Ein wenig Grün, aber giftig

Heute am unmittelbaren Ufer der Thur entlang gegangen, um Schwemmholz und schöne Steine zu sammeln. Ein holpriger Weg, über gefrorene Pfützen, Steine und Sandflächen hinweg. Schnee liegt keiner mehr. Natürlich darf auch das Feuer nicht fehlen, das wir unter großer Mühe entfachen. Das Schwemmholz sieht zwar trocken aus, ist aber bretthart gerfroren und enthält viel Wasser. Es ist bitterlich kalt, aber eine wunderschöne Zeit, um Draußen zu sein. Wir sind alleine, sitzen auf einem Baumstamm und sehen der Thur beim Fließen zu. Am Feuer brät die Wurst.

Steine
Steine und Holz aus der Thur. Copyright: Tinderness

Neues Grün zeigt sich keines, ich bin deshalb begeistert, als ich in einer Mulde ein erfrorenes Schneeglöckchen entdecke. Man möchte es mit Moos bedecken, um es gegen die Kälte zu schützen. Imbolc ist nun schon mehr als drei Wochen vorüber und es scheint, als hätte der „richtige“ Winter erst begonnen. Mir fällt eine Aussage ein, die ich in einem Online Magazin gelesen habe: Früher hat man Winter dazugesagt, heute will man genau wissen, warum es so kalt ist. Beim Gedanken an den ironischen Sager muß ich lächeln.

Thur
An der Thur. Copyright: J.E.

Unruhe überall. Obwohl ich den Aufenthalt draußen genieße, merke ich auch die wilde Energie, die sich hier im Freien entfaltet: Bittere Kälte, unruhiges „flaches“ Feuer, das immer wieder unter lautem, schußähnlichen Krachen explodiert, Rotkehlchen, die uns unruhig flatternd in weitem Bogen umschwirren. Das Holz läßt sich nur schwer zerkleinern, die Würste brennen an. Der Baumstamm, auf dem wir sitzen, strahlt unbarmherzig seine Kälte ab. Wildenten stoben auf und flattern unruhig flußabwärts, auf der Flucht vor uns. Ein kleiner Hund kommt aus dem Unterholz dahergesprungen und kläfft uns an. Er trägt einen Hundemantel in Tarnfarben. Ich verletze mich mit meinem Messer am Finger. Nein, heute ist kein Tag für einen ruhigen, medidativen Aufenthalt am Fluß.

Ein großer grüner Fleck im Dickicht erregt meine Aufmerksamkeit. Es ist Efeu, kleine grüne Blätter und schwarzblaue Früchten auf Dolden. Das Räuchern der getrockneten Blätter soll unser Unbewußtes anregen und uns helfen in die Anderswelt zu blicken. Die schwarzblauen Früchte sind hingegen sehr giftig. Ich sammle Blätter und Früchte in meinem Baumwollsäckchen. Die Pflanze paßt zum heutigen Tag.

Schwerbeladen mit Steinen und Schwemmholz kehren wir nach Hause zurück. Ich breite die gesammelten Blätter und Früchte zum Trocknen aus.

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Efeuernte. Copyright: Tinderness

Die ersten Selkies meines Lebens

Gestern, stark vergrippt und in einer Art krankheitsbedingtem Trancezustand lese ich  Philip Carr-Gomm: Druidcraft. The Magic of Wicca & Druidry. In dem 2012 erschienen Buch versucht er den Gemeinsamkeiten von Wicca und Druidry nachzuspüren, nicht nur auf Basis gemeinsamer historischer Wurzeln sondern auch aufgrund zentraler Begrifflichkeiten, die er in einer Art sokratischem Dialog umreisst. Als Einstimmung erzählen Barden alte Geschichten.

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Copyright: Wikimedia Commons

Eine davon betrifft die Selkies, Wesen, die in der Mythologie Schottlands, Irlands, Islands, der Orkney und der Färoer Inseln weithin bekannt sind. Diese besonderen Robben kommen einmal im Jahr an Land, um dort ihr Seehundfell abzulegen und sich als Menschen zu lieben bzw. sich mit Menschen zu vereinen. Tatsächlich hat sich im Laufe der Überlieferung ein großer Geschichtenkreis um die Selkies gebildet, regional oft sehr unterschiedlich.

