Die Stille der Tage, Teil 9: Schnee. Stille. Mutationen. Resilienz.

Die Tage des Schneefalls scheinen vorbeizusein. Nach einer seit Langem nicht dagewesenen Periode des Schneefalls im Bodenseegebiet und in Westösterreich hat das Wetter umgeschlagen. Kein Blizzard mehr, der wütet jetzt an der us-amerikanischen Ostküste. Seit mehreren Tage regnet es stattdesen in meiner Region. Der Schnee verwandelt sich in eine graubraune Brühe und droht über das Bett des Dorfbachs zu treten. Es ist, als hätte sich schon jetzt bewahrheitet, was für die Klimakatastrophen des Jahres 2040 vorausgesagt worden war: Überschwemmungen. Die Hitzeperioden hingegen kommen dann im Sommer. Dass ich 2040 aller Voraussicht nach nicht mehr leben werde, ist wenig tröstlich. Auch heute Katastrophen überall, für Alle, auch für die Privilegierten und auch Zuhause. Das Jahr der Pandemie wird sich weit in das heutige Jahr erstrecken mit allen seinen Begleiterscheinungen: Isolation (Social distancing, Reiseeinschränkungen, Berührungsverbot); Pöbeldemonstrationen (Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme, Verzeifelte); Hinfälligkeit der Demokratien a la January 6; islamistischer Terror; Amazon; Arbeitslosigkeit; Social Media Gereiztheit allerorten. Eine Liste, die sich beliebig erweitern und verlängern lässt.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht in der NZZ von der (narzistischen) Kränkung der Menschen: „Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.“ Ich hingegen vermisse die Resilienz und Solidarität in unseren Sozialsystemen. Auf den ungehemmten und unverantwortlichen Individualismus der Covidioten pfeife ich. Als Risikopatient bin ich auf Solidarität angewiesen. Ich gebe, aber ich fordere auch. Und alles im Übermass.

Den grössten Teil des Jänners des längst enttäuschenden Hoffnungsjahres 2021 kann ich mit meinem Ruhestand nichts anderes anfangen als den bedrohlich schlechten Nachrichten aus aller Welt nachzujagen: meine perversen Gelüste nach schlechten Nachrichten verstecke ich hinter der Selbstdefinition Nachrichtenjunkie. Ich passe mich an an dieses Land, diese Lebensumstände, diese für mich neuen Beziehungsmuster. Das aber mehr schlecht als recht. Ich bleibe widerständig und widerborstig. Die üble Laune und die Ungeduld von alternden Menschen umhüllt mich wie ein dichter Nebel. Irgendwo habe ich gelesen, dass wir in solchen Tagen des eigentümlichen Nichtstuns im Alter beginnen sollen, unsere Abläufe zu ritualisieren. Ich gehe aber lieber raus in die Natur als ich mich mit der Organisation von Tagesrhytmen abzugeben. Gerne ginge ich wieder in ein Museum, in einen Gastgarten, in ein Konzert, aber nach Lust und Laune und nicht im Rahmen eines Zeitmanagementkurses. Ich glaube schon seit einigen Monaten nicht mehr an die Rückkehr ins normale Leben. Es wird was Neues werden, aber nichts Besseres oder Vertrautes.

Draussen, auf meinen Spaziergängen stapfe ich durch den Schnee und hänge ich meinen unheilvollen Gedanken nach. Auch dort draussen treffe ich zunächst nur hoffartige, neurotische und im Grunde lächerliche Menschen und meine verächtlichen Gedanken. Bis ich die unsichtbare Grenze des Dorfes überschritten habe, dann umgibt mich die Stille des Waldes, millionenfach verstärkt durch die Isolierung des Schnees. Ruhe und Einkehr ist überall. Niemand mehr, nur mehr die stille Strenge des Winters und das Atmen der gequälten Natur. Die Menschheit verblasst. Die Welt funkelt. Alles ist gut für eine Weile, auch wenn alles den Bach runtergeht.

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