45° 48,31′ N, 15° 58,026′ O, 119 m

zagreb02
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Telefongespräch am Ende eines Konferenztages: Ja, ich hätte von jenem offiziellen Abendessen gewußt und ja, ich hätte mich auch eingeladen gefühlt, aber leider hätte ich mich entschließen müssen,  im Hotel zu bleiben. Ich fühlte mich nicht so gut, müsse morgen auch früh aufstehen. Nein, ich bräuchte keinen Arzt, alles sei gut. Und ja: ich würde auch nicht vergessen, die Rechnung an sie zu schicken, mit der mein Flug abgegolten werden soll. Und auch ein PDF übermitteln, mit den Bankdaten meiner Organisation. Erschöpft von dem Gespräch mit der sehr professionellen Organisatorin lege ich auf. Ruhe, dringend benötigt!

Wenige Minuten später taumle ich vom Hotelinneren auf die Straße. An der Kreuzug in nächster Nähe zum Hotel lasse ich mich nach links treiben, in eine Richtung, die ich sonst nie eingeschlagen hätte. Der Idee,  ein Dérive zu wagen, wäre ich kaum gefolgt, hätte das Licht an diesem Abend den Straßenzug nicht in eine so verheißungsvolle Atmosphäre getaucht. Ich trat aus dem Hotel und fühlte mich auf eine seltsame Art schwebend und unentschlossen, begierig mich treiben zu lassen.  Aus dem Halbdunkel taucht eine junge Frau auf, mit Stock und Gehproblemen. Sie stackst an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen, ganz auf ihr mühevolles Humpeln konzentriert. Vorbei an einem kleinen Supermarkt und zwei Dönerlokalen. Leute auf der Straße haben noch Manieren: wir weichen einander höflich aus, anstatt wie Roboter für die Wegfreiheit im Straßenkampf zu kämpfen. Wien ist weit weg. Unter einer Eisenbahnbrücke geht es auf eine Art Industriegelände, das sich jedoch schon bald als Universitätscampus entpuppt. Ich folge einem Obdachlosen, der vor mir mit mehreren Plasticksäcken offenbar ein Nachtquartier sucht. In Schlangenlinien führt der Weg an mehreren Zweckbauten vorbei. Zwei, drei Lokale, die spärlich besucht sind, keine Touristen, offenbar alles Studenten. Ich durchforste die Winkel des Geländes, rein meiner Intuition folgend und ohne jene Scheu, die mich an fremden Orten normalerweise befällt. Eine seltsame Art von Freiheit, entbunden von den Konventionen des Alltags. Ich selbst fühle mich alterslos, ohne beruflichen oder privaten Hintergrund, ohne jede Verpflichtung. Einfach gehen ohne jedes Ziel. Ich kenne diesen Zustand, mein ganzes Leben lang gab es solche Situationen, in denen ich völlig bei mir war. Viel zu wenige waren es. Es sollen mehr werden.

Ich nehme vieles in mich auf: die Arbeiter, die an jenem runden, turmartigen Gebäude stehen und Bier trinken, die alten Bordsteinbegrenzungen, die kreuz und quer über einen kleinen Weg verstreut liegen und dann: all die Graffities, mit denen die Gebäudewände geschmückt sind. Vögel, Regen, vom Himmel stürzende Menschen. Da gab es doch dieses Lied: Vom Himmel auf die Erde fallen sich die Engel tot.

Zagreb01
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Ich bin auf der anderen Seite des Bahnhofsgeländes angelangt, das ich vor Jahren besucht habe, um mir die Murales an der Mauer zum Bahnhofsgelände anzusehen. In einem anderen Blog habe ich 2005 davon geschrieben, nicht sehr enthusiastisch, eher als Pflichtübung. Heute, zwölf Jahre danach, ist das anders. ich stehe vor dem Vogelbild und fühle all die Energie, mit der es mich erfüllt.

42°23’47.4″N, 19°09’50.2″E

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Ankunft des Postwagens in Cetinje, um 1900. Wikimedia Commons.

