Die Lächerlichkeit einer Diktatur

Man kann gegen Diktatur und illegitime Machtausübung auf verschiedene Weise ankämpfen: mit zivilem Ungehorsam, durch Widerstand gegen die Staatsgewalt, in bewaffneter Auseinandersetzung aber auch mit intellektuellen Mitteln: mit Kunst, Ideologiekritik oder dem Kino.

Da autoritäres „Gehabe“ und „Fake News“ in seiner letzten Konsequenz lächerlich, verlogen und dem Verstand unzumutbar sind, eignen sie sich bestens für eine Satire, die den Tyrannen und seinen Machtapparat blossstellt und verspottet. Nichts ist der Macht weniger zuträglich als nicht ernst genommen zu werden. Spott kann tödlich sein, vor allem für jene (politischen Systeme), die sich selbst als absolut betrachten und allzu ernst nehmen. Spott nimmt Angst. Aus der herrschenden Klasse wird spätestens dann ein Kabinett lächerlicher Figuren, wenn, der Kaiser glaubt, prächtige Kleider zu tragen, obwohl er schon längst nackt ist.

Am Beispiel des mehrfachen Wahlbetrugs in Belarus und dem breiten Protest der Bevölkerung dagegen zeigt sich, dass Präsident Lukashenko schon längst nackt dasteht, nur mehr geschützt durch eine Nomenklatura und deren Büttel, die sich wie er verzweifelt an die Macht klammern. Entlarvt ist er längst: spätestens seit seinen wiederholten Wahlbetrug und der Brutalität der Polizei, die gegen Demonstranten und Demonstrantinnen vorgeht. Denn der Wandel zur Demokratie seit einem Vierteljahrhundert überfällig. Selbst für Putin ist Lukaschenko zu einem Risiko geworden. Doch unerschütterlich inszeniert das System in leeren Ritualen seine Macht. Der Präsident beschimpft sein Volk, er prügelt und missbraucht es. Die nackte Gewalt des Apparats ist unleugbar.

2006 hat Yury Khashchavatski den Film Kalinovski Square gedreht, der in einer bitteren Satire die Rituale der Unterdrückung aufs Korn nimmt. Morgen, 2021, ist Lukashenko beschämende Geschichte für ein selbstbewusstes Volk. Es dauert nicht mehr lange.

Davos: Ein zahnloser Film aus Österreich

Die beiden Filmemacher Julia Niemann und Daniel Hösl haben über ein Jahr in Davos gelebt, um dort den gleichnamigen Film (2020) zu drehen. Ursprünglich sollte das Weltwirtschaftsforum (World Economic Forum, WEF) nicht im Mittelpunkt ihres Filmes stehen, letztendlich habe sich das Thema nach Ansicht der Regisseure aber einfach aufgedrängt. So ist ein vordergründig engagierter und scheinbar kritischer Film über das Treffen der Mächtigen aus Wirtschaft und Politik entstanden, der aber über eine moralisierende Beobachtung von Zaungästen nicht hinauskommen wird. Wie heisst es so pathetisch auf der Homepage des Films: „Der Film ist eine Chance, das Bewusstsein für globale Themen, die uns alle betreffen, zu schärfen. Davos geht uns alle an.“ Diesem Anspruch wird der Film leider nicht gerecht.

Zwei Welten werden gezeigt: jene des „normalen“ Lebens der Gemeinde Davos und der Ausnahmezustand anlässlich des seit fünzig Jahren jährlich stattfindenden Weltwirtschaftsforums. Diese Welten fallen erwartungsgemäss auseinander. Während die Bauern und Migranten arm sind, in prekären Verhältnissen leben und hart arbeiten, machen die Mächtigen der Welt ihre klandestinen Geschäfte hinter verschlossenen Türen. Manche protestieren dagegen. Greta Thunberg wirft den Verantwortlichen Untätigkeit vor: Our house is still on fire and you’re fuelling the flames. Davos indes profitiert vom Kongresstourismius. Das ist alles nichts Neues und wenig überraschend. Wozu brauchen wir also diesen Film? Um als aufgeklärte Menschen unsere Erwartungshaltungen zu bestätigen? Um ein wenig Schweizer Ambiente zu schnuppern? Um uns von FilmemacherInnen belehren zu lassen? Um die böse Weltelite wieder einmal kritisieren zu dürfen? Davos ist Bauerndorf, Luftkurort, Wintersportort und Kongressort: aber auch das steht in Wikipedia und stellt wohl keine neue Einsicht dar.

