Struktur auf Struktur

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Leinwand, Jute, Papier und Klebstoff: dazu die geschützte Atmosphäre mit achtsamen Menschen- Mehr brauchte es nicht, um mich mit aller Behutsamkeit an die bildnerische Gestaltung einer zerbrechlichen Zukunft zu wagen. Das Bild hätte dichter werden können, dramatischer und gewagter – aber das war in diesen Momenten nicht möglich.

Sei wie ein Fels in der Brandung

Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen: Er steht fest und dämpft die Wut der ihn umbrausenden Wogen. Ich Unglückseliger, sagt jemand, daß mir dieses oder jenes widerfahren mußte! Nicht doch! sondern sprich: Wie glücklich bin ich, daß ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt noch von der Zukunft geängstigt!

(Marc Aurel, Selbstbetrachtungen IV, 49)

Hopfen (Humulus lupulus)

Ich habe ihn schon an vielen Stellen gefunden: etwa an einer überrankten Holzbrücke im Thurgau, an einem Zaun der Zuckerfabrik Hohenau oder an einem Weißdornstrauch auf der Donauinsel: den wunderbaren wilden Hopfen. Es sind die weiblichen Blüten, die man im August/September pflücken kann, die ein wenig klebrig (harzig) sind und stark nach Marihuana riechen. Denn der Hopfen ist ein Hanfgewächs!

Gut bekannt ist der Hopfen durch das Bier, dessen wichtigster Bestandteil er ist und dem es die ihm eigene Bitterkeit verschafft. Deshalb wird der mehrjährige Hopfen natürlich in großem Stil angebaut, im August/September die weiblichen, doldenartigen Blüten geerntet und dann für das Brauen des Bieres verwendet. Der Hopfen gedeiht am besten auf lehmig/sandigem Boden und verträgt heiße Sommer nicht sehr gut.

Umso schöner, wenn man auch in der Natur wilden Hopfen findet. Man kann ihn wohl auf zwei Arten für seinen persönlichen Gebrauch verwenden: als Tee und zum Verräuchern. In beiden Fällen sollte man/frau sich aber sicher sein, daß es sich tatsächlich um Hopfen handelt. Geerntet werden die noch grünen Zapfen im August und September und dann am besten in einem lichtgeschützten Raum getrocknet. Nur dann bleiben die wertvollen Inhaltsstoffe erhalten. Durch anschließendes Pressen können die grünen Zapfen zu Pellets verarbeitet werden, wodurch der Abbau ihrer Wirkstoffe nochmals verringert wird. Aber letzteres muss nicht unbedingt sein.

Hopfen wirkt entspannend, löst Nervosität und hilft bei Schlafstörungen.

Deshalb kann hier ein Teeaufguss von Nutzen sein: 1-2 Teelöffel getrocknete Hopfenblüten werden mit ca. 150 ml heißem Wasser übergossen und 10-15 Minuten ziehen gelassen. Vorsicht: der Aufguß wird bitter schmecken.

Und auch Räuchern kann eine Methode sein, um mehr Ruhe in das eigene Universum einziehen zu lassen. Empfohlen wird aber, keine Räucherkohle zu verwenden, das sonst der Zapfen zu schnell verbrennt. Hingegen bietet sich ein Räucherstövchen an, bei der die Zapfen auf ein dünnes Edelstahlnetz gelegt werden, unter dem ein Teelicht entzündet wird. Wenn man dann den Zapfen nicht direkt über die Flamme legt, sondern eher an die Peripherie der Flamme, wird sich der Rauch langsam, aber dafür viel nachhaltiger entfalten.

Weiterführendes Lesen:

Von der krankmachenden und von der heilsamen Einsamkeit

Einsamkeit ist Krankheit und Beschämung, und befindet sich auf dem Vormarsch in den sgn. reichen Nationen der Welt. Von einem „Megatrend Einsamkeit“ wird immer häufiger gesprochen, einem Phänomen, für das man das immer häufigere Auftreten von Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt, Demenz oder Depression verantwortlich macht. Die zunehmende soziale Bindungslosigkeit und Individualisierung der Gesellschaft, unterstützt durch die Beliebigkeit und Kontaktarmut bei der Nutzung von Sozialen Medien, seien die Verursacher dieser neuen Volkskrankheit. Und da bleibt es auch nicht aus, daß sich kürzlich sogar die Politik des Themas angenommen hat. In den UK wurde etwa eine „Ministerin für Einsamkeit“ ernannt.

