The Voices: „Helden“ Platz 1938

Eine temporäre Klanginstallation von Susan Philipsz am Wiener Heldenplatz anläßlich des Gedenkjahres 2018. Ein Projekt des Hauses der Geschichte Österreichs.

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„Helden“ Platz. Copyright: Krakatoa

In der Mittagspause begehe ich mein Gedenken an die Ereignisse am 12. März 1938 als Adolf Hitler in einer minutiös geplanten und gelenkten Massenhysterie den Wahnsinn des Nationalsozialismus auch in Österreich offiziell beging. Mehr aus Neugier ging ich hin, weil bei der gestrigen Gedenkfeier jene Soundinstallation der schottischen Künstlerin Susan Philipsz zum ersten Mal uraufgeführt worden war, mit der das Haus der Geschichte Österreichs (HGÖ) erstmals öffentlich reüssierte.

Eine Kollegin von mir, die selbst bei der Gedenkveranstaltung anwesend war, hatte die Soundinstallation kritisiert und als zu leise und „zufällig“,  jedenfalls in ihrer symbolischen Verknüpfung  („Reichskristallnacht“) als berechenbar und (fast zu) platt bezeichnet.

4 Glasgefäße hatte die Künstlerin mit unterschiedlich viel Wasser gefüllt, sie zum Klingen gebracht und zu einer Toninstallation zusammengesetzt. Damit wird nun der „Helden“ Platz täglich bespielt. Jeden Tag um 12.30 und 16.30 soll sich die Aufführung für jeweils 10 Minuten wiederholen.

Deshalb bin ich hier, um mich in Ruhe den Tönen und dem Platz auszusetzen, der so schreckliche Erinnerungen evoziert.  Ich setzte mich schräg seitlich auf eine Bank vor das Reiterstandbild von Prinz Eugen, leicht abgewandt von dem Balkon, auf dem Hitler vor 80 Jahren SEINE ÖsterreicherInnen begrüßt hatte. Der Mob wütete. Erich Fried hat die Erregung von damals in seinem Gedicht Heldenplatz nachempfunden:

der glanze heldenplatz zirka
versaggerte in maschenhaftem männchenmeere
drunter auch frauen die ans maskelknie
zu heften heftig sich versuchten, hoffensdick
und brüllzten wesentlich.
(Erich Fried, wien:heldenplatz

Instinktiv erlaube ich mir nicht, auf den Balkon (den „Altan“) zu blicken: ich wende mich statt dessen den provisorischen Parlamentsgebäuden zu, welche jenes Österreich repräsentieren, zu dem ich mich zugehörig fühle. Meine Blicke bleiben an den Schriftzügen der Gebäudeoberflächen hängen, die Zitate aus der Bundesverfassung darstellen, welche mein bisheriges Leben bestimmt hat. Erst heute Abend, beim Verfassen dieses Textes, sollte ich vom Satz des Elie Wiesel lesen, der in bezug auf den Altan gemeint hatte:

Der Balkon ist nichts. Er ist ein Symbol, mehr nicht. Die Veränderung, die Läuterung kann nicht vom Balkon kommen. Sie muß von unten kommen.
(Programmheft The Voices. HGÖ, 2018)

Und damit  hat dieser Satz meinem unbewußten Verhalten von heute Mittag ein ein wenig Rechtfertigung vergönnt. Denn dort, wo ich hinblicke, sind 1938 auch manche meiner Verwandten (der Eltern- und Großelterngeneration) gestanden: in böser Absicht, naiver Verwirrung, brüllender Ekstase, bloßer Neugier. Ihnen und auch uns und all den Motiven gilt es zu gedenken. Was hätten wir wohl damals getan und was tun wir heute, wenn von der Vernichtung der Juden und von der Beschneidung demokratischer Grundrechte die Rede ist?

Pünktlich um 12.30 beginnen die Töne für 10 Minuten über den Platz zu schallen, in einer unaufdringlichen aber unüberhörbaren Prägnanz, hell, unaufdringlich, fast überirdisch sich gegenüber dem Touristenrummel und Straßenlärm behauptend. Sie verbinden den Balkon, die Kriegshelden auf ihren Pferden, die Fahnen der OESCE, das Weltmuseum und die beiden provisorischen Gebäude des Parlaments, selbst Teile des Demokratiequartiers. Und tatsächlich: die Töne verbinden das Symbol der entmenschten Politik („dem Balkon“)  mit jenem der Demokratie Österreichs („das Parlament“). Nichts besseres hätte dem Gebäude und seinen VolksvertreterInnen passieren können, als auf den „Helden“ Platz zu rücken, als ewige Warnung vor dem, was sich derzeit in Europa und in Österreich abzuzeichnen beginnt: der populistischen Erosion der Demokratie.  An dieser Demokratie ist zu arbeiten, gerade auch angesichts des Aufflackerns des Nationalsozialismus unter der derzeitigen Regierung. Und auch wenn die von Susanne Philipsz gefundenen Töne so zivilisiert leise sind und von anmutiger Reinheit, so sind sie hoffentlich tausendmal stärker als das gegenwärtige Gebrüll aus der rechtsradikalen Gosse. Handeln wir dementsprechend.

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Provisorisches Parlamentsgebäude am „Helden“ Platz. Copyright: Krakatoa

Manchmal schließe ich auch die Augen und sinne den Tönen nach, die für mich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden. Ich gerate in den Sog der Erinnerungen meiner Eltern und Großeltern und an das, was sie an mich freiwillig und unfreiwillig weitergegeben haben. Nichts wird vergessen und niemals kann Schluß sein, von den Verbrechen des Nationalsozialismus zu sprechen. So, und nur so kann ich Österreicher sein: ein Angehöriger eines Landes, in dem die Menschen sich frei bewegen, frei sprechen und frei ihre Zukunft planen dürfen – aber im Gedenken an die Verbrechen des Holocaust. Mögen die demokratischen Institutionen unseres Landes zeigen, welche Sicherheit sie auch in Zukunft gewähren und welches demokratische Potential in ihnen schlummert.

Neben mir sitzt eine Dame. die den Sonnenschein an diesem Tag genießt: und die wie ich, nach 10 Minuten Zuhörens und Gedenkens den Platz wieder verläßt. Manche Touristen arbeiten an ihren Selfies, eine Gruppe von PolizistInnen unterhält sich lachend. Sie haben offenbar nichts gehört. Man sieht aber auch, daß einige Menschen mit mir auf dem Platz sind, die sich in dieser Klanginstallation verloren haben: im Gedenken an die Opfer des Holocaust und der Mitschuld Österreichs an ihm.

