Die Stille der Tage, Teil 10: The creeping catastrophie

Graffity am Bahnübergang zur Wiener Donauinsel

Am 13. März 2021 ist ein Jahr vergangen, seitdem für mich das Kreisen um den Lebenszustand „Corona“ begonnen hat. Nein, man hätte damals nicht vermutet, dass sich die Welt in einen derartig katastrophalen Zustand katapultieren würde. Theoretisch mag zwar immer alles möglich sein, emotional aber klammert man sich an eine konfliktarme Zukunft. In vielen Fällen belügt man sich dabei nur selbst.

Bis zur letzten Woche war ich tapfer und konstruktiv, mich eng an die verordneten Regeln haltend und zukunftsfroh. Bald würde die Bedrohung durch das Virus beendet sein, es durch Impfung und kollektive Vernunft besiegt werden. We can and we will do it! Dann, mit einem Male kam der Bruch. Er passierte an dem Tag, als ich zurückgekehrt war nach Wien, und mich aus der verordneten zehntägigen Quarantäne „freitesten“ wollte. Die Sprache ist ein verräterischer Gegner, dachte ich, als ich den einstündigen Fussweg über die Donauinsel nahm, um zu meiner Teststation zu gelangen. Wovon bitte, teste ich mich eigentlich frei? In den nächsten Test hinein, vor dem Friseurbesuch? Frei sein von Ansteckung, für die nächsten Minuten nach erfolgtem Test?

Ich betrat also das Testgelände und sah mich mit der Anordnung der Testbatterien konfrontiert, die mich an einen Gefängnisinnenhof erinnerte. Mit einem Male explodierte die Folgen von Pandemie in Kopf und Herz. Als ich den Platz vor dem Vienna Austria Center betrat, sah ich das riesige Areal, das im Freien für den Ansturm der Testpersonen ausgerichtet war. Fotografieren und Filmen verboten! Aber keine Menschenmengen, nur zwei Ordner mit schlechtsitzenden Masken waren zu sehen. Die hinter einer langen Schlange von Absperrungen aufgestellten Container und Ausgabestellen waren versperrt. Anordnungen auf aufgeklebtem Plastik überall: auf Wänden, Tischen, Ständern. Wo sind die Menschen? Doch ich war hier nur auf eine eiserne Reserve gestossen. Der aktuelle Ort des Testens befand sich einen Stock tiefer, in einer grossen Halle im Tiefparterre, die im Weiss des Mobiliars und der Kleidung des Personals erstrahlte. Keine Gesichter sondern Masken. Auch hier das Bild eines Kasernenhofs. Lieblos an die Wand gestellt waren Pflanzen, die man nur zur Seite geräumt hatte und die wohl vergebens auf den nächten Medizinerkongress warteten. Man hätte sie verwenden können, um das Gelände aufzulockern, doch das wäre ein Zuviel an Arbeit gewesen. Menschen in locker befüllten Sclangen, betreut durch gelangweiltes Personal an Kontrollstationen. Kaum ein Wort, das fiel und aus dem sich hätte ein Gespräch entwickeln können.

Ich hatte an einem solchen Ort so etwas wie angespannte Stimmung erwartet, doch ich fand nur Routine, Müdigkeit und depressive Verstimmung vor. Mir war, als ginge es hier nicht um die Befreiung von der Last einer Bedrohung, sondern um staatlich verordnete und routinisierte Handlungsanweisungen, bei denes ein negatives Testergebnis ohnehin erwartet wurde. Hier ging es um den Formalakt, um Zweckrationalität, um die Erfüllung einer staatsbürgerlichen Verpflichtung und allerhöchstens um rational begründete Solidarität mit dem Anderen. Abgestumpft gingen alle ihren Pflichten nach, Personal wie Testpersonen. Wie oft „muss“ ich noch „hierherwollen“, um mich gedankenverloren dem Testritual zu beugen? Schon jetzt fällt man auf, wenn man das Prozedere nicht beherrscht und von den Verantwortlichen angeordnet werden muss. „Das nächste Mal machen sie es aber selbst, gell?“, meint der bis zur Unkenntlichkeit vermummte Mann, der mein Stäbchen in der Lösung rührt und vier Tropfen auf den klobigen Teststreifen fallen lässt. Dann 10 Minuten anstellen. QR Code, ID und Krankenkassenkarte vorweisen, danach einen Ausdruck mit dem Testergebnis schweigend erhalten. Ich hatte es erwartet: Keine Freude mit dem Attest, der mir ein negatives Resultat bescheinigte, nur ein „Eh schon wissen!“ Fast Zeitgleich kam eine SMS an: „Sie haben an einem Test teilgenommen“. Das grenzt an Absurdität.