Festgestellt wird die Einsamkeit allerdings immer nur durch die subjektive Einschätzung des Einzelnen, der sich eben einsam „fühlt“. Dagegen haben auch Medizin und Psychologie kein Kraut erfunden. Einsam sei mithin jenes Individuum, das das subjektive Gefühl habe, nicht genügend soziale Kontakte zu besitzen und deswegen darunter leiden. Möglicherweise gibt es aber auch Menschen, die Einsamkeit nicht als Leiden empfinden?

Auwald bei Drösing/March

Einsamkeit scheint noch dazu ein besonders schambehaftetes Gefühl zu sein. In dieser scheinbar fröhlich – ausgelassenen, lauten und erfolgreichen Gesellschaft ist Einsamkeit etwas, was meist mit Unangepaßtheit, Erfolglosigkeit und Außenseitertum stigmatisiert wird. Einsamkeit ist über alle Maßen uncool. Niemand spricht davon oder thematisiert, was es überhaupt bedeuten kann, einsam zu sein. Man/frau leidet still an sich selbst und den Anderen. Niemand scheint einsam sein zu wollen, jeder und jede will dazugehören und im Mittelpunkt stehen.

Und dennoch, ich will an dieser Stelle nicht von jener Einsamkeit sprechen, in denen sich Menschen als Erkrankte oder als Mängelwesen erleben. Ich betrachte im Folgenden die Einsamkeit als selbstgewählten Raum, in dem andere Menschen glücklicherweise ABWESEND sind. Von der guten Einsamkeit eben, in denen man/frau sich den Platz und die Stille nehmen darf, die er/sie benötigt, um zu sich selbst zu kommen. Wir sprechen dabei von einem sehr kostbaren Ort, an dem es gelingt, sich ausreichend von der störenden Umwelt und den uns peinigenden Mitmenschen abschotten zu können. Ein kleines Stück selbstgeschaffenes Paradies, an dem man weder durch am (ebenso krankmachenden) Lärm leidet, noch durch die oft richtungslose und wertfreie Panik der Alltagsroutinen infiziert wird. Das eigene Ich darf sich dabei entfalten, die Gedanken können flanieren, die Gefühle zum Vorschein kommen. Und wer will, kann seinen Zustand auch singen, so wie es uns die Sami durch ihr Yoiken gelehrt haben. Man singt nicht ÜBER etwas, sondern man singt ES.

Dieses sich Zurückziehen von den Anderen in menschenleere Räume gab es schon immer, als kompletative Abgeschiedenheit, als selbstgewähltes Alleinsein, als Eremitendasein aber auch als zeitlich terminisierter Rückzug aus den Routinen der globalisierten Welt („Retreat“, „Off the Grid“). Oft passierte es freilich, daß jene Menschen, die sich in eine selbstgewählte Einsamkeit zurückgezogen haben, als Sonderlinge (oder auch als Heilige) gehandelt wurden – heute scheint es, als würden sie mit der Krankheit „Einsamkeit“ stigmatisiert.

Nein, ich will das Leiden an der nicht selbst gewählten Einsamkeit nicht banalisieren – aber unseren Blick wieder auf die Möglichkeit einer heilsamen Einsamkeit richten. Plappern wir nicht den Medien nach, die in einer endlosen Spiurale immer nur dasselbe wiederkäuen. Hören wir auf uns selbst und unsere Bedürfnisse.

Auwald bei Sierndorf/March

Letztes Wochenende stapfte ich stundenlang ohne eigentliches Ziel durch ein fast vergessenes Auengebiet am Rande unserer kleinen ostösterreichischen Betriebsamkeit. Ich begegnete keinem Menschen: nur Tieren, Pflanzen, der Erde, den Steinen, der Sonne und der Luft. Es waren Naturwege im Auwald, die meist überwachsen waren und auf denen es einiger Vorsicht bedurfte, um nicht über Lianen zu stolpern, in verdeckte Erdlöcher zu plumsen oder im Schlamm zu landen. Das Gehen erforderte mit einem Male wieder Aufmerksamkeit. Ich war mit mir und meiner Konzentration alleine, konnte beim Gehen zu mir selbst kommen, mich wieder ein Stück besser kennenlernen. Ich begegnete meinem Ego, in einer uneitlen, selbstverlorenen und stillen Weise. Kein Narzissmus weit und breit. Keine Störung, keine Ablenkung: nur ICH inmitten der Welt, die mich mit ihrer Schönheit überreichlich belohnte. Es war sehr einsam dort, aber alles von tiefer Schönheit und Bedeutung. Man möchte sich bei Gott bedanken, hätte er sich nicht so oft desavoyiert. So dankt man der Mutter Erde, die schon ewig da ist und noch ewig da sein wird: mit und ohne uns..

