Die Stille der Tage, Teil 4

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Auf facebook habe ich bei einer ehemaligen Arbeitskollegin einen geharnischten Kommentar über die jüngste Veröffentlichung von Matthias Horx hinterlassen. Der selbsternannte Visionär schreibt auf seinem Blog über die Folgen von COVID-19 und weist auf die Chancen hin, die diese Krise mit sich brächte. Sie war begeistert und mochte dabei den optimistischen Zug des Textes in Zeiten der Krise. Ihr schrieb ich in den Kommentar:

Ich vermag den Optimismus von Herrn Horx nicht zu teilen. Er urteilt von der Warte eines Privilegierten, der offenbar nicht von Kurzarbeit, von Arbeitslosigkeit, von chronischer Krankheit oder von Tod betroffen ist. Er sitzt nicht an der Supermarktkasse, steht nicht als medizinisches Fachpersonal im Dauerfeuer, muss die Krise nicht managen. Ich finde den Text fahrlässig, unausgewogen und präpotent. Sorry.

Tatsächlich argumentiert Horx im Sinne einer idealisierten Corona – Rückwärts – Diagnose. Er prophezeit, daß wir uns im September an die Ereignisse rund um die Pandemie folgendermaßen erinnern würden: die Ökonomie habe wie ein schlafender Riese nur gedöst (und sich mittlerweile erholt), Trump sei letztendlich abgewählt worden, das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur habe sich zum Positiven verschoben. Zwischen den Menschen habe sich wieder so etwas wie positive Nähe entwickelt, eine Art Zukunfts-Intelligenz sei entstanden. COVID-19 habe uns zwar die Angst, aber auch das Erlebnis der geglückten Angstüberwindung beschert. Das Virus sei demnach so etwas wie ein Evolutions-Beschleuniger.

Es ist nicht so, daß dieses Traumbild eines Zukunftsforschers provokant wäre. Im Gegenteil, es lullt ein und richtet den Blick auf die Luxusphantasien jener privilegierten Schichten, die stets auf sehr hohem Niveau zu jammern bereit sind. Ich meine, daß es sich bei dem Text von Matthias Horx um einen sehr fahrlässigen Text handelt. Nicht nur, daß er die Gesetze der Pandemie nicht kennt, er weiss auch nicht um unsere prekäre soziale, ökonomische und gesellschaftliche Verfasstheit. Er verschließt die Augen vor der neuen Realität. Er kennt die Wut nicht, die einem befällt, wenn der Lock Down die eigene Lebensgrundlage zerstört hat.

So spricht Hort von einer süßen Neuen Normalität, einer gefälligen Zukunftsvision, die mit der schwierigen Zukunft, die uns erwartet, nichts, aber auch gar nichts zu tun hat. Doch die Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, sind endgültig vorbei. Die Zeiten werden noch prekärer, als sie ohnehin schon vor dem Ausnahmezustand waren.

Diese, meine Empörung, kann ich meiner ehemaligen Kollegin in der Facebook – Öffentlichkeit nicht ersparen. Sie antwortet im Gestus des Trotzes, daß eben jede/r seine Meinung habe. Meinung schon, aber entspricht sie deshalb auch den Tatsachen? Doch das schreibe ich nicht mehr zurück. Auch nicht, dass jeder, der sich öffentlich äußere, wohl auch mit öffentlicher Kritik zu rechnen habe. Ich habe es mir heute wieder einmal gründlich mit einem Gegenüber verdorben.

47° 11,759′ N, 9° 16,914′ O

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Klänge aus aller Welt. In der katholischen Kirche des Ortes ist der Altarraum mit einem dunklen Vorhang abgedunkelt, davor wurde eine Bühne errichtet, die die ganze Breite des Kirchenschiffes ausmacht. Drei Gruppen sollen auftreten: eine große Jodlertruppe aus einer nahegelegenen Ortschaft, eine Hula-Gruppe aus Hawaii und eine Joikerin aus dem Norden Norwegens. Alle sind neugierig auf welches musikalische Abenteuer man sich hier einlassen will, aber immerhin sind bei 250 Leute gekommen, meist Menschen us der Region, in welcher die Veranstaltung im Rahmen des Klangfestivals stattfindet.

