Die Stille der Tage, Teil 2

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„Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist.“ Das war die Warnung des Regierungschefs am 30. März. Die Lage sei dramatisch. Kanzler Kurz hat die Parole zu Beginn des Lock Down in einer dramatischen Pressekonferenz ausgegeben. „Gehorsam durch Angst“ sollte erzeugt werden, schreibt ein österreichisches Monatsmagazin. Vernunft erschien nicht durchschlagskräftig genug. Die Körpersprache des Kanzlers drückte aber niemals Sorge um die Menschen aus. Dramatische Aufrufe und Reflexionen über das Leben passen nicht für glatte Macher. „Zack, Bumm“ muss es für diese gehen, die Welt hat nach ihren Entwürfen zu funktionieren. Betroffenheit ist nur eine Worthülse. Glattheit und Machbarkeit dominieren. Taktik ist alles, diesmal wird eine dunkle Drohung gewählt. Dramatisch glaubhafte Aufrufe bleiben wohl anderen Charakteren vorbehalten, Heinz Fischer wäre so einer gewesen, dem man das Bedenken geglaubt hätte. Dem Kanzler hingegen war in dieser Pressekonferenz die Sorge um unser aller Leben ncht abzunehmen. Wie immer, wenn er spricht, wirkte er kontrolliert, steril und berechnend. Er spricht in seiner vermeintlichen Sorge wie ein schlechter Geschichtenerzähler, der die Emphase dorthin legt, wo sie unpassend erscheint und der dort extemporiert , wo Stille geboten ist. Man weiss, daß er bedenkenlos lügen würde: doch wir sind bereit, das hinzunehmen. Wenn nur Alles gut geht und alles wieder so wird wie vorher. Lost Paradise! Wenigstens neue Normalität dürfen wir von ihm erhoffen.

Es war ein neues Meisterstück der Message Control, den Österreichern jene Angst einzuimpfen, die sie offensichtlich verspüren müssen, um vernünftig zu handeln. Anders funktioniert es nicht. Die Selbstverantwortung ist dem Menschen nicht zumutbar, sie muss in Stücken langsam aufbereitet werden. Dabei kann man dem Volk nicht trauen. Wir sind nicht Schweden und wollen es auch nicht sein. Awareness und Selbstverantwortung bereiten uns immer schon ein klammes Gefühl in der Brust.

Der Falter hat darauf hingewiesen. Es habe jene Sitzung am 12. März 2020 im Bundeskanzleramt gegeben, bei der diskutiert wurde, wie den Österreichern die nötige Vernunft einzutrichtern sei. Ein obligates Mittel sei die Angst, wird da gesagt. Wie wäre diese also zu schüren, um die lethargische Schönrederei des Österreichers zu durchbrechen? Kurz gibt zwei Wochen später besagte Pressekonferenz und der Satz erlangt beschämende Berühmtheit. Die Corona Toten in unserer Bekanntschaft allerdings sind den meisten von uns erspart geblieben.

Das ist der Grundzug der österreichischen Seele: daß sie die autoritäre Führungspersönlichkeiten benötigt, die sie zur Angst vor dem Existenzverlust oder gar dem Tod führt. Dann wird gehorcht und jeder stellt sich dabei vor, wie vernünftig und verantwortungsbewußt das sei. In dieses Bild paßt auch die pathologische Idee von der unbeschränkten persönlichen Freiheit. Es ist der Gegenspieler der Angst: die hemmungslose Selbstüberschätzung. Alles liege demnach in der Verantwortung des Einzelnen, dem jedoch der moralische Maßstab fehlt, welches rechtes Handeln ermöglicht. Das Kind Österreicher handelt nur weil es Angst hat, weil es unbändig frei sein will oder weil es dauernd gelobt wird. Ansonsten beschäftigt es sich mit sich selbst, kauft ein im Baumarkt und tobt sich aus bei seinen Projekten. Der Baumarkt! Er muß natürlich zu Allererst wieder geöffnet werden, wenn der Kanzler dem Volk seine Freiheit wieder stückweise schenkt. Ich nehme mir vor, in nächster Zeit in den Büchern Erwin Ringels zu lesen, um mich in die beschämenden Geheimnisse der österreichischen Seele umzusehen.

Da ist das Kasperletheater vom guten Herrscher. Den Anfang macht hier „unser HBP“, der sich als väterlicher Tröster der Familie Leitner geriert und dem auch deshalb hohe Anerkennung zuteil wird: „Wir Österreicher schaffen das schon“. Ein bißchen Schulterklopfen, ein wenig Zuhören, ein gütiges Kopfnicken und die Hände zum fernöstlichen Gruß gefaltet, das sind seine Wunderwaffen im Krieg gegen das Virus. Überholt wird er allerdings von den Nehammers, Anschobers, Köstingers und Schramböcks, die immer wieder loben, wie brav sich Herr und Frau Österreicher (und alle, die in unserem Land leben) bislang verhalten haben. Sorge bereiten nur diese kleine Gruppe von Unbelehrbaren, die durchgeknallten Freeiheitskämpfer, von denen wir schon gesprochen haben. Sie werden abgestraft, weil sie sich nicht fügen, nicht weil sie unvernünftig sind. Gleichzeitig hängen die gewählten Eltern die Rute ins Fenster: Wir können auch anders, ganz anders! Hausarrest!

