Einsamkeit ist Krankheit und Beschämung, und befindet sich auf dem Vormarsch in den sgn. reichen Nationen der Welt. Von einem „Megatrend Einsamkeit“ wird immer häufiger gesprochen, einem Phänomen, für das man das immer häufigere Auftreten von Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt, Demenz oder Depression verantwortlich macht. Die zunehmende soziale Bindungslosigkeit und Individualisierung der Gesellschaft, unterstützt durch die Beliebigkeit und Kontaktarmut bei der Nutzung von Sozialen Medien, seien die Verursacher dieser neuen Volkskrankheit. Und da bleibt es auch nicht aus, daß sich kürzlich sogar die Politik des Themas angenommen hat. In den UK wurde etwa eine „Ministerin für Einsamkeit“ ernannt.

Festgestellt wird die Einsamkeit allerdings immer nur durch die subjektive Einschätzung des Einzelnen, der sich eben einsam „fühlt“. Dagegen haben auch Medizin und Psychologie kein Kraut erfunden. Einsam sei mithin jenes Individuum, das das subjektive Gefühl habe, nicht genügend soziale Kontakte zu besitzen und deswegen darunter leiden. Möglicherweise gibt es aber auch Menschen, die Einsamkeit nicht als Leiden empfinden?

Auwald bei Drösing/March

Einsamkeit scheint noch dazu ein besonders schambehaftetes Gefühl zu sein. In dieser scheinbar fröhlich – ausgelassenen, lauten und erfolgreichen Gesellschaft ist Einsamkeit etwas, was meist mit Unangepaßtheit, Erfolglosigkeit und Außenseitertum stigmatisiert wird. Einsamkeit ist über alle Maßen uncool. Niemand spricht davon oder thematisiert, was es überhaupt bedeuten kann, einsam zu sein. Man/frau leidet still an sich selbst und den Anderen. Niemand scheint einsam sein zu wollen, jeder und jede will dazugehören und im Mittelpunkt stehen.

Und dennoch, ich will an dieser Stelle nicht von jener Einsamkeit sprechen, in denen sich Menschen als Erkrankte oder als Mängelwesen erleben. Ich betrachte im Folgenden die Einsamkeit als selbstgewählten Raum, in dem andere Menschen glücklicherweise ABWESEND sind. Von der guten Einsamkeit eben, in denen man/frau sich den Platz und die Stille nehmen darf, die er/sie benötigt, um zu sich selbst zu kommen. Wir sprechen dabei von einem sehr kostbaren Ort, an dem es gelingt, sich ausreichend von der störenden Umwelt und den uns peinigenden Mitmenschen abschotten zu können. Ein kleines Stück selbstgeschaffenes Paradies, an dem man weder durch am (ebenso krankmachenden) Lärm leidet, noch durch die oft richtungslose und wertfreie Panik der Alltagsroutinen infiziert wird. Das eigene Ich darf sich dabei entfalten, die Gedanken können flanieren, die Gefühle zum Vorschein kommen. Und wer will, kann seinen Zustand auch singen, so wie es uns die Sami durch ihr Yoiken gelehrt haben. Man singt nicht ÜBER etwas, sondern man singt ES.

Dieses sich Zurückziehen von den Anderen in menschenleere Räume gab es schon immer, als kompletative Abgeschiedenheit, als selbstgewähltes Alleinsein, als Eremitendasein aber auch als zeitlich terminisierter Rückzug aus den Routinen der globalisierten Welt („Retreat“, „Off the Grid“). Oft passierte es freilich, daß jene Menschen, die sich in eine selbstgewählte Einsamkeit zurückgezogen haben, als Sonderlinge (oder auch als Heilige) gehandelt wurden – heute scheint es, als würden sie mit der Krankheit „Einsamkeit“ stigmatisiert.

Nein, ich will das Leiden an der nicht selbst gewählten Einsamkeit nicht banalisieren – aber unseren Blick wieder auf die Möglichkeit einer heilsamen Einsamkeit richten. Plappern wir nicht den Medien nach, die in einer endlosen Spiurale immer nur dasselbe wiederkäuen. Hören wir auf uns selbst und unsere Bedürfnisse.

Auwald bei Sierndorf/March

Letztes Wochenende stapfte ich stundenlang ohne eigentliches Ziel durch ein fast vergessenes Auengebiet am Rande unserer kleinen ostösterreichischen Betriebsamkeit. Ich begegnete keinem Menschen: nur Tieren, Pflanzen, der Erde, den Steinen, der Sonne und der Luft. Es waren Naturwege im Auwald, die meist überwachsen waren und auf denen es einiger Vorsicht bedurfte, um nicht über Lianen zu stolpern, in verdeckte Erdlöcher zu plumsen oder im Schlamm zu landen. Das Gehen erforderte mit einem Male wieder Aufmerksamkeit. Ich war mit mir und meiner Konzentration alleine, konnte beim Gehen zu mir selbst kommen, mich wieder ein Stück besser kennenlernen. Ich begegnete meinem Ego, in einer uneitlen, selbstverlorenen und stillen Weise. Kein Narzissmus weit und breit. Keine Störung, keine Ablenkung: nur ICH inmitten der Welt, die mich mit ihrer Schönheit überreichlich belohnte. Es war sehr einsam dort, aber alles von tiefer Schönheit und Bedeutung. Man möchte sich bei Gott bedanken, hätte er sich nicht so oft desavoyiert. So dankt man der Mutter Erde, die schon ewig da ist und noch ewig da sein wird: mit und ohne uns..