Die Stille der Tage, Teil 10: The creeping catastrophie

Graffity am Bahnübergang zur Wiener Donauinsel

Am 13. März 2021 ist ein Jahr vergangen, seitdem für mich das Kreisen um den Lebenszustand „Corona“ begonnen hat. Nein, man hätte damals nicht vermutet, dass sich die Welt in einen derartig katastrophalen Zustand katapultieren würde. Theoretisch mag zwar immer alles möglich sein, emotional aber klammert man sich an eine konfliktarme Zukunft. In vielen Fällen belügt man sich dabei nur selbst.

Bis zur letzten Woche war ich tapfer und konstruktiv, mich eng an die verordneten Regeln haltend und zukunftsfroh. Bald würde die Bedrohung durch das Virus beendet sein, es durch Impfung und kollektive Vernunft besiegt werden. We can and we will do it! Dann, mit einem Male kam der Bruch. Er passierte an dem Tag, als ich zurückgekehrt war nach Wien, und mich aus der verordneten zehntägigen Quarantäne „freitesten“ wollte. Die Sprache ist ein verräterischer Gegner, dachte ich, als ich den einstündigen Fussweg über die Donauinsel nahm, um zu meiner Teststation zu gelangen. Wovon bitte, teste ich mich eigentlich frei? In den nächsten Test hinein, vor dem Friseurbesuch? Frei sein von Ansteckung, für die nächsten Minuten nach erfolgtem Test?

Ich betrat also das Testgelände und sah mich mit der Anordnung der Testbatterien konfrontiert, die mich an einen Gefängnisinnenhof erinnerte. Mit einem Male explodierte die Folgen von Pandemie in Kopf und Herz. Als ich den Platz vor dem Vienna Austria Center betrat, sah ich das riesige Areal, das im Freien für den Ansturm der Testpersonen ausgerichtet war. Fotografieren und Filmen verboten! Aber keine Menschenmengen, nur zwei Ordner mit schlechtsitzenden Masken waren zu sehen. Die hinter einer langen Schlange von Absperrungen aufgestellten Container und Ausgabestellen waren versperrt. Anordnungen auf aufgeklebtem Plastik überall: auf Wänden, Tischen, Ständern. Wo sind die Menschen? Doch ich war hier nur auf eine eiserne Reserve gestossen. Der aktuelle Ort des Testens befand sich einen Stock tiefer, in einer grossen Halle im Tiefparterre, die im Weiss des Mobiliars und der Kleidung des Personals erstrahlte. Keine Gesichter sondern Masken. Auch hier das Bild eines Kasernenhofs. Lieblos an die Wand gestellt waren Pflanzen, die man nur zur Seite geräumt hatte und die wohl vergebens auf den nächten Medizinerkongress warteten. Man hätte sie verwenden können, um das Gelände aufzulockern, doch das wäre ein Zuviel an Arbeit gewesen. Menschen in locker befüllten Sclangen, betreut durch gelangweiltes Personal an Kontrollstationen. Kaum ein Wort, das fiel und aus dem sich hätte ein Gespräch entwickeln können.

Ich hatte an einem solchen Ort so etwas wie angespannte Stimmung erwartet, doch ich fand nur Routine, Müdigkeit und depressive Verstimmung vor. Mir war, als ginge es hier nicht um die Befreiung von der Last einer Bedrohung, sondern um staatlich verordnete und routinisierte Handlungsanweisungen, bei denes ein negatives Testergebnis ohnehin erwartet wurde. Hier ging es um den Formalakt, um Zweckrationalität, um die Erfüllung einer staatsbürgerlichen Verpflichtung und allerhöchstens um rational begründete Solidarität mit dem Anderen. Abgestumpft gingen alle ihren Pflichten nach, Personal wie Testpersonen. Wie oft „muss“ ich noch „hierherwollen“, um mich gedankenverloren dem Testritual zu beugen? Schon jetzt fällt man auf, wenn man das Prozedere nicht beherrscht und von den Verantwortlichen angeordnet werden muss. „Das nächste Mal machen sie es aber selbst, gell?“, meint der bis zur Unkenntlichkeit vermummte Mann, der mein Stäbchen in der Lösung rührt und vier Tropfen auf den klobigen Teststreifen fallen lässt. Dann 10 Minuten anstellen. QR Code, ID und Krankenkassenkarte vorweisen, danach einen Ausdruck mit dem Testergebnis schweigend erhalten. Ich hatte es erwartet: Keine Freude mit dem Attest, der mir ein negatives Resultat bescheinigte, nur ein „Eh schon wissen!“ Fast Zeitgleich kam eine SMS an: „Sie haben an einem Test teilgenommen“. Das grenzt an Absurdität.

