Die Stille der Tage, Teil 10: The creeping catastrophie

Graffity am Bahnübergang zur Wiener Donauinsel

Am 13. März 2021 ist ein Jahr vergangen, seitdem für mich das Kreisen um den Lebenszustand „Corona“ begonnen hat. Nein, man hätte damals nicht vermutet, dass sich die Welt in einen derartig katastrophalen Zustand katapultieren würde. Theoretisch mag zwar immer alles möglich sein, emotional aber klammert man sich an eine konfliktarme Zukunft. In vielen Fällen belügt man sich dabei nur selbst.

Bis zur letzten Woche war ich tapfer und konstruktiv, mich eng an die verordneten Regeln haltend und zukunftsfroh. Bald würde die Bedrohung durch das Virus beendet sein, es durch Impfung und kollektive Vernunft besiegt werden. We can and we will do it! Dann, mit einem Male kam der Bruch. Er passierte an dem Tag, als ich zurückgekehrt war nach Wien, und mich aus der verordneten zehntägigen Quarantäne „freitesten“ wollte. Die Sprache ist ein verräterischer Gegner, dachte ich, als ich den einstündigen Fussweg über die Donauinsel nahm, um zu meiner Teststation zu gelangen. Wovon bitte, teste ich mich eigentlich frei? In den nächsten Test hinein, vor dem Friseurbesuch? Frei sein von Ansteckung, für die nächsten Minuten nach erfolgtem Test?

Ich betrat also das Testgelände und sah mich mit der Anordnung der Testbatterien konfrontiert, die mich an einen Gefängnisinnenhof erinnerte. Mit einem Male explodierte die Folgen von Pandemie in Kopf und Herz. Als ich den Platz vor dem Vienna Austria Center betrat, sah ich das riesige Areal, das im Freien für den Ansturm der Testpersonen ausgerichtet war. Fotografieren und Filmen verboten! Aber keine Menschenmengen, nur zwei Ordner mit schlechtsitzenden Masken waren zu sehen. Die hinter einer langen Schlange von Absperrungen aufgestellten Container und Ausgabestellen waren versperrt. Anordnungen auf aufgeklebtem Plastik überall: auf Wänden, Tischen, Ständern. Wo sind die Menschen? Doch ich war hier nur auf eine eiserne Reserve gestossen. Der aktuelle Ort des Testens befand sich einen Stock tiefer, in einer grossen Halle im Tiefparterre, die im Weiss des Mobiliars und der Kleidung des Personals erstrahlte. Keine Gesichter sondern Masken. Auch hier das Bild eines Kasernenhofs. Lieblos an die Wand gestellt waren Pflanzen, die man nur zur Seite geräumt hatte und die wohl vergebens auf den nächten Medizinerkongress warteten. Man hätte sie verwenden können, um das Gelände aufzulockern, doch das wäre ein Zuviel an Arbeit gewesen. Menschen in locker befüllten Sclangen, betreut durch gelangweiltes Personal an Kontrollstationen. Kaum ein Wort, das fiel und aus dem sich hätte ein Gespräch entwickeln können.

Ich hatte an einem solchen Ort so etwas wie angespannte Stimmung erwartet, doch ich fand nur Routine, Müdigkeit und depressive Verstimmung vor. Mir war, als ginge es hier nicht um die Befreiung von der Last einer Bedrohung, sondern um staatlich verordnete und routinisierte Handlungsanweisungen, bei denes ein negatives Testergebnis ohnehin erwartet wurde. Hier ging es um den Formalakt, um Zweckrationalität, um die Erfüllung einer staatsbürgerlichen Verpflichtung und allerhöchstens um rational begründete Solidarität mit dem Anderen. Abgestumpft gingen alle ihren Pflichten nach, Personal wie Testpersonen. Wie oft „muss“ ich noch „hierherwollen“, um mich gedankenverloren dem Testritual zu beugen? Schon jetzt fällt man auf, wenn man das Prozedere nicht beherrscht und von den Verantwortlichen angeordnet werden muss. „Das nächste Mal machen sie es aber selbst, gell?“, meint der bis zur Unkenntlichkeit vermummte Mann, der mein Stäbchen in der Lösung rührt und vier Tropfen auf den klobigen Teststreifen fallen lässt. Dann 10 Minuten anstellen. QR Code, ID und Krankenkassenkarte vorweisen, danach einen Ausdruck mit dem Testergebnis schweigend erhalten. Ich hatte es erwartet: Keine Freude mit dem Attest, der mir ein negatives Resultat bescheinigte, nur ein „Eh schon wissen!“ Fast Zeitgleich kam eine SMS an: „Sie haben an einem Test teilgenommen“. Das grenzt an Absurdität.