Zum Abschluß ein Zitat von Susan Philipsz, die in einem Gespräch mit Eva Meran folgendes zu ihrer Klanginstallation gesagt hat:

Da der Platz so imposant und die Rede sowie die darauffolgenden Ereignisse von 1938 so beängstigend sind, wusste ich, dass ich sehr subtil sein muss in meinem Ansatz. Ich denke, dass Klang ein Bewusstsein für Räume erzeugen und zugleich verschiedenste Erinnerungen an die Oberfläche bringen kann. Die Balance besteht darin, subtil aber präzise zu sein und eine Situation zu erzeugen, in der sich persönliche Erinnerungen mit einem weiteren Kontext verbinden können. Klang kann auch gefühlsgeladen sein.
(Programmheft The Voices. HGÖ, 2018).

Das ist der Künstlerin ausgezeichnet gelungen. Danke für die intensiven Minuten auf meinem „Helden“ Platz.

Die Katastrophen werden zu schnell vergessen!

Beim Einkauf von Seetang in einem Asia – Lebensmittelladen flackert sie wieder auf, die Katastrophe von Fukushima. Immer wenn ich Lebensmittel aus dem Japan umgebenden Meer kaufe, ist das so. Heute finde ich den Artikel auf Telepolis über den zehnten Jahrestag des Super-GAUS in Japan. Nichts, aber auch schon gar nichts ist gut oder auch besser geworden!

Am Sonntag, dem 11.3., jährt sich zum siebenten Male die dreifache Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima. Ein schweres Seebeben der Stärke 9 auf der Richterskala und ein nachfolgender Tsunami verwüsteten die Küstenregion nördlich von Tokio und zerstörten drei der vier Reaktoren im AKW Fukushima Daiichi. In drei Reaktoren kam es seinerzeit aufgrund des Ausfalls der Notkühlung zur Schmelze des Reaktorkerns.

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Dazu hat die kürzlich verstorbene Zeichnerin Elisabeth Kmölniger hat 2016 dazu einen Comic geschrieben und gezeichnet.

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Die endlose Katastrophe Das Fukushima Desaster im Überblick. Idee, Zeichnung und Text: Elisabeth Kmölniger

Ein Universitätslehrstuhl für Magie

Es war eher als eine Meldung gedacht, die zum Schmunzeln anregt und das Thema will auch gerne als spleenig, kurios oder schräg betrachtet werden. Vice berichtete kürzlich über einen neu einzurichtenden Lehrstuhl für Magie. (engl. Allain Slaight Chair for the Conjuring Arts). Tatsächlich macht dieser geplante Lehrstuhl derzeit als Kuriosum seine Runde durch die Kanadischen Fernseh-Talkshows und auf Twitter. Was aber steckt hinter der Einrichtung des Lehrstuhls tatsächlich? Magic oder Magick?

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Harry Houdini. Copyright: Public Domain

Ein genaues Lesen der Webseite der Carleton – University, auf der diese Stelle ausgeschrieben ist, empfiehlt sich. Tinderness kommt zu folgender Zusammenfassung:

  • der Lehrstuhl wird zur Hälfte von der Slaight Family Foundation in einer Höhe von 2 Mio. Kanadischen Dollars finanziert und entspricht dem lebenslangen Interesse des Medienmoguls Allain Slaight für die Magie.  Er hat seinen Berufsweg als „Magier“ in einer Radioshow begonnen, ist in den 1940er Jahren als Illusionist öffentlich aufgetreten und hat auch entsprechende Bücher publiziert, wie Wikipedia zu berichten weiß.
  • Wie aus dem Ausschreibungstext der Universität ersichtlich ist, ergänzt dieser Lehrstuhl eine Büchergabe der Slaight Familie von etwa 1600 Texten zum Thema Zaubertricks und wird zur bereits bestehende Bibliothek zur Magie hinzugefügt.
  • Gesucht werden BewerberInnen mit einem multidisziplinären Hintergrund und spezieller Qualifikation in der Erforschung von Magie (magic and the conjuring arts).

Die entscheidende Frage ist, ob sich der Forschungsgegenstand eher mit Magie als Varietekunst und Illusionismus beschäftigt, oder tatsächlich mit dem was Wicca-Begründer Gerald Gardener  als Magick bezeichnet hat: mit Magie als spirituellem Instrument.  Alles deutet darauf hin, daß sich die Forschung an der Carleton University eher mit der Magie als Varietekunst beschäftigen wird. Auch das ist sicherlich spannend. Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Magick müssen wir weiterhin HistorikerInnen oder ReligionswissenschafterInnen überlassen.

 

 

 

Eine Frau Off the Grid

In einem Zeitungsartikel der NYT habe ich vor einem halben Jahr den Hinweis auf WILD  gefunden. Der Autor des Artikels hatte es in einen inhaltlichen Zusammenhang mit anderen Filmneuerscheinungen gebracht, die das Thema der Einsamkeit zum Inhalt hatten. Dabei wurde mir bewußt, dass viele dieser „Einsamkeiten“ auch mit der Konfrontation mit der Wildnis zu tun hatten.

Der Film stand wie bei anderen KritikerInnen am Beginn der Auseinandersetzung und waren für mich der unmittelbare Anlaß das Buch zu lesen. Wie auch andere hatte mich der Film bei Weitem nicht so beeindruckt wie das Buch und das lag wohl nicht daran, dass der Film versagt hatte, eine Geschichte gut zu erzählen. Allein, die Filmsprache vermag andere Dinge als die Literatur abzubilden. Ihr mangelt es wohl auch daran, eine Geschichte Schritt für Schritt sorgfältig entfalten zu können, auf wichtige Kleinigkeiten Wert zu legen und in die Tiefe zu gehen. So hat mich der Film nicht sehr berührt. Was der Film allerdings geschafft hat, war, mich auf das Buch aufmerksam zu machen. Den letzten Anstoß zur Lektüre hat mir allerdings die Rezension von MBuchling gegeben, die einen fairen Vergleich zwischen den beiden Medien angestellt und die Lektüre des Romans wärmstens empfohlen hatte.

Vielleicht noch eine weitere Vorbemerkung, bevor ich zur eigentlichen Rezension komme. Ich habe das Buch während zweier Reisen gelesen, einmal im Zug nach Prag und wenig später auf einer langen Reise nach und in Russland. Ich fand, dass dies dem Buch wohl angemessener war, als es zu Hause am bequemen Sofa zu genießen. Welch wunderbarer Reisebegleiter!

Doch nun zum Buch. Die Ausgangssituation des Romans ist schnell erzählt. Eine junge Frau, die sich durch das Zerbrechen ihrer Familie einer schwierigen existentiellen Situation ausgesetzt sieht, entschließt sich zu einem mehrmonatigen Hike Through des Pacific Crest Trails (PCT), welcher über Tausende Kilometer von der Grenze Mexikos bis an die kanadische Grenze reicht. Nein, winken Sie bitte nicht ab! Es handelt sich dabei nicht um die in letzter Zeit so en vogue gewordenen Wandererinnerungen von mäßig begabten SchriftstellerInnen, welche in den Regalen vieler Buchhandlungen auf uns warten. Jener Literaturtypus, die mit der Hoffnung auf spirituelle Läuterung auf Pfaden wie dem Jakobsweg spekulieren, ist leider literarisch sehr oft dupliziert worden und hat die bestehenden Wege zu einem rein touristischen Erlebnis verkommen lassen.