Philip Carr-Gomm erzählt eine davon. Als zu Beltane sechs Selkie – Paare an einem Strand zusammentreffen, ihr Fell abwerfen und sich als Wesen in Menschengestalt zu lieben beginnen, werden sie von einem Fischer beobachtet. Dieser entwendet das Fell einer wunderschönen Selkie und gewinnt dadurch Macht über sie. Er zwingt ihr die Übereinkunft ab, mit ihm 7 Jahre lang zusammenzuleben: danach wäre sie frei und könne wieder ins Meer zurückkehren. Das ungleiche Paar bekommt bald einen Jungen und als die sieben Jahre vorüber sind, stellt sich heraus,  daß der Fischer sein Versprechen nicht halten will. Er versteckt das Fell seiner Frau weiterhin, doch durch die Hilfe des Sohnes gelingt es der Mutter wieder ins Meer zu entkommen. Fortan legt sie in selbstloser Liebe jeden Tag zwei Fische ans Ufer: für ihren Sohn und den selbstsüchtigen Ehemann.

Zweimal habe ich Seehunde auf meinen Reisen gesehen. Einmal, im Süden Chiles, in der Nähe eines Meeresarmes mit dem romantisch-schaurigen Namen Seno del Ultimo Esperanza (Kanal der letzten Hoffnung). In einer Touristengruppe wurden wir auf ein mittelgroßes Boot verfrachtet und zu einer Robbenkolonie geführt, die wir umkreisten und nach unzähligen Fotos wieder hinter uns ließen. Beide, Mensch wie Tier, blieben von der Begegnung unbeeindruckt. Ein bedeutungsloses Ereignis, wenn ich mich heute daran zurückerinnere. Die Tiere waren für mich putzige Wesen in einer malerischen Umgebung.

Mein zweites Erlebnis mit Robben verlief anders. Meine Begleiterin und ich waren nach stundenlanger Fahrt in einem vergessenen Winkel im äußersten Norden Norwegens an jenem menschenleeren Strand angelangt, an dem die Straße endete. Wolken, Wind, Meer: eine dramatische Szenerie. Das Meer war bleiern Grau und bewegt. Beide suchten wird den Strand ab nach seinen wunderbaren Schätzen an Muscheln, Seetang, Federn und Knochen. Wir befanden uns am Ende der Welt. Plötzlich, bei einem routinemäßigen Blick auf das Meer, sah ich sie: die wunderbaren, schönen dunklen Wesen, wie sie in die kleine Bucht einschwammen und sich neugierig umblickten. Alarmiert korrespondierte ich mit meiner Partnerin per SMS, da wir sicherlich einen Kilometer entfernt voneinander das Meer beobachteten. Sie folgte ihnen auch.

Die Zeit schien stillzustehen und der Augenblick war von sakraler Stille. Entrückt war alles, Vergangenheit und Zukunft verschmolzen in dem Augenblick, der eine Ewigkeit zu dauern scheinte. Zu kostbar der Augenblick, um ihn mit Fotografieren zu vertrödeln. Halb verdeckt von einem Felsen verfolge ich die kraftvollen Bewegungen der glänzenden Wasserwesen. Verliebt träumte ich vor mich hin. Fast schäme ich mich für meinen Blick, der in diesen wunderbaren Augenblicken fast dem eines Voyeurs glich. Ich war der Fischer, dort draußen waren die glänzend geschmeidigen Meerjungfrauen. Momente des Glücks, so, als ob sich das Leben gelohnt hätte.

Heute bin ich mir sicher, daß ich Selkies gesehen habe.


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Diary of a Land Healer: January

Eine sehr achtsame Artikelserie gefunden, die es lohnt, zu lesen und ihr „nachzugehen“.

The Druid's Garden

It is late January. We had a very bout of cold weather these last few weeks, as I’m writing this, the weather broke and I’m out in the land for a longer stay since since the sub-zero temperatures hit. When I came to my new home and new land in the fall, there was so much to do, just moving in and getting ready for winter, stacking wood, unpacking, painting, fixing things, building a greenhouse, and settling in that I didn’t have the time I wanted to spend with the land. But winter is good for such quiet communion, and so, I’ve been seeing what there is to discover.

A snow spiral, one of many I walk while the snows fall! A snow spiral/labyrinth, one of many I walk during the winter months.