Áhkká

Die ersten Schneeschauer ziehen aus Nordwesten über den Akkajaure als wir in Ritsem ankommen. Es herrscht rauhes Wetter, das sehr schnell mit Sonnenschein wechselt, so wie das hier im nördlichen Sápmi üblich ist. Nachdem wir die kleine primitive Hütte an einem Hang des nördlichen Seeufers bezogen haben, blicken wir auf das gewaltige Massiv des Áhkká, welches sich langsam vor unseren Augen enthüllt. Nebel und Wolken lösen gegen Abend langsam auf.

Ritsem Stugor

Vor Jahren haben wir im finnischen und norwegischen Teil von Sápmi einige Sieidis aufgesucht. Das sind Opferstätten der Sami, die meist an signifikanten Landschaftspunkten errichtet wurden. Viele dieser Siedis wurden während der Verfolgung der Samen im Rahmen der Christianisierung entweder zerstört oder sind zu einem Art Geheimwissen jener Samen geworden, die sich ihren Glauben nicht nehmen lassen wollten. Inzwischen sind die Ethnologie und Religionswissenschaft dazu übergegangen, diese für die Samen bedeutsamen Orte in der Landschaft zu kartographieren, sie werden in einigen Fällen staatlicherseits unter Denkmalschutz gestellt. Einige, wie etwa der Ukonkivi bei Inari sind Touristenattraktionen geworden und haben all ihre heilige Aura verloren. Der Ukonvivi, der mit einem Touristenboot angefahren werden kann, ist nichts mehr als ein weinig begrünter Felsen im See, an dem Touristen ihren Müll hinterlassen. Sie schaffen es nicht, diesen wieder aufs Boot mitzubringen. Und im Übrigen ist dort kaum Platz für eine stille Andacht.

Das Áhkká – Bergmassiv, das wir dieses Jahr besuchen, ist auch ein Sieidi, ein heiliger Ort der Sami-Mythologie. Es trägt den Namen der Muttergottheit, die in der Mythologie in mehreren Formen erscheint: als Maderakka, der ersten Akka (Erdmutter) mit ihren drei Töchtern Sarakka (die Göttin der Fruchtbarkeit, Menstruation, Liebe, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt), Juksakka (der Beschützerin der Kinder) und Uksakka (jene Göttin, die das beginnende Leben im Uterus formt).

Die Heilige Mutter Áhkká

Wir sind also, folgen wir der Mythologie, am Beginn der Menschheitsgeschichte angelangt, an einem Ort, der heilig war und noch immer ist. Wer das Gebirgsmassiv sieht, wundert sich darüber nicht, so beeindruckend ist es. Es selbst besteht aus vier Gipfeln, von denen einer keinen Namen trägt. Glücklicherweise liegt das Bergmassiv im Stora Sjöfallet Nationalpark, sollte also die nahe Zukunft relativ unbeschadet von den Einflüssen der modernen Zivilisation existieren dürfen. Nur der Tross der Fernwanderer, die sich im Sarek bewähren wollen, zieht in den Sommermonaten vorbei, zwar von den Bergen beeindruckt, aber im Wesentlichen ihrer körperlichen Leistung verschrieben. Die Rentierherden passen hingegen ins Bild.

Immer wieder müssen wir beim Einrichten für die Nacht aus dem Fenster unserer kleinen Hütte schauen, welche direkt auf das Áhkká schaut. Wir beschließen mit dem Auto zum Ende der Straße in Ritsem zu fahren und parken uns dort, hoch oben beim Campingplatz und der bereits geschlossenen Jugendherberge ein. Ein anderes Auto steht bereits oben mit einem Fotographen, der sich ebenfalls in das Gebirgsmassiv verliebt hat. Draußen stehend und wegen des kalten Wetters auch in unseren Autos sitzend, verlieren wir uns in der Landschaft, im gleißenden Licht des Massivs und letztendlich im Beginn der Menschheitsgeschichte. So muss alles mit uns begonnen haben hier in Sapmí. Vor der grandiosen Kulisse des Akkajaure und des Áhkká fällt es nicht schwer, demütig zu sein.

