Die Stille der Tage, Teil 8

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Während die Pandemie unter den Armen dieser Welt wütet, sitze ich als Privilegierter zu Hause im Home Office. Ich habe Zeit, nachzudenken, kann mein Leben während der Krise ein wenig zurechtzurücken und versuchen, ihm eine neue Dimension zu geben. Ich bin weder von Kurzarbeit noch von Entlassung oder Gehaltskürzung bedroht. Ich lebe diese Krise wie eine neue Erfahrung, die mich neugierig gemacht hat. Ich habe diese Angst, mich anzustecken und weiß, ich gehöre zur Risikogruppe. Das ist die ganze lächerliche Bedrohung. Sie hat mich fest im Griff, sonst geht es mir gut. Freilich, ich bin von meiner Familie getrennt, die Grenzen zwischen unseren beiden Ländern wurden wieder errichtet. Doch ich kann, dank unseres Zugangs zum Internet, ständigen Kontakt halten. Es ist zwar ein wenig einsam um mich herum geworden, doch das bin ich gewohnt. Wenn die selbstverordnete Quarantäne unerträglich zu werden droht, steige ich hinauf auf die Dachterrasse, füttere meine Rabenvögel und lese ein Buch. Vom Alkohol halte ich mich ferne, die Verlockung ist groß, sich in einen anderen Zustand zu trinken. Weit ausgedehnte Spaziergänge am nahegelegenen Flussufer sind eine willkommene Abwechslung, werden aber bald zu eintönig. Ich lebe gut, nur eben anders. Das gibt mir die Möglichkeit, über dies alles nachzudenken und es einzuordnen.

Wir sind Privilegierte, hat Slavoj Zizek zurecht in einem Interview gesagt, er meinte auch mich. Möge also keiner der Bevorzugten nun beginnen, auf hohem Niveau zu jammern. Möge keiner sich über Distanz, Gesichtsschutz und die eingeschränkte Möglichkeit, seinem früheren Leben zu frönen, beschweren. Wir haben nicht das Recht dazu. Wir haben unsere Bücher, die Filme und die Nachrichten. Es gilt so viel nachzuholen. Zu klagen wäre arrogant, unsensibel und realitätsfremd.

Daß COVID-19 Menschen ohne Ansehen der Person hinraffen würde und der so erlittene Tod als großer „Gleichmacher“ wirke, ist verlogene Ideologie. Nie in der Geschichte war eine Seuche klassenneutral, der Schutz vor ihr war immer abhängig von den Möglichkeiten, die den Betroffenen zur Verfügung standen: intellektuell, finanziell, sozial und emotional. Damit unterschieden sie sich: von den anderen und von der dumpfen Masse.

Während ich also auf meiner Dachterrasse zu gärtnern begonnen habe, muss der Malermeister um die Ecke schließen und panikartig sein Geschäftslokal verlassen. Die Miete ist unleistbar geworden. In seinen Kombi packt er alles, was noch Wert für ihn besitzt, gemeinsam mit seiner Frau, die ein im Weg stehendes Kind anschnauzt. Vor wenigen Monaten haben sie das Geschäft eröffnet, voller Hoffnung mit wenig Geld – nun müssen sie beschämt kapitulieren. Es ist wie eine Flucht. Da hilft kein Rettungsschirm, er kommt zu spät.

Im Stiegenhaus begegne ich der Stewardess einer Billigfluglinie, die entlassen worden ist, weil es einfach opportun geworden war. Der CEO von Ryan Air nur noch diese Krise gebraucht hat, um den Standort Wien zu schließen. Mit 800 EURO Nettolohn hätten die Flugbegleiter im Schichtbetrieb ab nun mehr arbeiten als leben sollen. Ich weiß nicht, was ich zu ihr sagen soll. Wir reden von ihrem kranken Hund. Ich will sie nicht noch mehr beschämen.

Im Supermarkt schreit mich eine verwahrloste Jugendliche an, als ich um mehr Abstand zu mir ersuche: „Wenn ich Angst vor Corona hätte, soll ich gefälligst zu Hause bleiben. Sie habe genug von all dem Scheiß, den uns die da oben eingebrockt hätten.“

Die Populisten, Verängstigten und Verrückten haben mit einem Male das Sagen. Die Schockstarre löst sich langsam auf. Alle wittern den Stimmungsumschwung und genießen ihre Aggressivität. Die Angst vor dem Tod ist jener vor der sozialen Deklassierung gewichen.