As I’ve mentioned previously on this blog, in purchasing this land, I knew that part of my work here would be in documenting the regrowth of this land…

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Gehen, dann verschwinden

Habe gerade auf Mubi einen sehr schönen Film entdeckt und in mich aufgesogen. Marché puis disparaitre von Romain Kronenberg (Frankreich, 2013). Ich denke darüber:

Die Gelassenheit der Zeitwahrnehmung macht es möglich, im Film den Blick  für die kleinen Veränderungen zu öffnen, die sich unspektakulär ereignen. Wer die unerträglichen Bilder erträgt, wird belohnt durch das Angebot von Meditation über die Dinge um uns herum. Und all das passiert dann: Gehen als Form des Nachdenkens; Flanieren als Möglichkeit, sich den Dingen zuzuwenden; Unnötiges, Unlogisches als letzte Bastion im Fieber der Gegenwart.

Für mich spiegelt der Film die Essenz des Gehens über lange Strecken und ein wenig erinnert mich der Inhalt des Films auch an die Intention des Sultanswegs.

Indes, das offizielle Interpretationsangebot ist eine völlig Andere. Man lese auf der Website von Kronenberg. Dort sind auch zwei kurze Filmausschnitte zu sehen.

 

Grenzgänger

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Im Landkreis Tuttlingen (Deutschland) liegt der 18 km lange Rundwanderweg namens „Grenzgänger“. Er ist nach den Grenzen benannt, die er historisch und gegenwärtig aufsucht: die Grenzen zwischen Österreich und Baden Würtemberg vom 15. bis zum 18. Jahrhundert, von Baden und Würtemberg bzw. die gegenwärtigen Landkreisgrenzen von Donaueschingen, Tuttlingen und Stockach. Pradigmatisch für den Weg ist seine erste Station, eine Grenzspirale mit unterschiedlichen Grenzsteinen, darunter sein ältester aus dem Jahre 1584, als an diesem Ort noch Würtemberg znd Österreich aneinander grenzten und auf dem 1810 nachträglich das badische Wappen eingemeißelt wurde. Weitere Steine stammen aus den Jahren 1606, 1828, 1839 und 1894. Anderen Grenzsteinen werden wir noch wiederholt auf diesem Wanderweg begegnen.

Mit seinen 18 km Länge und seinem Ausgangspunkt Liptingen ist dieser Wanderweg für eine Ganztagswanderung durchaus geeignet, zählt man zu den veranschlagten 5 Stunden Gehzeit noch eine Mittagspause (es gibt mehrere Einkehrmöglichkeiten) und Verweilzeiten bei anderen markanten Wegpunkten dazu, wie etwa die Wellingtonie (ein Mammubaum), der 1866 im Auftrag des Landesherren gepflanzt wurde. Der Weg führt zur Hälfte auf asphaltierten Wegen, sonst meist auf Schotterwegen. Einzig der durch ein Tobel hinaufführende Weg von Neuhausen Richtung Tuttlingen führt über weichen Waldboden. Die Steigung ist jedoch mit 320 m aufwärts und 320 Meter abwärts für den Durchschnittswanderer durchaus komfortabel und ausgezeichnet markiert.

Verbinden kann man die Wanderung  sehr gut mit interessanten Caches (Traditionals), die unweit des Weges liegen und nicht sehr schwierig zu finden sind: den Caches Ruhebänkle #2, Ruhebänkle #14, Ein Haufen Steine, Grenzgänger #3, Grenzgänger #1, Sie kamen aus der Dunkelheit und Hirschkopf.

Mit eigenartig ambivalenten Gefühl bin ich diesen Rundwanderweg bei sonnig-kalten Wetter gegangen: eine seltsame Irritation war es. Denn einerseits wird hier Grenzgängertum zur Tourismusattraktion geadelt, andrerseits liegt im Begriff Grenzgänger („der, der Grenzen überschreitet“, physisch, psychisch, kulturell) viel an Ambivalenz, über die man/frau im allgemeinen wenig zu sprechen bereit ist und wenn, dann sehr oft in aufgeregter und recht gehässiger Weise. Jedenfalls, so denke ich, bei Grenzüberschreitungen kann man sich auch wohlfühlen, wenn man sich einmal dazu bekannt hat. Das trifft auch für diese konservative Region zu, wo an jeder Ecke Manifestationen des politischen Katholizismus in Form von Kapellen, Wegkreuzen und Kirchen lauern. Von den Deutschlandfahnen an den Fahnenstangen trotziger Einfamilienhäuser ganz zu schweigen, die hier so tun, als wäre die Einheitsgesellschaft die soziale Norm und das Grenzgängertum nur eine unliebsame Ausnahmeerscheinung. Aber so wie sich in diese Landschaft die Ordnung des Christentums eingeprägt hat, so lauert dann doch, so man es auch will, die Aufforderung zum Ungehorsamen und Grenzüberschreitenden. Und, werte LeserInnen, wir leben in dieser globalisierten Welt, deren relativen Reichtum wir gerne akzeptieren aber deren negative Folgen wir so gerne aussperren möchten. Dabei lernen wir gerade auf diesem Weg wie hinfällig doch Grenzen im Lauf der Geschichte sind.