Die Weisse Leere

Wenn du nach der erfüllten Zeit in der Stille des Nordens nach Hause kommst, wirst du überwältigt vom existentiellen Chaos der Stadt. Du wirst den verletzenden Lärm in deinen Ohren spüren, die glühenden Impulse in deinen Adern, das unaufhörliche Krampfen und Lösen deines Muskeltonus. Vor deinen Augen flimmert gleißend das Leben der Stadt. Du wischt vergeblich die Abgase von deiner Stirn. Und dir wird bewußt: Mit Gewalt sollst du wieder in die Gleichgerichtetheit des Alltags eingepaßt werden. Wütend stapfst du durch die Nacht und umrundest den Park vor deinem Haus. Deine Aggressivität gegenüber den bedrohlichen Zumutungen scheint masslos zu sein.

Doch dann setzt es aus in dir und du verweigerst dich als der erste Morgen ausbricht. Nenn es Verweigerung oder Depression oder Zusammenbruch. Unter morgendlichen Schweissausbrüchen verfällst du in eine tiefe Ohnmacht, die drei Tage lang währt. Du kannst nichts anderes tun, als im Bett zu liegen. Eine Weiße Leere schützt dich vor den Ansprüchen des Lebens außerhalb deiner vier Wände. Du bewegst dich in Zeitlupe in einer Wanne aus weichem Gips.

Erst dann, am dritten Tag nach deiner Rückkehr bist du fähig, dich wieder der Außenwelt zu stellen. Du hast kapituliert und unterwirfst dich – für einige Zeit allerdings nur.

Schwanengesang

Die letzte Woche in Saskam waren von den lauten Geräuschen Wilder Schwäne begleitet, die sich am See vor unserer Haustür in Gruppen von zwanzig bis dreißig Tieren versammeln. Das gegenüberliegende Ufer ist weiß von ihren Leibern, die paarweise im Wasser lagern. Ihr gar nicht so angenehmes Rufen und Locken, ihr lautes Flügelschlagen auf der Wasseroberfläche, ihr aufgeregtes Getue, das selbst in den kalten Nächten kein Ende nehmen will, erinnert kaum an den sprichwörtlichen Schwanengesang, den dem Mythos nach sterbende Schwäne von sich geben sollen. Wir nennen unsere doch recht lebendigen Nachbarn deshalb scherzhaft und liebevoll Radaubrüder. Es ist ein aufgeregt schnatternder und diskutierender Haufen von Störenfrieden, die die fast absolute Ruhe an diesem See im Norden von Sápmi quälend of durchbrechen. Kein lieblicher Gesang, eher ein enervierendes Getröte, welches in seiner Ästhetik alles andere als schön ist. Fast könnte man es als Lärmbelästigung bezeichnen, wäre man als Städter nicht so fasziniert von dem ungewöhnlichen Treiben.

Auch in unserer Bucht tummeln sich die erregten Gesellen und hinterlassen am Morgen einen ganzen Felsstrand mit weißen Federn, die sie in ihrer Aufgeregtheit verloren haben. Ich turne auf den glitschigen Steinen herum, um schöne Exemplare für J. zu sammeln. Sie verwendet selbstgefundene Vogelfedern für die wunderschönen Traumfänger, die sie knüpft. Schwanenfedern hat sie meines Wissens noch nie verwendet.

K. und I., die Eigentümer unserer Hütte erzählen uns, dass sich die Schwäne um diese Jahreszeit in großen Gruppen sammeln, um gemeinsam ihren Flug in den wärmeren Süden anzutreten. Es sei das erste Mal, daß sie sich zum Sammeln „unseren“ See ausgesucht hätten, normalerweise passiere das an einem weiter entfernt gelegenen Gewässer. Gründe dafür wisse man keine. Gerührt fügt unserer männlicher Gastgeber hinzu, dass Schwäne als Paar ein Leben lang miteinander verbringen. Töte man einen von ihnen, bleibe der Hinterlassene am Ort und suche verzweifelt das Partnertier.