Auch formal vermag der Film nicht zu überzeugen, Sequenz reiht sich an Sequenz, 99 Minuten lang und ohne eigentliche Einsicht, überraschende Wendung oder ästhetischen Genuss.

Der Film ist, brutal gesagt, überaus langweilig. Ein bemüht engagierter Film, der weder zu überzeugen vermag, noch interessante Einsichten bieten kann. Ein typisch kritischer Film aus Österreich eben.

Davos ist der meiner Meinung nach schlechteste Film im Reigen der hochwertigen Produktionen, die im Rahmen des Filmfestivals This Human World gezeigt wurden. Schade um die Zeit, schade um das Geld.

Indes soll das WEF pandemiebedingt nach Singapur weiterziehen. Das ist katastrophal für die Bewohner des Ortes, man wird sich neue Einkommensquellen suchen müssen. Aber auch das war erwartbar.

Sehnsucht nach dem Vergangenen

Die Sehnsucht nach dem Vergangenen kann in einem Leben dominieren, es verändern, es zerbrechlich machen. Die Bedeutung des Begriffs ist voll von Unerfüllbarkeit und zuletzt ohne Hoffnung. Sehnsucht endet mit Erfüllung und enttäuscht oder bringt das Unerwartete hervor. Sehnsucht ist mehr als Wunsch: es ist die Conditio Humana unserer Existenz.

Das heurige Filmfestival This human World zeigt drei Filme, die für die unterschiedlichen Formen von Sehnsucht exemplarisch sein können. Die Filme sind inhaltlich aber auch formal von hoher Qualität, auch wenn sie keine Preise gewonnen haben. Sie beharren auf dem Recht des Individuums seinen Sehnsüchten entsprechen zu können, trotz entgegengesetzter Absichten der politischen Systeme, der Staaten und der historischen Verfasstheit ihrer Gesellschaften.

Der erste Film, der mich diesbezüglich tief beeindruckt hat, ist der Film Memory is our Homeland des kanadischen Regisseurs Jonathan Kolodziej Durand, in der er die Geschichte seiner Grossmutter erzählt, welche mit ihren Eltern nach der Besetzung Polens 1939 zunächst nach Sibirien deportiert wurde, um dann über den Iran und Indien nach Ostafrika zu gelangen. Sie verbrachte mit anderen polnischen Flüchtlingen Jahre in einem Lager unweit des Kilimanscharo, um letztendlich nach London zu emigrieren. Nie mehr konnte sie nach Polen zurückkehren, da ihre Heimatregion inzwischen an Belarius gefallen war. Nur dem Enkelkind (=dem Regisseur) ist es möglich, das untergegangene Dorf der Grosseltern aufzusuchen, im Rahmen seiner Recherche über eine Geschichte, die ihm als Kind immer wieder gehört hat. Die Sehnsucht nach der untergegangenen Welt ihrer Kindheit bleibt für die Betroffenen indes unerfüllt: sie sind ihres Heimatlandes beraubt und das Einzige, das ihnen bleibt, ist die verblassende und brüchige Erinnerung an ihre Kindheit, die der Regisseur mit seinen Recherchen nicht zurückzubringen vermag.

Memory Is Our Homeland – Trailer from Jonathan Durand on Vimeo.

Im Streifen Panquiaco (2020) der panamesischen Regisseurin Ana Elena Tejera sehnt sich der in Portugal arbeitende Cebaldo nach seiner Heimat Guatemala, wo er Familie und Freunde als Jugendlicher überstürzt verlassen hat. Die abrupte Trennung, die er damals vollzogen hat, lässt ihn im Alter nicht ruhen, sondern verstärkt seine sehnsuchtsvolle Einsamkeit. Er lebt in Portugal und macht sich auf in sein Herkunftsland. Doch die „Heimkehr“ ist nicht so sehr Rückkehr an den Ausgangsort seines Lebens als vielmehr Transition in ein anderes, spirituell bestimmtes Leben. Die Reise des alternden Cebaldo vom Portugal nach Panama symbolisiert dabei nicht nur für die koloniale Geschichte Panamas, sondern auch die geographische Verortung dieses Landes zwischen den Meeren. Sie ist auch ein Zurück zu den animistischen Praktiken der dort lebenden Kuna, an deren animistischen Praktiken er teilnimmt. Sehnsüchte zu erfüllen, verändert seine spirituelle Verfasstheit. Sie beeinflusst das Resultat einer schwierigen Reise ohne vorhersehbaren Ausgang.