Die Naturjodler: meist junge, kräftige und ausschließlich Männer, die ernst ihrem Kunst nachgehen, dabei etwas finster dreinblicken und in machistischer Manier mit den Händen in den Taschen und hervorgelocktem Unterleib dastehen. Die Joikerin: blond, mittleren Alter, etwas hausbacken joikt sie entrückt die Seele der Dinge und nicht über die Dinge. Die hawaianische Männerband ist ein starker Gegenpol: halbnackt, drücken sie ihre Erzählungen nicht nur mit ihrer Stimme sondern auch mit Gesten aus. Trotz ihrer beachtlichen Leibesfülle tanzen sie mit seltener Eleganz und voller Körperbeherrschung.

Da es offenbar zu schwierig ist, stimmlich zu einem Klangbild zusammenzufinden, lassen sie es lieber gleich bleiben und singen getrennt. Nur die Übergänge zwischen ihnen Auftritten gestalten sie gemeinsam. Dafür tut der Moderator sein bestes, mit klugen Überleitungen die getrennten Teile zusammenzufügen. Auch die Überleitung zwischen den Stücken ist sehr geschickt inszeniert und so kommt nie Langeweile auf. Im Gegenteil, das Publikum geniesst die Klangbilder offenbar mit großem Vergnügen.

Ich denke, daß noch vor wenigen Jahrzehnten derartige Auftritte nur sehr selten zustande gekommen wären, die Veranstalter aber offenbar das Beste aus der Globalisierung machen, um unterschiedliche Musikwelten auf gelungene Weise präsentieren zu können. Obwohl ich noch nie eine hawaianische Hula Band erlebt habe, gefällt mir das Joiken wohl am Besten. Da kann auch die ganze Jodelkunst in meiner Gunst nicht mithalten.

Allen gemeinsam ist, daß sie gegen den internationalen und globalisierten Musikmarkt ansingen, oder besser gesagt ihre Nische suchen. Gleichzeitig halten sie noch das Banner der Tradition und der alten Mythen hoch, in einer musikalischen Qualität und Originalität, die auf dem nivellierten Musikmarkt ihresgleichen sucht. Da verzeiht man den Jodlern auch das eine Stück, wo sie mit Klischees ihren Heimatort besingen: auch das darf sein, wenn es sonst stimmt.

 

Die Tiere Pirosmanis

Erst vor kurzem bin ich durch einen Film auf der Streaming Plattform Mubi auf den georgischen Maler Nikolos Pirosmanaschwili aufmerksam geworden: den im Jahr 1969 in der Sowjetunion gedrehten Film Pirosmani. „So macht man heute kaum mehr Filme“, denke ich! Jede Sequenz ist wie eine gemalte Szene und dem Publikum wird genügend Zeit für eine eingehende Betrachtung derselben gegönnt: es ist, als wäre jedes Bild quasi konstruiert worden und als setze sich der Film aus statischen Bilder zusammen. Ein Film wie ein Gemäldegalerie – so könnte man auch sagen. Ich geniesse die Zeit, welche dem Zuschauer  durch das langsame Tempo des Filmes für das Zusehen und das staunende Innehalten gewährt wird. Eine selten gefühlte Wohltat in all dem bildergeilen Mediengetümmel von Heute. Ich habe mir vor Begeisterung und für jeden Fall viele Screenshots gemacht! Immerhin wird es ja den Film, wie auf MUBI üblich, nur 30 Tage zum erneuten Ansehen geben.

Es sind aber nicht nur die formalen Strukturen des Filmes, die mich so begeistern, es sind auch die Bilder des mir bis dahin unbekannten Malers, die mich bewegen. Trotz des naiven Stils, der aus den Bildern spricht, scheint es mir, als hätte Pirosmanaschwili das Innenleben der Tiere erfasst, die unangreifbare Ewigkeit der belebten Natur. Irgend etwas hat ihm die Gnade eines Blickes ermöglicht, welcher weit über das hinausgeht, was wir heute sehen können. Vielleicht ist es ja auch so, daß uns diese Bilder lehren können, wieder hinter die Klischees der Werbung und der Bilderwelten der sozialen Medien zu sehen. Und das ist ohne Zweifel auch eine der Funktionen von Kunst!