Was macht man also, wenn das laute Spektakel nach der ersten Wahrnehmung zu einem etwas nervenaufreibenden Getöne zu werden droht? Bei wem soll man sich beschweren? Bei Mutter Natur, die man ja in ihrer Bedrohtheit immer in Schutz zu nehmen gewillt ist? Die Einsicht, dass sie nicht nur eine kränkelnde alte Dame, sondern auch eine rücksichtslose Quartiergeberin sein kann, ist überraschend und ein wenig schmerzhaft. Womit hätte man so eine unerbittliche Geräuschkulisse im Urlaub eigentlich verdient? Vögelgeräusche sollen anmutig, lieblich und beruhigend wirken und die Tiere sich nicht als lärmende Nervensägen gerieren!

Und wenn die Schwanenmeute sich schon nicht entschließen kann, endlich in den Süden abzureisen, dann reist man/frau eben selber ab, zurück in die Lärmhölle unserer Städte. Der Urlaub ist ohnehin zu Ende. Dort, in der Stadt, wird uns das Krakelen der weißen Radaubrüder wie ein Ruf aus dem Paradies in Erinnerung geblieben sein. Ein Schwanengesang eben, ein Mythos vom schönen Leben.

Äquinoktium in Sápmi

Der diesjährige Urlaub in Jokkmokk neigt sich seinem Ende zu und es scheint mir, als hätten wir den bevorstehenden Abschied von diesem wunderbaren Ort mit dem Ritual zur Herbst – Tagundnachtgleiche begangen. Ursprünglich wollten wir ja an der sehr einsam gelegenen, alten Mühle in Granudden feiern, doch es ist in den letzten Tagen sehr kalt geworden, mit Temperaturen rund um die Null Grad Celsius. Wir entschließen uns deshalb für den bequemeren Weg. J. und ich feierten vor unserem (gemieteten) Haus in Jokkmokk, am Lagerfeuer direkt am See. Ein Ritual rund um den Sonnenuntergang.

Ich bin ja bei den Jahreszeitenfesten immer nur der zufällige Gast und ein unregelmäßiger Teilnehmer. Zu einem fixem Ritual habe ich es bis dato nicht gebracht, denn es gibt immer wieder viel zu viele Ablenkungen um mich herum. Der Sinn des Lebens scheint sich in der Bewältigung der Berufs- bzw. Alltagsroutinen zu erschöpfen. Das ist allerdings für meine aufkeimenden spirituellen Bedürfnisse zu wenig. Diesem Defizit werde ich hoffentlich mit meiner Pensionierung im kommenden Jahr aktiver als bisher begegnen, zumindest wünsche ich mir das. Ein bewußtes letztes Drittel des Lebens ist wichtig. Worum sollte es sonst gehen?

Deshalb schreibe ich auch selbst nach langen Unterbrechungen an diesem Blog weiter, es ist eine Art roter Faden, der wichtige Anderswelten meines Bewußtseins miteinander verbindet, seit vielen Jahren schon. Auf mich ist kurzfristig nicht Verlaß, nur längere Lebenszyklen zeigen mir, daß ich immer wieder an den selben Ruhepunkt zurückkomme. Das Schreiben ist so eine Gelegenheit, mich auf das Wichtige zu besinnen: ich könnte aber nicht sagen, worin dieses besteht!

Es liegt nahe, sich bei Anlässen, wo die Länge von Tag und Nacht einander gleichen, über die Balance von Begebenheiten oder Umständen im eigenen, persönlichen Leben Gedanken zu machen. Als mir J. dieses Thema vorschlägt, weiss ich zunächst nur wenig damit anzufangen. Nichts scheint in meinem Leben von Balance geprägt zu sein, alles ist diruptiv und zufällig, kaum in einer zufriedenstellenden Harmonie, die ich zu balancieren imstande wäre. Nur bei seltenen (und meist mit Rauschmitteln) herbeigeführten Gelegenheiten vermag sich der Zustand von Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Tiefe herzustellen. Im Grunde teile ich die Auffassung von Nimue Brown, die in ihrem Blogbeitrag Approaching the Equinox festhält: There’s a disconnection for me in the way we talk about equinoxes as times of balance, and the way I experience them. Und dann detaillierter ausführt: I don’t feel balanced in myself, either, I feel the rush of change, the scope for everything to be different. If I am still now, it is because I’m being tugged in a number of directions and am waiting to see which pulls are the strongest.

Alles scheint zu dieser Jahreszeit in mir und um mich im Wandel zu sein und der naheliegende Schluss, dass die Tag – und Nachtgleiche das Fest der Balance sei, trifft für mich nicht zu – weshalb die Aufforderung von J., Ausgleich und Ausgeglichenheit zum Thema des Rituals zu machen, seltsam fremd für mich wirkt. Wann aber soll sich ein Ausgleich herstellen, wenn er selbst nach fast dreiwöchigem Urlaub undenkbar erscheint?