PANQUIACO (2020) – Official Trailer from Ana Elena Tejera on Vimeo.

Der dritte Film irritiert zunächst, handelt er jedoch von einer Frau aus Nordkorea, die unfreiwillig über China nach Südkorea geflüchtet ist, um Geld zu verdienen und der es verwehrt ist, in ihre Heimat zurückzukehren. Sie ist in eine bürokratische Falle getappt, die aus ihr eine nordkoreanische Überläuferin machen will. Der Regisseur Seung-Jun Yi beschreibt in seinem Film Shadow Flowers aus dem Jahr 2019 das Schicksal der Protagonistin Kim. Getrennt von ihrer Familie versucht diese, ihre Flucht „rückgängig zu machen“, um wieder dorthin zurückzukehren, wo ihr Lebensmittelpunkt und ihr Sinnzentrum angesiedelt ist. Doch die Behörden Südkoreas verwehren ihr die Rückkehr aus vermeintlichen „Sicherheitsgründen“ und belegen sie mit einem Ausreseverbot, obwohl sie letztendlich doch einen gültigen Reisepass ausgestellt haben. Sehnsucht kann nicht erfüllt werden, wo trotz politischem Tauwetter zwischen beiden koreanischen Staaten, eine unsinnige Staatsräson dieser entgegensteht. Die Hartnäckigkeit Kims, nach Hause zu ihrer Familie zurückzukehren, ist erfolglos. Bis heute wird ihr die Ausreise verwehrt.

Im Nebel von Krieg und Frieden

Trailer

Wer schreibt die Geschichte einer Widerstandsbewegung? Welche Erinnerungen bleiben, welche gehen verloren? Wie verändert sich Erinnerung nach der Eingliederung der Guerilla in die die kolumbianische Gesellschaft? Regisseur Joel Stangle geht in seinem Film The Fog of Peace (La niebla de la Paz, 2020) diesen Fragen am Beispiel Kolumbiens nach, wo fünfzig Jahre lang ein Krieg zwischen den Regierungstruppen und Paramilitärs auf der einen Seite und der FARC auf der anderen Seite gewütet hat. Er dokumentiert die letzte Phase des Kampfes, die Friedensverhandlungen in Kuba und gibt einen Ausblick auf die Zeit danach, in welcher der Friedensprozess und die Wiederversöhnung wieder gefährdet erscheinen.

Die Handlung läuft auf zwei Ebenen. Während Teo in den Feldlagern der Guerilla die „Geschichten“ der Kombattanten in einem Buch niederschreibt, filmt Boris die Friedensverhandlungen in Havanna. Gleichzeitig wird nach Dokumenten und digitalen Aufzeichnungen gesucht, die im Dschungel von Truppen der FARC vergraben wurden und die einen wichtigen Beitrag zum Erinnern zur Geschichte der FARC leisten können. Denn die Geschichte des Widerstands kann nicht nur eine Geschichte sein, die allein von ihren Führern erzählt wird, sondern muss jene erinnern, die zu deren Bekanntheit und Reputation beigetragen haben.

Erinnerung, Geschichte(n) und Wahrheit erscheinen immer wieder verhandelbar und unterliegen einer ständigen Neubewertung. Sie sind Teil der Benühungen der Wiederversöhnung nach fünfzig Jahren Bürgerkrieg und Teil der sich dabei bildenden und voneinander abgrenzenden Ideologie. Wie immer man die Geschichte des Kampfes bewerten will, das Schlimmste wäre wohl, ihn nicht mehr in seiner Widersprüchlichkeit erinnern zu können.