In diesem Ritual und Ambiente würden wahrscheinlich auch die Impfungen vor sich gehen. Routinisiert, lustlos, zweckoptimistisch allerhöchstens und mit einem Wenn und Aber für die Zukunft, wahrscheinlich fein aufgelistet auf dem Merkblatt. Nichts, worauf man sich wirklich freuen könnte. Es gibt schon so viele Wenn und Aber und das Panoptikum des Schreckens wird noch verschlimmbessert durch schlecht gespielten Optimismus von Kanzler, Vizekanzler und Gesundheitsminister. Nur der rote Wiener Gesundheitsstadtrat grummelt vor sich hin, ob der Vertröstungen und Anwürfe durch die türkis-grüne Bundesregierung. Er keift auch gerne zurück, tut aber sonst, was redlicherweise in seiner Macht steht, schlecht gelaunt, ganz offensichtlich. Immerhin: in gesundheitlichen Fragen war auf Wien meist Verlass. Unfreundlich aber tüchtig ist es, das Gesundheitswesen. Das wird auch in dieser Pandemie zu erwarten sein. Mit den leeren Testressourcen im überdachten Freien baut man vor, zum Wohle seiner Bürgerinnen. Wenn das Gelände nur nicht so deprimierend wäre! Nein, Wien darf nicht Tirol werden, es hat schon genug zu tun mit seinen Goldenen Wienerherzen.

Wieder vor dem Eingang des Austria Centers: Noch einmal hinsehen auf die Trostlosigkeit des Impfgeländes. Das Bild vom Alb wird deutlicher. Er hat sich auf meine Brust gesetzt, behindert mein Atmen und erdrückt mein Denken. Verdrängtes wird hochgeschwemmt, die Sicht auf die kommenden Jahre sind fast frei von freudiger Hoffnung. Nichts mag gegen die schlechte Laune und den pessimistischen Grundton helfen in dieser Stadt, in diesem Land und mit diesen Politikern. Atomisiert im Gesundheitssystem und einem autoritär geführten Staat, inmitten von populistischem Wahnsinn und gesunheitsgefährender Polizei, die Demonstranten in ihrem verantwortungslosen Tun gewähren lassen: das ist es, was uns auch in Zukunft erwartet. Die Welt wird zum Albtraum, ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie und mindestens ein Jahr vor ihrem möglichen partiellen Ende. Erschrocken schrecke ich hoch aus meinem Albtraum, der Realität zu werden droht.

Die Stille der Tage, Teil 9: Schnee. Stille. Mutationen. Resilienz.

Die Tage des Schneefalls scheinen vorbeizusein. Nach einer seit Langem nicht dagewesenen Periode des Schneefalls im Bodenseegebiet und in Westösterreich hat das Wetter umgeschlagen. Kein Blizzard mehr, der wütet jetzt an der us-amerikanischen Ostküste. Seit mehreren Tage regnet es stattdesen in meiner Region. Der Schnee verwandelt sich in eine graubraune Brühe und droht über das Bett des Dorfbachs zu treten. Es ist, als hätte sich schon jetzt bewahrheitet, was für die Klimakatastrophen des Jahres 2040 vorausgesagt worden war: Überschwemmungen. Die Hitzeperioden hingegen kommen dann im Sommer. Dass ich 2040 aller Voraussicht nach nicht mehr leben werde, ist wenig tröstlich. Auch heute Katastrophen überall, für Alle, auch für die Privilegierten und auch Zuhause. Das Jahr der Pandemie wird sich weit in das heutige Jahr erstrecken mit allen seinen Begleiterscheinungen: Isolation (Social distancing, Reiseeinschränkungen, Berührungsverbot); Pöbeldemonstrationen (Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme, Verzeifelte); Hinfälligkeit der Demokratien a la January 6; islamistischer Terror; Amazon; Arbeitslosigkeit; Social Media Gereiztheit allerorten. Eine Liste, die sich beliebig erweitern und verlängern lässt.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht in der NZZ von der (narzistischen) Kränkung der Menschen: „Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.“ Ich hingegen vermisse die Resilienz und Solidarität in unseren Sozialsystemen. Auf den ungehemmten und unverantwortlichen Individualismus der Covidioten pfeife ich. Als Risikopatient bin ich auf Solidarität angewiesen. Ich gebe, aber ich fordere auch. Und alles im Übermass.

Den grössten Teil des Jänners des längst enttäuschenden Hoffnungsjahres 2021 kann ich mit meinem Ruhestand nichts anderes anfangen als den bedrohlich schlechten Nachrichten aus aller Welt nachzujagen: meine perversen Gelüste nach schlechten Nachrichten verstecke ich hinter der Selbstdefinition Nachrichtenjunkie. Ich passe mich an an dieses Land, diese Lebensumstände, diese für mich neuen Beziehungsmuster. Das aber mehr schlecht als recht. Ich bleibe widerständig und widerborstig. Die üble Laune und die Ungeduld von alternden Menschen umhüllt mich wie ein dichter Nebel. Irgendwo habe ich gelesen, dass wir in solchen Tagen des eigentümlichen Nichtstuns im Alter beginnen sollen, unsere Abläufe zu ritualisieren. Ich gehe aber lieber raus in die Natur als ich mich mit der Organisation von Tagesrhytmen abzugeben. Gerne ginge ich wieder in ein Museum, in einen Gastgarten, in ein Konzert, aber nach Lust und Laune und nicht im Rahmen eines Zeitmanagementkurses. Ich glaube schon seit einigen Monaten nicht mehr an die Rückkehr ins normale Leben. Es wird was Neues werden, aber nichts Besseres oder Vertrautes.

