Der diesjährige Urlaub in Jokkmokk neigt sich seinem Ende zu und es scheint mir, als hätten wir den bevorstehenden Abschied von diesem wunderbaren Ort mit dem Ritual zur Herbst – Tagundnachtgleiche begangen. Ursprünglich wollten wir ja an der sehr einsam gelegenen, alten Mühle in Granudden feiern, doch es ist in den letzten Tagen sehr kalt geworden, mit Temperaturen rund um die Null Grad Celsius. Wir entschließen uns deshalb für den bequemeren Weg. J. und ich feierten vor unserem (gemieteten) Haus in Jokkmokk, am Lagerfeuer direkt am See. Ein Ritual rund um den Sonnenuntergang.

Ich bin ja bei den Jahreszeitenfesten immer nur der zufällige Gast und ein unregelmäßiger Teilnehmer. Zu einem fixem Ritual habe ich es bis dato nicht gebracht, denn es gibt immer wieder viel zu viele Ablenkungen um mich herum. Der Sinn des Lebens scheint sich in der Bewältigung der Berufs- bzw. Alltagsroutinen zu erschöpfen. Das ist allerdings für meine aufkeimenden spirituellen Bedürfnisse zu wenig. Diesem Defizit werde ich hoffentlich mit meiner Pensionierung im kommenden Jahr aktiver als bisher begegnen, zumindest wünsche ich mir das. Ein bewußtes letztes Drittel des Lebens ist wichtig. Worum sollte es sonst gehen?

Deshalb schreibe ich auch selbst nach langen Unterbrechungen an diesem Blog weiter, es ist eine Art roter Faden, der wichtige Anderswelten meines Bewußtseins miteinander verbindet, seit vielen Jahren schon. Auf mich ist kurzfristig nicht Verlaß, nur längere Lebenszyklen zeigen mir, daß ich immer wieder an den selben Ruhepunkt zurückkomme. Das Schreiben ist so eine Gelegenheit, mich auf das Wichtige zu besinnen: ich könnte aber nicht sagen, worin dieses besteht!

Es liegt nahe, sich bei Anlässen, wo die Länge von Tag und Nacht einander gleichen, über die Balance von Begebenheiten oder Umständen im eigenen, persönlichen Leben Gedanken zu machen. Als mir J. dieses Thema vorschlägt, weiss ich zunächst nur wenig damit anzufangen. Nichts scheint in meinem Leben von Balance geprägt zu sein, alles ist diruptiv und zufällig, kaum in einer zufriedenstellenden Harmonie, die ich zu balancieren imstande wäre. Nur bei seltenen (und meist mit Rauschmitteln) herbeigeführten Gelegenheiten vermag sich der Zustand von Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Tiefe herzustellen. Im Grunde teile ich die Auffassung von Nimue Brown, die in ihrem Blogbeitrag Approaching the Equinox festhält: There’s a disconnection for me in the way we talk about equinoxes as times of balance, and the way I experience them. Und dann detaillierter ausführt: I don’t feel balanced in myself, either, I feel the rush of change, the scope for everything to be different. If I am still now, it is because I’m being tugged in a number of directions and am waiting to see which pulls are the strongest.

Alles scheint zu dieser Jahreszeit in mir und um mich im Wandel zu sein und der naheliegende Schluss, dass die Tag – und Nachtgleiche das Fest der Balance sei, trifft für mich nicht zu – weshalb die Aufforderung von J., Ausgleich und Ausgeglichenheit zum Thema des Rituals zu machen, seltsam fremd für mich wirkt. Wann aber soll sich ein Ausgleich herstellen, wenn er selbst nach fast dreiwöchigem Urlaub undenkbar erscheint?

Doch das gemeinsame Trommeln und Legen eines Mandalas mit den Überresten der Herbstvegetation macht es mir möglich, die Dinge für einen kurzen Augenblick anders zu sehen. Es ist ein Gegensatz, der mir zur Einsicht verhilft. Blicke ich auf die Seenlandschaft vor mir, so gleitet mein Blick immer wieder von West nach Ost und zwei sehr gegensätzliche Bilder erschließen sich: jene vom prächtigen Sonnenuntergang zu meiner Linken und gegenüber die beiden winzigen Inseln im Halbdunkel des Ostens. Hin und her gleitet mein Blick, wenn ich, wie jetzt, am Ufer des Sees stehe: vom Licht ins Dunkel, von West nach Ost und: vom verheißungsvollen Leben in den sanften Tod.

Doch dann wieder die Zerstörung des so mühsam hergestellten Bildes: Das Bild vom Trank des Vergessens drängt sich mir auf, jenes aus der griechischen Mythologie. Die Balance von Leben und Tod, die so kurze Zeit seine Geltung besaß, ist dahin. Der Tod verkündet sein Recht.