Über die Zerstörung von Geschichte

Screenshot aus Boris Svartzmans Film: A new Era. (2020)

Der Film von Boris Svartzman „A new Era“ (2020) ist ein bedeutsame Chronik über die Urbanisierung Chinas. Am Beispiel der Insel Guangzhou wird gezeigt, wie sich eine Stadt über das sie umgebende Land stülpt und dabei deren Bewohner entrechtet. Korruption, Polizeigewalt und Betrug kennzeichnen die Taktiken der regionalen Verwaltung, welche eine Insel für eine falsch verstandene Stadtentwicklung akquiriert. Doch ein kleiner Teil der Dorfbevölkerung kehrt in die Ruinen ihrer ehemaligen Heimat zurück, um nach einem gescheiterten Versuch des Widerstands gegen die Zwangsräumung ihre Wurzeln nicht zu verlieren. Sie stemmen sich mit all ihrer Kraft gegen den aufgezwungenen Fortschritt und eine totalitäre Modernität. Die ringsum emporschiessenden Hochhäuser überragen die Ruinen des zerstörten Dorfes, welches bald keine Funktion mehr besitzt: weder für die vertriebenen Bewohner noch für die korrupten Behörden.

Wenig ist über die bedingungslose Urbanisierung Chinas hierzulande zu hören und zu lesen: und tatsächlich gehorcht sie anderen Mechanismen als die uns von Europa und den USA bekannte Binnenwanderung. Die Agglomeration in den Städten erfolgt nicht aufgrund der Attraktivität für die sie umgebende Region, sondern sie wird durch den Hunger der Städte auf das sie umgebende Land verursacht. Der Soziologe, Fotograph und Regisseur Boris Svartzmann hat diesen Prozess mehr als ein Jahrzehnt studiert. Das gegenständliche Dorf und seine Bewohner waren für ihn von besonderem Interesse.

Nach der gewaltsamen Umsiedlung der Bewohner bleiben nur noch Ruinen zurück. Die „Lebenslinien“ ihrer Bewohnerinnen und Bewohner werden zerstört, ihre Biographie erfährt einen gewaltsamen Bruch. Den ursprünglichen Lebenszusammenhang gibt es nicht mehr, der Wohnort ist unverschuldet zu einem Slum geworden, welches ihre Existenz nicht mehr gewährleisten kann. Es ist ein Angriff nicht nur auf ihre physische Existenz sondern auch auf ihre Biographie.

Von 2000 bis 2007 kehrt Svartzmann an diesen Ort zurück und filmt die Bewohner der Ruinen. Er gewinnt ihr Vertrauen und kann die versprengten Teile ihrer Geschichte zusammentragen. Darüber schreibt er wissenschaftliche Arbeiten, daneben fotografiert er und produziert letztendlich den vorliegenden Film. Es wird ein Abgesang auf eine versinkende Welt. Drei Jahre nach seinem letzten Besuch auf dieser Insel stellt er sich in einem Interview die Frage, ob denn die die von ihm gefilmten Protagonisten eines sehr individuellen Widerstands heute noch auf dieser Insel anzutreffen wären. Denn die Zukunft wird gemacht, ohne Rücksicht auf Verluste.

Über das Recht auf persönliche und allgemeine Geschichte spricht ein alter Dorfbewohner in die Kamera. Auf eine Tafel zeigend meint er:

Thats the genealogical plaque of our family tree. Thats my most precious possession.
And the Communist Party wants no more of the past! In fact, they want to erase the past, to wipe the slate. That way the Communist Party will say that its reign is infinite. Thats their goal. But it has no foundation!
(…)
They would like to falsify history. Its nonsense. Theres no present without history, is there? How would humanity have developed without history?

Krieg ist Leere

Screenshot aus dem Film „The World is Blue like an Orange“ von Iryna Tsilyk.

The world is blue as an orange

No error the words do not lie
They no longer allow you to sing
In the tower of kisses agreement
The madness the love
She her mouth of alliance
All the secrets all the smiles
Or what dress of indulgence
To believe in quite naked.
The wasps flourish greenly
Dawn goes by round her neck
A necklace of windows
You are all the solar joys
All the sun of this earth
On the roads of your beauty.

Paul ÉLUARD

Surrealität ist die Formel, mit der die Regisseurin Iryna Tsilyk ihren Film mit dem gleichnamigen Titel eines Gedichts von Paul Eduard beschreibt. Deshalb hatte sie auch den überraschenden Titel The World is Blue as an Orange gewählt. Eine Art bizarrer Poesie hätte sie in der ukrainischen Kriegsregion Donbas auf Schritt und Tritt vorgefunden: wenn etwa zwei Mädchen in wunderschönen Kleidern vor ihrer zerbombten Schule posierten, im Hintergrund vorbeifahrende Militärfahrzeuge. Auch darüber galt es letztendlich, einen Film zu drehen.