Das Buch ist auch kein Epigone des sehr erfolgreichen und ebenfalls verfilmten Buches von Jon Krakauer namens „Into the Wild“, welches die Geschichte vom Sterben eines naiven Aussteigers in Alaska erzählt. Und schon gar nicht ist das vorliegende Buch eines jener schriftstellerischen Bemühungen von Extremsportlern, die sich mit dem Verkauf von Büchern und anderen Souvenirs den vergangenen oder nächsten sportlichen Kick finanzieren wollen.

Die Heldin des Buches ist eine Heldin wie sie wohl in uns allen stecken mag, wenn wir nur den Mut hätten, dies zuzulassen. Sie ist eine Mittzwanzigerin, die sich in einer finanziell angespannten Sizuation entschließt, den PCT zu durchwandern, auf der Suche nach dem Abstand von ihrer Vergangenheit, mit dem Bedürfnis, sich inmitten ihrer persönlichen Irrungen und Verwerfungen selbst zu finden. Es ist weniger die heute so oft bemühte „Auszeit“ einer Karriere, die sie sich selbst verordnet als vielmehr ein existentieller Neuanfang, von dem sie weder am Beginn noch am Ende ihrer strapazöse Reise exakt weiß, wie er aussehen wird. All die Schicksalsschäge, auf die dieses Buch anspielt, hätten wohl auch uns passieren können: der Tod eines Elternteils, die darauf einsetzende Auflösung der Familienbande, materielle Armut, Scheidung, Drogen, bedeutungslose Affäeren. Doch hätten wir radikal neu beginnen wollen?

Es ist die Schwäche des Films, daß er sich zwar eng an den Roman hält, aber diese Schicksalsschläge dramatisch verdichten muß, um sie neben der dramatischen Naturkulisse wirksam zu machen. Im Roman tauchen diese Stationen des Lebens fast lapidar im Rhythmus des Gehens auf, angesichts der alltäglichen Sorgen und Misserfolge am Trail. Wie immer befällt uns das Schicksal im alltäglichen Gewand, zeigt sich als ein banaler Geselle, unscheinbar und unerbittlich zugleich. Der Trail und das Gehen ermöglicht uns nicht nur, Verdrängtes wieder ins Bewußtsein zu rufen,  sondern auch, es genauer anzusehen und mit ihm zu leben.

Uns an diesem Weg teilhaben zu lassen, das ist der Autorin ausgezeichnet gelungen. Behutsam und ohne große Emphase erzählt sie ruhig von den Veränderungen einer Frau auf einem langen schmerzhaften Weg zu sich selbst, in einer niemals zu einem Klischee entstellten Wildnis. Jeder, der jemals selbst einen Fernwanderweg über längere Zeit erlitten hat, weiß, daß die Autorin das miterlebt hat, wovon sie spricht.

Andrerseits ist das Buch auch kein platter Erfahrungsbericht, der sich in Details verläuft und zum larmoyanten Trailführer verkommt. Dass Gehen zur Medidation verführen kann, ist bekannt. Die repetitiven Bewegungen lassen die eigenen Geanken, Assoziationen und Empfindungen „fließen“. Und doch: auch der psychologistischen Verführung unterliegt die Autorin nicht. Ihr gelingt es, Selbsterfahrung, Naturerlebnis und körperliche Tortur zu einem wunderbaren Stück Unterhaltungsliteratur zu gestalten, das mich tief berührt hat. Nie peinlich, immer elegant und ohne jede Besserwisserei schafft sie es, in der tapferen Frau auf dem Trail das Wesentliche eines Lebens abzubilden.

Und wie so oft im Leben steht am Ende eine Normalität, die weder ein Heilsversprechen noch eine dramtische Erkenntnis darstellt, und doch alles von Grund auf verändert hat. Die Geschichte endet so unspektakulär sie begonnen hat:

„Dass das mein Leben war – wie jedes Leben rätselhaft, unabänderlich und heilig. So nah, so präsent, so fest zu mir gehörig. Und es, wie wild es auch sein mochte, so zu lassen.“

Ich empfehle diese Buch all jenen, die sich gerne auf schwierige Wege ins Ungewisse einlassen und dabei wissen, dass sie wahrlich keine HeldInnen sind.

Krieg, Schuld und Amnäsie

Ari Folman: Waltz with Bashir.

Zwischen dem 16. und 18. September 1982 wird während des Bürgerkrieges im Libanon das von israelischen Truppen umzingelte palästinensische Flüchtlingslager Sabra und Schatila von christlichen Falangisten gestürmt. In einem Massaker werden tausende Zivilisten vorsätzlich ermordet. Dieser Massenmord wurde als Rache für die Ermordung von Präsident Bachir Gemayel begangen und geschah mit Wissen und unter den Augen der israelischen Armee. Das Massaker von Sabra und Schatila stellt damit ein weiteres Fanal für die grausame Vernichtung palästinensischer Zivilbevölkerung dar und ist bis heute im kollektiven Bewußtsein der Palästinenser und der Welt wach geblieben.

Um diese Ereignisse kreist der animierte Dokumentarfilm von Ari Folman, der selbst in den 80er Jahren als israelischer Soldat im Libanon stationiert war und der in diesem Film ein Stück seiner Erinnerungen bearbeitet. Sein radikal subjektiver Ansatz kreist dabei nicht so sehr um eine umfassende Aufarbeitung der Hintergründe und Geschehnisse dieser Katastrophe und auch gar nicht um wie immer geartete Schuldzuweisungen. Er beschreibt vielmehr den mühsamen Erinnerungsprozeß von im Krieg traumatisierten Soldaten. Dabei berührt er nicht nur die quasi ontologischen Fragen von Zerstörung, Tod, Angst und Verdrängung, sondern es wird immer wieder auf die für Israel traumatischen Zusammenhänge mit der Shoa angespielt. Bashid Gemayel als katholischer „Führer“, das „Lager“ als Ort von systematischem Mord und das tatenlose Zusehen der „Außenwelt“ – all dies sind Parallelen, die sich beim Erzählen aufdrängen und wahrscheinlich mit ein Grund für die katastrophale „Verdrängungspolitik“ von Gesellschaft und Individuum darstellen.

