Rauhnacht in Pamelot

Dass die Durchlässigkeit zwischen der alltäglich erlebten Welt und der Anderswelt besonders in der Zeit der Rauhnächte sehr hoch ist, das hat mir vor mehr als 25 Jahren eine Frau in Missouri gezeigt. Sie war bekennende Wicca und vom Kommen des Neuen Zeitalters überzeugt. Mir „passierte“ diese Einsicht im Jahr 1994, die New Age Bewegung war gerade auf ihrem Höhepunkt. P. fühlte sich aufs Innigste mit den Zielen der spirituellen Bewegung verbunden und das beschränkte sich wahrlich nicht nur auf das Hören der Musik von Enya. Auch angesichts ihrer prekären finanziellen und existentiellen Situation war das Versprechen auf ein Goldenes Zeitalter verlockend. Ich war, sozialisiert in den Post 68ern, äusserst skeptisch, mehr noch: ihr Beharren auf dem Transzendenten und dem Geistigen verursachten erhebliche Loyalitätskonflikte in mir. Die esoterische Selbstgewissheit und das Beharren auf Transzendenz stand meiner materiellen Weltsicht diametral gegenüber. Doch die Gegensätze erschreckten mich nicht nur, sondern zogen mich auch an. Und sie liessen mich Dinge Erfahren.

Ich flog zu Weihnachten nach St. Louis, um P. zu treffen, reiste in einen Vorort mit adretten und bescheidenen weissbemalten Holzhäusern mit sehr viel Garten drumherum. Es war unsere erste reale Begegnung nach einer langen Online – Bekanntschaft, die wir in diesem Jahr eingingen. Ein solches Online – Abenteuer erschien damals verrückt und war nur sehr schwer erklärbar. Das Medium Internet nahm gerade seinen Aufschwung, ich hatte P. auf einem Kanal des Inter Relay Chats (IRC) kennengelernt. Nach langen (und teuren) Ferngesprächen hatten wir beschlossen, einander persönlich zu treffen. Was damals so unglaublich und irreal erschien, nämlich sich online kennenzulernen, ist heute im Zeitalter von Social Media und professionell betriebenen Dating Kanälen schon lange nichts Aussergewöhnliches mehr. In den Neunzigern war eine derartig realisierte Bekanntschaft ungewöhnlich und „gegen“ die vermeintliche Natur einer Liebschaft. Eine derartige Bekanntschaft war weder rational vertretbar noch gesellschaftlich akzeptabel, man schwieg am besten darüber. So fuhr ich wagemutig in die Ungewissheit hinein, ohne Vorsicht, ohne Bedenken, mit der erwartungsvollen Verzweiflung des Jugendlichen. So war es immer, wenn das Andere lockte.

Die Erinnerung an die „amerikanische Rauhnacht“ ist eingebrannt in meinen Körper, gleichzeitig aber brüchig in den erinnerten Fakten. Ich weiss, dass ich am 24. Dezember nächtens in St. Louis eintraf, um dort von P. in einem etwas befremdlichen, schwarzen Sportwagen abgeholt zu werden. Zu Hause angekommen, lud sie mich ein, mit ihr nach draussen in den Garten zu kommen, um ein Ritual der Geisterbeschwörung (sie nannte es „das Rufen der Geister“) durchzuführen. Wir standen unter den rauschenden Bäumen und sie beschwor mit erhobenen Armen etwas, das mir mehr als fremd war. Die Wilde Jagd begann die Baumkronen und mich zu beunruhigen: ein Sturm hob an, schwer hingen die Schatten in den Zweigen und meine körperliche und mentale Balance begann zu kippen. P. bot mir von einem rötlichfarbenen, mir unbekanntem Getränk an, das sie extra für diesen Zweck vorbereitet hatte. Schon wenige Minuten nach dessen Einnahme verfiel ich in eine Art Trunkenheit, die grosse Angst und auch körperlichen Schmerz in mir auslöste. Während ich mich wie gelähmt fühlte, fuhren die Geister durch mich hindurch und hinterliessen einen wunden Körper rund um meine berauschten Sinne: so jedenfalls fühlte es sich an. Ich verfiel in eine Starre, von der ich mich nur langsam erholte: die Pein und der Schmerz waren gross. P. Hatte mich nach meinem Zusammenbruch mit Mühe in den Schutz des Hauses gebracht und ich fand mich auf dem Bett liegend wieder. Ich halluzinierte. Entsetzliche Szenen aus meiner Kindheit, die ich schon längst verdrängt hatte, überfielen mich mit aller Vehemenz. Ich sprach davon obwohl ich mich schämte. Mit sanften Handbewegungen und ruhigen Anweisungen strich P. das Übel an meinem Rückgrat entlang aus meinem Körper. Ich durchlitt den Schrecken und die Pein, welche mir übel gesinnte Wesen zufügten. Schliesslich schlief ich erschöpft ein.