Doch das gemeinsame Trommeln und Legen eines Mandalas mit den Überresten der Herbstvegetation macht es mir möglich, die Dinge für einen kurzen Augenblick anders zu sehen. Es ist ein Gegensatz, der mir zur Einsicht verhilft. Blicke ich auf die Seenlandschaft vor mir, so gleitet mein Blick immer wieder von West nach Ost und zwei sehr gegensätzliche Bilder erschließen sich: jene vom prächtigen Sonnenuntergang zu meiner Linken und gegenüber die beiden winzigen Inseln im Halbdunkel des Ostens. Hin und her gleitet mein Blick, wenn ich, wie jetzt, am Ufer des Sees stehe: vom Licht ins Dunkel, von West nach Ost und: vom verheißungsvollen Leben in den sanften Tod.

Doch dann wieder die Zerstörung des so mühsam hergestellten Bildes: Das Bild vom Trank des Vergessens drängt sich mir auf, jenes aus der griechischen Mythologie. Die Balance von Leben und Tod, die so kurze Zeit seine Geltung besaß, ist dahin. Der Tod verkündet sein Recht.

Sommersonnenwende 2018

Dieses Jahr wurde ich von der Sommersonnenwende überrascht. Mein Hauptaufgenmerk lag auf äußerst unangenehmen beruflichen Ereignissen, die mich nicht loslassen wollten und wollen. So kam die nachricht von der Sommersonnenwende überraschend. Eine Kollegin hatte sich dazu geäußert, so ganz nebenbei, und bedauernd gemeint, die Tage würden ab heute immer kürzer werden.

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Johanniskraut – Wikimedia Commons

Mir bleibt diese Jahr keine Zeit, mit Freunden rauszugehen und das Ereignis zu begehen. Ich begnüge mich also damit, einen Tagebucheintrag von früher zu posten, quasi als Erinnerung an die Energie und Magie, die solch ein Tag schenken kann:

J. leitete das Ritual mit grosser Umsicht. Ihre Stirn hatte sie mit einer strahlend gelben Sonne bemalt, den linken Arm schmückte eine bunte Blume und über die Hand zogen sich fünf Pflanzenarten. Schon einige Tage vorher hatte sie das Waldstück und die besondere Stelle,  wo das Ritual stattfinden würde, ausgesucht und dort auch die Nacht verbracht, um herauszufinden, ob uns die Naturgeister dort willkommen heißen würden.
Wir waren zu viert. J.,  Ch. und A., ich war das erste Mal dabei und wollte das Ritual deshalb so gerne mitmachen,  weil ich noch nie bewusst an einem Naturritual teilgenommen hatte. Rituale, das weiss ich mittlerweile, ziehen mich seit jeher magisch an.
In der Einladung waren wir gebeten worden, Steine für den Feuerring mitzunehmen, dazu auch Dinge,  mit denen wir den Ritualplatz schmücken wollten, Geschenke an die Naturgeister und für die Mitfeiernden und Essen für den Abschluss. Als wir um 19.00 am Ritualplatz ankamen,  erlebten wir eine schöne Überraschung. Eine Kinderspiel-gruppe, die in diesem Wald ihre Feuerstelle hatte, hatte an mehreren Stellen mit den dort gefunden Naturmaterialien gebaut: eine Waldburg, ein Waldmonster und viele andere sorgsam zusammengelegte Gebilde. An unserem noch jungfräulichen Ritualplatz lag ein wunderschönes Mandela, ein schönes Symbol für unser Unterfangen , so fand ich.
Nachdem uns J. gefragt hatte, ob wir Einwände gegen den Platz hätten und wir verneinten, räucherten wir uns und dann nahm J. die Räucherung des Platzes vor. Danach schmückten wir den Platz mit Blumen, die wir am Vormittag auf einem nahegelegenen Pflanzfeld besorgt hatten. Sie hatte 4 bemalte Steine mitgebracht, mit der wir jeder einzeln mit einer Farbe die entsprechende Himmelsrichtung bezeichnete: Gelb den Osten, Blau den Norden, Rot den Süden und Grün den Westen, dort wo wir während der Zeremonie wunderschöne und intensiv die Sonne untergehen sahen. Das fehlende Rund legten wir mit Steinen aus und entzündeten dann das Feuer. Ich reichte J. einen mit Baumharz bestrichenen Zapfen und schon bald brannte ein Feuer das wir wegen der vorherrschenden Trockenheit bewusst klein und niedrig hielten. Es brannte gleichmäßig und intensiv und wir trugen unsere Texte vor. J. hatte Johanniskraut besorgt, die Pflanze, die in diesen Tagen blüht und die der Sommersonnenwende zugeordnet ist. Ch. hatte Steine von einem Meeresufer mit. Schließlich aßen wir von den mitgebrachten Speisen. Hin und wieder musizierten wir: Trommel, Rasseln und Flöte. Es war schön, die Rhythmen aufeinander abzustimmen, gemeinsam den Beginn und das Ende zu begehen.
Mein erstes Naturritual und nichts von Emphase oder Betulichkeit. Ich konnte mich ganz intensiv auf die Natur um uns konzentrieren. Die Sonne ging gleißend im Westen unter und beleuchtete die Spinnweben, die zwischen den Bäumen hingen. Die Mücken verloren sich im Rauch unseres Feuers. Langsam verebbte das wilde Gezwitscher der Vögel. Der längste Tag des Jahres ging langsam zu Ende.