Wer je einen Krieg erlebt hat, ihm physisch nahegekommen ist oder ihn in seinem Gegenüber gespürt hat, weiss wovon gesprochen wird. Krieg ist Monströsität, Krieg verändert Monumental, Krieg lässt verstummen. Nichts ist mehr neben dem Tod.

Es erscheint zunächst nur schwer begreifbar, was da an Handlung dem Zuseher zugemutet wird: Eine alleinstehende Mutter mit vier Kindern produziert einen Film über den Krieg, einen unerklärten Krieg, den sie tagtäglich am eigenen Körper erlebt. Die Männer sind Soldaten, als Familienmitglieder treten sie nie auf. Die Tochter wird an der Filmakademie in Kiev studieren. Alle sind Betroffene und Schauspieler zugleich. Dies alles geschieht in einem Dorf in der Donbas – Region, welche von Granaten zerstört wird. Schauplatz ist das eigene Haus, der eigene Keller und die nähere Umgebung. Kunst und Krieg existieren in einer Art von surrealem Nebeneinander. Die Kinder spielen ihre Instrumente: das ist die Filmmusik.

Darüber macht nun Iryna Tsilyk einen Film ohne Gekünsteltheit, ohne Pathos und ohne moralisierenden Appell an die vermeintliche Empathie von Zusehern. Es ist ein Film im Film über eine Wirklichkeit, die alles zu zerstören droht und die es zu kommentieren gilt. Erst die Kamera vermag die verstörende Realität zu transzendieren. Eine unwahrscheinliche Handlung für einen Spielfilm vielleicht, wie aber kommt ein Dokumentatarfilm zu diesem Setting?

Irina Tsilky erklärt dies ausführlich auf filmdaze, aber auch bei einem Interview im Rahmen der österreichischen Uraufführung ihres Films im Rahmen des Online Filmfestivals „This Human World“. Sie hätte ursprünglich vorgehabt, einen Film über filminteressierte Teenager im Kriegsgebiet zu drehen. Anlass war ein im Donbass veranstalteter Filmworkshop namens Yellow Bus, bei dem sie als Tutorin zwei junge Mädchen kennengelernt hatte, von denen sie schliesslich nach Hause eingeladen wurde. Sie fand eine Familie vor, die mit dem Drehen eines Films über die Auswirkungen dieses Krieges auf sie selbst beschäftigt waren. Das gab den Ausschlag, sich dieser „Story“ zu widmen. So hätte sich der Film seine ursprüngliche Perspektive während der Dreharbeiten zunehmend verändert, von der Absicht, ein „Coming of Age“ zu drehen hin zu einem Porträt über eine bewundernswerte Mutter mit einer Familie in Bedrängnis.

Die Erfahrung, aber auch die Verarbeitung von Gewalt, Zerstörung und Angst wird so zum Ausgangspunkt einer privaten und an vielen Stellen improvisiert wirkenden filmischen Produktion, die Iryna Tsilyk mit viel Sympathie dokumentiert. Während das Kriegsgeschehen die Verfasstheit der Protagonisten physisch wie psychisch bedroht, wehren diese sich mit künstlerischer Arbeit und ästhetischem Diskurs. Darf man das? Oder wird erwartet, dass man der von anderen insinuierten Ohnmacht entspricht? Das Unfassbare auf derartige Weise begreifbar zu machen, mag vielen als therapeutische Intervention erscheinen, aber es bedeutet viel mehr: die Selbstermächtigung, an Ort und Stelle Gewalt und Angst ästhetisch zu verarbeiten und somit zu begreifen. Die Produktion eines Filmes wird zum Ausgangspunkt für ein Leben diesseits und jenseits des Krieges. Es ist ein engagiertes Bemühen um die Herstellung einer Normalität, in der Kinematographie seinen selbstverständlichen Platz hat. Kunst transformiert Krieg, indem die seine Leere mit bewusstem Tun erfüllt. „War is emptyness“, heisst es an einer Stelle des Films. Die Familie versucht sie mit Leben und Kreativität zu füllen.

Menschen in lebensbedrohenden Ausnahmesituationen, der Surrealismus einer Situation: damit können wir vielleicht jetzt angesichts Corona damit mehr anfangen als im sicheren und geschützten Leben vor der Pandemie. Wie gut, dass das derzeit laufende Festival seine Filme 48 Stunden lange anbietet. Ein zweiter Blick auf diesen Streifen wird auf alle Fälle lohnend sein.

