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Nein, der Tod vergisst uns nicht in diesen Zeiten. Es wird mit ihm gedroht, es wird übermässig gestorben, oft unversorgt. Särge stehen in den Kirchen und werden in Militärkonvois verbracht. Die Allgegenwart des Todes. Die Angst, sich anzustecken ist hoch (und berechtigt). Man gehört zur Hochrisikogruppe. Eine Zeitlang fürchtet man den Kollaps der Spitäler. Statistiken. Jeder Tote ist zuviel, sachlich wird die Zahl genannt.  Das die Toten stetig weniger werden, hilft nicht sehr. Man will nicht sterben, nicht an dieser Zumutung.

Im Supermarkt, wenn man andre gereizt ersucht, den erforderlichen Abstand einzuhalten, hört man mitunter das brutale „Bleib zu Hause“. Im Alter erlischt der Anspruch auf Leben, vor allem in den Augen anderer. Und man bleibt zu Hause als Risikogruppenmensch und geht nur raus in den Wald, um sich auszulüften. Home Office, Kasernierung, ein Paar Rundgänge im Gefängnishof, Essen fassen. Das Leben ist sehr übersichtlich geworden. Das hilft beim Versinken in sich selbst. Das hilft beim Ordnung machen. Das einem das Sterben zugetraut wird, das ahnt man hinter gutgemeinten Worten: „Sie gehören ja zur Risikogruppe. Bitte bleiben sie zuhause. Seien sie vorsichtig.“ Man ist darüber erschrocken, was einem zugetraut wird.

Das alles ist schwer zu ertragen, aber ich stimme nicht ein in das Gejammere vom Unfreisein. Ich habe mich entschlossen, mich freiwillig zu inhaftieren: das macht es leichter. Ich schütze mich. Egoismus pur, einer zu dem man stehen kann. Und auch die Angst um die Anderen, die Familienangehörigen, die jenseits der Grenze leben. Daneben bleibt ein wenig vorgeschützes Verantwortungsbewusstsein, merke ich: Wenn du dich schützt, schützt du auch die Anderen. Ich will einfach nicht infiziert werden, darum gehts. Ich hatte noch so viel vor. Das Leben war so voller Möglichkeiten. Wo sind die alle hin?

Nicht die Kasernierung im Heim macht kribbelig im Kopf und Körper, es ist das eingesperrt sein innerhalb der Grenzen eines Landes. Die Vorstellung nicht RAUS zu können, aus diesem Land in dem ich geboren wurde und an dem ich durchwegs leide, ist schwierig. Ich gehöre zu den Nichtsesshaften, schon immer, mein Leben lang. Wegzugehen, anzukommen, im Transit zu sein: darauf kam und kommt es an. Am Wandertrieb scheitere ich jetzt. Der eigene Lebensentwurf wird brüchig. Keine Personenfreiheit mehr, das Land ein großzügig eingerichteter Gefängnishof. Das ertragen manche nicht. Es geht nicht nur um Freizeit.

In einem Fernsehbericht sehe ich, wie Paare die in Orten dies- und jenseits der Grenze leben, an bewachten Grenzzäunen Tränen unterdrücken. Wer versäumt hat, seine Beziehung rechtlich abzusichern, schaut jetzt durch die Finger. Der Staat kennt freiwilliges Beinandersein nicht. Er will Ehen, eingetragene Partnerschaften, Konkubinatsvereinbarungen, um Ausnahmen im Ausnahmezustand gütig zu erlassen. Wie soll er sonst das alles kontrollieren? In aller Vorsicht dürfen nur Rechtssubjekte zueinander, keine Gefühle. Meine Partnerin und ich unterschreiben eine Petition, wissen gleichzeitig um die Vergeblichkeit des Unterfangens. Die einzige Hoffnung ist der Tourismus: seine Kapitalmacht wird die Öffnung der Grenzen erzwingen. Da wird sogar der Kanzler pseudo – menschlich: Wenn die Ansteckungsquoten in Regionen diesseits und jenseits der Grenze gleich niedrig sind, warum soll sie dann geschlossen bleiben? Doch jenseits der benannten Grenze wütet schon bald wieder der Virus, in den Quartieren von Wanderarbeitern, die die Tiere für unsere Mahlzeit schlachten. Der Virus kennt den alles entscheidenden Unterschied: den zwischen Arm und Reich.

Wir, die wir den Tod doch so gut verdrängen, schauen des öfteren auf unsere Schulter. Dort sitzt er und grinst gelangweilt. Denn ja, es wird auch bei mir gestorben, aber jenseits der Grenze – auf völlig andere Art und Weise als befürchtet. B. hat sich entschlossen, den Freitod zu wählen: das will er, denn er hat, unheilbar erkrankt, jeden Grund dazu. Sein Staat erlaubt das. Er stirbt ohne mich, ich werde, wenn auch nicht physisch, bei ihm sein. Mich tröstet: gestorben wird nur allein, keiner kann mit.  Die trauernde und sich selbst bemitleidende Umwelt stört dabei nur. Das letzten Mal habe ich ihn in einer Videokonferenz gesehen. Er freut sich aufs Sterben, denn so, wie es jetzt ist, das ist kein Leben. Und er läßt uns zurück in der Pandemie, und das macht ihm selbst jetzt noch Sorgen. Ihm fällt sie morgen von den Schultern wie eine zweite Haut.