Verschwörungstheoretiker spinnen ihre kranken Geschichten und nutzen die Gunst der Stunde. Die Privilegierten warnen. Parteipolitik wird auch wieder betrieben, mit all der gebotenen Gewissenlosigkeit. Weil Wien vermehrt testet und einen Cluster in zwei Postverteilungszentren ausgemacht hat, zeigt der Innenminister verlogen auf die Gesundheits- und Seuchenpolitik der Stadt. Bald wird in Wien gewählt, auch hier muss politisches Kleingeld gemacht werden. Ist das den Menschen zumutbar? Offenbar schon.

Es wird unappetittlich, der Alltag einer neuen Normalität kehrt ein in unsere Stadt. Warum alle in den Baumarkt gehen dürfen, aber die Theater und Kinos gesperrt bleiben müssen, versteht keiner. Doch Kultur ist nicht von Belang und die demokratische Prinzipien nur hinderlich im ungehemmten Regieren. Demonstrieren darf ohnehin noch keiner: das ist sehr praktisch. Es herrscht Versammlungsverbot, nur der Kanzler darf das bewußt organisierte Bad in der Menge nehmen. Die Opposition schäumt, zu Recht oder zu Unrecht, jedenfalls ohne baldige Aussicht auf Erfolg.

Die Stille der Tage, Teil 5

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Die Zukunft war in Gedanken eindeutig skizziert. Mit August 2020 hätte ich mit einem Resturlaub die Pension angetreten. Ich wäre ins Baltikum aufgebrochen, um dort einen ausgedehnten Wanderurlaub zu beginnen. Anfang September würde ich J. in Sápmi treffen, um mit ihr den norwigeschen Teil zu bereisen. Dann zurück nach Wien und mit frischem Geld und Medikamenten eine neuerliche Wanderung begonnen: von Wien in den Thurgau. Ich wollte meine Übersiedlung in die Schweiz mit einem langsamen ÜberGANG einleiten. Von den Wochenendflügen zu meiner Familie habe ich inzwischen genug. Gehen rückt die Wirklichkeit zurecht, davon war und bin ich überzeugt. Im Alter wird die Zeit knapp. Pläne verschieben ist eine schlechte Option.

Doch COVID-19 machte all dies zunichte. Wer will schon planen, wenn selbst die Politik, die immer vorgibt, alles mit Sicherheit zu wissen, kleinlaut gesteht, dass sie nur beobachten kann und nicht über ein paar Wochen hinausdenken will. Selbst das Staatsbudget sei derzeit nicht festschreibbar, meint der Finanzminister. Er legt bis heute keines vor, trotz einer bislang noch nie gesehenen Staatsverschuldung und des heftigen Protests der Opposition.

Jedenfalls bin ich seit sechs Wochen ins Home Office verbannt, an eine Reise in die Schweiz war und ist dabei nicht zu denken. Wann sich die Grenzen zwischen beiden Staaten öffnen werden, bleibt auch in der 6. Woche Lock Down mehr als unbestimmt. Epidemologen rechnen mit einem baldigen Wiederaufflammen der Pandemie. Wenn ich die Sorglosogkeit vieler Passanten beobachte, mit der sie sich über die Basisregeln des verantwortungsvollen Umgangs miteinander hinwegsetzen, erscheint mir das wahrscheinlich. Es wird nicht viel zu planen sein in diesem und in den kommenden Monaten. Ich habe inzwischen aufgegeben über den Tag hinaus zu organisieren, warte nur mehr darauf, meine Familie besuchen zu können. Alles andere wird sich weisen. Gelassenheit könnte man das nennen, sie ist leider aus der Not geboren.

Nach sechs Wochen Perspektivenlosigkeit bin ich missmutig geworden. Und es zeigt sich: da schwimme ich im Mainstream. Der Unmut vieler steigt: sie wollen eine klare Perspektive, um zu wissen, was mit ihren Sommerurlauben anzufangen sei. Es geht nicht nur um Geld, es geht auch und (vielleicht) vor allem um den Rückkehr in eine Pseudo-Normalität. Doch wer soll diese Perspektive geben, wenn selbst die Politik nicht weiss, wie weitertun. Wir werden die Entwicklungen genau beobachten, sagt sie. Das ist, was auch nur mir bleibt und vielen Anderen. Die Zukunft ist verschüttet. Ich warte zuhause, lasse mich von der unzulänglichen Software und den Kontrollanrufen meines Arbeitgebers quälen, lese viel und krame in alten Fotos. Ich bin auf Standby, wahrscheinlich noch bis Sommer. So habe ich mir das Ende meiner Berufslaufbahn nicht vorgestellt. Der Lock Down macht es deutlich: das Arbeitsleben hat auf mich vergessen.

