Die Stille der Tage, Teil 5

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Die Zukunft war in Gedanken eindeutig skizziert. Mit August 2020 hätte ich mit einem Resturlaub die Pension angetreten. Ich wäre ins Baltikum aufgebrochen, um dort einen ausgedehnten Wanderurlaub zu beginnen. Anfang September würde ich J. in Sápmi treffen, um mit ihr den norwigeschen Teil zu bereisen. Dann zurück nach Wien und mit frischem Geld und Medikamenten eine neuerliche Wanderung begonnen: von Wien in den Thurgau. Ich wollte meine Übersiedlung in die Schweiz mit einem langsamen ÜberGANG einleiten. Von den Wochenendflügen zu meiner Familie habe ich inzwischen genug. Gehen rückt die Wirklichkeit zurecht, davon war und bin ich überzeugt. Im Alter wird die Zeit knapp. Pläne verschieben ist eine schlechte Option.

Doch COVID-19 machte all dies zunichte. Wer will schon planen, wenn selbst die Politik, die immer vorgibt, alles mit Sicherheit zu wissen, kleinlaut gesteht, dass sie nur beobachten kann und nicht über ein paar Wochen hinausdenken will. Selbst das Staatsbudget sei derzeit nicht festschreibbar, meint der Finanzminister. Er legt bis heute keines vor, trotz einer bislang noch nie gesehenen Staatsverschuldung und des heftigen Protests der Opposition.

Jedenfalls bin ich seit sechs Wochen ins Home Office verbannt, an eine Reise in die Schweiz war und ist dabei nicht zu denken. Wann sich die Grenzen zwischen beiden Staaten öffnen werden, bleibt auch in der 6. Woche Lock Down mehr als unbestimmt. Epidemologen rechnen mit einem baldigen Wiederaufflammen der Pandemie. Wenn ich die Sorglosogkeit vieler Passanten beobachte, mit der sie sich über die Basisregeln des verantwortungsvollen Umgangs miteinander hinwegsetzen, erscheint mir das wahrscheinlich. Es wird nicht viel zu planen sein in diesem und in den kommenden Monaten. Ich habe inzwischen aufgegeben über den Tag hinaus zu organisieren, warte nur mehr darauf, meine Familie besuchen zu können. Alles andere wird sich weisen. Gelassenheit könnte man das nennen, sie ist leider aus der Not geboren.

Nach sechs Wochen Perspektivenlosigkeit bin ich missmutig geworden. Und es zeigt sich: da schwimme ich im Mainstream. Der Unmut vieler steigt: sie wollen eine klare Perspektive, um zu wissen, was mit ihren Sommerurlauben anzufangen sei. Es geht nicht nur um Geld, es geht auch und (vielleicht) vor allem um den Rückkehr in eine Pseudo-Normalität. Doch wer soll diese Perspektive geben, wenn selbst die Politik nicht weiss, wie weitertun. Wir werden die Entwicklungen genau beobachten, sagt sie. Das ist, was auch nur mir bleibt und vielen Anderen. Die Zukunft ist verschüttet. Ich warte zuhause, lasse mich von der unzulänglichen Software und den Kontrollanrufen meines Arbeitgebers quälen, lese viel und krame in alten Fotos. Ich bin auf Standby, wahrscheinlich noch bis Sommer. So habe ich mir das Ende meiner Berufslaufbahn nicht vorgestellt. Der Lock Down macht es deutlich: das Arbeitsleben hat auf mich vergessen.

In den Medien begegne ich mehrmals dem deutschen Politiker und Epidomologen Karl Lauterbach, inzwischen zum ungeliebten aber notwendigen Star der Talk Shows aufgestiegen. Ungerührt bleibt er bei seinen Präventions-Postulaten: Mundschutz, Distanz, Big Data Tracing, umfangreiches Testen, restriktive Reisepolitik. Über Österreichs Flirt mit dem Tourismus lächelt er gequält. Die freizügigen Angebote der österreichischen Regierung will er nicht kommentieren. Er ist der Gottseibeiuns der Realitätsverweigerer und Wirtschaftsfreunde. Er bringt die schlechte Nachricht, ungerührt, und lässt unsere Hoffnungen schmelzen. Und er verortet die aufkeimende Sehnsucht nach dem Vergessen: „Die Stimmung in der Bevölkerung dreht sich klar. Je weniger die Bürger das Risiko spüren, desto klarer müssen die Regeln formuliert, begründet und kontrolliert werden“. Aus, Schluß und Pause.

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