Draussen, auf meinen Spaziergängen stapfe ich durch den Schnee und hänge ich meinen unheilvollen Gedanken nach. Auch dort draussen treffe ich zunächst nur hoffartige, neurotische und im Grunde lächerliche Menschen und meine verächtlichen Gedanken. Bis ich die unsichtbare Grenze des Dorfes überschritten habe, dann umgibt mich die Stille des Waldes, millionenfach verstärkt durch die Isolierung des Schnees. Ruhe und Einkehr ist überall. Niemand mehr, nur mehr die stille Strenge des Winters und das Atmen der gequälten Natur. Die Menschheit verblasst. Die Welt funkelt. Alles ist gut für eine Weile, auch wenn alles den Bach runtergeht.

Tavolette Enigma. Ein Projekt der Rauhnächte. Folge 2: Wie alles begann.

Projekte haben immer eine Vorgeschichte. Vielleicht keinen direkt sichtbaren oder bemerkten Zusammenhang mit dem konkreten Vorhaben, sie sind aber dennoch konstitutiv für diese. Es gibt immer eine Vorgeschichte, verzweigte Fäden, die zum Knoten führen. Genauso enden sie auch, fasern aus, verlieren sich im Lauf der Zeit.

Das Projekt Tavolette Enigma entstand daher nicht erst während der Rauhnächte 2020, sondern schon Anfang Dezember. Ich war auf dem Weg ins Nachbardorf, um dort ein bekanntes Paar zu besuchen. Plötzlich, als ich gerade entlang einer langen Baumallee einen Hügel hinaufwanderte, wurde mir bewusst, wie sehr die Erfahrung mit und die Vernetzung in der Landschaft eine neu „erworbene“ Heimat konstituieren kann. Ich machte damals folgende Audionotiz:

Bei einem Spaziergang, auf dem Weg zwischen S. und E. Ich bin unterwegs, um ein Geschenk zu G. und M. zu bringen. Um von meinem Wohnort nach E. zu kommen, kann man zu Fuss verschiedene Wege benutzen. An der Bahnstrecke und den Ziegelteichen entlang, über die Hügel und durch ein Waldstück, oder einfach auf halber Höhe auf asphaltierten Feldwegen. Diesmal passiere ich folgende Orte: zuerst entlang der M., dem Bach mit dem alten keltischen Namen, der sich bei Regenfall zu einem reissenden Flusslauf verwandeln kann; dann zu der erst in jüngster Zeit fertiggestellten Waldhütte, in der ich meine Pensionierung begangen habe; die Recyclinganlage E., an der die ganze Woche rege Betriebsamkeit herrscht; der kleine Supermarkt am Bahnhof, an dem man auch einkehren und einen kleinen Imbiss nehmen kann; davor jener alte Baum, der die Bahnhofsanlage zu etwas Besonderem macht. Auf diesem Weg entfaltet sich die Geographie meiner neuen Heimat. Es ist dies eine Geographie, die nicht nur aus blossen Orientierungspunkten besteht, sondern die auch emotional sehr aufgeladen sind: erste Begegnungen, Gespräche, Besuche, wiederholte Wanderungen. Geographie ist Biographie, könnte man behaupten. Landschaft und Beziehung verschmelzen hier ineinander.

Aber wie genau entsteht eine derartige Beziehung: was sieht und spürt man, was erinnert man, was wird sofort wieder vergessen. Worin besteht das Bedeutsame, welches das Gefühl für eine Landschaft konstituiert? Vielleicht sind das einige Fragen, welche sich letzten Endes hinter dem Projekt verstecken, das ich in den Rauhnächten begonnen habe.

Rauhnacht in Pamelot

Dass die Durchlässigkeit zwischen der alltäglich erlebten Welt und der Anderswelt besonders in der Zeit der Rauhnächte sehr hoch ist, das hat mir vor mehr als 25 Jahren eine Frau in Missouri gezeigt. Sie war bekennende Wicca und vom Kommen des Neuen Zeitalters überzeugt. Mir „passierte“ diese Einsicht im Jahr 1994, die New Age Bewegung war gerade auf ihrem Höhepunkt. P. fühlte sich aufs Innigste mit den Zielen der spirituellen Bewegung verbunden und das beschränkte sich wahrlich nicht nur auf das Hören der Musik von Enya. Auch angesichts ihrer prekären finanziellen und existentiellen Situation war das Versprechen auf ein Goldenes Zeitalter verlockend. Ich war, sozialisiert in den Post 68ern, äusserst skeptisch, mehr noch: ihr Beharren auf dem Transzendenten und dem Geistigen verursachten erhebliche Loyalitätskonflikte in mir. Die esoterische Selbstgewissheit und das Beharren auf Transzendenz stand meiner materiellen Weltsicht diametral gegenüber. Doch die Gegensätze erschreckten mich nicht nur, sondern zogen mich auch an. Und sie liessen mich Dinge Erfahren.

