Schuld, Leid und Erlösung

Normalerweise pflege ich genüßlich meine Vorurteile über den ostasiatischen Krimi, vergangenes Wochenende aber ließ ich mich eines Besseren belehren. Der Qualitäts-Streamingdienst Mubi verführte mich zu dem südkoreanischen Film The Chaser (2008) und dem Hong Kong Streifen Dog Bite Dog aus dem Jahr 2006. Beide haben mich begeistert.

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Clip aus dem Film The Chaser

Was muss geschehen, daß ein desillusionierter und in Unehren entlassener Polizeibeamter sich plötzlich aus seinem Zweckzynismus und seiner Rolle als Zuhälter befreit?  In dem Film The Chase entdeckt der Protagonist der Geschichte, daß ein Teil der von ihm vermittelten Mädchen offenbar einem Serienkiller zum Opfer gefallen ist. Er begibt sich auf die Suche nach der zuletzt verschwundenen Frau, die er trotz Krankheit dem Serienmörder zugeführt hat. Es besteht Hoffnung, daß sie noch lebt. Schießlich wird der mutmaßliche Täter gefaßt und er legt ein Geständnis ab, das er allerdings widerruft. Ein Staatsanwalt macht sich allerdings schuldig, weil er den gefassten Verbrecher wieder auf freien Fuß läßt, um den möglichen Anfeindungen durch die Presse zu entgehen. Die erneute, verzweifelte Suche nach dem Täter und seinem Opfer wird zum Sinnbild für die Suche nach Vergebung und Erlösung von Schuld. Langsam wandelt sich der Zuhälter von seiner Rolles als „Beschützer“ zu einer mit Empathie und Verantwortung handelnden Person. Eingeschrieben in die Topographie der Stadt Seoul ist dieses verzweifelte Ringen um Erlösung aussichtslos, ganz gleich, ob die Rettung der verschleppten Prostituierten und die Verhaftung des Serienmörders gelingt oder nicht. Lange Verfolgungsjagden zu Fuß machen das Ringen auf symbolischer Ebene sichtbar. Erfreulicherweise fehlt dem Film der Film der in den USA übliche geschmäcklerische und voyeuristische Umgang mit dem Verbrechen. Das Verbrechen bleibt, was es ist: eine menschliche Katastrophe. Es ist schrecklich und nicht cool.

Auch der aus Hong Kong stammende Film Dog Bite Dog spielt im Polizistenmileu. Auch hier ist die Suche nach Vergebung zentraler Angelpunkt der Handlung. Die Jagd auf einen brutalen und kompromißlosen Auftragskiller gestaltet sich für den selbst in ein schreckliches Verbrechen involvierten Polizisten zu einem Albtraum. Aber auch der gejagte Serienkiller sucht nach Vergebung, als er eine junge Frau aus ihrer schrecklichen Umgebung befreit und versucht, mit ihr ein „normales“ Leben zu beginnen. Allerdings holt die Vergangenheit beide ein: Jäger wie Gejagten. Roher und ein wenig ungeschickter inszeniert als The Chase ist dieser Film ebenfalls eine Abhandlung darüber, wie sehr der Einzelne Teil der Lösung als auch des Problems sein kann und die Befreiung von Schuld niemals gewährt wird. Beide Fälle behandeln das Polizistenmilieu und auch hier gibt es nur Zwischentöne, niemals aber Gut oder Böse. Diese Schattierungen machen beide Produktionen so wertvoll.

Überrascht hat mich der moralische Anspruch dieser Filme, die mit Gewaltszenen bei Leibe nicht sparen. Froh bin ich aber auch darüber, daß beide Regisseure nicht moralisieren, sondern über die Möglichkeit, Moral trotz tiefer Schuld zu entwickeln, reflektieren. Gewalt wird nicht verschwiegen, ist aber kein Selbstzweck oder pseudoästhetisches Brimborium.

Gedenkjahr 100 Jahre Republik: Finnland 1917

Als kleinen Vorgeschmack zum Gedenkjahr 100 Jahre Republik Österreich im kommenden Jahr hat Finnland bereits 2017 100 Jahre Unabhängigkeit gefeiert. Wie auch für Österreich geplant, hat das ganze Jahr über das Gedenken an die Unabhängigkeit/Selbständigkeit die Öffentlichkeit geprägt. Und es zeigte sich deutlich, daß vieles in der hundertjährigen Geschichte Finnlands bis heute ein gesellschaftspolitisches Tabu zu sein scheint. Denn die staatliche Unabhängigkeit Finnlands erschließt sich bei genauerer historischer betrachtung eher als ein Hindurchlavieren zwischen den Abhängigkeiten zwischen Russland und dem Westen. Erst in jüngster Zeit nehmen sich eine Reihe von Historikern, Literaten und Regisseuren den verdrängten und unheilvollen Themen der Vergangenheit an. Angesichts der Geschichte Finnlands erstaunt es wenig, daß die Bewältigung der krisengeschüttelten und prekären Vergangenheit einen langen Prozess erfordert, welcher nicht in einer Generation bewältigt werden kann.