In den Medien begegne ich mehrmals dem deutschen Politiker und Epidomologen Karl Lauterbach, inzwischen zum ungeliebten aber notwendigen Star der Talk Shows aufgestiegen. Ungerührt bleibt er bei seinen Präventions-Postulaten: Mundschutz, Distanz, Big Data Tracing, umfangreiches Testen, restriktive Reisepolitik. Über Österreichs Flirt mit dem Tourismus lächelt er gequält. Die freizügigen Angebote der österreichischen Regierung will er nicht kommentieren. Er ist der Gottseibeiuns der Realitätsverweigerer und Wirtschaftsfreunde. Er bringt die schlechte Nachricht, ungerührt, und lässt unsere Hoffnungen schmelzen. Und er verortet die aufkeimende Sehnsucht nach dem Vergessen: „Die Stimmung in der Bevölkerung dreht sich klar. Je weniger die Bürger das Risiko spüren, desto klarer müssen die Regeln formuliert, begründet und kontrolliert werden“. Aus, Schluß und Pause.

Die Stille der Tage, Teil 4

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Auf facebook habe ich bei einer ehemaligen Arbeitskollegin einen geharnischten Kommentar über die jüngste Veröffentlichung von Matthias Horx hinterlassen. Der selbsternannte Visionär schreibt auf seinem Blog über die Folgen von COVID-19 und weist auf die Chancen hin, die diese Krise mit sich brächte. Sie war begeistert und mochte dabei den optimistischen Zug des Textes in Zeiten der Krise. Ihr schrieb ich in den Kommentar:

Ich vermag den Optimismus von Herrn Horx nicht zu teilen. Er urteilt von der Warte eines Privilegierten, der offenbar nicht von Kurzarbeit, von Arbeitslosigkeit, von chronischer Krankheit oder von Tod betroffen ist. Er sitzt nicht an der Supermarktkasse, steht nicht als medizinisches Fachpersonal im Dauerfeuer, muss die Krise nicht managen. Ich finde den Text fahrlässig, unausgewogen und präpotent. Sorry.

Tatsächlich argumentiert Horx im Sinne einer idealisierten Corona – Rückwärts – Diagnose. Er prophezeit, daß wir uns im September an die Ereignisse rund um die Pandemie folgendermaßen erinnern würden: die Ökonomie habe wie ein schlafender Riese nur gedöst (und sich mittlerweile erholt), Trump sei letztendlich abgewählt worden, das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur habe sich zum Positiven verschoben. Zwischen den Menschen habe sich wieder so etwas wie positive Nähe entwickelt, eine Art Zukunfts-Intelligenz sei entstanden. COVID-19 habe uns zwar die Angst, aber auch das Erlebnis der geglückten Angstüberwindung beschert. Das Virus sei demnach so etwas wie ein Evolutions-Beschleuniger.

Es ist nicht so, daß dieses Traumbild eines Zukunftsforschers provokant wäre. Im Gegenteil, es lullt ein und richtet den Blick auf die Luxusphantasien jener privilegierten Schichten, die stets auf sehr hohem Niveau zu jammern bereit sind. Ich meine, daß es sich bei dem Text von Matthias Horx um einen sehr fahrlässigen Text handelt. Nicht nur, daß er die Gesetze der Pandemie nicht kennt, er weiss auch nicht um unsere prekäre soziale, ökonomische und gesellschaftliche Verfasstheit. Er verschließt die Augen vor der neuen Realität. Er kennt die Wut nicht, die einem befällt, wenn der Lock Down die eigene Lebensgrundlage zerstört hat.

So spricht Hort von einer süßen Neuen Normalität, einer gefälligen Zukunftsvision, die mit der schwierigen Zukunft, die uns erwartet, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Doch die Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, sind endgültig vorbei. Die Zeiten werden noch prekärer, als sie ohnehin schon vor dem Ausnahmezustand waren.

Diese, meine Empörung, kann ich meiner ehemaligen Kollegin in der Facebook – Öffentlichkeit nicht ersparen. Sie antwortet im Gestus des Trotzes, daß eben jede/r seine Meinung habe. Meinung schon, aber entspricht sie deshalb auch den Tatsachen? Doch das schreibe ich nicht mehr zurück. Auch nicht, dass jeder, der sich öffentlich äußere, wohl auch mit öffentlicher Kritik zu rechnen habe. Ich habe es mir heute wieder einmal gründlich mit einem Gegenüber verdorben.

Die Stille der Tage, Teil 3

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Nein, der Tod vergisst uns nicht in diesen Zeiten. Es wird mit ihm gedroht, es wird übermässig gestorben, oft unversorgt. Särge stehen in den Kirchen und werden in Militärkonvois verbracht. Die Allgegenwart des Todes. Die Angst, sich anzustecken ist hoch (und berechtigt). Man gehört zur Hochrisikogruppe. Eine Zeitlang fürchtet man den Kollaps der Spitäler. Statistiken. Jeder Tote ist zuviel, sachlich wird die Zahl genannt.  Das die Toten stetig weniger werden, hilft nicht sehr. Man will nicht sterben, nicht an dieser Zumutung.