Ich flog zu Weihnachten nach St. Louis, um P. zu treffen, reiste in einen Vorort mit adretten und bescheidenen weissbemalten Holzhäusern mit sehr viel Garten drumherum. Es war unsere erste reale Begegnung nach einer langen Online – Bekanntschaft, die wir in diesem Jahr eingingen. Ein solches Online – Abenteuer erschien damals verrückt und war nur sehr schwer erklärbar. Das Medium Internet nahm gerade seinen Aufschwung, ich hatte P. auf einem Kanal des Inter Relay Chats (IRC) kennengelernt. Nach langen (und teuren) Ferngesprächen hatten wir beschlossen, einander persönlich zu treffen. Was damals so unglaublich und irreal erschien, nämlich sich online kennenzulernen, ist heute im Zeitalter von Social Media und professionell betriebenen Dating Kanälen schon lange nichts Aussergewöhnliches mehr. In den Neunzigern war eine derartig realisierte Bekanntschaft ungewöhnlich und „gegen“ die vermeintliche Natur einer Liebschaft. Eine derartige Bekanntschaft war weder rational vertretbar noch gesellschaftlich akzeptabel, man schwieg am besten darüber. So fuhr ich wagemutig in die Ungewissheit hinein, ohne Vorsicht, ohne Bedenken, mit der erwartungsvollen Verzweiflung des Jugendlichen. So war es immer, wenn das Andere lockte.

Die Erinnerung an die „amerikanische Rauhnacht“ ist eingebrannt in meinen Körper, gleichzeitig aber brüchig in den erinnerten Fakten. Ich weiss, dass ich am 24. Dezember nächtens in St. Louis eintraf, um dort von P. in einem etwas befremdlichen, schwarzen Sportwagen abgeholt zu werden. Zu Hause angekommen, lud sie mich ein, mit ihr nach draussen in den Garten zu kommen, um ein Ritual der Geisterbeschwörung (sie nannte es „das Rufen der Geister“) durchzuführen. Wir standen unter den rauschenden Bäumen und sie beschwor mit erhobenen Armen etwas, das mir mehr als fremd war. Die Wilde Jagd begann die Baumkronen und mich zu beunruhigen: ein Sturm hob an, schwer hingen die Schatten in den Zweigen und meine körperliche und mentale Balance begann zu kippen. P. bot mir von einem rötlichfarbenen, mir unbekanntem Getränk an, das sie extra für diesen Zweck vorbereitet hatte. Schon wenige Minuten nach dessen Einnahme verfiel ich in eine Art Trunkenheit, die grosse Angst und auch körperlichen Schmerz in mir auslöste. Während ich mich wie gelähmt fühlte, fuhren die Geister durch mich hindurch und hinterliessen einen wunden Körper rund um meine berauschten Sinne: so jedenfalls fühlte es sich an. Ich verfiel in eine Starre, von der ich mich nur langsam erholte: die Pein und der Schmerz waren gross. P. Hatte mich nach meinem Zusammenbruch mit Mühe in den Schutz des Hauses gebracht und ich fand mich auf dem Bett liegend wieder. Ich halluzinierte. Entsetzliche Szenen aus meiner Kindheit, die ich schon längst verdrängt hatte, überfielen mich mit aller Vehemenz. Ich sprach davon obwohl ich mich schämte. Mit sanften Handbewegungen und ruhigen Anweisungen strich P. das Übel an meinem Rückgrat entlang aus meinem Körper. Ich durchlitt den Schrecken und die Pein, welche mir übel gesinnte Wesen zufügten. Schliesslich schlief ich erschöpft ein.

Im Nachinein versuchte ich mir meinen Zusammenbruch mit der Einnahme eines Rauschmittels zu erklären: P. verweigerte mir indes jedwede Auskunft darüber, ob in dem mir verabreichten Getränk Drogen enthalten waren. Ich versuchte, mich damit zu beruhigen, dass dem so gewesen sei. Aber gleichzeitig wusste ich, dass dies alles nur zur Selbstberuhigung diente: einzusehen, dass ich einen Blick in die Anderswelt getan hatte, liess mein materielles Weltbild nicht zu. Aber das mir etwas, jenseits aller möglicher Drogen „passiert“ war, stand ebenfalls fest.