Ausgelöst durch das Gespräch mit einem Freund, beginnt sich die zentrale Figur des Films wieder an Fragmente seiner Beteiligung an dem Massaker von Sabra und Schatila zu erinnern und unternimmt, unterstützt von einem befreundeten Psychoanalytiker, eine Reise zu den Wahrheiten anderer Kriegsbeteiligter aber auch zu seiner eigenen, die er seit Jahren verdrängt hat. Er macht sich auf, seine ehemaligen Kriegskameraden zu interviewen, um mehr über sich selbst zu erfahren und begegnet auch dort wie bei sich Verdrängung, Leugnung und Vergessen. Doch einmal den Weg eingeschlagen, läßt sich die schmerzhafte Wahrheit der vergessenen Tage nicht mehr verbergen und seine Mitschuld an den Ereignissen in den Flüchtlingslagern wird schmerzlich offenbar.

Der Zuschauer begibt sich auf eine somnambule Reise, die durch die expressiven Zeichnungen, flirrenden Farben und eindrucksvolle Musik eindrucksvoll unterstützt wird. Schon am Beginn des Filmes weist eine durch die Stadt hetzende Meute von aggressiven Hunden symbolisch auf die Verfolgung durch die eigene Kriegsschuld hin. Auch die Schlüsselszene, mit der sich der Antiheld des Filmes in die Ereignisse jener Tage zurückbegibt, ist in ihrem Grauen beeindruckend. Irgendwann im Laufe der Handlung passiert es dann, dass man als BeobachterIn das für einen Kriegsfilm doch recht ungewöhnliche Trickfilmambiente vergißt und sich in das Erinnerungspuzzle des verzweifelten Helden verstrickt.

Die Distanz, welche der Trickfilm zu dem vermeintlichen Realismus anderer Kriegsfilme hält, spielt eine wichtige Rolle für die Identifikation mit den Befindlichkeiten, den Gefühlen und der Verdrängungsarbeit der dargestellten Soldaten. Der Ton ist unaufgeregt, nüchtern und fast ein wenig deprimierend. Dass das Auge und die Aufmerkssamkeit des Zuschauers nicht von emotionalisierten oder hyperrealen Kriegsszenen überschwemmt wird, ermöglicht es ihm überhaupt erst Verständnis und Empathie zu entwickeln und „zuzuhören“. Was ist denn geschehen, warum muss das Geschehen denn so rigoros verdrängt werden? Und dennoch ist weniger die eigentliche konkrete Schuld als vielmehr die latente Mitschuld der Auslöser der Amnäsie.

Der Film endet in der (immer nur vorläufigen) Erkenntnis, am Massaker in Sabra und Schatila mitbeteiligt gewesen zu sein. Die den Morden entkommenen Personen werden von einem Jungen angeführt, der durch seine Haltung an jenen erinnert, der auf einem Foto über die sich ergebenen Juden das Warschauer Ghettos weithin bekannt geworden ist: erhobene Hände, Entbehrung und Schrecken im Gesicht, verlorene Jugend.

Und während die in das Lager einrückenden israelischen Soldaten mit den Morden der vergangenen Tage konfrontiert werden und diese die schrecklichen Szenen zwar verdrängen aber nie ungeschehen machen können, wandelt sich auch der Trickfilm in eine Schnittfolge mit dokumentarischem Filmmaterial. Er zeigt den Schmerz und Verzweiflung der hinterbliebenen Angehörigen. Man möchte selbst kaum glauben, dass solche Dinge im Leben von Menschen geschehen können. Der Schrecken ist real, wenngleich man den Eindruck hatte einem Albtraum gefolgt zu sein.

Die Helsinki Bilder von I.K.Inha aus dem Jahr 1908

Der Fotograph I.K. INHA (1865-1930) hat im Sommer 1908 im Auftrag des Herausgebers Werner Söderström Osakeyhtiö Ltd (WSOY) Aufnahmen der Stadt Helsinki gemacht. Das Unternehmen plante den ersten umfassenden Reiseführer, welcher die sich rasch entwickelnde Stadt vorstellen sollte. Das Buch wurde 1910 unter dem Titel Helsingin Opas veröffentlicht, es enthielt ein Drittel der insgesamt 190 Fotografien jener Serie, die INHA für diesen Zweck fotografiert hatte.

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Ein Großteil der Bilder wurde allerdings erst viel später, nämlich 2009, in einer Publikation des Museums veröffentlicht. Die Glasnegative der Bilder befinden sich derzeit im Finnischen Museum für Fotographie, welches auf Flickr einige der Bilder veröffentlicht hat.

Interessant, daß einige dieser Bilder auch schon  Gegenstand einer Fotolocation Hunt wurden, etwa durch den Reporter Tim Bird im Jahr 2009, als der Bildband in erweiterter Fassung aufgelegt wurde: Helsinki – Valon kaupunki.

Dazed and Confused, anno 1976

Tatsächlich ist es niemals so, dass Teeniefilme zu Zeitlosigkeit tendieren. Da übernimmt sich die PR auf Mubi, wenn sie euphorisch Dazed and Confused von Richard Linkkater als zeitlos beschreibt. Tatsächlich ist der Film ganz nah am Zeitgeist der Siebziger angelegt und stellt ein Stück verklärter Erinnerung dar. Linkkater hat vieles aus eigenem Erleben eingearbeitet. Erfährungsgemäß werden andere Generationen mit dem darin vermittelten Erinnerungsmustern wenig anzufangen wissen. Nichts da, Zeitlosigkeit!

Es gibt Teeniefilme in Hülle und Fülle, die begeistert von ihrer Generation rezipiert, von den Anderen aber höchstens mit einem teilnahmslosen Achselzucken begleitet werden: American Pie, The Last Picture Show, Grease und andere lassen grüßen.
Das soll nicht heißen, dass Dazed and Confused ein schlechter Film ist, aber Art House ist er bestimmt auch nicht. Die Ingredienzien sind bekannt: Verhasste Schule, bekiffte Freizeit, lächerlich-dramatischer Vorspiel-Sex und schmerzhaftes Erwachsenwerden. Daneben, wir sind in den USA, der unvermeidliche Sport mit seinem unverholenen Macho-Gehabe.

Doch es geht mir hier nicht um Filmkritik, sondern vielmehr um die Erinnerung an die Generation der Post-68er, die selbst nicht mehr direkt in den politischen Aufstand involviert waren, sondern diesen eher in ihrer Privatheit auslebten. Ausdrucksformen waren da langes Haar,  nachlässige Kleidung, antiautoritäres Verhalten, schräger Musikgeschmack und ausgiebiger Marihuana-Konsum. „Get it while you can!“ Das war für das Establishment eine zwar ärgerliche aber kaum mehr politisch gefährliche oder auch nur wirksame Opposition. Lehrer spotteten über lange Haare oder übertrumpften den prüden Staat, wenn sie das zensurierte Je t’aime moi non plus im Musikunterricht abspielten und Musikguerilla spielten. Wenn selbst in den Wohnzimmern der Eltern psychedelisch inspirierte Tapeten- und Vorhangmuster vorzufinden waren, die Väter poppige Freizeithemden trugen und Fernsehmoderatoren sich eigenartige Haartrachten wachsen ließen, dann war wohl die Protestbewegung weitgehend immunisiert. Die Popkultur war in der Mitte der Gesellschaft angekommen: Protestmusik wurde zur Unterhaltungsindustrie. Bis zu Abba war es nicht mehr lange hin. The Seventies suck.