In diesem Ritual und Ambiente würden wahrscheinlich auch die Impfungen vor sich gehen. Routinisiert, lustlos, zweckoptimistisch allerhöchstens und mit einem Wenn und Aber für die Zukunft, wahrscheinlich fein aufgelistet auf dem Merkblatt. Nichts, worauf man sich wirklich freuen könnte. Es gibt schon so viele Wenn und Aber und das Panoptikum des Schreckens wird noch verschlimmbessert durch schlecht gespielten Optimismus von Kanzler, Vizekanzler und Gesundheitsminister. Nur der rote Wiener Gesundheitsstadtrat grummelt vor sich hin, ob der Vertröstungen und Anwürfe durch die türkis-grüne Bundesregierung. Er keift auch gerne zurück, tut aber sonst, was redlicherweise in seiner Macht steht, schlecht gelaunt, ganz offensichtlich. Immerhin: in gesundheitlichen Fragen war auf Wien meist Verlass. Unfreundlich aber tüchtig ist es, das Gesundheitswesen. Das wird auch in dieser Pandemie zu erwarten sein. Mit den leeren Testressourcen im überdachten Freien baut man vor, zum Wohle seiner Bürgerinnen. Wenn das Gelände nur nicht so deprimierend wäre! Nein, Wien darf nicht Tirol werden, es hat schon genug zu tun mit seinen Goldenen Wienerherzen.

Wieder vor dem Eingang des Austria Centers: Noch einmal hinsehen auf die Trostlosigkeit des Impfgeländes. Das Bild vom Alb wird deutlicher. Er hat sich auf meine Brust gesetzt, behindert mein Atmen und erdrückt mein Denken. Verdrängtes wird hochgeschwemmt, die Sicht auf die kommenden Jahre sind fast frei von freudiger Hoffnung. Nichts mag gegen die schlechte Laune und den pessimistischen Grundton helfen in dieser Stadt, in diesem Land und mit diesen Politikern. Atomisiert im Gesundheitssystem und einem autoritär geführten Staat, inmitten von populistischem Wahnsinn und gesunheitsgefährender Polizei, die Demonstranten in ihrem verantwortungslosen Tun gewähren lassen: das ist es, was uns auch in Zukunft erwartet. Die Welt wird zum Albtraum, ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie und mindestens ein Jahr vor ihrem möglichen partiellen Ende. Erschrocken schrecke ich hoch aus meinem Albtraum, der Realität zu werden droht.

Die Stille der Tage, Teil 9: Schnee. Stille. Mutationen. Resilienz.

Die Tage des Schneefalls scheinen vorbeizusein. Nach einer seit Langem nicht dagewesenen Periode des Schneefalls im Bodenseegebiet und in Westösterreich hat das Wetter umgeschlagen. Kein Blizzard mehr, der wütet jetzt an der us-amerikanischen Ostküste. Seit mehreren Tage regnet es stattdesen in meiner Region. Der Schnee verwandelt sich in eine graubraune Brühe und droht über das Bett des Dorfbachs zu treten. Es ist, als hätte sich schon jetzt bewahrheitet, was für die Klimakatastrophen des Jahres 2040 vorausgesagt worden war: Überschwemmungen. Die Hitzeperioden hingegen kommen dann im Sommer. Dass ich 2040 aller Voraussicht nach nicht mehr leben werde, ist wenig tröstlich. Auch heute Katastrophen überall, für Alle, auch für die Privilegierten und auch Zuhause. Das Jahr der Pandemie wird sich weit in das heutige Jahr erstrecken mit allen seinen Begleiterscheinungen: Isolation (Social distancing, Reiseeinschränkungen, Berührungsverbot); Pöbeldemonstrationen (Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme, Verzeifelte); Hinfälligkeit der Demokratien a la January 6; islamistischer Terror; Amazon; Arbeitslosigkeit; Social Media Gereiztheit allerorten. Eine Liste, die sich beliebig erweitern und verlängern lässt.

Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann spricht in der NZZ von der (narzistischen) Kränkung der Menschen: „Es liegt im Wesen einer auf technologischen Fortschritt gebauten Gesellschaft, dass sie sich für unverwundbar hält. Die Corona-Pandemie macht dem Glauben an die Machbarkeit einen dicken Strich durch die Rechnung. Es fällt uns schwer, Schwäche einzugestehen.“ Ich hingegen vermisse die Resilienz und Solidarität in unseren Sozialsystemen. Auf den ungehemmten und unverantwortlichen Individualismus der Covidioten pfeife ich. Als Risikopatient bin ich auf Solidarität angewiesen. Ich gebe, aber ich fordere auch. Und alles im Übermass.