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Photolocation Hunt

Im Prinzip geht es beim „Photolocation Hunt“ darum, mit einem sehr alten Foto und einer Kamera ausgerüstet, den abgebildeten Ort aufzusuchen und, wenn möglich, von genau jenem Standort erneut abzulichten, an dem das Ausgangsphoto gemacht wurde. Als Endprodukt entstehen zwei identische Photos mit gleichem Frame, der Zeitpunkt ihrer Produktion oft mehrere Jahrzehnte von einander entfernt. Idealerweise käme dann erklärender Text hinzu, der beide Orte geographisch, zeitlich und semantisch miteinander verbindet. Zwischen den Bildern besteht nicht nur ein Zeitsprung und ein technologischer Unterschied,  sondern auch ein persönlicher und objektivierbarer Gedächtnisraum.

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Aufgenommen in A-1200 Wien, Drednerstraße 113.
Links: 2. Weltkrieg,
Rechts: 2002
Das im Hintergrund abgebildete Haus beherbergt heute noch immer diesselbe Konservenfabrik, die „Gemüsekonserven. Franz Ableitinger“. Möglicherweise ist der Mann in der Mitte der ehemalige Besitzer, der mit zwei Soldaten der Deutschen Wehrmacht in national betonter Kleidung posiert. Insebsondere der rechte Soldat weckt Assoziationen an den Krieg: ein verletzter Kriegsheimkehrer? Die Werbeschilder haben sich verändert, das Gebäude blieb in seiner Substanz relativ unverändert. Trotzdem: es fällt auf, daß die Fassade des Hauses nunmehr sich schmuckloser als in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts darstellt, wohl ein Zug zur Versachlichung und Vereinfachung in einem sehr kostenbewußten Jahrhundert. Heute schreiben wir 2018: rein äußerlich hat sich gegenüber 2002 nichts substantiell verändert. Wann wird das geschehen?

Photolocation Hunt. Auf diesen Begriff bin ich vor mehr als 12 Jahren gestoßen, bei einer Bloggerin namens Chronistin. Ihr Blog heißt heute Sturmpost, die entsprechende Konversation kann ich heute nicht mehr finden. Soweit ich mich erinnern kann, beschrieb sie den Begriff des Erinnerungsraumes und als ich ihr als Kommentar zu ihrem Posting ein entsprechendes Doppelbild und eine kurze Beschreibung meiner photographischen Tätigkeit schickte, prägte sie den Begriff Photolocation Hunt. Die Methode hatte ihren Namen bekommen.

Nicht, daß die Methode etwas genuin Neues gewesen wäre oder heute nicht gerne von Journalisten angewandt würde. Das Geheimnis liegt wie bei so Vielem im Selbermachen, welches das eigene Leben als kurzen historisch bedingten Ausschnitt erfahrbar macht. Dafür hatte die Chronistin diesen Begriff geboren. Oft ist die aufgesuchte Welt noch immer vorhanden, manchmal existiert sie längst nicht mehr. Viele Fragen tauchen im Prozeß des vergleichens auf: Was wird mit unserer als selbstverständlich und unmittelbar empfundenen Gegenwart in hundert Jahren passiert sein? Was bleibt: unterliegt es definierbaren Gesetzmäßigkeiten oder haben wir es mit reiner Zufälligkeit zu tun? Was tut ein solcher Vergleich mit unserem Sentiment? Der Wiener Publizist Franz Schuh hat unübertroffen präzise formuliert (!paywall!):

….aber andere Menschen entwickeln auf der Suche nach dem Verschwundenen so etwas wie eine späte Liebe. Es ist eine leichte Nostalgie, die sich nicht selten aus dem Rückblick ergibt.

Erstmals aufmerksam geworden bin ich auf diese Methode bei einem Besuch in Nishni Novgorod in der Russischen Föderation. Es muß wohl ein Fremdenverkehrsprospekt gewesen sein, der Bilder von 1912 mit jenen aus 2002 kontrastierte. Unmittelbar darauf habe ich selbst einige Versuche gewagt und in einer Gruppe auf Flickr einige Beispiele aus Turin und Wien eingestellt. Das Interesse der Community war enden wollend. Selber Frame, andere Zeiten und der Gedächtnisraum, der sich dazwischen auftut: das hat mich fasziniert und tut es heute immer noch.

Und da war noch der Film Smoke von Wayne Wang und Paul Auster, den ich 1995 sehen durfte.  Seit Jahren fotografiert der Protagonist Auggie Wren pünktlich um Acht Uhr Morgens diesselbe Straßenecke. Beim Durchblättern der einzig aus diesen Bildern bestehenden Photoalben findet ein Besucher auf einem der 4000 Bilder seine verstorbene Frau wieder. Die Bilder sind nicht gleich: alle sind verschieden. Vielleicht ist es tatsächlich diese neurotische Phantasie, auf alten Fotografien mit den Augen von heute etwas bislang Unentdecktes zu sehen und zu finden. Vielleicht geht es auch um das Symbol des verstorbenen Menschen, der plötzlich, unvermutet aber doch immer schon gesucht, auf einem dieser Bilder auftauchen könnte. Die verlorene Vergangenheit, die wir durch einen Zaubertrick für uns dienstbar machen wollen.