Doch zurück zu Dazed and Confused. Die Handlung hatte den Film ja präzise zeitlich verortet: Mai 1976, kurz vor der 200 – Jahr – Feier der USA. Wir befinden uns auf einem Campusgelände in Texas, School is Out for Summer, flanierende Autofahrten pubertierender Jugendlicher auf der Suche nach dem Leben, skurril anmutende Rituale, denen sich Freshmen and -women unterziehen müssen, Alkohol- und Drogenexzesse, Versuche sexueller Annäherung. Alles ist Dazed und Confused. Was es nicht gibt: Hippies, Sex, Drugs and Rock n Roll. Nur Musik, andauernd Musik – aber auch hier kein Jimmie Hendricks, keine Janis Joplin, keine Doors, Stones oder wie sie sonst alle geheißen haben mögen. Stattdessen Aerosmith und andere weichgespülten Bands der späten 1970er.

Der Film ist, wie sie wahrscheinlich schon ahnen, nicht nur ein Stück Biographie von Richard Linklater sondern auch von Krakatoa. Ich war zu genau dieser Zeit in den USA – nicht in Texas, sondern an der Ostküste, in der Nähe von NYC. Und wie der biographische Zufall will, durfte ich in einem Jugendlager arbeiten. Gleich zu Beginn war das Setting meines Stückchens Vergangenheit klar: die Kids waren um die Zehn, die Erzieher um die Zwanzig. Der Koch Kenny brachte das Gras  aus NYC mit und tauschte es gerne gegen ein kleines Entgelt ein. Kiffen war Pflicht. Richard Linklater war zu der Zeit Sechzehn (also fünf Jahre jünger als ich) und ging in Huntsville (Texas) zur Schule. Irgendwie ist der Altersunterschied von fünf Jahren zwischen ihm und mir nebulös und unverständlich . War das alles „meine“ Musik oder die der mir anvertrauten Zöglinge?

Beide Biographien „spielen“ 1976, und weil ich vor Ort war, kann ich sagen, dass Linkkater diesen Auszug aus amerikanischer Jugend(un)kultur treffsicher gefilmt hat. Zumindest decken sich meine und seine Erinnerungsmuster und die damit verbundenen Stimmungen zu einem großen Teil. Oder etwa doch nicht? Zweifel melden sich sanft. Immerhin hat geographische Distanz meinen Erfahrungshintergrund seltsam deformiert. Was heute an Jugendkultur in den globalen Metropolen passiert, wird nahezu simultan über die sozialen Medien verbreitet und rezipiert. Damals, in den Jugendzeiten der späteren Digital Immigrants dauerte es oft Jahre, bis sich ein Trend auf einen anderen Kontinent verschob. Direktimport von Schallplatten war nur der modischen und einkommensstarken Elite vorbehalten.  Ich fand mich also beim Ankommen in den USA im Jahre 1976 in einer Zeit wieder, die jener, deren Manifestationen ich im Kopf und am Körper trug, weit voraus war. Das machte mich, nimmt man es genau, zu einem Dynosaurier aus den Weiten Osteuropas.

Nein, ich rede dabei nicht von einer interkulturellen Differenz USA-Österreich, die es natürlich auch gab. Ich rede hauptsächlich davon, dass ich Joplin, Hendricks und die Doors mit den USA identifizierte und diese quasi musikalisch wie als „Lifestyle“ erwartete, aber tatsächlich mit den samtenen Akkorden von Aerosmith und den Eagles begrüßt wurde. Der Trainingsanzug, auf den ich so stolz war, galt als konservativ-schwul (Faggot nannten mich die kleinen Teufel), der selbsternannte österreichische Revoluzzer galt jenseits des Großen Teiches als brav, deplatziert und schwerfällig. Wenn man so will, rutschte ich ein kleines Stück in die Zukunft: andere Standards einfach, die sich mittlerweilen in einem anderen Kontinent entwickelt hatten.  Ich kam aus der Vergangenheit, aus einem noch dazu rückständigen Winkel Europas am Rande des Eisernen Vorhangs. Die 68er hatte es dort nur als bundesdeutsche Mimikry gegeben. Man hatte in den Hörsaal des Neuen Institutsgebäudes in Wien exkrementiert: aus heutiger Sicht mutet das wie eine Verzweiflungstat unreifer Studenten an.

Ein kleines Andenken durfte ich letztendlich aber mitnehmen, aus dem tollen Amerika von Woodstock und San Francisco. Ein Stück Jugendphilosophie. Amy, ihres Zeichens Krankenschwester mit Hippiehintergrund steckte mir unmotiviert ein beschriebenes Papier zu, auf der die Maxime der damaligen Freiheitssehnsucht vermerkt war: I do my thing and you so your thing and if we meet each other its wonderful.

Ansonsten war bereits überall der Niedergang der Rebellion bemerkbar. Sie begann, sich langsam in Jugendkultur zu verwandeln. Zuerst hier in den USA, dann in Deutschland und Frankreich.  Die Gesellschaft in Österreich hatte (bis auf einige Ausnahmen) nie rebelliert – sie wurde von Kreisky und seinen MitstreiterInnen paternalistisch reformiert und, zugegebenerweise, ein Stückchen freier, liberaler und demokratischer gemacht. Rebellion wurde in Österreich stets mit schlechtem Geschmack gleichgesetzt und dementsprechend ignoriert. Lieber baute man sein trautes Heim, im Windschatten der Kreiskyschen Reformen.

Irgendwo in der Mitte des Filmes, auf einer der lässigen Autofahrten hört man ein wenig Aufbegehren gegenüber der eigenen Zukunft. „Little Red Head“ räsonniert:

Ich meine, hast du nie das Gefühl, daß alles, was wir tun, und alles was man uns beibringt, nur der Zukunft dienen soll? (…) Aber worauf bereiten wir uns vor? (…) Wenn wir sowieso alle sterben werden, sollten wir uns dann nicht jetzt amüsieren? Ich würde gerne damit aufhören, die Gegenwart als eine Art unbedeutende Präambel zu etwas Anderem zu betrachten.

Das wars dann auch schon. Heute wissen wir, wie unbedeutend dieses Vorspiel war. Hier und dort und überall.