Quasi als Erinnerung an dieses Erlebnis habe ich eine kleine Gemädegalerie zusammengestellt, die man hier genießen kann:

Ein Universitätslehrstuhl für Magie

Es war eher als eine Meldung gedacht, die zum Schmunzeln anregt und das Thema will auch gerne als spleenig, kurios oder schräg betrachtet werden. Vice berichtete kürzlich über einen neu einzurichtenden Lehrstuhl für Magie. (engl. Allain Slaight Chair for the Conjuring Arts). Tatsächlich macht dieser geplante Lehrstuhl derzeit als Kuriosum seine Runde durch die Kanadischen Fernseh-Talkshows und auf Twitter. Was aber steckt hinter der Einrichtung des Lehrstuhls tatsächlich? Magic oder Magick?

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Harry Houdini. Copyright: Public Domain

Ein genaues Lesen der Webseite der Carleton – University, auf der diese Stelle ausgeschrieben ist, empfiehlt sich. Tinderness kommt zu folgender Zusammenfassung:

  • der Lehrstuhl wird zur Hälfte von der Slaight Family Foundation in einer Höhe von 2 Mio. Kanadischen Dollars finanziert und entspricht dem lebenslangen Interesse des Medienmoguls Allain Slaight für die Magie.  Er hat seinen Berufsweg als „Magier“ in einer Radioshow begonnen, ist in den 1940er Jahren als Illusionist öffentlich aufgetreten und hat auch entsprechende Bücher publiziert, wie Wikipedia zu berichten weiß.
  • Wie aus dem Ausschreibungstext der Universität ersichtlich ist, ergänzt dieser Lehrstuhl eine Büchergabe der Slaight Familie von etwa 1600 Texten zum Thema Zaubertricks und wird zur bereits bestehende Bibliothek zur Magie hinzugefügt.
  • Gesucht werden BewerberInnen mit einem multidisziplinären Hintergrund und spezieller Qualifikation in der Erforschung von Magie (magic and the conjuring arts).

Die entscheidende Frage ist, ob sich der Forschungsgegenstand eher mit Magie als Varietekunst und Illusionismus beschäftigt, oder tatsächlich mit dem was Wicca-Begründer Gerald Gardener  als Magick bezeichnet hat: mit Magie als spirituellem Instrument.  Alles deutet darauf hin, daß sich die Forschung an der Carleton University eher mit der Magie als Varietekunst beschäftigen wird. Auch das ist sicherlich spannend. Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Magick müssen wir weiterhin HistorikerInnen oder ReligionswissenschafterInnen überlassen.

 

 

 

Gehen, dann verschwinden

Habe gerade auf Mubi einen sehr schönen Film entdeckt und in mich aufgesogen. Marché puis disparaitre von Romain Kronenberg (Frankreich, 2013). Ich denke darüber:

Die Gelassenheit der Zeitwahrnehmung macht es möglich, im Film den Blick  für die kleinen Veränderungen zu öffnen, die sich unspektakulär ereignen. Wer die unerträglichen Bilder erträgt, wird belohnt durch das Angebot von Meditation über die Dinge um uns herum. Und all das passiert dann: Gehen als Form des Nachdenkens; Flanieren als Möglichkeit, sich den Dingen zuzuwenden; Unnötiges, Unlogisches als letzte Bastion im Fieber der Gegenwart.

Für mich spiegelt der Film die Essenz des Gehens über lange Strecken und ein wenig erinnert mich der Inhalt des Films auch an die Intention des Sultanswegs.

Indes, das offizielle Interpretationsangebot ist eine völlig Andere. Man lese auf der Website von Kronenberg. Dort sind auch zwei kurze Filmausschnitte zu sehen.