In diesem Ritual und Ambiente würden wahrscheinlich auch die Impfungen vor sich gehen. Routinisiert, lustlos, zweckoptimistisch allerhöchstens und mit einem Wenn und Aber für die Zukunft, wahrscheinlich fein aufgelistet auf dem Merkblatt. Nichts, worauf man sich wirklich freuen könnte. Es gibt schon so viele Wenn und Aber und das Panoptikum des Schreckens wird noch verschlimmbessert durch schlecht gespielten Optimismus von Kanzler, Vizekanzler und Gesundheitsminister. Nur der rote Wiener Gesundheitsstadtrat grummelt vor sich hin, ob der Vertröstungen und Anwürfe durch die türkis-grüne Bundesregierung. Er keift auch gerne zurück, tut aber sonst, was redlicherweise in seiner Macht steht, schlecht gelaunt, ganz offensichtlich. Immerhin: in gesundheitlichen Fragen war auf Wien meist Verlass. Unfreundlich aber tüchtig ist es, das Gesundheitswesen. Das wird auch in dieser Pandemie zu erwarten sein. Mit den leeren Testressourcen im überdachten Freien baut man vor, zum Wohle seiner Bürgerinnen. Wenn das Gelände nur nicht so deprimierend wäre! Nein, Wien darf nicht Tirol werden, es hat schon genug zu tun mit seinen Goldenen Wienerherzen.

Wieder vor dem Eingang des Austria Centers: Noch einmal hinsehen auf die Trostlosigkeit des Impfgeländes. Das Bild vom Alb wird deutlicher. Er hat sich auf meine Brust gesetzt, behindert mein Atmen und erdrückt mein Denken. Verdrängtes wird hochgeschwemmt, die Sicht auf die kommenden Jahre sind fast frei von freudiger Hoffnung. Nichts mag gegen die schlechte Laune und den pessimistischen Grundton helfen in dieser Stadt, in diesem Land und mit diesen Politikern. Atomisiert im Gesundheitssystem und einem autoritär geführten Staat, inmitten von populistischem Wahnsinn und gesunheitsgefährender Polizei, die Demonstranten in ihrem verantwortungslosen Tun gewähren lassen: das ist es, was uns auch in Zukunft erwartet. Die Welt wird zum Albtraum, ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie und mindestens ein Jahr vor ihrem möglichen partiellen Ende. Erschrocken schrecke ich hoch aus meinem Albtraum, der Realität zu werden droht.

3 Kommentare zu „Die Stille der Tage, Teil 10: The creeping catastrophie

  1. Es sind manchmal die Umstände, das Setting, das die Situation emotional begreiflich macht, nicht wahr? Hier ist es die Anmeldung zur Impfung – die Telephonhotline hat fast immer die Ansage, dass man es später versuchen solle, vor der Vergabe der Nummer im Internet erscheint solange der virtuelle Warteraum, bis der Bildschirm anzeigt, dass es keine Termine mehr gibt. Mit der Nummer beginnt das Spiel von vorne – Warteraum, Wartungsarbeiten, keine Termine. Die Berechtigung wird im Impfzentrum festgestellt, das kann bedeuten, dass alles umsonst war. Kafkas Process hatte mehr menschliche Beteiligung. Und das macht doch einen Großteil der ‚Verzweiflung‘ aus: Das Unpersönliche, wenig Menschliche. Die zur Seite gehobenen Pflanzen.
    Ich wünsche gutes Durchhaltevermögen. Oder: viel Freude an den privaten Dingen.

  2. Schlimm, diese „Nichtorte“ Sie entziehen uns Kraft. Geh lieber in die Berge oder an die Donau, wo es „fließt“. Dein Text ist wunderbar geschrieben. Gefällt mir sehr. Marie

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