Den grössten Teil des Jänners des längst enttäuschenden Hoffnungsjahres 2021 kann ich mit meinem Ruhestand nichts anderes anfangen als den bedrohlich schlechten Nachrichten aus aller Welt nachzujagen: meine perversen Gelüste nach schlechten Nachrichten verstecke ich hinter der Selbstdefinition Nachrichtenjunkie. Ich passe mich an an dieses Land, diese Lebensumstände, diese für mich neuen Beziehungsmuster. Das aber mehr schlecht als recht. Ich bleibe widerständig und widerborstig. Die üble Laune und die Ungeduld von alternden Menschen umhüllt mich wie ein dichter Nebel. Irgendwo habe ich gelesen, dass wir in solchen Tagen des eigentümlichen Nichtstuns im Alter beginnen sollen, unsere Abläufe zu ritualisieren. Ich gehe aber lieber raus in die Natur als ich mich mit der Organisation von Tagesrhytmen abzugeben. Gerne ginge ich wieder in ein Museum, in einen Gastgarten, in ein Konzert, aber nach Lust und Laune und nicht im Rahmen eines Zeitmanagementkurses. Ich glaube schon seit einigen Monaten nicht mehr an die Rückkehr ins normale Leben. Es wird was Neues werden, aber nichts Besseres oder Vertrautes.

Draussen, auf meinen Spaziergängen stapfe ich durch den Schnee und hänge ich meinen unheilvollen Gedanken nach. Auch dort draussen treffe ich zunächst nur hoffartige, neurotische und im Grunde lächerliche Menschen und meine verächtlichen Gedanken. Bis ich die unsichtbare Grenze des Dorfes überschritten habe, dann umgibt mich die Stille des Waldes, millionenfach verstärkt durch die Isolierung des Schnees. Ruhe und Einkehr ist überall. Niemand mehr, nur mehr die stille Strenge des Winters und das Atmen der gequälten Natur. Die Menschheit verblasst. Die Welt funkelt. Alles ist gut für eine Weile, auch wenn alles den Bach runtergeht.

Davos: Ein zahnloser Film aus Österreich

Die beiden Filmemacher Julia Niemann und Daniel Hösl haben über ein Jahr in Davos gelebt, um dort den gleichnamigen Film (2020) zu drehen. Ursprünglich sollte das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) nicht im Mittelpunkt ihres Filmes stehen, letztendlich habe sich das Thema nach Ansicht der Regisseure aber einfach aufgedrängt. So ist ein vordergründig engagierter und scheinbar kritischer Film über das Treffen der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik entstanden, der aber über eine moralisierende Beobachtung von Zaungästen nicht hinauskommen wird. Wie heisst es so pathetisch auf der Homepage des Films: „Der Film ist eine Chance, das Bewusstsein für globale Themen, die uns alle betreffen, zu schärfen. Davos geht uns alle an.“ Diesem Anspruch wird der Film leider nicht gerecht.

Zwei Welten werden gezeigt: jene des „normalen“ Lebens der Gemeinde Davos und der Ausnahmezustand anlässlich des seit fünzig Jahren jährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforums. Diese Welten fallen erwartungsgemäss auseinander. Während die Bauern und Migranten arm sind, in prekären Verhältnissen leben und hart arbeiten, machen die Mächtigen der Welt ihre klandestinen Geschäfte hinter verschlossenen Türen. Manche protestieren dagegen. Greta Thunberg wirft den Verantwortlichen Untätigkeit vor: Our house is still on fire and you’re fuelling the flames. Davos indes profitiert vom Kongresstourismius. Das ist alles nichts Neues und wenig überraschend. Wozu brauchen wir also diesen Film? Um als aufgeklärte Menschen unsere Erwartungshaltungen zu bestätigen? Um ein wenig Schweizer Ambiente zu schnuppern? Um uns von FilmemacherInnen belehren zu lassen? Um die böse Weltelite wieder einmal kritisieren zu dürfen? Davos ist Bauerndorf, Luftkurort, Wintersportort und Kongressort: aber auch das steht in Wikipedia und stellt wohl keine neue Einsicht dar.

Auch formal vermag der Film nicht zu überzeugen, Sequenz reiht sich an Sequenz, 99 Minuten lang und ohne eigentliche Einsicht, überraschende Wendung oder ästhetischen Genuss.

Der Film ist, brutal gesagt, überaus langweilig. Ein bemüht engagierter Film, der weder zu überzeugen vermag, noch interessante Einsichten bieten kann. Ein typisch kritischer Film aus Österreich eben.

Davos ist der meiner Meinung nach schlechteste Film im Reigen der hochwertigen Produktionen, die im Rahmen des Filmfestivals This Human World gezeigt wurden. Schade um die Zeit, schade um das Geld.

Indes soll das WEF pandemiebedingt nach Singapur weiterziehen. Das ist katastrophal für die Bewohner des Ortes, man wird sich neue Einkommensquellen suchen müssen. Aber auch das war erwartbar.