Im Nachinein versuchte ich mir meinen Zusammenbruch mit der Einnahme eines Rauschmittels zu erklären: P. verweigerte mir indes jedwede Auskunft darüber, ob in dem mir verabreichten Getränk Drogen enthalten waren. Ich versuchte, mich damit zu beruhigen, dass dem so gewesen sei. Aber gleichzeitig wusste ich, dass dies alles nur zur Selbstberuhigung diente: einzusehen, dass ich einen Blick in die Anderswelt getan hatte, liess mein materielles Weltbild nicht zu. Aber das mir etwas, jenseits aller möglicher Drogen „passiert“ war, stand ebenfalls fest.

Nur wenige Tage später sollte ich eine weitere Begegnung mit der Wilden Jagd haben. Wir waren den langen Weg nach Andersen in Indiana gefahren, um dort mit P.s Eltern Weihnachten zu feiern. Um den Gesprächen über Preis und Qualität der Weihnachtsgeschenke wenigstens teilweise zu entkommen, ging ich nächtens mit P.s Hund Dunker in den Feldern rund um die Farm spazieren. I walked the dog. Es war ein riesiger, bärenstarker Golden Retriever, den ich da an der Leine hatte, mitten in der Nacht und zwischen abgeernteten Weizen- und Kornfeldern, über die der Wind pfiff. Die Dunkelheit, der Wind, die Kälte und die absolute Einsamkeit waren es, die jene eigenartige Stimmung erzeugten, vor denen auch der Hund eine so entsetzliche Angst ergriff, dass er sich jaulend weigerte, weiterzugehen. Panik ergriff mich. Die rasende Meute war überall UND SCHLUG AUF MICH EIN. Ich zog den Hund hinter mir her, mit aller Gewalt. Er schlüpfte widerstrebend aus dem Halsband hinaus und rannte davon. Ich stand da voller Furcht vor meiner Umgebung und der Angst, einen Hund verloren zu haben. Mit P.s plötzlichem Erscheinen am Feldweg schien der Spuk ein Ende zu haben. Ein zweites Mal hatte sie mich vor der Pein erlöst.

Warum also die Geisterbeschwörungen, wo doch beide Erlebnisse auch ganz „natürliche“ Erklärungen für den Leser bereithalten. Ich fühle die Schwere der Ereignisse, die Lasten des erlebten Bösen und das energetische aufgeladene Übernatürlichen. Noch heute sind die Rauhnächte eine jährlich widerkehrende Bedrohung für mich. Es sind nicht die Erinnerung an die Erlebnisse von damals allein. Der Himmel hängt voll gefährlicher Energie, etwa von der Qualität mit der ich auch Aurora begegne.

Auch die Trennung zwischen Pamela und mir war in den Schrecken getaucht, die die Geistwesen, die sie umgaben, in mir auslösten. Doch das ist eine andere Geschichte und gehörte nicht mehr zu den Rauhnächten. Vielleicht schreibe ich später einmal darüber.

