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Es ist Freitag, der 13. März 2020, als ich erstmals die Corona Pandemie ernst nehme, drei Tage vor dem offiziellen Lock Down Österreichs. Das Wochenende steht bevor, ich will meine Familie in der Schweiz besuchen.

Am Morgen dieses Freitags komme ich mit Fluggepäck ins Büro, wie viele Wochenende vorher. Gleich nach Arbeitsende will ich nach Z. fliegen. Ich bin ein Pendler, ein Produkt der Globalisierung. Diese aber würde nun ad absurdum geführt. Die Pandemie, selbst ein Kind der Globalisierung, bringt diese zum Erliegen. Nationalstaatlichkeit erlebt eine neue Blüte, Grenzen werden geschlossen, internationale Produktionsketten ohne Vorwarnung unterbrochen. Nur die Angst vor Infektion bleibt der Welt erhalten.

Kollegen blicken mich verständnislos an. Jetzt wolle ich Österreich verlassen, vor dem erwarteten Lock Down? Was wäre, wenn ich dann festsäße in der Schweiz und nach dem Schließen der Grenzen nicht mehr zur Verfügung stünde? Wäre das Infektionsrisiko auf Flughäfen und in Flugzeugen nicht besonders hoch? Müsse ein Staatsbeamter in solchen Situationen nicht im Lande bleiben, bereit zum Dienst am Gemeinwohl? Bedeute ein Verlassen des Landes in dieser Situation nicht eine Verletzung der Dienstpflicht?

Langsam beginnt meine Sorglosigkeit zu schwinden. Gruppendruck und Hysterie bauen sich auf. Die Stimmen sind schrill, die Argumentationen der Kolleginnen und Kollegen skurril. Sich dieser Stimmung zu entziehen, ist unmöglich. Ein Kollege wähnt sich selbst schon infiziert: er verabschiedet sich sofort ins Wochenende. Ist er wirklich überängstlich? Ich werde nervös.

In einer eilends einberufenen Teamsitzung werden wir informiert, dass ab nächster Woche vielen Beamten Home Office verordnet sei. Nur systemrelevante Personen hätten physische Präsenz zu zeigen. Darüber hinaus wisse man nicht viel. Für mich selbst gelte, dass ich sofort die Amtsräume verlassen soll. Ich bin mit einem Male als das stigmatisiert, was ich wahrscheinlich auch war: ein Angehöriger der Hochrisikogruppe. Das muss später meine Ärztin bestätigen. Risiko für wen, frage ich mich. Warum sorgt sich diese Regierung, dieser Betrieb, dieses System so um mich? Mit meiner Systemrelevanz wird das wohl nicht in Verbindung stehen.

Langsam packe ich meine Arbeitsunterlagen und fahre nach Hause. Schnell versorgt mich meine Vorgesetzte noch mit Heimarbeit. Im Supermarkt beobachte ich in einer Mischung aus Schrecken und Belustigung erste Hamsterkäufe. Der Run auf Toilettenpapier belustigt mich. Aber auch hier: die Infektion schreitet voran. Auch ich kaufe auf Vorrat. Meine Familie ist verständigt: ich werde in Wien bleiben.

Seit diesem Tag, der sich schicksalsschwanger und zugleich lächerlich als Freitag, der 13. geriert, ist alles anders geworden, in unser aller Leben. Die Stille ist hereingebrochen.