Equinox

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Am 23. September waren der Tag und die Nacht gleich lang. Der Herbst ist da, die Natur beginnt, sich in sich selbst zurückzuziehen und uns in Dunkelheit zurück zu lassen. Als ich mit der Schnellbahn nach Hohenau an der March fahre, fällt mir die Klarheit auf, in der die Landschaft liegt. Strahlend blaue Sonne, scharfe Konturen, tiefe Schatten. Das letzte Mal war ich im Frühling in den Marchauen, als es trocken war und die jungen Brennesseln durch das Laub lugten. Ich konnte mich frei bewegen, sah die Spuren des Wildes am Wald Boden. Hellgrün waren die Baumkronen mit frischen Blättern überzuckert.

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Seit meinem Besuch war also eine ganze Vegetationsperiode vergangen. Ich merkte es sofort, nachdem ich den Auwald betreten hatte. Dichte, wuchernde Vegetation,  nasser, fettiger Boden, summende Insekten,  darunter zahlreiche Gelsen. Die Frösche stoben davon, als ich vorsichtig die zahlreichen Pfützen umschiffte. Meine Hose wurde nass, bis hinauf zu den Knien und die Wanderschuhe bedeckt sich mit fettem, weisslich-braunem Schlamm. Ich kapitulierte bald vor dieser Wildnis, auch der Mückenplage und des hohen Wasserstandes wegen, der mich daran hinderte, meine Lieblingsplätze aufzusuchen. Alles stand unter Wasser, es roch intensiv nach Moder. Ich schlug einen halbwegs trockenen Feldweg ein, der mich bald ans Ufer der March führte. Und dann, die Pracht der vielen gelben und roten Blüten, die überall am Ufer wild und üppig wuchsen. Dort ging es sich gut und ich legte meinen Weg am Ufer bis zur Brücke zurück, auf der man in die Slowakei am jenseitigen Flußufer gelangt.

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Schon lange bedanken wir uns nicht mehr für die Gaben, welche die Welt uns hinter lassen hat. Der Tisch war reichlich gedeckt für Wenige, zu reichlich, wie wir alle wissen. Was haben wir zurückgegeben? Was haben wir der Natur genommen, ohne uns zu bedanken? Ich bedankte mich in einem kleinem Ritual, im fetten Gras an einem der vielen Kanäle sitzend, weil ich denke, dass dies angemessen ist.

Die Zähmung des Wildwuchses im Garten.

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Bekannte von mir betreiben ein kleines esoterisches Zentrum und haben vergangenes Wochenende zu einem Gartenputztag eingeladen. Ihren doch sehr weitläufigen Garten nutzen sie auch als Kursgelände, also habe ich ihren Plan nicht so sehr dem Klischee vom Schweizer Putzfimmel als vielmehr einer Betriebsnotwendigkeit zugeschrieben. So sind also sieben Freiwillige zusammen gekommen, um einen zivilatorischen Akt grössten Ausmasses zu setzen und das den ganzen lieben Tag lang.

Er bestand in folgenden Tätigkeiten (Auswahl) : Heckenschneiden, Totholz entfernen, lose Schieferplatten verlegen, Unkraut jäten, Gartenbank Reparatur, Errichtung zweier Andachtsstätten, Dachrinnensäubern, Rechenarbeiten und und und. Als wahre Syssiphusarbeit erwies sich das Entfernen einer Wildrosenhecke,  welche in die lichten Höhen eines Nadelbaumes gewachsen und sich dort rettungslos verfangen hatte. Bei ihrer Zähmung floss trotz der Gummihandschuhe Blut, aber unsere Hartnäckigkeit würde belohnt. Wir fanden ein wundersames Gebilde aus Wärme, Flauschigkeit und strahlendem Grün (siehe Bild).

post scriptum: Simon hat mich dankenswerterweise im Kommentar zu diesem Posting darauf aufmerksam gemacht, daß es sich dabei um einen Schlafapfel handelt. Das aber ist ein anderer Name für die Rosengalle, einem Gebilde der Gemeinen Rosengallwespe. Danke für den Hinweis, Simon.