Die Stille der Tage, Teil 8

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Während die Pandemie unter den Armen dieser Welt wütet, sitze ich als Privilegierter zu Hause im Home Office. Ich habe Zeit, nachzudenken, kann mein Leben während der Krise ein wenig zurechtzurücken und versuchen, ihm eine neue Dimension zu geben. Ich bin weder von Kurzarbeit noch von Entlassung oder Gehaltskürzung bedroht. Ich lebe diese Krise wie eine neue Erfahrung, die mich neugierig gemacht hat. Ich habe diese Angst, mich anzustecken und weiß, ich gehöre zur Risikogruppe. Das ist die ganze lächerliche Bedrohung. Sie hat mich fest im Griff, sonst geht es mir gut. Freilich, ich bin von meiner Familie getrennt, die Grenzen zwischen unseren beiden Ländern wurden wieder errichtet. Doch ich kann, dank unseres Zugangs zum Internet, ständigen Kontakt halten. Es ist zwar ein wenig einsam um mich herum geworden, doch das bin ich gewohnt. Wenn die selbstverordnete Quarantäne unerträglich zu werden droht, steige ich hinauf auf die Dachterrasse, füttere meine Rabenvögel und lese ein Buch. Vom Alkohol halte ich mich ferne, die Verlockung ist groß, sich in einen anderen Zustand zu trinken. Weit ausgedehnte Spaziergänge am nahegelegenen Flussufer sind eine willkommene Abwechslung, werden aber bald zu eintönig. Ich lebe gut, nur eben anders. Das gibt mir die Möglichkeit, über dies alles nachzudenken und es einzuordnen.

Wir sind Privilegierte, hat Slavoj Zizek zurecht in einem Interview gesagt, er meinte auch mich. Möge also keiner der Bevorzugten nun beginnen, auf hohem Niveau zu jammern. Möge keiner sich über Distanz, Gesichtsschutz und die eingeschränkte Möglichkeit, seinem früheren Leben zu frönen, beschweren. Wir haben nicht das Recht dazu. Wir haben unsere Bücher, die Filme und die Nachrichten. Es gilt so viel nachzuholen. Zu klagen wäre arrogant, unsensibel und realitätsfremd.

Daß COVID-19 Menschen ohne Ansehen der Person hinraffen würde und der so erlittene Tod als großer „Gleichmacher“ wirke, ist verlogene Ideologie. Nie in der Geschichte war eine Seuche klassenneutral, der Schutz vor ihr war immer abhängig von den Möglichkeiten, die den Betroffenen zur Verfügung standen: intellektuell, finanziell, sozial und emotional. Damit unterschieden sie sich: von den anderen und von der dumpfen Masse.

Während ich also auf meiner Dachterrasse zu gärtnern begonnen habe, muss der Malermeister um die Ecke schließen und panikartig sein Geschäftslokal verlassen. Die Miete ist unleistbar geworden. In seinen Kombi packt er alles, was noch Wert für ihn besitzt, gemeinsam mit seiner Frau, die ein im Weg stehendes Kind anschnauzt. Vor wenigen Monaten haben sie das Geschäft eröffnet, voller Hoffnung mit wenig Geld – nun müssen sie beschämt kapitulieren. Es ist wie eine Flucht. Da hilft kein Rettungsschirm, er kommt zu spät.

Im Stiegenhaus begegne ich der Stewardess einer Billigfluglinie, die entlassen worden ist, weil es einfach opportun geworden war. Der CEO von Ryan Air nur noch diese Krise gebraucht hat, um den Standort Wien zu schließen. Mit 800 EURO Nettolohn hätten die Flugbegleiter im Schichtbetrieb ab nun mehr arbeiten als leben sollen. Ich weiß nicht, was ich zu ihr sagen soll. Wir reden von ihrem kranken Hund. Ich will sie nicht noch mehr beschämen.

Im Supermarkt schreit mich eine verwahrloste Jugendliche an, als ich um mehr Abstand zu mir ersuche: „Wenn ich Angst vor Corona hätte, soll ich gefälligst zu Hause bleiben. Sie habe genug von all dem Scheiß, den uns die da oben eingebrockt hätten.“

Die Populisten, Verängstigten und Verrückten haben mit einem Male das Sagen. Die Schockstarre löst sich langsam auf. Alle wittern den Stimmungsumschwung und genießen ihre Aggressivität. Die Angst vor dem Tod ist jener vor der sozialen Deklassierung gewichen.

Verschwörungstheoretiker spinnen ihre kranken Geschichten und nutzen die Gunst der Stunde. Die Privilegierten warnen. Parteipolitik wird auch wieder betrieben, mit all der gebotenen Gewissenlosigkeit. Weil Wien vermehrt testet und einen Cluster in zwei Postverteilungszentren ausgemacht hat, zeigt der Innenminister verlogen auf die Gesundheits- und Seuchenpolitik der Stadt. Bald wird in Wien gewählt, auch hier muss politisches Kleingeld gemacht werden. Ist das den Menschen zumutbar? Offenbar schon.

Es wird unappetittlich, der Alltag einer neuen Normalität kehrt ein in unsere Stadt. Warum alle in den Baumarkt gehen dürfen, aber die Theater und Kinos gesperrt bleiben müssen, versteht keiner. Doch Kultur ist nicht von Belang und die demokratische Prinzipien nur hinderlich im ungehemmten Regieren. Demonstrieren darf ohnehin noch keiner: das ist sehr praktisch. Es herrscht Versammlungsverbot, nur der Kanzler darf das bewußt organisierte Bad in der Menge nehmen. Die Opposition schäumt, zu Recht oder zu Unrecht, jedenfalls ohne baldige Aussicht auf Erfolg.