Nur wenige Tage später sollte ich eine weitere Begegnung mit der Wilden Jagd haben. Wir waren den langen Weg nach Andersen in Indiana gefahren, um dort mit P.s Eltern Weihnachten zu feiern. Um den Gesprächen über Preis und Qualität der Weihnachtsgeschenke wenigstens teilweise zu entkommen, ging ich nächtens mit P.s Hund Dunker in den Feldern rund um die Farm spazieren. I walked the dog. Es war ein riesiger, bärenstarker Golden Retriever, den ich da an der Leine hatte, mitten in der Nacht und zwischen abgeernteten Weizen- und Kornfeldern, über die der Wind pfiff. Die Dunkelheit, der Wind, die Kälte und die absolute Einsamkeit waren es, die jene eigenartige Stimmung erzeugten, vor denen auch der Hund eine so entsetzliche Angst ergriff, dass er sich jaulend weigerte, weiterzugehen. Panik ergriff mich. Die rasende Meute war überall UND SCHLUG AUF MICH EIN. Ich zog den Hund hinter mir her, mit aller Gewalt. Er schlüpfte widerstrebend aus dem Halsband hinaus und rannte davon. Ich stand da voller Furcht vor meiner Umgebung und der Angst, einen Hund verloren zu haben. Mit P.s plötzlichem Erscheinen am Feldweg schien der Spuk ein Ende zu haben. Ein zweites Mal hatte sie mich vor der Pein erlöst.

Warum also die Geisterbeschwörungen, wo doch beide Erlebnisse auch ganz „natürliche“ Erklärungen für den Leser bereithalten. Ich fühle die Schwere der Ereignisse, die Lasten des erlebten Bösen und das energetische aufgeladene Übernatürlichen. Noch heute sind die Rauhnächte eine jährlich widerkehrende Bedrohung für mich. Es sind nicht die Erinnerung an die Erlebnisse von damals allein. Der Himmel hängt voll gefährlicher Energie, etwa von der Qualität mit der ich auch Aurora begegne.

Auch die Trennung zwischen Pamela und mir war in den Schrecken getaucht, die die Geistwesen, die sie umgaben, in mir auslösten. Doch das ist eine andere Geschichte und gehörte nicht mehr zu den Rauhnächten. Vielleicht schreibe ich später einmal darüber.

Ich berichte all dies im Gedenken an sie. Sie ist 2017 im 58. Lebensjahr an einem Lungenkarzinom verstorben. Das habe ich erst kürzlich im Internet entdeckt, als ich mich erneut auf die virtuelle Suche nach ihr machte. Den wunderbaren Garten rund um ihr Haus hatte sie Pamelot getauft.

Tavolette Enigma. Ein Projekt der Rauhnächte. Teil 1: Beginn.

Wahrsagen in den Rauhnächten, russische ILLUSTRATION. 1895. WIKIMEDIA COMMONS

2021 möchte ich 13 Brotlaibidole rund um meinen neuen Heimatort setzen. Dabei folge ich dem Sternbild des Pegasus und wähle 13 seiner Sterne. Ich übertrage ihre Positionen auf eine Landkarte. Diese Plätze suche ich in naher Zukunft wandernd auf, lege dort die Idole nieder und schreibe das für mich Bedeutsame der Reise auf. Dabei entsteht ein Netzwerk von Bedeutungen, entlang eines Symbols für Stärke und Kreativität.

13 rätselhafte Tonkörper liegen also nach einiger Zeit versteckt in der Landschaft. Sie werden achtsamen Menschen Rätsel aufgeben. Sie wissen nicht, dass ich diese in der Zeit der 12 Rauhnächte aus Ton hergestellt und in der Natur verortet habe. Ich nehme den Begriff der Idole ernst, in seinem ursprünglichen Sinn: denn in einem rituellen Prozess haben sich in den Idolen die Geistwesen manifestiert, um mich für einen kreativen Prozess zu inspirieren. Es geschah anlässlich eines Rauhnachtsseminars am 28. und 29. Dezember 2020. Meine Idole sind rätselhafte Abbilder der gerufenen Helfer geworden: das mute ich ihnen zumindest zu. Auch ich weiss noch nicht, was sie mir tatsächlich bedeuten. Ihr Sinn wird sich vielleicht allmählich erschliessen.

Idole aus Ton, gefertigt am 29.12.2020

Aber was hat es ursprünglich mit diesen Tonobjekten auf sich? Durch Zufall bin ich auf ihre Existenz im Internet gestossen. Von der Wissenschaft werden als Brotlaibidole (auch: Tavolette Enigma) Fundobjekte aus der Bronzezeit bezeichnet, deren Zweck bis heute unbekannt ist. Sie sind etwa handtellergross und aus gebranntem Ton oder Stein gefertigt. In ihre Oberfläche wurden Zeichen geritzt, die Stempel (Pintaderas) sehr ähnlich sind. Die Interpretation ihrer ursprünglichen Funktionen reichen von ritueller Nutzung bis zu Vorstufen von Schriftlichkeit. Ein Zusammenhang mit dem Handel der Bronzezeit (Auffinden entlang von Handelswegen) wird ebenfalls erwogen. Ihr Vorkommen erstreckt sich von Mittel- bis Südeuropa, meist im Verbund mit menschlichen Ansiedelungen.

