attractions of the terrain and the encounters they find there,
schreibt Guy Debord in seiner Theory of the Dérive.

Neues kann erfahren und eingeübt werden, die Verbindung zwischen Psyche, Intellekt, Körper und städtischem Ambiente wird möglicherweise neu geknüpft. Das ermöglicht neue Sichtweisen auf unsere Welt, nicht nur in psychogeographischem Sinn, sondern möglicherweise auch auf das, was wir den spirituellen Hintergrund unserer städtischen Umgebung bezeichnen könnten. Doch diese Beweisführung bleibt dieses Buch letztendlich leider schuldig.

Wenn der Hinweis auf das Dérive der Situationisten auch durchaus überzeugend ist, so hat die Autorin darauf verzichtet bzw. vergessen, die zentralen Bestimmungselemente der Methode (als Kulturtheorie, als psychologisches Instrumentarium, als Erkenntnisinstrument, als Handlungsanweisung) herauszuarbeiten und sinnvollerweise mit den von ihr daraus gefolgerten Aussagen zur Vorfindbarkeit animistischer Bezugspunkte zu verbinden. So wirft sie nur ein Schlaglicht auf Möglichkeiten, überlässt den LeserInnen eine Fülle von unhinterfragten Behauptungen und verzichtet so auf nachhaltige  Überzeugungskraft. Das Buch kommt so nie über ein ungenaues Schlaglichter – Werfen heraus, ist selbst nur eine Beispielsammlung ohne zureichendes theoretisches Gerüst.

Insgesamt teilt die Autorin das Büchlein in mehrere Abschnitte. In einer Art Vorwort („Before Embarking„) tritt sie zu einer Art Ehrenrettung der Stadt als spiritualistischer Hintergrund an und schreibt kurz über die Methode des Dérive; im Abschnitt „First Steps“ weist sie auf die Möglichkeiten hin, in der Stadt die unterschiedlichsten spirituellen Orte und Kontexte aufzusuchen; im Kapitel „Betwixt and Between“ verweist sie auf die Chancen, die sich dadurch ergeben, sich in einer Art Schwellenzustand (zwischen den Welten) durch die Stadt treiben zu lassen; im Kapitel „Where the Wild Things are“ spürt sie den unterschiedlichen Arten spiritueller Orte auf und verweist auf die Möglichkeit, ganze Landkarten zu zeichnen,  in den Abschnitten „Let´s get Lost“ und „Ways and Means“ zeigt sie die Möglichkeiten von geplanten bzw. nicht geplanten spirituellen Spaziergängen durch die Stadt auf; kursorische und leider unvollständige Literaturangaben bilden den Abschluß des Buches. Eingestreut in den Gesamttext sind Zitate der dort angeführten AutorInnen, oft jedoch mag man sich fragen, warum ein Zitat gerade an dieser und an keiner anderen Stelle platziert wurde.

Insgesamt macht das im Selbstverlag herausgegebene Buch aus den oben genannten Gründen einen sehr inkompletten Eindruck und geht kaum über den eigenen, konkreten Erfahrungshintergrund der Autorin hinaus. Ob dieser grobe Sketch und die Happen im intellektuellen Menü den LeserInnen genügen mögen, müssen diese selbst entscheiden. Ich jedenfalls finde es schade, ein derart interessantes Thema so unfertig zu präsentieren. Mehr als Anregung kann und will es offenbar nicht sein.

Jedenfalls werden sich Pagans und Aninimisten jedweder Provenienz mehr um theoretische Einsicht und Ordnung bemühen müssen, um überhaupt ernstgenommen zu werden, denkt der strenge Rezensent in mir und wendet sich rasch anderen, seriöser gemachten Büchern.