Gegen die neue Prüderie 2

Die NZZ hat sich dem leidigen Thema der scheinbar politisch korrekten Prüderie gewidmet. Ich widme mich seit damals der periodischen Veröffentlichung von Nacktbildern. Wahrscheinlich würden diese auf Facebook zensuriert werden. Dies erinnert mich an Oma, die die Brüste der Nackedeis in der Kronenzeitung mit Kugelschreiber übermalt hat – zum sittlichen Schutz des Buben! Folgt man der Facebook-politik und dem neuen Political – Correctness – Wahn müßte man konsequenterweise Museen schließen und Literatur verbrennen!

Diesmal also ein nackter Mann,  den viele kennen. Ich frage mich, ob auch dieses Posting als sexistischer Angriff auf pseudokorrekte Befindlichkeiten interpretiert werden soll.

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Egon Schiele: Selbstportrait, 1910. Wikimedia Commons

Die Höhle der Wilden Männer – das Wildenmannlisloch

An dem Fuße des Seelunerrucks, zwischen den Alpem Seelun und Breitenalp befindet sich eine große Höhle, das Wildenmännlis-Loch genannt, die anfangs sehr weit und hoch ist, so daß man mit Pferden und Wagen hineinfahren könnte, sich dann aber verenget und wieder erweitert, dann wieder verenget und in solchen Abwechslungen und verschiedenen Krümmungen sich eine Viertelstunde lang fortzieht, bis man ihr Ende erreicht. Bey rauhem Wetter sucht an ihrem Eingang das Vieh Schutz und Obdach.
(Johann Friedrich Franz: Zwinglis Geburtsort. Ein Beytrag zur reformatorischen Jubelfeyer 1819)

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Wildmannlisloch (rechts) mit Selun (links hinten). Fotografie von Alfred Ziegler in einem 1927 im Appenzeller Kalender erschienen Artikel von Emil Bächler über seine Forschungsarbeiten in der Höhle.

Dieser Eintrag ist die erste schriftliche Erwähnung des Wildenmannlislochs. Viele Zuschreibungen hat das Wildenmannlisloch in der Geschichte des Toggenburg bekommen, und sie halten sich bis heute in unterschiedlichen Varianten lokaler Überlieferung. Wunderschön zusammengefaßt hat dieses Konglomerat an Geschichten und Sagen in einem Eintrag von Ferdinand BOLT im Appenzeller Kalender aus dem Jahr 1979. Unter dem Titel „Das Geheimnis des Selun“ erzählt er folgende Geschichten: die Geschichte der „Neandertal-Funde im Wildenmannlisloch, die Sage vom Wilden Mannli, jene vom Geschenk des Wildweibleins, die Geschichte des Johannes Seluner, die Sage von den Dönnerlöchern und jene vom Milchbach. Für den Alpintourismus der Gegenwart stellt diese Verschränkung von Sagen, Geschichten und historischen Hypothesen einen höchst nützlichen Fundus dar. So werden wir auf dem Höhenweg zwischen Sellamatt und Seluner Alp auf einem mit 12 Stationen großzügig ausgeschilderten Sagenweg allen möglichen Versatzstücken kollektiver Erinnerung begegnen. Dabei vermischen sich Legenden, Phantasien und Realien zu einem Amalgam des Sagenumwobenen, Geheimnisvollen und Volkstümlichen, bei dem nur schwer auseinanderzuhalten ist, was wahr und erfunden ist, was „volkstümlich – patriotisch“ , touristich nützlich oder historisch belegbar ist. Das romantisierende Erzählen am Wanderweg belebt den Tourismus und zieht natürlich die lokalen Schulklassen an, die nolens volens ein Stück blankgeputzte Heimat erfahren. Zur Heimatkunde hat man derartige Unterfangen früher gezählt; in der Gegenwart liegt es wohl an den jeweiligen PädagogInnen, ihre SchülerInnen im Nebel der Geschichten aufklärerisch an der Hand zu nehmen.

Wilde Männer

Nachdem sich, wie eingangs geschildert,  1819 der Pfarrer Johann Friedrich FRANZ  mit der Eigentümlichkeit der Region auseinandersetzt und fein säuberlich Land, Leute, Flora, Fauna und Gebräuche der Gegend beschreibt, alles zu Ehren des Reformators ZWINGLI, tritt hundert Jahre später, im Jahre 1903, der Sagensammler Jakob KUONI auf den Plan. Dieser Schulmann aus St. Gallen, der von 1850 bis 1927 lebt, sammelt den Sagenbestand des Katons St. Gallen und bringt ein Buch heraus, auf das seitdem immer gerne zurückgegriffen wird, wenn es um die heimatkundliche Erbauung von Jung und Alt geht: die Sagen des Kantons St. Gallen. Natürlich darf das Wildenmannlisloch darin nicht fehlen:

Auf der östlichen Seite des Seluner-Rucks liegt eine Höhle, das Wildmannlisloch. Ihr Tor ist so groß, daß man mit Roß und Wagen hineinfahren kann. Sie führt anderthalb Stunden tief in den Berg hinein, und die Gänge drinnen sind so weit, daß mehrere Mann nebeneinander aufrecht gehen können. Vorne haben die Wildmännchen sich Tische und Bänke ausgehauen; eine Viertelstunde weiter innen liegt ein kleiner See, rings von Felsblöcken eingefaßt; diese haben sich die Zwerglein zu kühlen Ruhesitzen hergewälzt; noch weiter nach hinten kommen die Wohnungen. Die Zwerge lebten von Wurzeln und Milch. Den benachbarten Sennen halfen sie den Stall „schoren“, das Vieh füttern, den Berg heuen. Einst holten sie die Hebamme von Starkenbach, die einem Wildweiblein beistehen mußte. Als Lohn erhielt sie eine ganze Schürze voll Erdbrocken. Auf dem weiten Wege aus der Höhle heraus gab sie jedoch auf das wertlose Geschenk nicht acht; als sie heraus ans Tageslicht kam und den letzten Brocken besah, war es reines Gold.
Aus: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni, St. Gallen 1903

Heide GÖTTNER-ABENDROTH, die deutsche grande dame der Matriarchatsforschung, meint in ihrem Buch über Matriarchale Landschaftsmythen, daß die Sagen von den Wilden Männer und Frauen im Alpenraum keinesfalls Erfindungen der Volksfantasie seien, sondern erinnerte Reste der alten Göttin der „Kleinen Leute“, welche in unwegsamen Rückzugsgebieten Europas (Moorde, Gebirge, Höhlen) überlebt hätten (siehe: Berggöttinen der Alpen: Matriarchale Landschaftsmythologie in 4 Alpenländern).