Ich berichte all dies im Gedenken an sie. Sie ist 2017 im 58. Lebensjahr an einem Lungenkarzinom verstorben. Das habe ich erst kürzlich im Internet entdeckt, als ich mich erneut auf die virtuelle Suche nach ihr machte. Den wunderbaren Garten rund um ihr Haus hatte sie Pamelot getauft.

Über die Zerstörung von Geschichte

Screenshot aus Boris Svartzmans Film: A new Era. (2020)

Der Film von Boris Svartzman „A new Era“ (2020) ist ein bedeutsame Chronik über die Urbanisierung Chinas. Am Beispiel der Insel Guangzhou wird gezeigt, wie sich eine Stadt über das sie umgebende Land stülpt und dabei deren Bewohner entrechtet. Korruption, Polizeigewalt und Betrug kennzeichnen die Taktiken der regionalen Verwaltung, welche eine Insel für eine falsch verstandene Stadtentwicklung akquiriert. Doch ein kleiner Teil der Dorfbevölkerung kehrt in die Ruinen ihrer ehemaligen Heimat zurück, um nach einem gescheiterten Versuch des Widerstands gegen die Zwangsräumung ihre Wurzeln nicht zu verlieren. Sie stemmen sich mit all ihrer Kraft gegen den aufgezwungenen Fortschritt und eine totalitäre Modernität. Die ringsum emporschiessenden Hochhäuser überragen die Ruinen des zerstörten Dorfes, welches bald keine Funktion mehr besitzt: weder für die vertriebenen Bewohner noch für die korrupten Behörden.

Wenig ist über die bedingungslose Urbanisierung Chinas hierzulande zu hören und zu lesen: und tatsächlich gehorcht sie anderen Mechanismen als die uns von Europa und den USA bekannte Binnenwanderung. Die Agglomeration in den Städten erfolgt nicht aufgrund der Attraktivität für die sie umgebende Region, sondern sie wird durch den Hunger der Städte auf das sie umgebende Land verursacht. Der Soziologe, Fotograph und Regisseur Boris Svartzmann hat diesen Prozess mehr als ein Jahrzehnt studiert. Das gegenständliche Dorf und seine Bewohner waren für ihn von besonderem Interesse.

Nach der gewaltsamen Umsiedlung der Bewohner bleiben nur noch Ruinen zurück. Die „Lebenslinien“ ihrer Bewohnerinnen und Bewohner werden zerstört, ihre Biographie erfährt einen gewaltsamen Bruch. Den ursprünglichen Lebenszusammenhang gibt es nicht mehr, der Wohnort ist unverschuldet zu einem Slum geworden, welches ihre Existenz nicht mehr gewährleisten kann. Es ist ein Angriff nicht nur auf ihre physische Existenz sondern auch auf ihre Biographie.

Von 2000 bis 2007 kehrt Svartzmann an diesen Ort zurück und filmt die Bewohner der Ruinen. Er gewinnt ihr Vertrauen und kann die versprengten Teile ihrer Geschichte zusammentragen. Darüber schreibt er wissenschaftliche Arbeiten, daneben fotografiert er und produziert letztendlich den vorliegenden Film. Es wird ein Abgesang auf eine versinkende Welt. Drei Jahre nach seinem letzten Besuch auf dieser Insel stellt er sich in einem Interview die Frage, ob denn die die von ihm gefilmten Protagonisten eines sehr individuellen Widerstands heute noch auf dieser Insel anzutreffen wären. Denn die Zukunft wird gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste.

Über das Recht auf persönliche und allgemeine Geschichte spricht ein alter Dorfbewohner in die Kamera. Auf eine Tafel zeigend meint er:

Thats the genealogical plaque of our family tree. Thats my most precious possession.
And the Communist Party wants no more of the past! In fact, they want to erase the past, to wipe the slate. That way the Communist Party will say that its reign is infinite. Thats their goal. But it has no foundation!
(…)
They would like to falsify history. Its nonsense. Theres no present without history, is there? How would humanity have developed without history?