Die Stille der Tage, Teil 7

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Danke, Vereinigten Staaten, für die Befreiung vom Faschismus, danke für die CARE Pakete in der Nachkriegszeit, danke für den Marschall Plan. Letzterer war wohl nicht uneigennützig, sondern ein wichtiges Instrument in Zeiten des Kalten Krieges, aber trotzdem: Danke, Vereinigte Staaten! Ihr habt dem nunmehr unabhängigen Österreich unverdienterweise sehr geholfen.

Mit euren Regierungen und Präsidenten freilich hatte und habe ich oft Probleme. Nixon war einer davon (Vietnamkrieg), Reagan auch (Aufrüstung), George W. Bush („Schurkenstaaten“). Von Donald Trump ganz zu schweigen. Ich würde ja nicht über die maßlose Überheblichkeit, die Dummheit und den Zynismus von Herrn Trump sprechen wollen: über sie ist schon so viel ohne viel Nutzen gesagt worden. Doch sein komplett vergeigtes Krisenmanagement angesichts von COVID-19 mit seinen vielen Toten (Trumpdeathclock) reizt schon sehr zum öffentlichen Kommentieren. Und nun, nachdem die USA sich in der Krise dadurch hervorgetan hat, anderen Staaten bereits gekaufte Masken und Schutzbekleidung vor der Nase wegzuschnappen, gibt es auf einmal diese PR Aktion der Regierung Trump. Angesprochen ist das Nachkriegsösterreich, das Land von Kanzler KÖRZ, dem der Herr Präsident im Gedenken an 75 Jahre Ende des 2. Weltkriegs auf der Website der US-Embassy „Eternal Friendship“ androht.

Da tritt, 65 Jahre nach Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrags der US – Botschafter in Wien vor die Presse und gibt staatstragend bekannt, daß Österreich von den USA mit einem Geschenk bedacht worden sei: einer halben Million Schutzmasken aus Kalifornien (schwarz, unförmig, wahrscheinlich Baumwolle). Nicht kleckern, sondern klotzen in diesem Land von Kanzler KÖRZ: eine halbe Million für die Bedürftigen!!!! Sich deutlich abheben von den Maskengeschenken aus China oder Taiwan ist das Ziel. Letztere geben wenigstens zu, daß Österreich ein sehr positives „Geschäftsumfeld“ darstelle. Aber der Herr Botschafter betreibt Geschichte vor den Kameras des ORF: denn viele würden ja nicht wissen, daß die USA schon während der letzten Pandemie 1918 300.000 Kindern zu essen gegeben habe. Dies seien Freundschaftsmasken, die für die lokalen Verwaltungen, Schulen, die Wirtschaftskammer und NGOs. Wer bitte, frage ich, braucht diese Masken, wenn nicht die USA, allen voran US Präsident Trump, der sich bis dato noch keine Schutzmaske geleistet hat und so eine Gefährung nicht nur für seine engere Umgebung, sondern (in ähnlicher Weise) für sein gesamtes Land darstellt.

Würde derartige Schutzmasken in den Armutsregionen der USA oder anderswo nicht dringend gebraucht werden, würde ich jenen zornigen Wunsch äußern: Mögen sie in den Kellnern der US Botschaft in Wien vermodern! Die Dinger nähen wir uns selbst. Dem Herrn Botschafter indes wünsche ich das Allerbeste auf seiner peinlichen PR-Tour durch Österreich. Möge er eine seiner Masken dabei verwenden.

Die Stille der Tage, Teil 6

Nicht nur, daß die Verantwortungslosigkeit und Profitgier in Ischgl regieren durfte, und damit eine europaweite Infektionswelle ausgelöst wurde. Nicht nur, daß Kanzler Kurz uns allen mit einem Toten im Bekanntenkreis gedroht hat. Jetzt auch noch die Coronaparty des Kanzlers im Kleinwalsertal. Ein bestenfalls unbedarft agierender Bürgermeister denkt an keine Sicherheitsmaßnahme laut Pandemiegesetz, auf Facebook ruft man im Vorfeld zu Beflaggung und Würdigung des hohen Besuches auf, der Kanzler nimmt ein Bad in der Menge, indem er trotz anwesender Versammlung (derzeit verboten!) den Vordereingang des Hotels benutzt. Verlegen (ob der anwesenden Fernsehteams) aber ein wenig zaghaft (so einfach darf man ja eine massenhafte persönliche Huldigung auch nicht brüskieren!) bittet er jungenhaft, doch untereinander ein wenig Abstand zu halten. Er bittet darum!! Die anwesenden Ortsbürgermeister, Honoratioren und Fans lachen und klatschen. Hoch Österreich, hoch die ÖVP! Versammlungsverbot mißachtet, Abstandsregel mißachtet, Mund-Nasenschutz mißachtet, Pandemiegesetz verletzt. Die Obrigkeit provoziert und billigt sehenden Auges eine Versammlung. Sie riskiert des politischen Kalküls willen einen neuen Infektionsherd. Um seine sinkenden Beliebtheitswerte zu steigern, setzt Pandemie-Feldherr Kurz auf die symbolische Befreiung des eingeschlossenen Kleinwalsertales und läßt sich eitel feiern. Diese Reise hat vor allem symbolischen Wert. Er ist der Held der Öffnung der Grenzen Österreichs, der Retter der Tourismusindustrie.  Nein, da herrscht kein Verantwortungsgefühl, keine Staatsräson, nur das Schielen auf die sinkenden Beliebtheitswerte. Werden diese kleine Gruppe von Uneinsichtigen (vgl. auch die Pressekonferenzen der Minister Nehammer und Anschober) zuerst getestet und dann mit Ordnungsstrafen belegt? Schau auf dich, schau auf mich, sagt die Bundesregierung.