Dass Zwerge in den Alpen auftauchen, ist historisch gesehen keine Überraschung. Man spricht heute lieber von den „Venedigern“ oder „Walen“, denn man weiß, daß der Stadtstaat Venedig am Beginn der Neuzeit kleinwüchsige Männer rekrutiert hat, um sie in die Alpen zu schicken. Dort sollten sie in den Klüften und Höhlen der Alpen nach Gold und andernen wertvollen Bodenschätzen für die Glasindustrie suchen. Das Geheimnis der „Zwerge“ bestand also weniger in ihrer zauberhaften Ausstattung als mehr in den Mutmaßungen der ansässigen Bevölkerung angesichts der fremden Sprache, ihrer eigentümlichen Kleidung und dem geheimnisvollen Auftreten, durften sie doch ihren Auftraggeber nicht preisgeben. Soviel Entzauberung und Wahrheit mag zwar für den romantischen Sagenschatz des Toggenburg ernüchternd sein: wohl aber hätte ich mir gewünscht, daß man den Sagenweg am Fuße der Churfirsten soweit pädagogisiert hätte, um dem jugendlichen Publikum auch historisch Gediegenes anzubieten als allein die kollektiven Erinnerungen und Phantasien des 18. und 19. Jahrhunderts. Das gilt insbesondere auch für die Geschichte vom Seluner (siehe weiter unten).

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Wildmannlisloch, im Hintergrund der Selun. Aufnahme des Autors im Juni 2017.

Kultplatz

Aufgemacht hat sich an der Jahrhunderwende der Schweizer Naturwissenschafter und Konservator am Museum in St. Gallen  Emil BÄCHLER (1868 – 1950), um im Namen der Wissenschaft ein wenig mehr Licht in die Sache zu bringen. Erstmals besucht er das Wildenmannlisloch im Jahre 1907. Nachdem er zwei weitere Höhlen (Wildkirchli und Drachenloch)  im Schweizer Alpenraum erforscht hatte, wendet er sich der Höhle zwischen 1923 und 1827 intensiver zu. Er findet dort überwiegend Bärenknochen und schließt aus dem Zustand der Abnutzung und Lagerung der Knochen, daß es sich bei der Höhle um eine Kulthöhle gehandelt habe, in der auf Bärenjagd spezialisierte Jäger in der Mittelsteinzeit getötete Bären verbracht hätte. Er schien auf eine wichtige Spur gestoßen zu sein. Die Höhlen von Wildkirchli, Drachenloch und Wildmannlisloch sollten jene drei Höhlen werden, von denen BÄCHLER den Begriff des „Alpinen Paläolithikums der Schweiz“ ableitete. Damit schuf er so etwas wie dringend benötigte Historizität im Zeitalter der Nationalstaaten, indem er darlegte, daß aufgrund der gefundenen Steinwerkzeuge und angeblichen Werkzeuge aus Bärenknochen auf eine eigenständige Jäger- und Sammlerkultur zu schließen sei, die den Bärenkult gepflegt hatten. Die Resonanz des politischen Establishments seiner Zeit war groß.  Auf dem Altar des Vaterlandes wären die Forschungsergebnisse geopfert worden, meint hingegen der Schweizer Kulturjournalist Kaspar SURBER. Die Begründung eines „Alpinen Paläolithikums der Schweiz“ hätte perfekt zum Gründungsmythos der Schweiz beigetragen haben. Die Forscherin Ina WUNN ist hingegen gegenüber den Thesen Emil BÄCHLERs milder gestimmt. In einem Aufsatz unter dem Titel „Emil Bächler und der angebliche Höhlenbär-Kult (2008)“ meint sie:

Wenn er also die von ihm gefundenen l;ossilien des Hohlenbären als Spuren eines Rituals in vorgeschichtlicher Zeit deutete, war er keineswegs das Opfer von Vorurteilen, sondern zcigte sich im Gegenteil als erfahrener und mit den theoretischen Grundlagen seines Faches vertrauter Wissenschaftler (…).
Auch wenn Bächlers Deutung der Funde am Wildenmannlisloch ebenso wie deren zugrunde liegende wissenschaftliche Theorie und Methodik heute als überholt gilt, ist die Idee eines Neandertalers, der in dämmrigen Höhlen bei flackernden Fackeln blutige Rituale praktiziert bis heute so faszinierend, dass sie trotz gegenteiliger Ergebnisse immer noch Eingang in populäre wie auch wissenschaftliche Schriften findet.

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Emil Bächler und sein Team bei der Arbeit. Fotografie von Alfred Ziegler in einem 1927 im Appenzeller Kalender erschienen Artikel von Emil Bächler über seine Forschungsarbeiten in der Höhle.

Heute ist BÄCHLERS These von einer steinzeitlichen Bärenkultkultur in der Schweiz unhaltbar geworden. Stattdessen geht die Archäologie heute davon aus, daß die Höhlen den steinzeitlichen Jägern und Sammlern im Sommer nur als vorübergehende Unterkunft gedient hatte, im Winter wären sie von Bären genutzt worden, deren schwächsten Tiere dort verendet wären. BÄCHLER behauptete, daß die aufgefundenen Bärenknochen von Menschenhand bearbeitet worden waren, um Werkzeuge herzustellen. Bärenköpfe wären zu Kultzwecken in kleinen Kammern aus Steinplatten begraben worden. Moderne Forschung führt aber die scheinbar bearbeiteten Tierknochen auf natürliche Einwirkungen (Wasser, Abrieb, Gesteinsverlagerung) zurück und nicht auf menschliche Einwirkungen eine Kulthandlung.

Lange tobte die wissenschaftliche Auseinandersetzung, der Sohn Heinz BÄCHLER schreibt wütend gegen die Kritiker seines Vaters an.  Auch heute gibt es wieder Einspruch gegen die Entmystifizierung der Wildmannlishöhle, diesmal von anderer Seite: von Neoschamanismus und Martriarchatsforschung, bisweilen auch von effektheischenden Verschwörungstheoretikern.

In seinem 2009 erschienenen Buch „Lexikon der verborgenen Archaälogie. Mysteriöse Relikte von A-Z“ widmet Luc BÜRGIN ein ganzes Kapitel einem offenbar verschwundenen Relikt aus dem Wildmannlisloch. In einem Kapitel des Buches ( „Alpen-Venus. Trauerspiel um eine kuriose Knochenfigur“) beschreibt er einen ca. 12 cm großen Bärenknochen, in dem angeblich die Figur eines Frauenknopfes eingeritzt worden war. Dieser Knochen sei aber seit den 70er Jahren im ehemaligen St. Galler Museum am Kirchhoferhaus  verschwunden und bis heute nicht mehr aufgetaucht. Unabsichtlich weggeworfen, verschlampt, zu Staub zerfallen? Viele Begründungen finden sich, allein eine alte Fotographie ist erhalten gebliebn. Der Autor jedenfalls läßt die Tür für Verschwörungstheorien offen.