Drei Minister, ihre Entourage und jede Menge Kulturmanager fahren spät nachts auf der unbeleuchteten Bergstraße zurück in die Hauptstadt des kleinen Landes, welches seinen Namen nach dem dunklen Farbe seiner wunderschönen Berge trägt. Die Strände des Landes haben einstmals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehört. Der in dem kleinen Land regierende König hat einen kleinen Operettenkönigshof geführt, verzweifelt um eine Balance mit den Großmächten gerungen. Sein Empfangszimmer hat er mit den Portraits der großen europäischen Herrscher seiner Zeit geschmückt, mit seiner dynastischen Verwandtschaft und diplomatischen Vernetztheit geprahlt. Trotzdem mochte man die Österreicher im Süden auf alle Fälle mehr als die Osmanen im Norden.

Heute überschwemmen russische Touristen das Land und haben sich der einstmals billigen und wunderschönen Grundstücke bemächtigt. Pensionierte Touristen aus ganz Europa tuen ihr übriges. Das Land verkommt zum Urlaubsland, mit all den negativen Folgen für Land und Leute. Man will in die Europäische Union, so ist zumindest ist die offizielle Politik. Einige werden profitieren, tun es ja schon jetzt. Die Politiker gewöhnen sich an Slim-Fit Anzüge und europapolitisches Blabla.

Nach dem Literaturabend in der alten Hauptstadt, bei dem die regionale Kooperation beschworen wurde, fährt der Konvoi hinunter in die heiße Ebene: schwarze Limousinen und weiße Kleinbusse schlängeln sich auf der Bergstraße nach unten. Man freut sich auf das Abendessen in Podgorica und ist durstig und müde vom langen Tag. Manche wollen auch ganz einfach nur ins Bett. Seit 9 Uhr morgens war kontinuierlich Programm.

Plötzlich taucht aus der Dunkelheit ein Pferd auf, springt auf die Straße, wird von einem schwarzen Fahrzeug des Konvois erfaßt, fällt auf die Windschutzscheibe, pulverisiert diese und flüchtet dann bergab. Die vier Wageninsassen sind nur leicht verletzt, aber im Schockzustand. Der Wagen, so berichtet man, habe einen Totalschaden. Die Kühlerhaube ist schwer beschädigt. Ich habe wie viele Andere von dem Vorfall nichts bemerkt, war in einem der weißen Kleintransporter, die dem Konvoi voranfuhren. Vom Unfall erfahre ich erst beim Halt im Restaurant, wo für die große Gruppe gebucht wurde. Viele nehmen erst dort vom Unfall Kenntnis, wie im Vorübergehen, fast nebensächlich. Niemand verletzt? Alles gut! Weiß- oder Rotwein? Der Rotwein ist allerdings aus Serbien.

Es hätte auch Tote geben können, unerwartet, grausam, unverrückbar. Das Leben schreitet voran, unaufhaltsam.

 

50° 4,772′ N, 14° 25,663′ O, 182 m

Abend eines Reisenden.

Bunt, beeindruckend und mächtig wirkt das Bild des Wenzelsplatzes in mir nach, als im November 1989 Vaclav Havel zur Samtenen Revolution aufrief. Am Höhepunkt der machtvollen Demonstration mußte ich Prag verlassen, ich fuhr in der Metro, eingezwängt zwischen Menschen, die sich gegen das Joch des Kommunismus wehrten. Frauen verkauften politische Anstecker, überall war Revolution. Ich versäumte sie, physisch und mental. Erst zu Hause verfolgte ich am Abend im Fernsehen die Geschehnisse.

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Von Gampe – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17348914

Das alles ist nach fast dreißig Jahren vergessen. Den Platz erkenne ich nur schwer wieder. Ein Tag im Arbeitseinerlei. Die Bilder von damals sind viel gewaltiger als die blasse Gegenwart. Enttäuschung macht sich breit, als ich den touristisch verdorbenen Platz überquere.

Es ist stickig heiß in der Stadt, es hat nichts von der Duftigkeit des Frühlings. Den unangenehmen Keilern will ich entkommen, die vor den Lokalen am Wenzelsplatz die Stadt zu einem unerfreulichen Erlebnis machen, mit Ihren lauernden Blicken, ihrem bedrohlichen Herumgelungere und einem Habitus zwischen Übervorteilung und Aggressivität. Lieber im Hotel das abendliche Bier trinken als in den belagerten Lokalen.