Das Geheimnis der Tavolette hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Das sich bis heute ursprüngliche Bedeutungen auch wissenschaftlich nicht lösen lassen, ist faszinierend. Ihre Verzierungen sond von primitiver Ästhetik und gerade deshalb von eigener Anziehungskraft. Ich beschloss also, sie „nachzumachen“ um ihnen nahe zu kommen. ihr Geheimnis würde ich aber nicht lüften können. Ich wollte sie mit einem neuen, wahrscheinlich unterschiedlichen Sinn erfüllen, indem ich sie in Raum (Thurgau/Sternenbilder) und Zeit (Erlebnisse und Wanderdistanzen) transzendierte. Die Offenheit der Rauhnächte sollte am Beginn des Projekts stehen und ich wollte es in einem ritualisierten Rahmen entwickeln.

Beim Nachbau, dem Formen und Gestalten der Tavolette Enigma bemerke ich, wie schnell die Brotlaibformen aus Ton von der Hand gehen. Ebenso ist das Anbringen der „Verzierungen“ unter Verwendung von Stempeln aus Naturmaterialien (Äste und Schnüre) einfach zu bewerkstelligen. Das Formen und Gestalten der Tonkörper definieren die Eindeutigkeit des Idols. Das Brennen der getrockneten Idole am offenen Feuer im Wald wird ein weiterer Schritt in Richtung ihrer Individualisierung sein. Zur Zeit trocknen die fertiggestellten Idole auf einem Kasten in meinem neuen Heim. Sie verändern sich.

In den nächsten Wochen und Monaten sollen die weiteren Phasen des Projektes dokumentiert werden: (1) Die Verortung des Sternbildes Pegasus in der Landschaft des Thurgau; (2) Das schrittweise Trocknen und Brennen der Tavolette Enigma am offenen Feuer; (3) Die 13 Wanderungen zum Ausbringen der Idole.

Ich werde davon berichten.

Die Lächerlichkeit einer Diktatur

Man kann gegen Diktatur und illegitime Machtausübung auf verschiedene Weise ankämpfen: mit zivilem Ungehorsam, durch Widerstand gegen die Staatsgewalt, in bewaffneter Auseinandersetzung aber auch mit intellektuellen Mitteln: mit Kunst, Ideologiekritik oder dem Kino.

Da autoritäres „Gehabe“ und „Fake News“ in seiner letzten Konsequenz lächerlich, verlogen und dem Verstand unzumutbar sind, eignen sie sich bestens für eine Satire, die den Tyrannen und seinen Machtapparat blossstellt und verspottet. Nichts ist der Macht weniger zuträglich als nicht ernst genommen zu werden. Spott kann tödlich sein, vor allem für jene (politischen Systeme), die sich selbst als absolut betrachten und allzu ernst nehmen. Spott nimmt Angst. Aus der herrschenden Klasse wird spätestens dann ein Kabinett lächerlicher Figuren, wenn, der Kaiser glaubt, prächtige Kleider zu tragen, obwohl er schon längst nackt ist.

Am Beispiel des mehrfachen Wahlbetrugs in Belarus und dem breiten Protest der Bevölkerung dagegen zeigt sich, dass Präsident Lukashenko schon längst nackt dasteht, nur mehr geschützt durch eine Nomenklatura und deren Büttel, die sich wie er verzweifelt an die Macht klammern. Entlarvt ist er längst: spätestens seit seinen wiederholten Wahlbetrug und der Brutalität der Polizei, die gegen Demonstranten und Demonstrantinnen vorgeht. Denn der Wandel zur Demokratie seit einem Vierteljahrhundert überfällig. Selbst für Putin ist Lukaschenko zu einem Risiko geworden. Doch unerschütterlich inszeniert das System in leeren Ritualen seine Macht. Der Präsident beschimpft sein Volk, er prügelt und missbraucht es. Die nackte Gewalt des Apparats ist unleugbar.

2006 hat Yury Khashchavatski den Film Kalinovski Square gedreht, der in einer bitteren Satire die Rituale der Unterdrückung aufs Korn nimmt. Morgen, 2021, ist Lukashenko beschämende Geschichte für ein selbstbewusstes Volk. Es dauert nicht mehr lange.