Die Stille der Tage, Teil 4

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Auf facebook habe ich bei einer ehemaligen Arbeitskollegin einen geharnischten Kommentar über die jüngste Veröffentlichung von Matthias Horx hinterlassen. Der selbsternannte Visionär schreibt auf seinem Blog über die Folgen von COVID-19 und weist auf die Chancen hin, die diese Krise mit sich brächte. Sie war begeistert und mochte dabei den optimistischen Zug des Textes in Zeiten der Krise. Ihr schrieb ich in den Kommentar:

Ich vermag den Optimismus von Herrn Horx nicht zu teilen. Er urteilt von der Warte eines Privilegierten, der offenbar nicht von Kurzarbeit, von Arbeitslosigkeit, von chronischer Krankheit oder von Tod betroffen ist. Er sitzt nicht an der Supermarktkasse, steht nicht als medizinisches Fachpersonal im Dauerfeuer, muss die Krise nicht managen. Ich finde den Text fahrlässig, unausgewogen und präpotent. Sorry.

Tatsächlich argumentiert Horx im Sinne einer idealisierten Corona – Rückwärts – Diagnose. Er prophezeit, daß wir uns im September an die Ereignisse rund um die Pandemie folgendermaßen erinnern würden: die Ökonomie habe wie ein schlafender Riese nur gedöst (und sich mittlerweile erholt), Trump sei letztendlich abgewählt worden, das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur habe sich zum Positiven verschoben. Zwischen den Menschen habe sich wieder so etwas wie positive Nähe entwickelt, eine Art Zukunfts-Intelligenz sei entstanden. COVID-19 habe uns zwar die Angst, aber auch das Erlebnis der geglückten Angstüberwindung beschert. Das Virus sei demnach so etwas wie ein Evolutions-Beschleuniger.

Es ist nicht so, daß dieses Traumbild eines Zukunftsforschers provokant wäre. Im Gegenteil, es lullt ein und richtet den Blick auf die Luxusphantasien jener privilegierten Schichten, die stets auf sehr hohem Niveau zu jammern bereit sind. Ich meine, daß es sich bei dem Text von Matthias Horx um einen sehr fahrlässigen Text handelt. Nicht nur, daß er die Gesetze der Pandemie nicht kennt, er weiss auch nicht um unsere prekäre soziale, ökonomische und gesellschaftliche Verfasstheit. Er verschließt die Augen vor der neuen Realität. Er kennt die Wut nicht, die einem befällt, wenn der Lock Down die eigene Lebensgrundlage zerstört hat.

So spricht Hort von einer süßen Neuen Normalität, einer gefälligen Zukunftsvision, die mit der schwierigen Zukunft, die uns erwartet, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Doch die Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, sind endgültig vorbei. Die Zeiten werden noch prekärer, als sie ohnehin schon vor dem Ausnahmezustand waren.

Diese, meine Empörung, kann ich meiner ehemaligen Kollegin in der Facebook – Öffentlichkeit nicht ersparen. Sie antwortet im Gestus des Trotzes, daß eben jede/r seine Meinung habe. Meinung schon, aber entspricht sie deshalb auch den Tatsachen? Doch das schreibe ich nicht mehr zurück. Auch nicht, dass jeder, der sich öffentlich äußere, wohl auch mit öffentlicher Kritik zu rechnen habe. Ich habe es mir heute wieder einmal gründlich mit einem Gegenüber verdorben.

47° 11,759′ N, 9° 16,914′ O

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Klänge aus aller Welt. In der katholischen Kirche des Ortes ist der Altarraum mit einem dunklen Vorhang abgedunkelt, davor wurde eine Bühne errichtet, die die ganze Breite des Kirchenschiffes ausmacht. Drei Gruppen sollen auftreten: eine große Jodlertruppe aus einer nahegelegenen Ortschaft, eine Hula-Gruppe aus Hawaii und eine Joikerin aus dem Norden Norwegens. Alle sind neugierig auf welches musikalische Abenteuer man sich hier einlassen will, aber immerhin sind bei 250 Leute gekommen, meist Menschen us der Region, in welcher die Veranstaltung im Rahmen des Klangfestivals stattfindet.