Was ist los mit diesem Land, das seine Gletscher trotz Klimakrise weiter mit Aufstiegshilfen und Gebäuden zubetoniert: Was ist los mit diesem Land, das im ersten Anlauf nicht einmal unparteiische Vorsitzende von Untersuchungsausschüssen (Ischgl!) zustandebringt. Was ist los mit diesem Landeshauptmann in einer Schwarz-Grünen Koalition (sic!), der ein Aussetzen der Klimaschutzvorheben öffentlich propagiert? Mich ekelt. Es ist derzeit sehr schwer, nicht zum Wutbürger zu mutieren

Die Stille der Tage, Teil 5

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Die Zukunft war in Gedanken eindeutig skizziert. Mit August 2020 hätte ich mit einem Resturlaub die Pension angetreten. Ich wäre ins Baltikum aufgebrochen, um dort einen ausgedehnten Wanderurlaub zu beginnen. Anfang September würde ich J. in Sápmi treffen, um mit ihr den norwigeschen Teil zu bereisen. Dann zurück nach Wien und mit frischem Geld und Medikamenten eine neuerliche Wanderung begonnen: von Wien in den Thurgau. Ich wollte meine Übersiedlung in die Schweiz mit einem langsamen ÜberGANG einleiten. Von den Wochenendflügen zu meiner Familie habe ich inzwischen genug. Gehen rückt die Wirklichkeit zurecht, davon war und bin ich überzeugt. Im Alter wird die Zeit knapp. Pläne verschieben ist eine schlechte Option.

Doch COVID-19 machte all dies zunichte. Wer will schon planen, wenn selbst die Politik, die immer vorgibt, alles mit Sicherheit zu wissen, kleinlaut gesteht, dass sie nur beobachten kann und nicht über ein paar Wochen hinausdenken will. Selbst das Staatsbudget sei derzeit nicht festschreibbar, meint der Finanzminister. Er legt bis heute keines vor, trotz einer bislang noch nie gesehenen Staatsverschuldung und des heftigen Protests der Opposition.

Jedenfalls bin ich seit sechs Wochen ins Home Office verbannt, an eine Reise in die Schweiz war und ist dabei nicht zu denken. Wann sich die Grenzen zwischen beiden Staaten öffnen werden, bleibt auch in der 6. Woche Lock Down mehr als unbestimmt. Epidemologen rechnen mit einem baldigen Wiederaufflammen der Pandemie. Wenn ich die Sorglosogkeit vieler Passanten beobachte, mit der sie sich über die Basisregeln des verantwortungsvollen Umgangs miteinander hinwegsetzen, erscheint mir das wahrscheinlich. Es wird nicht viel zu planen sein in diesem und in den kommenden Monaten. Ich habe inzwischen aufgegeben über den Tag hinaus zu organisieren, warte nur mehr darauf, meine Familie besuchen zu können. Alles andere wird sich weisen. Gelassenheit könnte man das nennen, sie ist leider aus der Not geboren.

Nach sechs Wochen Perspektivenlosigkeit bin ich missmutig geworden. Und es zeigt sich: da schwimme ich im Mainstream. Der Unmut vieler steigt: sie wollen eine klare Perspektive, um zu wissen, was mit ihren Sommerurlauben anzufangen sei. Es geht nicht nur um Geld, es geht auch und (vielleicht) vor allem um den Rückkehr in eine Pseudo-Normalität. Doch wer soll diese Perspektive geben, wenn selbst die Politik nicht weiss, wie weitertun. Wir werden die Entwicklungen genau beobachten, sagt sie. Das ist, was auch nur mir bleibt und vielen Anderen. Die Zukunft ist verschüttet. Ich warte zuhause, lasse mich von der unzulänglichen Software und den Kontrollanrufen meines Arbeitgebers quälen, lese viel und krame in alten Fotos. Ich bin auf Standby, wahrscheinlich noch bis Sommer. So habe ich mir das Ende meiner Berufslaufbahn nicht vorgestellt. Der Lock Down macht es deutlich: das Arbeitsleben hat auf mich vergessen.

