Die letzte Woche in Saskam waren von den lauten Geräuschen Wilder Schwäne begleitet, die sich am See vor unserer Haustür in Gruppen von zwanzig bis dreißig Tieren versammeln. Das gegenüberliegende Ufer ist weiß von ihren Leibern, die paarweise im Wasser lagern. Ihr gar nicht so angenehmes Rufen und Locken, ihr lautes Flügelschlagen auf der Wasseroberfläche, ihr aufgeregtes Getue, das selbst in den kalten Nächten kein Ende nehmen will, erinnert kaum an den sprichwörtlichen Schwanengesang, den dem Mythos nach sterbende Schwäne von sich geben sollen. Wir nennen unsere doch recht lebendigen Nachbarn deshalb scherzhaft und liebevoll Radaubrüder. Es ist ein aufgeregt schnatternder und diskutierender Haufen von Störenfrieden, die die fast absolute Ruhe an diesem See im Norden von Sápmi quälend of durchbrechen. Kein lieblicher Gesang, eher ein enervierendes Getröte, welches in seiner Ästhetik alles andere als schön ist. Fast könnte man es als Lärmbelästigung bezeichnen, wäre man als Städter nicht so fasziniert von dem ungewöhnlichen Treiben.

Auch in unserer Bucht tummeln sich die erregten Gesellen und hinterlassen am Morgen einen ganzen Felsstrand mit weißen Federn, die sie in ihrer Aufgeregtheit verloren haben. Ich turne auf den glitschigen Steinen herum, um schöne Exemplare für J. zu sammeln. Sie verwendet selbstgefundene Vogelfedern für die wunderschönen Traumfänger, die sie knüpft. Schwanenfedern hat sie meines Wissens noch nie verwendet.

K. und I., die Eigentümer unserer Hütte erzählen uns, dass sich die Schwäne um diese Jahreszeit in großen Gruppen sammeln, um gemeinsam ihren Flug in den wärmeren Süden anzutreten. Es sei das erste Mal, daß sie sich zum Sammeln „unseren“ See ausgesucht hätten, normalerweise passiere das an einem weiter entfernt gelegenen Gewässer. Gründe dafür wisse man keine. Gerührt fügt unserer männlicher Gastgeber hinzu, dass Schwäne als Paar ein Leben lang miteinander verbringen. Töte man einen von ihnen, bleibe der Hinterlassene am Ort und suche verzweifelt das Partnertier.

Was macht man also, wenn das laute Spektakel nach der ersten Wahrnehmung zu einem etwas nervenaufreibenden Getöne zu werden droht? Bei wem soll man sich beschweren? Bei Mutter Natur, die man ja in ihrer Bedrohtheit immer in Schutz zu nehmen gewillt ist? Die Einsicht, dass sie nicht nur eine kränkelnde alte Dame, sondern auch eine rücksichtslose Quartiergeberin sein kann, ist überraschend und ein wenig schmerzhaft. Womit hätte man so eine unerbittliche Geräuschkulisse im Urlaub eigentlich verdient? Vögelgeräusche sollen anmutig, lieblich und beruhigend wirken und die Tiere sich nicht als lärmende Nervensägen gerieren!

Und wenn die Schwanenmeute sich schon nicht entschließen kann, endlich in den Süden abzureisen, dann reist man/frau eben selber ab, zurück in die Lärmhölle unserer Städte. Der Urlaub ist ohnehin zu Ende. Dort, in der Stadt, wird uns das Krakelen der weißen Radaubrüder wie ein Ruf aus dem Paradies in Erinnerung geblieben sein. Ein Schwanengesang eben, ein Mythos vom schönen Leben.