Davos: Ein zahnloser Film aus Österreich

Die beiden Filmemacher Julia Niemann und Daniel Hösl haben über ein Jahr in Davos gelebt, um dort den gleichnamigen Film (2020) zu drehen. Ursprünglich sollte das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) nicht im Mittelpunkt ihres Filmes stehen, letztendlich habe sich das Thema nach Ansicht der Regisseure aber einfach aufgedrängt. So ist ein vordergründig engagierter und scheinbar kritischer Film über das Treffen der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik entstanden, der aber über eine moralisierende Beobachtung von Zaungästen nicht hinauskommen wird. Wie heisst es so pathetisch auf der Homepage des Films: „Der Film ist eine Chance, das Bewusstsein für globale Themen, die uns alle betreffen, zu schärfen. Davos geht uns alle an.“ Diesem Anspruch wird der Film leider nicht gerecht.

Zwei Welten werden gezeigt: jene des „normalen“ Lebens der Gemeinde Davos und der Ausnahmezustand anlässlich des seit fünzig Jahren jährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforums. Diese Welten fallen erwartungsgemäss auseinander. Während die Bauern und Migranten arm sind, in prekären Verhältnissen leben und hart arbeiten, machen die Mächtigen der Welt ihre klandestinen Geschäfte hinter verschlossenen Türen. Manche protestieren dagegen. Greta Thunberg wirft den Verantwortlichen Untätigkeit vor: Our house is still on fire and you’re fuelling the flames. Davos indes profitiert vom Kongresstourismius. Das ist alles nichts Neues und wenig überraschend. Wozu brauchen wir also diesen Film? Um als aufgeklärte Menschen unsere Erwartungshaltungen zu bestätigen? Um ein wenig Schweizer Ambiente zu schnuppern? Um uns von FilmemacherInnen belehren zu lassen? Um die böse Weltelite wieder einmal kritisieren zu dürfen? Davos ist Bauerndorf, Luftkurort, Wintersportort und Kongressort: aber auch das steht in Wikipedia und stellt wohl keine neue Einsicht dar.

Auch formal vermag der Film nicht zu überzeugen, Sequenz reiht sich an Sequenz, 99 Minuten lang und ohne eigentliche Einsicht, überraschende Wendung oder ästhetischen Genuss.

Der Film ist, brutal gesagt, überaus langweilig. Ein bemüht engagierter Film, der weder zu überzeugen vermag, noch interessante Einsichten bieten kann. Ein typisch kritischer Film aus Österreich eben.

Davos ist der meiner Meinung nach schlechteste Film im Reigen der hochwertigen Produktionen, die im Rahmen des Filmfestivals This Human World gezeigt wurden. Schade um die Zeit, schade um das Geld.

Indes soll das WEF pandemiebedingt nach Singapur weiterziehen. Das ist katastrophal für die Bewohner des Ortes, man wird sich neue Einkommensquellen suchen müssen. Aber auch das war erwartbar.

Sehnsucht nach dem Vergangenen

Die Sehnsucht nach dem Vergangenen kann in einem Leben dominieren, es verändern, es zerbrechlich machen. Die Bedeutung des Begriffs ist voll von Unerfüllbarkeit und zuletzt ohne Hoffnung. Sehnsucht endet mit Erfüllung und enttäuscht oder bringt das Unerwartete hervor. Sehnsucht ist mehr als Wunsch: es ist die Conditio Humana unserer Existenz.

Das heurige Filmfestival This human World zeigt drei Filme, die für die unterschiedlichen Formen von Sehnsucht exemplarisch sein können. Die Filme sind inhaltlich aber auch formal von hoher Qualität, auch wenn sie keine Preise gewonnen haben. Sie beharren auf dem Recht des Individuums seinen Sehnsüchten entsprechen zu können, trotz entgegengesetzter Absichten der politischen Systeme, der Staaten und der historischen Verfasstheit ihrer Gesellschaften.

Der erste Film, der mich diesbezüglich tief beeindruckt hat, ist der Film Memory is our Homeland des kanadischen Regisseurs Jonathan Kolodziej Durand, in der er die Geschichte seiner Grossmutter erzählt, welche mit ihren Eltern nach der Besetzung Polens 1939 zunächst nach Sibirien deportiert wurde, um dann über den Iran und Indien nach Ostafrika zu gelangen. Sie verbrachte mit anderen polnischen Flüchtlingen Jahre in einem Lager unweit des Kilimanscharo, um letztendlich nach London zu emigrieren. Nie mehr konnte sie nach Polen zurückkehren, da ihre Heimatregion inzwischen an Belarius gefallen war. Nur dem Enkelkind (=dem Regisseur) ist es möglich, das untergegangene Dorf der Grosseltern aufzusuchen, im Rahmen seiner Recherche über eine Geschichte, die ihm als Kind immer wieder gehört hat. Die Sehnsucht nach der untergegangenen Welt ihrer Kindheit bleibt für die Betroffenen indes unerfüllt: sie sind ihres Heimatlandes beraubt und das Einzige, das ihnen bleibt, ist die verblassende und brüchige Erinnerung an ihre Kindheit, die der Regisseur mit seinen Recherchen nicht zurückzubringen vermag.