Im Supermarkt, wenn man andre gereizt ersucht, den erforderlichen Abstand einzuhalten, hört man mitunter das brutale „Bleib zu Hause“. Im Alter erlischt der Anspruch auf Leben, vor allem in den Augen anderer. Und man bleibt zu Hause als Risikogruppenmensch und geht nur raus in den Wald, um sich auszulüften. Home Office, Kasernierung, ein Paar Rundgänge im Gefängnishof, Essen fassen. Das Leben ist sehr übersichtlich geworden. Das hilft beim Versinken in sich selbst. Das hilft beim Ordnung machen. Das einem das Sterben zugetraut wird, das ahnt man hinter gutgemeinten Worten: „Sie gehören ja zur Risikogruppe. Bitte bleiben sie zuhause. Seien sie vorsichtig.“ Man ist darüber erschrocken, was einem zugetraut wird.

Das alles ist schwer zu ertragen, aber ich stimme nicht ein in das Gejammere vom Unfreisein. Ich habe mich entschlossen, mich freiwillig zu inhaftieren: das macht es leichter. Ich schütze mich. Egoismus pur, einer zu dem man stehen kann. Und auch die Angst um die Anderen, die Familienangehörigen, die jenseits der Grenze leben. Daneben bleibt ein wenig vorgeschützes Verantwortungsbewusstsein, merke ich: Wenn du dich schützt, schützt du auch die Anderen. Ich will einfach nicht infiziert werden, darum gehts. Ich hatte noch so viel vor. Das Leben war so voller Möglichkeiten. Wo sind die alle hin?

Nicht die Kasernierung im Heim macht kribbelig im Kopf und Körper, es ist das eingesperrt sein innerhalb der Grenzen eines Landes. Die Vorstellung nicht RAUS zu können, aus diesem Land in dem ich geboren wurde und an dem ich durchwegs leide, ist schwierig. Ich gehöre zu den Nichtsesshaften, schon immer, mein Leben lang. Wegzugehen, anzukommen, im Transit zu sein: darauf kam und kommt es an. Am Wandertrieb scheitere ich jetzt. Der eigene Lebensentwurf wird brüchig. Keine Personenfreiheit mehr, das Land ein großzügig eingerichteter Gefängnishof. Das ertragen manche nicht. Es geht nicht nur um Freizeit.

In einem Fernsehbericht sehe ich, wie Paare die in Orten dies- und jenseits der Grenze leben, an bewachten Grenzzäunen Tränen unterdrücken. Wer versäumt hat, seine Beziehung rechtlich abzusichern, schaut jetzt durch die Finger. Der Staat kennt freiwilliges Beinandersein nicht. Er will Ehen, eingetragene Partnerschaften, Konkubinatsvereinbarungen, um Ausnahmen im Ausnahmezustand gütig zu erlassen. Wie soll er sonst das alles kontrollieren? In aller Vorsicht dürfen nur Rechtssubjekte zueinander, keine Gefühle. Meine Partnerin und ich unterschreiben eine Petition, wissen gleichzeitig um die Vergeblichkeit des Unterfangens. Die einzige Hoffnung ist der Tourismus: seine Kapitalmacht wird die Öffnung der Grenzen erzwingen. Da wird sogar der Kanzler pseudo – menschlich: Wenn die Ansteckungsquoten in Regionen diesseits und jenseits der Grenze gleich niedrig sind, warum soll sie dann geschlossen bleiben? Doch jenseits der benannten Grenze wütet schon bald wieder der Virus, in den Quartieren von Wanderarbeitern, die die Tiere für unsere Mahlzeit schlachten. Der Virus kennt den alles entscheidenden Unterschied: den zwischen Arm und Reich.

Wir, die wir den Tod doch so gut verdrängen, schauen des öfteren auf unsere Schulter. Dort sitzt er und grinst gelangweilt. Denn ja, es wird auch bei mir gestorben, aber jenseits der Grenze – auf völlig andere Art und Weise als befürchtet. B. hat sich entschlossen, den Freitod zu wählen: das will er, denn er hat, unheilbar erkrankt, jeden Grund dazu. Sein Staat erlaubt das. Er stirbt ohne mich, ich werde, wenn auch nicht physisch, bei ihm sein. Mich tröstet: gestorben wird nur allein, keiner kann mit.  Die trauernde und sich selbst bemitleidende Umwelt stört dabei nur. Das letzten Mal habe ich ihn in einer Videokonferenz gesehen. Er freut sich aufs Sterben, denn so, wie es jetzt ist, das ist kein Leben. Und er läßt uns zurück in der Pandemie, und das macht ihm selbst jetzt noch Sorgen. Ihm fällt sie morgen von den Schultern wie eine zweite Haut.