 

Den Nationalmythos erwandern

Manchmal finden wir im gegenwärtigen Internet der Dinge auch liebevoll, ein wenig altmodisch wirkende, aber sehr informative Webseiten. Jene von Juminkeko aus dem Jahr 1988 ist so eine. Darin wird dem Leben von Elias Lönnrot (1802-1884), dem Schöpfer des finnischen Nationalepos, der Kalevala, nachgegangen. Lönnrot hat auf seinen ausgedehnten Wanderungen im Inneren Finnlands von den dort ansässigen ungebildeten und finnischsprechenden Bauern Runen (=Lieder) gesammelt.

Um einen Einblick von seinen Reisen im Inland zu verdeutlichen, versucht ein Kapitel der Website von Juminkeko die allgemeinen Bedingungen von Mobilität in den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts  zu erklären. Im Allgemeinen waren nur die Küstenstädte verkehrstechnisch erschlossen. Das Straßennetz ins Landesinnere war sehr eingeschränkt, im allgemeinen versuchte man sich mittels Boot vorwärts zu bewegen oder ging einfach zu Fuß. Lönnrot berichtet von einer Reise westlich der heutigen Hafenstadt Oulu in der Region Kainuu:

Nach einem 13 km langen Fußmarsch kamen wir zum Ufer des Osmajärvi. Die Hoffnung, die wir gehegt hatten, daß wir dort ein Boot finden würden, mit dem wir weiterreisen könnten, zerschlugen sich. Deshalb wanderten wir weiter entlang des linken Seeufers bis wir nach 4 km zu einer Landenge kamen, welche Osmajärvi mit Kolvasjärvi verband. Dort hielten wir an und riefen so laut wir konnten aber leider vergeblich nach einem Boot. Auch im Dorf Kolvajärvi, welches 3 km entfernt war, hörte man uns nicht. Aber wir mußten den See überqueren, weil er einfach zu groß war, um ihn zu umgehen: selbst wenn wir es vorgehabt hätten, wären wir an einen Wassergraben angelangt, der genauso schwer zu passieren gewesen wäre wie der strait.  Wir hatten keine andere Möglichkeit als uns selbst ein Floß zu bauen, dass uns ermöglichen würde, überzusetzen.

(Eigenübersetzung aus dem Englischen)

Lönnrot empfiehlt da eher die Reise im Winter:

Wenn jemand an einer derartigen Reiseunternehmung interessiert ist, empfehle ich den Winter. Er wird es dann auch leichter mit dem Transport seines Gepäcks haben, nutzt er nur Pferd und Schlitten. Ebenso wird er um diese Jahreszeit eher Leute zuhause antreffen, und sie werden weniger mit Arbeit beschäftigt sein.

(Eigenübersetzung aus dem Englischen)

Doch warum nimmt man über Jahrzehnte hinweg die Mühe auf sich, auf derart beschwerlichen Reisen mündlich tradierte Artefakte von Bauern zu sammeln, zu ordnen, zu erforschen und in einen Nationalmythos zu gießen? Lönnrot war der Überzeugung, daß die von ihm gesammelte Volkspoesie viel über die kulturelle, soziale und materielle Welt der Vorväter zu offenbaren imstande sei, sie sei die unbewußte, nächtliche Seite des Wissens. Dies war eine allgemeine Annahme, die innerhalb der damaligen Gelehrtenwelt weit verbreitet war. Im unerforschten und von der Zivilisation wenig berührten finnischen Inland würde man in der mündlich tradierten Volksdichtung den Kern und den Ursprung des Finnischen auffinden und damit einen substantiellen Beitrag zur nationalen Identität leisten können.

Und so kommt es, dass die unter der Mühsal des damaligen Reisens gesammelten Artifakte eigentlich nur unverifizierte Bruchstücke von Geschichten sind, die von Lönnrot zu einem literarischen Werk, der Kalevala zusammengesetzt wurden. Das Gegenstück zur schwedischen Zivilisation entlang der Küsten ist das unerforschte Sumpfland im Landesinneren, welches scheinbar das Wissen um seinen Ursprung birgt.

