Über die Zerstörung von Geschichte

Screenshot aus Boris Svartzmans Film: A new Era. (2020)

Der Film von Boris Svartzman „A new Era“ (2020) ist ein bedeutsame Chronik über die Urbanisierung Chinas. Am Beispiel der Insel Guangzhou wird gezeigt, wie sich eine Stadt über das sie umgebende Land stülpt und dabei deren Bewohner entrechtet. Korruption, Polizeigewalt und Betrug kennzeichnen die Taktiken der regionalen Verwaltung, welche eine Insel für eine falsch verstandene Stadtentwicklung akquiriert. Doch ein kleiner Teil der Dorfbevölkerung kehrt in die Ruinen ihrer ehemaligen Heimat zurück, um nach einem gescheiterten Versuch des Widerstands gegen die Zwangsräumung ihre Wurzeln nicht zu verlieren. Sie stemmen sich mit all ihrer Kraft gegen den aufgezwungenen Fortschritt und eine totalitäre Modernität. Die ringsum emporschiessenden Hochhäuser überragen die Ruinen des zerstörten Dorfes, welches bald keine Funktion mehr besitzt: weder für die vertriebenen Bewohner noch für die korrupten Behörden.

Wenig ist über die bedingungslose Urbanisierung Chinas hierzulande zu hören und zu lesen: und tatsächlich gehorcht sie anderen Mechanismen als die uns von Europa und den USA bekannte Binnenwanderung. Die Agglomeration in den Städten erfolgt nicht aufgrund der Attraktivität für die sie umgebende Region, sondern sie wird durch den Hunger der Städte auf das sie umgebende Land verursacht. Der Soziologe, Fotograph und Regisseur Boris Svartzmann hat diesen Prozess mehr als ein Jahrzehnt studiert. Das gegenständliche Dorf und seine Bewohner waren für ihn von besonderem Interesse.

Nach der gewaltsamen Umsiedlung der Bewohner bleiben nur noch Ruinen zurück. Die „Lebenslinien“ ihrer Bewohnerinnen und Bewohner werden zerstört, ihre Biographie erfährt einen gewaltsamen Bruch. Den ursprünglichen Lebenszusammenhang gibt es nicht mehr, der Wohnort ist unverschuldet zu einem Slum geworden, welches ihre Existenz nicht mehr gewährleisten kann. Es ist ein Angriff nicht nur auf ihre physische Existenz sondern auch auf ihre Biographie.

Von 2000 bis 2007 kehrt Svartzmann an diesen Ort zurück und filmt die Bewohner der Ruinen. Er gewinnt ihr Vertrauen und kann die versprengten Teile ihrer Geschichte zusammentragen. Darüber schreibt er wissenschaftliche Arbeiten, daneben fotografiert er und produziert letztendlich den vorliegenden Film. Es wird ein Abgesang auf eine versinkende Welt. Drei Jahre nach seinem letzten Besuch auf dieser Insel stellt er sich in einem Interview die Frage, ob denn die die von ihm gefilmten Protagonisten eines sehr individuellen Widerstands heute noch auf dieser Insel anzutreffen wären. Denn die Zukunft wird gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste.

Über das Recht auf persönliche und allgemeine Geschichte spricht ein alter Dorfbewohner in die Kamera. Auf eine Tafel zeigend meint er:

Thats the genealogical plaque of our family tree. Thats my most precious possession.
And the Communist Party wants no more of the past! In fact, they want to erase the past, to wipe the slate. That way the Communist Party will say that its reign is infinite. Thats their goal. But it has no foundation!
(…)
They would like to falsify history. Its nonsense. Theres no present without history, is there? How would humanity have developed without history?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.