Die Stille der Tage, Teil 2

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„Bald wird jeder von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist.“ Das war die Warnung des Regierungschefs am 30. März. Die Lage sei dramatisch. Kanzler Kurz hat die Parole zu Beginn des Lock Down in einer dramatischen Pressekonferenz ausgegeben. „Gehorsam durch Angst“ sollte erzeugt werden, schreibt ein österreichisches Monatsmagazin. Vernunft erschien nicht durchschlagskräftig genug. Die Körpersprache des Kanzlers drückte aber niemals Sorge um die Menschen aus. Dramatische Aufrufe und Reflexionen über das Leben passen nicht für glatte Macher. „Zack, Bumm“ muss es für diese gehen, die Welt hat nach ihren Entwürfen zu funktionieren. Betroffenheit ist nur eine Worthülse. Glattheit und Machbarkeit dominieren. Taktik ist alles, diesmal wird eine dunkle Drohung gewählt. Dramatisch glaubhafte Aufrufe bleiben wohl anderen Charakteren vorbehalten, Heinz Fischer wäre so einer gewesen, dem man das Bedenken geglaubt hätte. Dem Kanzler hingegen war in dieser Pressekonferenz die Sorge um unser aller Leben ncht abzunehmen. Wie immer, wenn er spricht, wirkte er kontrolliert, steril und berechnend. Er spricht in seiner vermeintlichen Sorge wie ein schlechter Geschichtenerzähler, der die Emphase dorthin legt, wo sie unpassend erscheint und der dort extemporiert , wo Stille geboten ist. Man weiss, daß er bedenkenlos lügen würde: doch wir sind bereit, das hinzunehmen. Wenn nur Alles gut geht und alles wieder so wird wie vorher. Lost Paradise! Wenigstens neue Normalität dürfen wir von ihm erhoffen.

Es war ein neues Meisterstück der Message Control, den Österreichern jene Angst einzuimpfen, die sie offensichtlich verspüren müssen, um vernünftig zu handeln. Anders funktioniert es nicht. Die Selbstverantwortung ist dem Menschen nicht zumutbar, sie muss in Stücken langsam aufbereitet werden. Dabei kann man dem Volk nicht trauen. Wir sind nicht Schweden und wollen es auch nicht sein. Awareness und Selbstverantwortung bereiten uns immer schon ein klammes Gefühl in der Brust.

Der Falter hat darauf hingewiesen. Es habe jene Sitzung am 12. März 2020 im Bundeskanzleramt gegeben, bei der diskutiert wurde, wie den Österreichern die nötige Vernunft einzutrichtern sei. Ein obligates Mittel sei die Angst, wird da gesagt. Wie wäre diese also zu schüren, um die lethargische Schönrederei des Österreichers zu durchbrechen? Kurz gibt zwei Wochen später besagte Pressekonferenz und der Satz erlangt beschämende Berühmtheit. Die Corona Toten in unserer Bekanntschaft allerdings sind den meisten von uns erspart geblieben.

Das ist der Grundzug der österreichischen Seele: daß sie die autoritäre Führungspersönlichkeiten benötigt, die sie zur Angst vor dem Existenzverlust oder gar dem Tod führt. Dann wird gehorcht und jeder stellt sich dabei vor, wie vernünftig und verantwortungsbewußt das sei. In dieses Bild paßt auch die pathologische Idee von der unbeschränkten persönlichen Freiheit. Es ist der Gegenspieler der Angst: die hemmungslose Selbstüberschätzung. Alles liege demnach in der Verantwortung des Einzelnen, dem jedoch der moralische Maßstab fehlt, welches rechtes Handeln ermöglicht. Das Kind Österreicher handelt nur weil es Angst hat, weil es unbändig frei sein will oder weil es dauernd gelobt wird. Ansonsten beschäftigt es sich mit sich selbst, kauft ein im Baumarkt und tobt sich aus bei seinen Projekten. Der Baumarkt! Er muß natürlich zu Allererst wieder geöffnet werden, wenn der Kanzler dem Volk seine Freiheit wieder stückweise schenkt. Ich nehme mir vor, in nächster Zeit in den Büchern Erwin Ringels zu lesen, um mich in die beschämenden Geheimnisse der österreichischen Seele umzusehen.