Elias Lönnrot kalevala kansanrunous piirilääkäri lehtimies _ Wikimedia

Segen der Erde (1) – der Film

Immer wieder habe ich im Laufe meines Lebens an das Buch von Knut Hamsun gedacht, für das er 1920 den Nobelpreis bekommen hat: Markens Grøde (dt. Segen der Erde). Vor kurzem habe ich es wiedergelesen, als mir ein alter verstaubter und vergilbter Band in die Hände gefallen ist. Unvergesslich die ersten Seiten des Romans, in denen der „Held“ Isaak das (scheinbar unberührte und herrenlose) Stück Land für sich absteckt und mit den rudimentärsten Werkzeugen (Axt und Messer) das Land urbar macht. Ja, diese Art von einfachem Leben hat mich immer schon angesprochen. Holzschnittartig breitet sich das einfache Leben vor meinem geistigen Auge aus, entfaltet sich ein linearen Lebensentwurf aus der Sicht eines Mannes, der heute wohl kaum als politisch korrekt bestehen kann.

So sperrig dieses Buch geschrieben ist, so erratisch wirkt auch der Stummfilm aus dem Jahr 1921, der auf Youtube nun frei verfügbar ist, und der sich mit seinem Drehbuch eng an den Erzählstrang des Buches hält. Regie führte der Däne Gunnar Sommerfeldt. 1993 wurden die beiden bis dahin vorhandenen Fassungen des Films zusammengeführt und restauriert.

Sehnsüchte nach den einfachen Leben werden wach, wenn auch wissend, wie eng die zivilisationskritische Aussage mit der Verklärung des Bauerntums verknüpft ist, Damit hat schließlich auch die Nazi Ideologie gut zu spielen gewußt. Dennoch: Fasziniert verfolge ich den ethnographischen Aspekt des Films: die Feuerstellen, Werkzeuge, Kuksas, Blockhausarchitektur u.v.a.m Und dann kommt auch noch das Volk der Samen vor. Dazu wird es an anderer Stelle mehr zu erzählen geben.

Zu Träumen beginnen

Die Urszene für meine literarischen Bemühungen geht mir nicht mehr aus dem Kopf: das Bild des Vogelmanns in der Höhle von Lascaux (Dordogne, Frankreich) aus der Jungsteinzeit.

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Ein vor einem Wisent am Rücken liegender (toter, träumender)  Mann mit erigiertem Glied, Vogelkopf und Krallenhänden. Daneben ein Totempfahl, an dessen Spitze ein Vogel sitzt. Der Wisent ist schwer verletzt, seine Innereien sind sichtbar, daneben ein gebrochener Speer. Funde vor dem Bild lassen schließen, dass es sich dabei um einen Kultplatz handeln könnte. Manche sprechen von einem Träumenden, der hier dargestellt wurde, manche sogar von einem Schamanen. Wiederum andere lehnen diese Interpretation ab und sehen in der Darstellung die symbolische Umdeutung von Planetenkonstellationen. Man sagt, der Vogelmann von Lascaux stehe am Anfang einer langen Tradition von Metamorphosen zwischen Mensch- und Tierwelt in der bildenden Kunst.

Wie auch immer die Interpretationen lauten mögen, mir geht es in diesem Fall nicht um eine genaue historische und wissenschaftlich abgesicherte Deutung, sondern um die Vorstellung vom Träumen und Schreiben in der Welt. Das soll für mich Literatur können: sich „hindurchträumen“ durch die Empirie der Welt, die Routinen, das Berechenbare in eine andere Welt, welche unser Dasein erst komplett macht.

Trolle

Ich habe gerade das Buch der finnischen Autorin Johanna Sinisalo fertiggelesen und darin ein wunderbares Gleichnis über den Umgang des Menschen mit der Wildnis entdeckt. Wer mag, kann gerne an anderer Stelle nachlesen, was ich dazu geschrieben habe.

Ich hatte beim Lesen des Buches immer wieder das Bedürfnis dieses mythologische Wesen für mich zu visualisieren und obwohl ich ein gutes Gefühl dafür entwickelt habe, wie ein Troll SEIN könnte, ist es mir nicht gelungen, ihn mir bildlich vorzustellen. Beim Suche nach Bildern von Trollen im Web bin ich aber auf ein Werk des norwegischen Malers und Illustrators Theodor Severin Kittelsen (1857 – 1914) gestoßen, dass das Geheimnis zwar nicht lüftet, aber immerhin andeutet:

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