In den Medien begegne ich mehrmals dem deutschen Politiker und Epidomologen Karl Lauterbach, inzwischen zum ungeliebten aber notwendigen Star der Talk Shows aufgestiegen. Ungerührt bleibt er bei seinen Präventions-Postulaten: Mundschutz, Distanz, Big Data Tracing, umfangreiches Testen, restriktive Reisepolitik. Über Österreichs Flirt mit dem Tourismus lächelt er gequält. Die freizügigen Angebote der österreichischen Regierung will er nicht kommentieren. Er ist der Gottseibeiuns der Realitätsverweigerer und Wirtschaftsfreunde. Er bringt die schlechte Nachricht, ungerührt, und lässt unsere Hoffnungen schmelzen. Und er verortet die aufkeimende Sehnsucht nach dem Vergessen: „Die Stimmung in der Bevölkerung dreht sich klar. Je weniger die Bürger das Risiko spüren, desto klarer müssen die Regeln formuliert, begründet und kontrolliert werden“. Aus, Schluß und Pause.

Die Stille der Tage, Teil 4

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Auf facebook habe ich bei einer ehemaligen Arbeitskollegin einen geharnischten Kommentar über die jüngste Veröffentlichung von Matthias Horx hinterlassen. Der selbsternannte Visionär schreibt auf seinem Blog über die Folgen von COVID-19 und weist auf die Chancen hin, die diese Krise mit sich brächte. Sie war begeistert und mochte dabei den optimistischen Zug des Textes in Zeiten der Krise. Ihr schrieb ich in den Kommentar:

Ich vermag den Optimismus von Herrn Horx nicht zu teilen. Er urteilt von der Warte eines Privilegierten, der offenbar nicht von Kurzarbeit, von Arbeitslosigkeit, von chronischer Krankheit oder von Tod betroffen ist. Er sitzt nicht an der Supermarktkasse, steht nicht als medizinisches Fachpersonal im Dauerfeuer, muss die Krise nicht managen. Ich finde den Text fahrlässig, unausgewogen und präpotent. Sorry.

Tatsächlich argumentiert Horx im Sinne einer idealisierten Corona – Rückwärts – Diagnose. Er prophezeit, daß wir uns im September an die Ereignisse rund um die Pandemie folgendermaßen erinnern würden: die Ökonomie habe wie ein schlafender Riese nur gedöst (und sich mittlerweile erholt), Trump sei letztendlich abgewählt worden, das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur habe sich zum Positiven verschoben. Zwischen den Menschen habe sich wieder so etwas wie positive Nähe entwickelt, eine Art Zukunfts-Intelligenz sei entstanden. COVID-19 habe uns zwar die Angst, aber auch das Erlebnis der geglückten Angstüberwindung beschert. Das Virus sei demnach so etwas wie ein Evolutions-Beschleuniger.

Es ist nicht so, daß dieses Traumbild eines Zukunftsforschers provokant wäre. Im Gegenteil, es lullt ein und richtet den Blick auf die Luxusphantasien jener privilegierten Schichten, die stets auf sehr hohem Niveau zu jammern bereit sind. Ich meine, daß es sich bei dem Text von Matthias Horx um einen sehr fahrlässigen Text handelt. Nicht nur, daß er die Gesetze der Pandemie nicht kennt, er weiss auch nicht um unsere prekäre soziale, ökonomische und gesellschaftliche Verfasstheit. Er verschließt die Augen vor der neuen Realität. Er kennt die Wut nicht, die einem befällt, wenn der Lock Down die eigene Lebensgrundlage zerstört hat.

So spricht Hort von einer süßen Neuen Normalität, einer gefälligen Zukunftsvision, die mit der schwierigen Zukunft, die uns erwartet, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Doch die Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, sind endgültig vorbei. Die Zeiten werden noch prekärer, als sie ohnehin schon vor dem Ausnahmezustand waren.

Diese, meine Empörung, kann ich meiner ehemaligen Kollegin in der Facebook – Öffentlichkeit nicht ersparen. Sie antwortet im Gestus des Trotzes, daß eben jede/r seine Meinung habe. Meinung schon, aber entspricht sie deshalb auch den Tatsachen? Doch das schreibe ich nicht mehr zurück. Auch nicht, dass jeder, der sich öffentlich äußere, wohl auch mit öffentlicher Kritik zu rechnen habe. Ich habe es mir heute wieder einmal gründlich mit einem Gegenüber verdorben.

Die Stille der Tage, Teil 3

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Nein, der Tod vergisst uns nicht in diesen Zeiten. Es wird mit ihm gedroht, es wird übermässig gestorben, oft unversorgt. Särge stehen in den Kirchen und werden in Militärkonvois verbracht. Die Allgegenwart des Todes. Die Angst, sich anzustecken ist hoch (und berechtigt). Man gehört zur Hochrisikogruppe. Eine Zeitlang fürchtet man den Kollaps der Spitäler. Statistiken. Jeder Tote ist zuviel, sachlich wird die Zahl genannt.  Das die Toten stetig weniger werden, hilft nicht sehr. Man will nicht sterben, nicht an dieser Zumutung.