Da ist das Kasperletheater vom guten Herrscher. Den Anfang macht hier „unser HBP“, der sich als väterlicher Tröster der Familie Leitner geriert und dem auch deshalb hohe Anerkennung zuteil wird: „Wir Österreicher schaffen das schon“. Ein bißchen Schulterklopfen, ein wenig Zuhören, ein gütiges Kopfnicken und die Hände zum fernöstlichen Gruß gefaltet, das sind seine Wunderwaffen im Krieg gegen das Virus. Überholt wird er allerdings von den Nehammers, Anschobers, Köstingers und Schramböcks, die immer wieder loben, wie brav sich Herr und Frau Österreicher (und alle, die in unserem Land leben) bislang verhalten haben. Sorge bereiten nur diese kleine Gruppe von Unbelehrbaren, die durchgeknallten Freeiheitskämpfer, von denen wir schon gesprochen haben. Sie werden abgestraft, weil sie sich nicht fügen, nicht weil sie unvernünftig sind. Gleichzeitig hängen die gewählten Eltern die Rute ins Fenster: Wir können auch anders, ganz anders! Hausarrest!

Erwachsen ist das Alles nicht. Wie irritierend erscheint im infantilen Treiben dieser Tage eine dritte Tonlage, die wir in den Pressekonferenzen treffen: jene des Vizekanzlers. Herr Kogler rüttelt und schüttelt und poltert. Er sei nicht da, die kleinen Alltagssorgen zu bedienen, er sei für die strategischen Würfe zuständig. Dabei habe man ihm zuzuhören. Er verliert sich dabei in mühsam zurückgehaltener Wut, weil die Dinge nicht so klappen, wie sie zu klappen hätten, weil detailliert gefragt wird, wo er über die großen Linien sprechen will. Er hört sich gerne und verfällt in den Rausch der Vielredner, die man nur halb versteht, vielleicht insgeheim bewundert, die einem letztendlich aber auf die Nerven gehen. Er ist der gscheite, aber aus der Art geschlagene Sohn der Leitners. Auch ihn muss es geben in unserem Theater.

Die Stille der Tage, Teil 1

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Es ist Freitag, der 13. März 2020, als ich erstmals die Corona Pandemie ernst nehme, drei Tage vor dem offiziellen Lock Down Österreichs. Das Wochenende steht bevor, ich will meine Familie in der Schweiz besuchen.

Am Morgen dieses Freitags komme ich mit Fluggepäck ins Büro, wie viele Wochenende vorher. Gleich nach Arbeitsende will ich nach Z. fliegen. Ich bin ein Pendler, ein Produkt der Globalisierung. Diese aber würde nun ad absurdum geführt. Die Pandemie, selbst ein Kind der Globalisierung, bringt diese zum Erliegen. Nationalstaatlichkeit erlebt eine neue Blüte, Grenzen werden geschlossen, internationale Produktionsketten ohne Vorwarnung unterbrochen. Nur die Angst vor Infektion bleibt der Welt erhalten.

Kollegen blicken mich verständnislos an. Jetzt wolle ich Österreich verlassen, vor dem erwarteten Lock Down? Was wäre, wenn ich dann festsäße in der Schweiz und nach dem Schließen der Grenzen nicht mehr zur Verfügung stünde? Wäre das Infektionsrisiko auf Flughäfen und in Flugzeugen nicht besonders hoch? Müsse ein Staatsbeamter in solchen Situationen nicht im Lande bleiben, bereit zum Dienst am Gemeinwohl? Bedeute ein Verlassen des Landes in dieser Situation nicht eine Verletzung der Dienstpflicht?

Langsam beginnt meine Sorglosigkeit zu schwinden. Gruppendruck und Hysterie bauen sich auf. Die Stimmen sind schrill, die Argumentationen der Kolleginnen und Kollegen skurril. Sich dieser Stimmung zu entziehen, ist unmöglich. Ein Kollege wähnt sich selbst schon infiziert: er verabschiedet sich sofort ins Wochenende. Ist er wirklich überängstlich? Ich werde nervös.

In einer eilends einberufenen Teamsitzung werden wir informiert, dass ab nächster Woche vielen Beamten Home Office verordnet sei. Nur systemrelevante Personen hätten physische Präsenz zu zeigen. Darüber hinaus wisse man nicht viel. Für mich selbst gelte, dass ich sofort die Amtsräume verlassen soll. Ich bin mit einem Male als das stigmatisiert, was ich wahrscheinlich auch war: ein Angehöriger der Hochrisikogruppe. Das muss später meine Ärztin bestätigen. Risiko für wen, frage ich mich. Warum sorgt sich diese Regierung, dieser Betrieb, dieses System so um mich? Mit meiner Systemrelevanz wird das wohl nicht in Verbindung stehen.

Langsam packe ich meine Arbeitsunterlagen und fahre nach Hause. Schnell versorgt mich meine Vorgesetzte noch mit Heimarbeit. Im Supermarkt beobachte ich in einer Mischung aus Schrecken und Belustigung erste Hamsterkäufe. Der Run auf Toilettenpapier belustigt mich. Aber auch hier: die Infektion schreitet voran. Auch ich kaufe auf Vorrat. Meine Familie ist verständigt: ich werde in Wien bleiben.