Die Stadt als (spirituelles) Labyrinth.

Tatsächlich existiert eine Fülle von Sachliteratur über Spiritualismus und Stadt, meist bezieht sich diese auf die großen monotheistischen Religionen. Der Paganismus bildet dabei keine Ausnahme, sind doch, so behauptet man zumindest, die Mehrheit der praktizierenden Pagans StadtbewohnerInnen. Ich habe eine Recherche mit der Datenkrake durchgeführt und bin allein bei den einschlägigen (englischsprachigen) Verlagen auf unterschiedliche Titel gekommen, die ein wenig die Bandbreite der Themen abbilden: etwa über den Urban Pagan im Llewellyn Journal oder zum selben Thema an anderer Stelle in The Pagan and the Pen. Im Blog des Moon Verlag etwa finden sich Hinweise auf drei Titel zum Pagan als Stadtbewohner: The Handbook of Urban Druidry von Brendan Howlin, The Rush Hour Shaman von Janet Elizabeth Gale und Traditional Witchcraft for Urban Living von Melusine Draco. Immer wieder zitiert findet sich ein älteres Buch aus dem Jahr 2002: The Urban Primitive: Paganism in the Concrete Jungle von den beiden Autoren Raven Caldera und Tannin Schwartzstein. Ich selbst bin das erste Mal auf dem Blog von Nimue Brown (Druidlife) auf das Thema gestoßen, die sich mit den Bäumen als Residuen spiritueller Tätigkeit in der Stadt beschäftigt hat. Dann kreuzte ein schmales und hübsch gemachtes Bändchen meinen Weg, dass heute rezensiert sein will: The City is a Labyrinth von Sarah Kate Istra Winter. Erschienen ist das Buch 2017 im Eigenverlag.

SKI Winter
Copyright: Tinderness

Tatsächlich darf man sich von den knapp 60 Seiten des Buches, welches man sehr bequem auch in kleine Taschen stecken kann, nicht zu viel erwarten: das große Thema Stadt als Hintergrund für spirituelle Begegnungen  wird eigentlich nur gestreift. Auch über den Animismus wird man hier wenig erfahren können, eine Beschäftigung mit ihm wird vorausgesetzt. Worüber wird also geschrieben?

Wie schon der Untertitel des Buches richtig vermuten läßt: es geht vorrangig um eine Anleitung für den gelassenen und assoziativen Gang durch städtische Umgebungen auf der Suche nach spiritueller Begegnung und Einsicht. Auch Pagans anderer Richtungen sollten mit den darin angesprochenen methodischen Tips etwas anfangen können. Das Buch ist ein methodischer Wanderführer für unsere Spaziergänge durch unbestimmte städtische Umgebungen. Die Stadt wird als Labyrinth begriffen, in dem man sich unter bestimmten Voraussetzungen verlieren soll, um Ungeahntes zu entdecken, gerade auch in spiritueller Hinsicht.