Ich muss die junge Kellnerin sehr energisch an meinen Tisch rufen. Sie übersieht mich geflissentlich, konzentriert sich völlig auf die Gäste aus Skandinavien, die Drinks in großen Gläsern mit langen Gemüsestangen serviert bekommen. Dazu trinken sie Bier. Meine Aggression beim Nachrufen spürend, dreht sie sich schließlich nach mir um und wird sofort sanft und freundlich, fast devot. Mir ist das letzten Endes peinlich. Sie stellt mir auch Wasabi Nüsse an den Tisch, grellgrüne scharfe, linsenförmige Dinger, die mir letztendlich den Geschmack des tschechischen Bieres verderben werden.

Ich starre auf den Fernseher: BBC World News.  Eine mich an Gundel Gaukelei (der Lidstrich !!!!)erinnernde Nachrichtensprecherin  berichtet, daß 1, 1 Milliarden Menschen keine Ausweispapiere besäßen, sie also offiziell nicht existent seien. Danach Bilder von einer Müllhalde in der Dritten Welt, unermeßliche Mengen an Müll, der von zerlumpt gekleideten Menschen sofort nach Einlagerung nach Brauchbarem durchsucht wird. Auch hier gewinnen nur die Starken, Schnellen, Tüchtigen. Ich bin deprimiert.

Beim Zahlen versucht mich die Kellnerin aufzuheitern. Sie entdeckt meinen Namen auf der Kreditkarte und liefert mir die deutsche Bdeutung meines Namens unaufgefordert gleich nach. Sie ist auch aus Mähren, so wie meine Urgroßmutter. Mehr als 120 Jahre liegen dazwischen. Nichts ist heute mehr, wie es einst war. Mich interessiert meine Herkunft heute nicht, nicht an diesem Abend. Die junge Dame mit dem Bartflaum und der drallen Figur in Baruniform finde ich unerträglich. In meiner Jugend hätten mich solch interkulturell angehauchte Gespräche beflügelt. Die Globalisierung hat das entwertet. Auch das deprimiert ungemein. Ich gebe kein Trinkgeld, ganz gegen meine sonstige Gewohnheit.

Im Hotelzimmer riecht es nach abgestandenem Zigarettenrauch und großzügig versprühtem Raumduft (Rosen?). Wäre ich nicht so müde, würde ich versuchen, das Zimmer zu wechseln. Doch so schlafe ich unruhig ein.

Wieder ist ein Arbeitstag zu Ende.

 

Tinderness verändert sich (ein wenig)

Derzeit bin ich mit der Reorganisation von Tinderness beschäftigt: eine neue Kategorieneinteilung erscheint mir notwendig, ebenso eine Neuvergabe der Schlagwörter, vielleicht auch eine Linkliste mit interessanten deutsch- und englischsprachigen Blogs. Das Logbuch ist weggefallen, weil es sich als nicht praktikabel erwiesen hat.  Bemerkbar wird sich das alles in einer leicht geänderten Oberfläche machen, der Betrieb des Blogs selbst bleibt selbstverständlich erhalten. Ende März 2018 dürfte die leichte visuelle Unruhe schon wieder beendet sein.

Flugschrift_hexen_1571
Bild der Hexenverfolger auf einem Flugblatt aus dem Jahr 1571. Copyright: Gemeinfrei

Die Veränderungen haben mit einer stärkeren inhaltlichen Fokussierung in Richtung Spiritualität und Paganismus zu tun. Das erscheint mir eine  logische Entwicklung von tinderness. Vermeiden möchte ich weiterhin jeden Anfall von prophetischem, moralischem oder besserwisserischem Gehabe, das sich so oft bei spirituellen Themen in den Vordergrund drängt. Verkaufen werde ich hier weder Produkte noch mich selbst. Ebenso bleibt das Blog werbefrei. Spiritualität ist keine Lifestyle Modell, Paganismus keine modisch motivierte Ersatzreligion. Konstruktiver Zweifel an den Dingen ist fruchtbarer als dogmatische Unehrlichkeit.  Tinderness ist kein besserer, kein tieferer, kein beifallheischender und weihevoller Blog.

Auf alle Fälle: Danke fürs Lesen und bitte um Kommentare, weiterhin. Wie sich die Dinge so fügen, war dies der hundertste Eintrag auf tinderness !