Seit diesem Tag, der sich schicksalsschwanger und zugleich lächerlich als Freitag, der 13. geriert, ist alles anders geworden, in unser aller Leben. Die Stille ist hereingebrochen.

Hugin und Munin

Munin
Munin observiert sein Revier.

Nachdem ich während COVID-19 ins Home Office verbannt wurde, bleibt mir viel Zeit, mich meiner Wohnung mit der angeschlossenen Dachterasse zu widmen. Es ist eine intensive Wiederbegegnung mit den Rabenvögeln, die mich schon seit langer Zeit begleiten. Ich habe sie nach den beiden Vögeln Odins aus der nordischen Mythologie benannt. Während Munin in einem Baumnest unter meinem Fenster brütet, verteidigt Munin ihr Revier und versorgt seine Lebensgefährtin mit der notwendigen Nahrung. Gott Odin mit den Nachrichten über die Menschenwelt zu versorgen: das wird gerade ein wenig vernachlässigt. Aber es ist ohnehin still in dieser, unserer Welt, denn  die Pandemie regiert und zwingt uns nieder. Wir lernen gerade, wieder ein wenig Ehrfurcht zu haben vor den Naturgewalten. Das ist wohl notwendig.

Damit aber später, wenn Hugin und Munin wieder ihre Botenflüge zu Odin aufnehmen, sie auch nur Gutes über mich erzählen mögen, habe ich Ihnen Tränke und Futterschüssel aufgestellt und nehme eine regelmäßige Fütterung auf. Sie scheinen sich wohl zu fühlen auf meiner Terrasse, denn sie nutzen meine Blumentöpfe, um die überschüssige Nahrung zu vergraben. Auf gute Nachbarschaft!

Struktur auf Struktur

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Leinwand, Jute, Papier und Klebstoff: dazu die geschützte Atmosphäre mit achtsamen Menschen- Mehr brauchte es nicht, um mich mit aller Behutsamkeit an die bildnerische Gestaltung einer zerbrechlichen Zukunft zu wagen. Das Bild hätte dichter werden können, dramatischer und gewagter – aber das war in diesen Momenten nicht möglich.

Von der krankmachenden und von der heilsamen Einsamkeit

Einsamkeit ist Krankheit und Beschämung, und befindet sich auf dem Vormarsch in den sgn. reichen Nationen der Welt. Von einem „Megatrend Einsamkeit“ wird immer häufiger gesprochen, einem Phänomen, für das man das immer häufigere Auftreten von Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt, Demenz oder Depression verantwortlich macht. Die zunehmende soziale Bindungslosigkeit und Individualisierung der Gesellschaft, unterstützt durch die Beliebigkeit und Kontaktarmut bei der Nutzung von Sozialen Medien, seien die Verursacher dieser neuen Volkskrankheit. Und da bleibt es auch nicht aus, daß sich kürzlich sogar die Politik des Themas angenommen hat. In den UK wurde etwa eine „Ministerin für Einsamkeit“ ernannt.

Festgestellt wird die Einsamkeit allerdings immer nur durch die subjektive Einschätzung des Einzelnen, der sich eben einsam „fühlt“. Dagegen haben auch Medizin und Psychologie kein Kraut erfunden. Einsam sei mithin jenes Individuum, das das subjektive Gefühl habe, nicht genügend soziale Kontakte zu besitzen und deswegen darunter leiden. Möglicherweise gibt es aber auch Menschen, die Einsamkeit nicht als Leiden empfinden?

Auwald bei Drösing/March

Einsamkeit scheint noch dazu ein besonders schambehaftetes Gefühl zu sein. In dieser scheinbar fröhlich – ausgelassenen, lauten und erfolgreichen Gesellschaft ist Einsamkeit etwas, was meist mit Unangepaßtheit, Erfolglosigkeit und Außenseitertum stigmatisiert wird. Einsamkeit ist über alle Maßen uncool. Niemand spricht davon oder thematisiert, was es überhaupt bedeuten kann, einsam zu sein. Man/frau leidet still an sich selbst und den Anderen. Niemand scheint einsam sein zu wollen, jeder und jede will dazugehören und im Mittelpunkt stehen.