Sarah Kate Istra Winter bedient sich dabei eines methodischen Tricks. Sie verweist auf die Flaneure des 19. Jahrhunderts, die Situationisten der 1950er Jahre und die Psychogeographie der Gegenwart und versucht deren Methodik für ihre Zwecke nutzbar zu machen: die „animistisch beseelte Stadt“ besser verstehen zu können. Das klingt zunächst überzeugend, denn tatsächlich ermöglicht der Dérive (so haben die Situationisten ihre Methode des Spazierengehens nach dem Zufallsprinzip genannt) durch die Stadt die Überwindung der eingeübten Routinen und sinnlichen Begrenzungen des Alltags (Arbeit, Einkauf, Erholung, Behördenwege). Ob das aber aus sozialpolitischer  Sicht zusammenpassen kann (die Situationisten sahen sich durchaus als „linke“ Gruppierung), mag dahingestellt bleiben.

In a dérive one or more persons during a certain period drop their relations, their work and leisure activities, and all their other usual motives for movement and action, and let themselves be drawn by the attractions of the terrain and the encounters they find there,
schreibt Guy Debord in seiner Theory of the Dérive.

Neues kann erfahren und eingeübt werden, die Verbindung zwischen Psyche, Intellekt, Körper und städtischem Ambiente wird möglicherweise neu geknüpft. Das ermöglicht neue Sichtweisen auf unsere Welt, nicht nur in psychogeographischem Sinn, sondern möglicherweise auch auf das, was wir den spirituellen Hintergrund unserer städtischen Umgebung bezeichnen könnten. Doch diese Beweisführung bleibt dieses Buch letztendlich leider schuldig.

Wenn der Hinweis auf das Dérive der Situationisten auch durchaus überzeugend ist, so hat die Autorin darauf verzichtet bzw. vergessen, die zentralen Bestimmungselemente der Methode (als Kulturtheorie, als psychologisches Instrumentarium, als Erkenntnisinstrument, als Handlungsanweisung) herauszuarbeiten und sinnvollerweise mit den von ihr daraus gefolgerten Aussagen zur Vorfindbarkeit animistischer Bezugspunkte zu verbinden. So wirft sie nur ein Schlaglicht auf Möglichkeiten, überlässt den LeserInnen eine Fülle von unhinterfragten Behauptungen und verzichtet so auf nachhaltige  Überzeugungskraft. Das Buch kommt so nie über ein ungenaues Schlaglichter – Werfen heraus, ist selbst nur eine Beispielsammlung ohne zureichendes theoretisches Gerüst.

Insgesamt teilt die Autorin das Büchlein in mehrere Abschnitte. In einer Art Vorwort („Before Embarking„) tritt sie zu einer Art Ehrenrettung der Stadt als spiritualistischer Hintergrund an und schreibt kurz über die Methode des Dérive; im Abschnitt „First Steps“ weist sie auf die Möglichkeiten hin, in der Stadt die unterschiedlichsten spirituellen Orte und Kontexte aufzusuchen; im Kapitel „Betwixt and Between“ verweist sie auf die Chancen, die sich dadurch ergeben, sich in einer Art Schwellenzustand (zwischen den Welten) durch die Stadt treiben zu lassen; im Kapitel „Where the Wild Things are“ spürt sie den unterschiedlichen Arten spiritueller Orte auf und verweist auf die Möglichkeit, ganze Landkarten zu zeichnen,  in den Abschnitten „Let´s get Lost“ und „Ways and Means“ zeigt sie die Möglichkeiten von geplanten bzw. nicht geplanten spirituellen Spaziergängen durch die Stadt auf; kursorische und leider unvollständige Literaturangaben bilden den Abschluß des Buches. Eingestreut in den Gesamttext sind Zitate der dort angeführten AutorInnen, oft jedoch mag man sich fragen, warum ein Zitat gerade an dieser und an keiner anderen Stelle platziert wurde.

Insgesamt macht das im Selbstverlag herausgegebene Buch aus den oben genannten Gründen einen sehr inkompletten Eindruck und geht kaum über den eigenen, konkreten Erfahrungshintergrund der Autorin hinaus. Ob dieser grobe Sketch und die Happen im intellektuellen Menü den LeserInnen genügen mögen, müssen diese selbst entscheiden. Ich jedenfalls finde es schade, ein derart interessantes Thema so unfertig zu präsentieren. Mehr als Anregung kann und will es offenbar nicht sein.

Jedenfalls werden sich Pagans und Aninimisten jedweder Provenienz mehr um theoretische Einsicht und Ordnung bemühen müssen, um überhaupt ernstgenommen zu werden, denkt der strenge Rezensent in mir und wendet sich rasch anderen, seriöser gemachten Büchern.