Wolf-Dieter STÖRL, der bekannte Schamanismusforscher, schreibt in seinem Buch „Der Bär. Krafttier der Schamanen und Heiler“ (2009, S.36 ff.) ebenfalls über das Verschwinden der Venus-Figur:

In einer Nische in der Wand dieser Höhle entdeckte man eine aus dem Unterkiefer eines Höhlenbeeren geschnitzte und polierte Frauenplastik, etwa 12 cm hoch. Diese Figur, ebenfalls 70 000 Jahre alt, ist die älteste bekannte menschliche Darstellung, in der uns zum ersten Mal das archetypische Bild begegnet, das die Höhle, den Bären und die Frau verbindet – ein Bild, das uns in der Kunst des späteren Steinzeitmenschen, in den Sagen und Märchen vieler Völker (…) immer wieder begegnen wird.

Und in ihrem Buch „Der Muschelweg. Auf den Spuren von Gott der Mutter: Die Wiederentdeckung der matrifokalen Wurzeln Europas“ ergänzt Kirsten ARMBRUSTER die Ausführungen von STÖRL über das Verschwinden der Venus-Figur mit dem verschwörerischen Behauptung, daß diese Urmutterfigurine unsachgemäß gelagert wurde „und die patriarchale Urgeschichtsinterpretation nicht in Frage gestellt werden muß“. Die indirekte Unterstellung, daß jemand den Knochen hätte absichtlich zerstören wollen, um Spuren des Matriarchats verschwinden lassen zu wollen, erscheint mir mehr als herbeigeholt. Ich halte es in diesen religiösen Dingen lieber mit dem renommierten Religionswissenschafter Mircea ELIADE, der in seinem Buch „A History of Religious Ideas“ festhält, daß der religiöse Charakter von Knochenfunden der mittleren Steinzeit, zu der BÄCHLER Höhlenfunde ja zuzuordnen sind, nicht evident sei. Erst in der Jüngeren Steinzeit könne mit annähernder Gewissheit davon gesprochen werden.

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Der Eingangsbereich des Wildmannlislochs. Aufnahme des Autors im Juni 2017.

Johannes Seluner

Als wär der unterschiedlichen Interpretationen noch nicht genug, gibt es auch noch die Geschichte von Johannes SELUNER (1828 – 1898), dem Findling aus dem Toggenburg. Dieser auf der Seluner Alm von Hirten aufgegriffene und dann in Alt St. Johann  als Sozialfall lebende Mann wurde nach Auffassung unterschiedlicher lokalpatriotischer Erzähler bis heute bewußt in die Nähe der „Wilden Männern“ des Wildmannlisloches gerückt. Und dort hätten eben (zumindest nach Auffasssung von Keltoi) die letzten Neandertaler Europas gelebt. Aus den Zwergen des Wildmannlisloches werden in dieser Interpretation die Reste einer Schweizer Urbevölkerung:

Im Gebiet der heutigen Schweiz könnten die letzten Neandertaler Europas eine Art Reliktgruppe gebildet haben. Hinweis darauf geben die Höhlenfunde vom Wildkirchli, Wildenmannlisloch und dem Drachenloch bei Vättis, nebst den alten Erzählungen. Diese Wild-Leute waren vermutlich keine blossen Spukgestalten, sondern es hat sie wirklich gegeben, sie sind nichts anderes als die in den Sagen überlieferten Überbleibsel derjenigen, die sich als scheue, kleinwüchsige, hilfbereite und aussergewöhnlich kräftige Reste einer Urbevölkerung genetisch bis zum heutigen Tag gehalten haben. Als eigenständige Gruppen sind sie verschwunden, nachdem sie [wie die Sagen übereinstimmend berichten] beobachtet und-oder behindert wurden.
Keltoi: Geister, Gespenst und Spukgestalten.

Johannes Seluner, ein Abkömmling der Neandertaler? Einer der letzten Primitiven?  Man beschreibt den Johannes Seluner als eine Art unsozialisierbaren,  unzähmbaren Kasper Hauser, dem alle nur erdenklichen Eigenschaften zugeschrieben wurden: er soll von Kuhhirten auf der Seluneralp gefunden worden sein, in Wutanfällen seine Kleidung zerrissen haben, keiner Sprache mächtig gewesen sein, autistisches Verhalten an den Tag gelegt haben und, wie um die These vom Neandertaler noch zusätzlich zu untermauern, vorübergehend im Wildenmannlisloch gehaust haben. Es ist das Verdienst der Schweizer Schriftstellerin Rea BRÄNDLE mit ihrem Buch Johannes Seluner. Findling. Eine Recherche. (1990, Erweiterte Neauauflage 2016) den von der Gesellschaft behinderten Mann aus dem Schatten der Zuschreibungen sensationsgieriger AutorInnen und ErzählerInnen gelöst zu haben und ihm seine Würde zurückgegeben zu haben.

Auch die Wissenschaft ist nicht frei von Schuld an der Pervertierung der Wahrheit. Ganz im Sinne rassistischen Gedankengutes seiner Zeit hat der Knochenexperte Emil BÄCHLER seine Mutmaßungen über den Johannes SELUNER freien Lauf gelassen, in dem er tatsächlich empfahl, die Leiche des SELUNERS zu exhumieren. 1926 führte diese auch der Anthropologe, Rassenhygieniker und Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich Otto Schlaginhaufen durch, bewilligt von der zuständigen Behörde. Das „Rätsel des Seluners“, der während und nach seinem Leben über die Grenzen des Toggenburg bekannt geworden war, sollte endgültig gelüftet werden. Vor dem Hintergrund eugenischer Überlegungen dieser Zeit sollte ein Zusammenhang zwischen der geistigen wie körperlichen Einschränkung des Betroffenen und Merkmalen von Neandertalern oder aussereuropäischen Völkern nachgewiesen werden. Die Untersuchungen zeigten allerdings nur altersbedingte Degenerationserscheinungen des Skeletts auf. An der Verbreitung der banalen Wahrheit lag nach Feststehen dieser ach so normalen Wahrheit dann niemanden mehr so richtig. Das Skelett liegt noch immer am Züricher Anthropologischen Institut. Wer würde Johannes Seluner erneut begraben wollen?

Für die Edutainment- Gesellschaft interessanter sind allemal die Geschichten, die das touristische Kapital der Wildmannlishöhle mit immer neuen Facetten des Mythos versorgen: das tun die am Sagenweg kolportierten Geschichten allemal. Und so hält man an der Brätlistelle des Vereins Schweizer Familie unterhalb des Wildmannlisloches gerne weiterhin an dem Neandertalerverdacht von Johannes SELUNER fest, indem man an der dort angebrachten Tafel die alten Geschichten unreflektiert weiterschreibt. Ist das als Stück rassistischer Tradition inmitten Schweizer Ausflugsbetriebsamkeit zu werten? Oder ist es einfach nur Naivität?

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Eingang ins Wildmannlisloch, Aufnahme des Autors im Juni 2017.