Und dennoch, ich will an dieser Stelle nicht von jener Einsamkeit sprechen, in denen sich Menschen als Erkrankte oder als Mängelwesen erleben. Ich betrachte im Folgenden die Einsamkeit als selbstgewählten Raum, in dem andere Menschen glücklicherweise ABWESEND sind. Von der guten Einsamkeit eben, in denen man/frau sich den Platz und die Stille nehmen darf, die er/sie benötigt, um zu sich selbst zu kommen. Wir sprechen dabei von einem sehr kostbaren Ort, an dem es gelingt, sich ausreichend von der störenden Umwelt und den uns peinigenden Mitmenschen abschotten zu können. Ein kleines Stück selbstgeschaffenes Paradies, an dem man weder durch am (ebenso krankmachenden) Lärm leidet, noch durch die oft richtungslose und wertfreie Panik der Alltagsroutinen infiziert wird. Das eigene Ich darf sich dabei entfalten, die Gedanken können flanieren, die Gefühle zum Vorschein kommen. Und wer will, kann seinen Zustand auch singen, so wie es uns die Sami durch ihr Yoiken gelehrt haben. Man singt nicht ÜBER etwas, sondern man singt ES.

Dieses sich Zurückziehen von den Anderen in menschenleere Räume gab es schon immer, als kompletative Abgeschiedenheit, als selbstgewähltes Alleinsein, als Eremitendasein aber auch als zeitlich terminisierter Rückzug aus den Routinen der globalisierten Welt („Retreat“, „Off the Grid“). Oft passierte es freilich, daß jene Menschen, die sich in eine selbstgewählte Einsamkeit zurückgezogen haben, als Sonderlinge (oder auch als Heilige) gehandelt wurden – heute scheint es, als würden sie mit der Krankheit „Einsamkeit“ stigmatisiert.

Nein, ich will das Leiden an der nicht selbst gewählten Einsamkeit nicht banalisieren – aber unseren Blick wieder auf die Möglichkeit einer heilsamen Einsamkeit richten. Plappern wir nicht den Medien nach, die in einer endlosen Spiurale immer nur dasselbe wiederkäuen. Hören wir auf uns selbst und unsere Bedürfnisse.

Auwald bei Sierndorf/March

Letztes Wochenende stapfte ich stundenlang ohne eigentliches Ziel durch ein fast vergessenes Auengebiet am Rande unserer kleinen ostösterreichischen Betriebsamkeit. Ich begegnete keinem Menschen: nur Tieren, Pflanzen, der Erde, den Steinen, der Sonne und der Luft. Es waren Naturwege im Auwald, die meist überwachsen waren und auf denen es einiger Vorsicht bedurfte, um nicht über Lianen zu stolpern, in verdeckte Erdlöcher zu plumsen oder im Schlamm zu landen. Das Gehen erforderte mit einem Male wieder Aufmerksamkeit. Ich war mit mir und meiner Konzentration alleine, konnte beim Gehen zu mir selbst kommen, mich wieder ein Stück besser kennenlernen. Ich begegnete meinem Ego, in einer uneitlen, selbstverlorenen und stillen Weise. Kein Narzissmus weit und breit. Keine Störung, keine Ablenkung: nur ICH inmitten der Welt, die mich mit ihrer Schönheit überreichlich belohnte. Es war sehr einsam dort, aber alles von tiefer Schönheit und Bedeutung. Man möchte sich bei Gott bedanken, hätte er sich nicht so oft desavoyiert. So dankt man der Mutter Erde, die schon ewig da ist und noch ewig da sein wird: mit und ohne uns..

Die Weisse Leere

Wenn du nach der erfüllten Zeit in der Stille des Nordens nach Hause kommst, wirst du überwältigt vom existentiellen Chaos der Stadt. Du wirst den verletzenden Lärm in deinen Ohren spüren, die glühenden Impulse in deinen Adern, das unaufhörliche Krampfen und Lösen deines Muskeltonus. Vor deinen Augen flimmert gleißend das Leben der Stadt. Du wischt vergeblich die Abgase von deiner Stirn. Und dir wird bewußt: Mit Gewalt sollst du wieder in die Gleichgerichtetheit des Alltags eingepaßt werden. Wütend stapfst du durch die Nacht und umrundest den Park vor deinem Haus. Deine Aggressivität gegenüber den bedrohlichen Zumutungen scheint masslos zu sein.

Doch dann setzt es aus in dir und du verweigerst dich als der erste Morgen ausbricht. Nenn es Verweigerung oder Depression oder Zusammenbruch. Unter morgendlichen Schweissausbrüchen verfällst du in eine tiefe Ohnmacht, die drei Tage lang währt. Du kannst nichts anderes tun, als im Bett zu liegen. Eine Weiße Leere schützt dich vor den Ansprüchen des Lebens außerhalb deiner vier Wände. Du bewegst dich in Zeitlupe in einer Wanne aus weichem Gips.

Erst dann, am dritten Tag nach deiner Rückkehr bist du fähig, dich wieder der Außenwelt zu stellen. Du hast kapituliert und unterwirfst dich – für einige Zeit allerdings nur.