Erwachsen ist das Alles nicht. Wie irritierend erscheint im infantilen Treiben dieser Tage eine dritte Tonlage, die wir in den Pressekonferenzen treffen: jene des Vizekanzlers. Herr Kogler rüttelt und schüttelt und poltert. Er sei nicht da, die kleinen Alltagssorgen zu bedienen, er sei für die strategischen Würfe zuständig. Dabei habe man ihm zuzuhören. Er verliert sich dabei in mühsam zurückgehaltener Wut, weil die Dinge nicht so klappen, wie sie zu klappen hätten, weil detailliert gefragt wird, wo er über die großen Linien sprechen will. Er hört sich gerne und verfällt in den Rausch der Vielredner, die man nur halb versteht, vielleicht insgeheim bewundert, die einem letztendlich aber auf die Nerven gehen. Er ist der gscheite, aber aus der Art geschlagene Sohn der Leitners. Auch ihn muss es geben in unserem Theater.

Die Stille der Tage, Teil 1

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Es ist Freitag, der 13. März 2020, als ich erstmals die Corona Pandemie ernst nehme, drei Tage vor dem offiziellen Lock Down Österreichs. Das Wochenende steht bevor, ich will meine Familie in der Schweiz besuchen.

Am Morgen dieses Freitags komme ich mit Fluggepäck ins Büro, wie viele Wochenende vorher. Gleich nach Arbeitsende will ich nach Z. fliegen. Ich bin ein Pendler, ein Produkt der Globalisierung. Diese aber würde nun ad absurdum geführt. Die Pandemie, selbst ein Kind der Globalisierung, bringt diese zum Erliegen. Nationalstaatlichkeit erlebt eine neue Blüte, Grenzen werden geschlossen, internationale Produktionsketten ohne Vorwarnung unterbrochen. Nur die Angst vor Infektion bleibt der Welt erhalten.

Kollegen blicken mich verständnislos an. Jetzt wolle ich Österreich verlassen, vor dem erwarteten Lock Down? Was wäre, wenn ich dann festsäße in der Schweiz und nach dem Schließen der Grenzen nicht mehr zur Verfügung stünde? Wäre das Infektionsrisiko auf Flughäfen und in Flugzeugen nicht besonders hoch? Müsse ein Staatsbeamter in solchen Situationen nicht im Lande bleiben, bereit zum Dienst am Gemeinwohl? Bedeute ein Verlassen des Landes in dieser Situation nicht eine Verletzung der Dienstpflicht?

Langsam beginnt meine Sorglosigkeit zu schwinden. Gruppendruck und Hysterie bauen sich auf. Die Stimmen sind schrill, die Argumentationen der Kolleginnen und Kollegen skurril. Sich dieser Stimmung zu entziehen, ist unmöglich. Ein Kollege wähnt sich selbst schon infiziert: er verabschiedet sich sofort ins Wochenende. Ist er wirklich überängstlich? Ich werde nervös.

In einer eilends einberufenen Teamsitzung werden wir informiert, dass ab nächster Woche vielen Beamten Home Office verordnet sei. Nur systemrelevante Personen hätten physische Präsenz zu zeigen. Darüber hinaus wisse man nicht viel. Für mich selbst gelte, dass ich sofort die Amtsräume verlassen soll. Ich bin mit einem Male als das stigmatisiert, was ich wahrscheinlich auch war: ein Angehöriger der Hochrisikogruppe. Das muss später meine Ärztin bestätigen. Risiko für wen, frage ich mich. Warum sorgt sich diese Regierung, dieser Betrieb, dieses System so um mich? Mit meiner Systemrelevanz wird das wohl nicht in Verbindung stehen.

Langsam packe ich meine Arbeitsunterlagen und fahre nach Hause. Schnell versorgt mich meine Vorgesetzte noch mit Heimarbeit. Im Supermarkt beobachte ich in einer Mischung aus Schrecken und Belustigung erste Hamsterkäufe. Der Run auf Toilettenpapier belustigt mich. Aber auch hier: die Infektion schreitet voran. Auch ich kaufe auf Vorrat. Meine Familie ist verständigt: ich werde in Wien bleiben.

Seit diesem Tag, der sich schicksalsschwanger und zugleich lächerlich als Freitag, der 13. geriert, ist alles anders geworden, in unser aller Leben. Die Stille ist hereingebrochen.

Hugin und Munin

Munin
Munin observiert sein Revier.

Nachdem ich während COVID-19 ins Home Office verbannt wurde, bleibt mir viel Zeit, mich meiner Wohnung mit der angeschlossenen Dachterasse zu widmen. Es ist eine intensive Wiederbegegnung mit den Rabenvögeln, die mich schon seit langer Zeit begleiten. Ich habe sie nach den beiden Vögeln Odins aus der nordischen Mythologie benannt. Während Munin in einem Baumnest unter meinem Fenster brütet, verteidigt Munin ihr Revier und versorgt seine Lebensgefährtin mit der notwendigen Nahrung. Gott Odin mit den Nachrichten über die Menschenwelt zu versorgen: das wird gerade ein wenig vernachlässigt. Aber es ist ohnehin still in dieser, unserer Welt, denn  die Pandemie regiert und zwingt uns nieder. Wir lernen gerade, wieder ein wenig Ehrfurcht zu haben vor den Naturgewalten. Das ist wohl notwendig.

Damit aber später, wenn Hugin und Munin wieder ihre Botenflüge zu Odin aufnehmen, sie auch nur Gutes über mich erzählen mögen, habe ich Ihnen Tränke und Futterschüssel aufgestellt und nehme eine regelmäßige Fütterung auf. Sie scheinen sich wohl zu fühlen auf meiner Terrasse, denn sie nutzen meine Blumentöpfe, um die überschüssige Nahrung zu vergraben. Auf gute Nachbarschaft!