Memory Is Our Homeland – Trailer from Jonathan Durand on Vimeo.

Im Streifen Panquiaco (2020) der panamesischen Regisseurin Ana Elena Tejera sehnt sich der in Portugal arbeitende Cebaldo nach seiner Heimat Guatemala, wo er Familie und Freunde als Jugendlicher überstürzt verlassen hat. Die abrupte Trennung, die er damals vollzogen hat, lässt ihn im Alter nicht ruhen, sondern verstärkt seine sehnsuchtsvolle Einsamkeit. Er lebt in Portugal und macht sich auf in sein Herkunftsland. Doch die „Heimkehr“ ist nicht so sehr Rückkehr an den Ausgangsort seines Lebens als vielmehr Transition in ein anderes, spirituell bestimmtes Leben. Die Reise des alternden Cebaldo vom Portugal nach Panama symbolisiert dabei nicht nur für die koloniale Geschichte Panamas, sondern auch die geographische Verortung dieses Landes zwischen den Meeren. Sie ist auch ein Zurück zu den animistischen Praktiken der dort lebenden Kuna, an deren animistischen Praktiken er teilnimmt. Sehnsüchte zu erfüllen, verändert seine spirituelle Verfasstheit. Sie beeinflusst das Resultat einer schwierigen Reise ohne vorhersehbaren Ausgang.

PANQUIACO (2020) – Official Trailer from Ana Elena Tejera on Vimeo.

Der dritte Film irritiert zunächst, handelt er jedoch von einer Frau aus Nordkorea, die unfreiwillig über China nach Südkorea geflüchtet ist, um Geld zu verdienen und der es verwehrt ist, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie ist in eine bürokratische Falle getappt, die aus ihr eine nordkoreanische Überläuferin machen will. Der Regisseur Seung-Jun Yi beschreibt in seinem Film Shadow Flowers aus dem Jahr 2019 das Schicksal der Protagonistin Kim. Getrennt von ihrer Familie versucht diese, ihre Flucht „rückgängig zu machen“, um wieder dorthin zurückzukehren, wo ihr Lebensmittelpunkt und ihr Sinnzentrum angesiedelt ist. Doch die Behörden Südkoreas verwehren ihr die Rückkehr aus vermeintlichen „Sicherheitsgründen“ und belegen sie mit einem Ausreseverbot, obwohl sie letztendlich doch einen gültigen Reisepass ausgestellt haben. Sehnsucht kann nicht erfüllt werden, wo trotz politischem Tauwetter zwischen beiden koreanischen Staaten, eine unsinnige Staatsräson dieser entgegensteht. Die Hartnäckigkeit Kims, nach Hause zu ihrer Familie zurückzukehren, ist erfolglos. Bis heute wird ihr die Ausreise verwehrt.

Im Nebel von Krieg und Frieden

Trailer

Wer schreibt die Geschichte einer Widerstandsbewegung? Welche Erinnerungen bleiben, welche gehen verloren? Wie verändert sich Erinnerung nach der Eingliederung der Guerilla in die die kolumbianische Gesellschaft? Regisseur Joel Stangle geht in seinem Film The Fog of Peace (La niebla de la Paz, 2020) diesen Fragen am Beispiel Kolumbiens nach, wo fünfzig Jahre lang ein Krieg zwischen den Regierungstruppen und Paramilitärs auf der einen Seite und der FARC auf der anderen Seite gewütet hat. Er dokumentiert die letzte Phase des Kampfes, die Friedensverhandlungen in Kuba und gibt einen Ausblick auf die Zeit danach, in welcher der Friedensprozess und die Wiederversöhnung wieder gefährdet erscheinen.

Die Handlung läuft auf zwei Ebenen. Während Teo in den Feldlagern der Guerilla die „Geschichten“ der Kombattanten in einem Buch niederschreibt, filmt Boris die Friedensverhandlungen in Havanna. Gleichzeitig wird nach Dokumenten und digitalen Aufzeichnungen gesucht, die im Dschungel von Truppen der FARC vergraben wurden und die einen wichtigen Beitrag zum Erinnern zur Geschichte der FARC leisten können. Denn die Geschichte des Widerstands kann nicht nur eine Geschichte sein, die allein von ihren Führern erzählt wird, sondern muss jene erinnern, die zu deren Bekanntheit und Reputation beigetragen haben.

Erinnerung, Geschichte(n) und Wahrheit erscheinen immer wieder verhandelbar und unterliegen einer ständigen Neubewertung. Sie sind Teil der Benühungen der Wiederversöhnung nach fünfzig Jahren Bürgerkrieg und Teil der sich dabei bildenden und voneinander abgrenzenden Ideologie. Wie immer man die Geschichte des Kampfes bewerten will, das Schlimmste wäre wohl, ihn nicht mehr in seiner Widersprüchlichkeit erinnern zu können.