Im Supermarkt, wenn man andre gereizt ersucht, den erforderlichen Abstand einzuhalten, hört man mitunter das brutale „Bleib zu Hause“. Im Alter erlischt der Anspruch auf Leben, vor allem in den Augen anderer. Und man bleibt zu Hause als Risikogruppenmensch und geht nur raus in den Wald, um sich auszulüften. Home Office, Kasernierung, ein Paar Rundgänge im Gefängnishof, Essen fassen. Das Leben ist sehr übersichtlich geworden. Das hilft beim Versinken in sich selbst. Das hilft beim Ordnung machen. Das einem das Sterben zugetraut wird, das ahnt man hinter gutgemeinten Worten: „Sie gehören ja zur Risikogruppe. Bitte bleiben sie zuhause. Seien sie vorsichtig.“ Man ist darüber erschrocken, was einem zugetraut wird.

Das alles ist schwer zu ertragen, aber ich stimme nicht ein in das Gejammere vom Unfreisein. Ich habe mich entschlossen, mich freiwillig zu inhaftieren: das macht es leichter. Ich schütze mich. Egoismus pur, einer zu dem man stehen kann. Und auch die Angst um die Anderen, die Familienangehörigen, die jenseits der Grenze leben. Daneben bleibt ein wenig vorgeschützes Verantwortungsbewusstsein, merke ich: Wenn du dich schützt, schützt du auch die Anderen. Ich will einfach nicht infiziert werden, darum gehts. Ich hatte noch so viel vor. Das Leben war so voller Möglichkeiten. Wo sind die alle hin?

Nicht die Kasernierung im Heim macht kribbelig im Kopf und Körper, es ist das eingesperrt sein innerhalb der Grenzen eines Landes. Die Vorstellung nicht RAUS zu können, aus diesem Land in dem ich geboren wurde und an dem ich durchwegs leide, ist schwierig. Ich gehöre zu den Nichtsesshaften, schon immer, mein Leben lang. Wegzugehen, anzukommen, im Transit zu sein: darauf kam und kommt es an. Am Wandertrieb scheitere ich jetzt. Der eigene Lebensentwurf wird brüchig. Keine Personenfreiheit mehr, das Land ein großzügig eingerichteter Gefängnishof. Das ertragen manche nicht. Es geht nicht nur um Freizeit.

In einem Fernsehbericht sehe ich, wie Paare die in Orten dies- und jenseits der Grenze leben, an bewachten Grenzzäunen Tränen unterdrücken. Wer versäumt hat, seine Beziehung rechtlich abzusichern, schaut jetzt durch die Finger. Der Staat kennt freiwilliges Beinandersein nicht. Er will Ehen, eingetragene Partnerschaften, Konkubinatsvereinbarungen, um Ausnahmen im Ausnahmezustand gütig zu erlassen. Wie soll er sonst das alles kontrollieren? In aller Vorsicht dürfen nur Rechtssubjekte zueinander, keine Gefühle. Meine Partnerin und ich unterschreiben eine Petition, wissen gleichzeitig um die Vergeblichkeit des Unterfangens. Die einzige Hoffnung ist der Tourismus: seine Kapitalmacht wird die Öffnung der Grenzen erzwingen. Da wird sogar der Kanzler pseudo – menschlich: Wenn die Ansteckungsquoten in Regionen diesseits und jenseits der Grenze gleich niedrig sind, warum soll sie dann geschlossen bleiben? Doch jenseits der benannten Grenze wütet schon bald wieder der Virus, in den Quartieren von Wanderarbeitern, die die Tiere für unsere Mahlzeit schlachten. Der Virus kennt den alles entscheidenden Unterschied: den zwischen Arm und Reich.

Wir, die wir den Tod doch so gut verdrängen, schauen des öfteren auf unsere Schulter. Dort sitzt er und grinst gelangweilt. Denn ja, es wird auch bei mir gestorben, aber jenseits der Grenze – auf völlig andere Art und Weise als befürchtet. B. hat sich entschlossen, den Freitod zu wählen: das will er, denn er hat, unheilbar erkrankt, jeden Grund dazu. Sein Staat erlaubt das. Er stirbt ohne mich, ich werde, wenn auch nicht physisch, bei ihm sein. Mich tröstet: gestorben wird nur allein, keiner kann mit.  Die trauernde und sich selbst bemitleidende Umwelt stört dabei nur. Das letzten Mal habe ich ihn in einer Videokonferenz gesehen. Er freut sich aufs Sterben, denn so, wie es jetzt ist, das ist kein Leben. Und er läßt uns zurück in der Pandemie, und das macht ihm selbst jetzt noch Sorgen. Ihm fällt sie morgen von den Schultern wie eine zweite Haut.