Die Naturjodler: meist junge, kräftige und ausschließlich Männer, die ernst ihrem Kunst nachgehen, dabei etwas finster dreinblicken und in machistischer Manier mit den Händen in den Taschen und hervorgelocktem Unterleib dastehen. Die Joikerin: blond, mittleren Alter, etwas hausbacken joikt sie entrückt die Seele der Dinge und nicht über die Dinge. Die hawaianische Männerband ist ein starker Gegenpol: halbnackt, drücken sie ihre Erzählungen nicht nur mit ihrer Stimme sondern auch mit Gesten aus. Trotz ihrer beachtlichen Leibesfülle tanzen sie mit seltener Eleganz und voller Körperbeherrschung.

Da es offenbar zu schwierig ist, stimmlich zu einem Klangbild zusammenzufinden, lassen sie es lieber gleich bleiben und singen getrennt. Nur die Übergänge zwischen ihnen Auftritten gestalten sie gemeinsam. Dafür tut der Moderator sein bestes, mit klugen Überleitungen die getrennten Teile zusammenzufügen. Auch die Überleitung zwischen den Stücken ist sehr geschickt inszeniert und so kommt nie Langeweile auf. Im Gegenteil, das Publikum geniesst die Klangbilder offenbar mit großem Vergnügen.

Ich denke, daß noch vor wenigen Jahrzehnten derartige Auftritte nur sehr selten zustande gekommen wären, die Veranstalter aber offenbar das Beste aus der Globalisierung machen, um unterschiedliche Musikwelten auf gelungene Weise präsentieren zu können. Obwohl ich noch nie eine hawaianische Hula Band erlebt habe, gefällt mir das Joiken wohl am Besten. Da kann auch die ganze Jodelkunst in meiner Gunst nicht mithalten.

Allen gemeinsam ist, daß sie gegen den internationalen und globalisierten Musikmarkt ansingen, oder besser gesagt ihre Nische suchen. Gleichzeitig halten sie noch das Banner der Tradition und der alten Mythen hoch, in einer musikalischen Qualität und Originalität, die auf dem nivellierten Musikmarkt ihresgleichen sucht. Da verzeiht man den Jodlern auch das eine Stück, wo sie mit Klischees ihren Heimatort besingen: auch das darf sein, wenn es sonst stimmt.

 

Ron Segal und die Erinnerung der Dritten Generation

Ron Segal: Jeder Tag wie heute. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Wallstein Verlag. Göttingen, 2014. 139 Seiten.

Der 1980 in Israel geborene Ron Segal  hat sich in seinem 2014 erschienen Romandebut „Jeder Tag wie heute“ mit jener Erinnerungsarbeit auseinandergesetzt, die die dritte Generation der Hinterbliebenen des Holocaust literarisch leisten können. Im Rahmen der Lesungsreihe Kombo Kosmopolit diskutiert er im Wiener Literaturhaus das Problem von Hococaust und Erinnern  und erzählt von seinen Recherchearbeiten in Yad Vashem und der Genese des Buches.

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Naemi Latzer und Ron Siegel @Literaturhaus Wien. Copyright: B.Burgmann

Zwei Jahre habe er immer wieder im Archiv von Yad Vashem dort verbracht, so erzählt er, um aus den vielen Lebensgeschichten jene auszuwählen, die dann später zur Substanz seines Romans geworden sei. Jahrzehnte hätte er in den dort lagernden Lesegeschichten lesen müssen, um sie alle kennenlernen zu können. So sei ihm nur übrig geblieben, sich auf die Lektüre einer kleinen Auswahl von Biographien zu beschränken. Bestimmte biographische Elemente seien ihm dabei besonders wichtig geworden, sodaß er sie verwendet und in seinem Roman eingearbeitet habe. Dennoch sei sein Buch Fiktion. Es thematisiere die Möglichkeiten von Erinnerung.