Ein Mann, in Lumpen gekleidet

PProg_04_p24_ISawAManClothedWithRags„Als ich durch die Wüste dieser Welt wanderte, kam ich an eine Stelle, wo eine Höhle war. Hier legte ich mich nieder, um zu schlafen, und als ich schlief, hatte ich einen Traum. Mir träumte, und siehe ich sah einen Mann da stehen, der war gekleidet in schmutzige Lumpen, das Gesicht hatte er von seinem Hause weggewandt, ein Buch in der Hand und eine große Last auf dem Rucken. Ich gab Acht und sah, daß er das Buch aufmachte und darin las. Und als er las, fing er an zu weinen und zu zittern, und da er sich nicht länger halten konnte, brach er in den Angstschrei aus: „Was soll ich thun?“ Aus: Pilgerreise von John Bunyan

In Klaus Michael Bogdals Buch, „Europa erfindet die Zigeuner. Eine Geschichte von Faszination und Verachtung.“  finde ich folgenden Hinweis:

„Zu einer möglichen positiven Wertung führt die religiöse Deutung des Lebenslaufes als einer irdischen Pilgrimschaft nach der Vertreibung aus dem Paradies. In dieser Perspektive wären alle Menschen doch mehr oder minder Zigeuner, meint Max von Schenkendorf in dem 1912 erschienen Text „Die silberne Hochzeit bei den Zigeunern.“ Als der englische Dichter Bunyan (1628-1688) diese religiöse Grundhaltung von der Vergeblichkeit irdischen Strebens in seinem Werk The Pilgrims Progress (1678) ausgestaltet, vermutet man, dass er von Zigeunern oder Fahrenden abstamme.“

Die Pilzjäger

Viel Regen, leider. 15134939741_0b01b90318_zEin gutes Pilzjahr, unbestritten! Nicht daß ich ein passionierter Pilzsammler wäre, aber Gelegenheit macht Diebe. Geblendet von dem hohen Steinpilzaufkommen auf den jeweiligen Wochenmärkten ist mein Blick auch auf den Streifzügen durch den Wald entsprechend vorherbestimmt. Und da plötzlich, unter dichtem Blattwerk diese wunderbaren Exemplare, frisch, nicht wurmstichig, verlockend. Und: Es könnte sich ja um Steinpilze handeln, aber wir bleiben skeptisch.

Jetzt gibt es ja diese wunderbare Einrichtung in dem Dorf, in dem ich meine Wochenenden verbringe, namens Pilzbeschau. Zwei nette Pilzexperten sitzen in der alten, mittlerweile ausgedienten Gemeindestube und begutachten die gesammelten Pilze, die die Sammler vorbeibringen. Ein Formular wird ausgefüllt, mit Namen des Sammlers versehen, das Gewicht der mitgebrachten Pilze vermerkt und die Art. Handelt es sich um ungenießbare oder gar giftige Exemplare, werden diese sofort entsorgt, die „Guten“ darf man wieder mit nach Hause nehmen. Wer noch ein wenig bleibt, darf der Fachsimpelei zwischen Sammler und ExpertIn lauschen und mancherlei dabei lernen. Begeistert erzählt mir J., daß sie als Kind regelmäßig zur Pilzbeschau gegangen war, um dort zu staunen und zu lernen. Ja, die Leute sind nett, und ein Pilzsammler hat uns beim Weggehen sogar ein paar seiner „Guten“ angeboten, denn wir waren leider erfolglos dieses Mal: unsere 400 Gramm Pilze waren eben KEINE Steinpilze, sondern wunderschöne, aber ungenießbare Gallenröhrlinge. Man erkennt offenbar sie leicht an der rosa Färbung der Hutunterseite – wenn man es nur weiß. Sei’s drum, es war das Erlebnis wert.

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Illustration von Ellen Willnow aus dem Buch von Wladimir Solouchin: „Die dritte Jagd. Betrachtungen eines Pilzjägers.“ Berlin, 1981.