Sehnsucht nach dem Vergangenen

Die Sehnsucht nach dem Vergangenen kann in einem Leben dominieren, es verändern, es zerbrechlich machen. Die Bedeutung des Begriffs ist voll von Unerfüllbarkeit und zuletzt ohne Hoffnung. Sehnsucht endet mit Erfüllung und enttäuscht oder bringt das Unerwartete hervor. Sehnsucht ist mehr als Wunsch: es ist die Conditio Humana unserer Existenz.

Das heurige Filmfestival This human World zeigt drei Filme, die für die unterschiedlichen Formen von Sehnsucht exemplarisch sein können. Die Filme sind inhaltlich aber auch formal von hoher Qualität, auch wenn sie keine Preise gewonnen haben. Sie beharren auf dem Recht des Individuums seinen Sehnsüchten entsprechen zu können, trotz entgegengesetzter Absichten der politischen Systeme, der Staaten und der historischen Verfasstheit ihrer Gesellschaften.

Der erste Film, der mich diesbezüglich tief beeindruckt hat, ist der Film Memory is our Homeland des kanadischen Regisseurs Jonathan Kolodziej Durand, in der er die Geschichte seiner Grossmutter erzählt, welche mit ihren Eltern nach der Besetzung Polens 1939 zunächst nach Sibirien deportiert wurde, um dann über den Iran und Indien nach Ostafrika zu gelangen. Sie verbrachte mit anderen polnischen Flüchtlingen Jahre in einem Lager unweit des Kilimanscharo, um letztendlich nach London zu emigrieren. Nie mehr konnte sie nach Polen zurückkehren, da ihre Heimatregion inzwischen an Belarius gefallen war. Nur dem Enkelkind (=dem Regisseur) ist es möglich, das untergegangene Dorf der Grosseltern aufzusuchen, im Rahmen seiner Recherche über eine Geschichte, die ihm als Kind immer wieder gehört hat. Die Sehnsucht nach der untergegangenen Welt ihrer Kindheit bleibt für die Betroffenen indes unerfüllt: sie sind ihres Heimatlandes beraubt und das Einzige, das ihnen bleibt, ist die verblassende und brüchige Erinnerung an ihre Kindheit, die der Regisseur mit seinen Recherchen nicht zurückzubringen vermag.

Memory Is Our Homeland – Trailer from Jonathan Durand on Vimeo.

Im Streifen Panquiaco (2020) der panamesischen Regisseurin Ana Elena Tejera sehnt sich der in Portugal arbeitende Cebaldo nach seiner Heimat Guatemala, wo er Familie und Freunde als Jugendlicher überstürzt verlassen hat. Die abrupte Trennung, die er damals vollzogen hat, lässt ihn im Alter nicht ruhen, sondern verstärkt seine sehnsuchtsvolle Einsamkeit. Er lebt in Portugal und macht sich auf in sein Herkunftsland. Doch die „Heimkehr“ ist nicht so sehr Rückkehr an den Ausgangsort seines Lebens als vielmehr Transition in ein anderes, spirituell bestimmtes Leben. Die Reise des alternden Cebaldo vom Portugal nach Panama symbolisiert dabei nicht nur für die koloniale Geschichte Panamas, sondern auch die geographische Verortung dieses Landes zwischen den Meeren. Sie ist auch ein Zurück zu den animistischen Praktiken der dort lebenden Kuna, an deren animistischen Praktiken er teilnimmt. Sehnsüchte zu erfüllen, verändert seine spirituelle Verfasstheit. Sie beeinflusst das Resultat einer schwierigen Reise ohne vorhersehbaren Ausgang.

PANQUIACO (2020) – Official Trailer from Ana Elena Tejera on Vimeo.

Der dritte Film irritiert zunächst, handelt er jedoch von einer Frau aus Nordkorea, die unfreiwillig über China nach Südkorea geflüchtet ist, um Geld zu verdienen und der es verwehrt ist, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie ist in eine bürokratische Falle getappt, die aus ihr eine nordkoreanische Überläuferin machen will. Der Regisseur Seung-Jun Yi beschreibt in seinem Film Shadow Flowers aus dem Jahr 2019 das Schicksal der Protagonistin Kim. Getrennt von ihrer Familie versucht diese, ihre Flucht „rückgängig zu machen“, um wieder dorthin zurückzukehren, wo ihr Lebensmittelpunkt und ihr Sinnzentrum angesiedelt ist. Doch die Behörden Südkoreas verwehren ihr die Rückkehr aus vermeintlichen „Sicherheitsgründen“ und belegen sie mit einem Ausreseverbot, obwohl sie letztendlich doch einen gültigen Reisepass ausgestellt haben. Sehnsucht kann nicht erfüllt werden, wo trotz politischem Tauwetter zwischen beiden koreanischen Staaten, eine unsinnige Staatsräson dieser entgegensteht. Die Hartnäckigkeit Kims, nach Hause zu ihrer Familie zurückzukehren, ist erfolglos. Bis heute wird ihr die Ausreise verwehrt.

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