Ron Segal wurde 1980 in Israel geboren und lebt seit 2009 mit Unterbrechungen in Berlin. Er ist zur sogenannten dritten Generation der Überlebenden des Holocaust zu zählen. Sein Bemühen um Erinnerung spiegelt die unwägbare Situation wider, in der sich das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus mit dem Aussterben der letzten Zeitzeugen befindet. Beide Zeitzeugen sterben, die Opfer aber auch die Täter des Holocaust. Das Buch stellt darüber hinaus auch eine grundsätzliche Frage: Wie funktioniert individuelle Erinnerung? Letztendlich: Wie legt man Bilanz über sein Leben, das letzten Endes doch nur aus Erinnerung besteht und unter zwischen den Fingern zu zerrinnen droht? Dazu ein kurzes Zitat aus dem Buch:

Den Anfang hat kein Mensch in Erinnerung. Das Einzige, woran man sich halten kann, ist das pathetische Ende der alten Leute, denen die Erinnerungen an die Lebensmitte zwischen die Synapsen im Gehirn gefallen sind, und anders als sämtliche Kinder und Enkel denken, die sie in den Altersheimen besuchen, sind diese Alten sich sehr wohl bewußt, was ihnen geschieht, kennen sie dieses zuletzt geschriebene Kapitel, das sie notgedrungen in Erinnerung behalten – dieses und nur dieses.

Ron Segal erzählt die Geschichte des Adam Schumacher, eines Juden, der im hohen Alter widerstrebend nach Deutschland zurückgekehrt ist, um auf Einladung eines befreundeten Verlegers Max eine Fortsetungsgeschichte mit dem Titel  „Adam Schumachers Rückkehr“ zu schreiben. Er leidet an der Alzheimer Krankheit, die während seines Aufenthaltes in Münschen zum Ausbruch kommt. Als er auch noch einen Schlaganfall erleidet und im Spital ans Krankenbett gefesselt ist, verschwimmen Gegenwart und Erinnerung zu einer Phantasmagorie, die die Zeit seines erwarteten Todes begleitet. Bruchstücke seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, des Todes seiner Frau Bella und seines Besuchs einer Sterbeklinik in der Schweiz vermischen sich zu einer subjektiven Realität, von der nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen ist, was Wahrheit ist oder Erfindung. Somit wird das Buch zu einer doppelten Erinnerung: jene des Protagonisten Adam Schumacher, der sein Leben zu einem Abschluß bringen will und jener des Autors, der sich mit Erinnerung an und dem Vergessen der Schoa auseinandersetzt. Darüber hinaus ist das Buch auch eine Reflexion über die Funktion der Erinnerung selbst, ein mit verzweifelter Heiterkeit formuliertes Testament für nachfolgende Generationen:

To hear a witness is to become a witness yourself.
(Elie Wiesel)

Die Tiere Pirosmanis

Erst vor kurzem bin ich durch einen Film auf der Streaming Plattform Mubi auf den georgischen Maler Nikolos Pirosmanaschwili aufmerksam geworden: den im Jahr 1969 in der Sowjetunion gedrehten Film Pirosmani. „So macht man heute kaum mehr Filme“, denke ich! Jede Sequenz ist wie eine gemalte Szene und dem Publikum wird genügend Zeit für eine eingehende Betrachtung derselben gegönnt: es ist, als wäre jedes Bild quasi konstruiert worden und als setze sich der Film aus statischen Bilder zusammen. Ein Film wie ein Gemäldegalerie – so könnte man auch sagen. Ich geniesse die Zeit, welche dem Zuschauer  durch das langsame Tempo des Filmes für das Zusehen und das staunende Innehalten gewährt wird. Eine selten gefühlte Wohltat in all dem bildergeilen Mediengetümmel von Heute. Ich habe mir vor Begeisterung und für jeden Fall viele Screenshots gemacht! Immerhin wird es ja den Film, wie auf MUBI üblich, nur 30 Tage zum erneuten Ansehen geben.

Es sind aber nicht nur die formalen Strukturen des Filmes, die mich so begeistern, es sind auch die Bilder des mir bis dahin unbekannten Malers, die mich bewegen. Trotz des naiven Stils, der aus den Bildern spricht, scheint es mir, als hätte Pirosmanaschwili das Innenleben der Tiere erfasst, die unangreifbare Ewigkeit der belebten Natur. Irgend etwas hat ihm die Gnade eines Blickes ermöglicht, welcher weit über das hinausgeht, was wir heute sehen können. Vielleicht ist es ja auch so, daß uns diese Bilder lehren können, wieder hinter die Klischees der Werbung und der Bilderwelten der sozialen Medien zu sehen. Und das ist ohne Zweifel auch eine der Funktionen von Kunst!

Quasi als Erinnerung an dieses Erlebnis habe ich eine kleine Gemädegalerie zusammengestellt, die man hier genießen kann: