Krieg ist Leere

Screenshot aus dem Film „The World is Blue like an Orange“ von Iryna Tsilyk.

The world is blue as an orange

No error the words do not lie
They no longer allow you to sing
In the tower of kisses agreement
The madness the love
She her mouth of alliance
All the secrets all the smiles
Or what dress of indulgence
To believe in quite naked.
The wasps flourish greenly
Dawn goes by round her neck
A necklace of windows
You are all the solar joys
All the sun of this earth
On the roads of your beauty.

Paul ÉLUARD

Surrealität ist die Formel, mit der die Regisseurin Iryna Tsilyk ihren Film mit dem gleichnamigen Titel eines Gedichts von Paul Eduard beschreibt. Deshalb hatte sie auch den überraschenden Titel The World is Blue as an Orange gewählt. Eine Art bizarrer Poesie hätte sie in der ukrainischen Kriegsregion Donbas auf Schritt und Tritt vorgefunden: wenn etwa zwei Mädchen in wunderschönen Kleidern vor ihrer zerbombten Schule posierten, im Hintergrund vorbeifahrende Militärfahrzeuge. Auch darüber galt es letztendlich, einen Film zu drehen.

Wer je einen Krieg erlebt hat, ihm physisch nahegekommen ist oder ihn in seinem Gegenüber gespürt hat, weiss wovon gesprochen wird. Krieg ist Monströsität, Krieg verändert Monumental, Krieg lässt verstummen. Nichts ist mehr neben dem Tod.

Es erscheint zunächst nur schwer begreifbar, was da an Handlung dem Zuseher zugemutet wird: Eine alleinstehende Mutter mit vier Kindern produziert einen Film über den Krieg, einen unerklärten Krieg, den sie tagtäglich am eigenen Körper erlebt. Die Männer sind Soldaten, als Familienmitglieder treten sie nie auf. Die Tochter wird an der Filmakademie in Kiev studieren. Alle sind Betroffene und Schauspieler zugleich. Dies alles geschieht in einem Dorf in der Donbas – Region, welche von Granaten zerstört wird. Schauplatz ist das eigene Haus, der eigene Keller und die nähere Umgebung. Kunst und Krieg existieren in einer Art von surrealem Nebeneinander. Die Kinder spielen ihre Instrumente: das ist die Filmmusik.

Darüber macht nun Iryna Tsilyk einen Film ohne Gekünsteltheit, ohne Pathos und ohne moralisierenden Appell an die vermeintliche Empathie von Zusehern. Es ist ein Film im Film über eine Wirklichkeit, die alles zu zerstören droht und die es zu kommentieren gilt. Erst die Kamera vermag die verstörende Realität zu transzendieren. Eine unwahrscheinliche Handlung für einen Spielfilm vielleicht, wie aber kommt ein Dokumentatarfilm zu diesem Setting?

Irina Tsilky erklärt dies ausführlich auf filmdaze, aber auch bei einem Interview im Rahmen der österreichischen Uraufführung ihres Films im Rahmen des Online Filmfestivals „This Human World“. Sie hätte ursprünglich vorgehabt, einen Film über filminteressierte Teenager im Kriegsgebiet zu drehen. Anlass war ein im Donbass veranstalteter Filmworkshop namens Yellow Bus, bei dem sie als Tutorin zwei junge Mädchen kennengelernt hatte, von denen sie schliesslich nach Hause eingeladen wurde. Sie fand eine Familie vor, die mit dem Drehen eines Films über die Auswirkungen dieses Krieges auf sie selbst beschäftigt waren. Das gab den Ausschlag, sich dieser „Story“ zu widmen. So hätte sich der Film seine ursprüngliche Perspektive während der Dreharbeiten zunehmend verändert, von der Absicht, ein „Coming of Age“ zu drehen hin zu einem Porträt über eine bewundernswerte Mutter mit einer Familie in Bedrängnis.

Die Erfahrung, aber auch die Verarbeitung von Gewalt, Zerstörung und Angst wird so zum Ausgangspunkt einer privaten und an vielen Stellen improvisiert wirkenden filmischen Produktion, die Iryna Tsilyk mit viel Sympathie dokumentiert. Während das Kriegsgeschehen die Verfasstheit der Protagonisten physisch wie psychisch bedroht, wehren diese sich mit künstlerischer Arbeit und ästhetischem Diskurs. Darf man das? Oder wird erwartet, dass man der von anderen insinuierten Ohnmacht entspricht? Das Unfassbare auf derartige Weise begreifbar zu machen, mag vielen als therapeutische Intervention erscheinen, aber es bedeutet viel mehr: die Selbstermächtigung, an Ort und Stelle Gewalt und Angst ästhetisch zu verarbeiten und somit zu begreifen. Die Produktion eines Filmes wird zum Ausgangspunkt für ein Leben diesseits und jenseits des Krieges. Es ist ein engagiertes Bemühen um die Herstellung einer Normalität, in der Kinematographie seinen selbstverständlichen Platz hat. Kunst transformiert Krieg, indem die seine Leere mit bewusstem Tun erfüllt. „War is emptyness“, heisst es an einer Stelle des Films. Die Familie versucht sie mit Leben und Kreativität zu füllen.

Menschen in lebensbedrohenden Ausnahmesituationen, der Surrealismus einer Situation: damit können wir vielleicht jetzt angesichts Corona damit mehr anfangen als im sicheren und geschützten Leben vor der Pandemie. Wie gut, dass das derzeit laufende Festival seine Filme 48 Stunden lange anbietet. Ein zweiter Blick auf diesen Streifen wird auf alle Fälle lohnend sein.

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