Deshalb möchte ich diesen Faden auf diesem Blog wieder aufnehmen und an mehreren Beispielen nachweisen, inwieweit es faszinierend sein kann, mit zeitlichem Abstand den scheinbar selben Blick auf die Welt zu werfen. Wenn es interessiert, dann bleiben Sie uns als LeserIn erhalten!

Das Denkmal von Elias Lönnrot

Elias LÖNNROT (1802 – 1984) war finnischer Schriftsteller, Philologe und Arzt, der auf seinen Reisen durch Finnland die mündlich überlieferte finnische Volksdichtung aufzeichnete, auf deren Grundlage er u.a. das finnische Nationalepos Kalevala schuf. Die Kalevala wurde schließlich zu einer der Grundlagen der finnischen Identität und der finnischspachigen Literatur.

Das Denkmal zeigt den auf einem Stein sitzenden LÖNNROT umgeben von Gestalten aus der Kalevalöa; neben ihm der mythische Held VÄINÄMÖNEN, der aus dem Kopf des Riesen VIPONEN herauswächst, und ihm zu Füßen IMPI (ILMATAR), Urgöttin und Sinnbild der Poetik der Kalevala. Es war ursprünglich vorgesehen, auch TAPIO, den Waldgott, zu dieser Figurengruppe hinzuzufügen. Davon mußte allerdings  aus Kostengründen abgesehen werden. Am Podest befindet sich LÖNNROTs Name und der Spruch „Sain sanat salasta ilmi, Kalevala“ (The words I laid open, Kalevala). 

Ein Bild vom 18. Oktober 1902 zeugt von folgendem: An den Stufen des Denkmals liegen Kränze, es ist von zahlreichen Schaulustigen umgeben, die dem in der Nacht enthüllten Denkmal ihre Aufwartung machen. Das Publikum ist gemischt: Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen, Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten.  Einige der Zuseher blicken hinauf zur Kamera, die wohl in dem angrenzenden Gebäude der „Alten Kirche“ beim Fenster aufgestellt wurde. Andere Personen sind ins Gespräch vergibt. Öffentliche Ansprachen werden nicht gehalten.  Auch die Polizei ist anwesend. Im Hintergrund eine Baulücke und junge Lindenbäume. Im Vordergrund ein Wiesengrundstück. Das Foto ist dem Online Auftritt der Finnischen Literarischen Gesellschaft entnommen.

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18.10.1902 – Am Tage nach/vor der nächtlichen Enthüllung versammelt sich  erneut konspirative Öffentlichkeit.

1899 initiierte die Finnische Literaturgesellschaft eine Ausschreibung für ein Denkmal zu Ehren von Elias LÖNNROT, dem Schöpfer der Kalevala. Als Grundstück hatte man eine freie Parzelle hinter der schon 1826 errichteten „Alten Kirche“ vorgesehen. Die Ausschreibung hat Emil WIKSTROM gewonnen, welcher allerdings nicht seinen eingereichten Entwurf umsetzt, sondern sich bei den Konzeptideen eines Mitbewerbers bedient. Die Bronzeskulptur wurde in Brüssel hergestellt. Enthüllt wurde sie in der Nacht des 18. Oktober 1902. Von einer offiziellen Enthüllung am Tag sah man  ab, die Organisatoren wollten einen Konflikt mit der russischen Behörde vermeiden. Finnland war ja seit 1809 russisches Großherzogtum. Jetzt, an der Wende zum 20. Jahrhundert kam die nationalromantische Bewegung der Finnen in einen immer größer werdenden Konflikt mit der russischen Zentralbehörde. Dieser eskalierte 2 Jahre nach der Errichtung des Denkmals in der Ermordung des russischen Generalgouverneurs Bobrikov (1904). Dieser hatte im Auftrag des Zaren eine Diktaturverordnung durchgesetzt, der einzelne, bisher gewährte Rechte der finnischen Bevölkerung stark beschnitt. Die Enthüllung eines Denkmals für Lönnrot und der Kalevala 1902 besaß in dieser schwierigen politischen Lage ungeheure Sprengkraft, war das Nationalepos doch zu einer zentralen sprachlichen und mythologischen Ikone des romantischen Nationalismus in Finnland geworden. Man blieb deshalb lieber diskret und wollte die Behörden nicht herausfordern. Schon eigenartig: ein Denkmal mit Apellcharakter,wird trotz seines öffentlichen Charakters der Öffentlichkeit partiell verborgen.

Heute wird das Monument gerne und häufig aufgesucht, insbesondere anläßlich des offiziellen Kalevala-Tages am 28. Februar jeden Jahres. Ebenso wird am 4. Juni, dem Beginn der Schulferien in Finnland das Denkmal gerne von SchulabsolventInnen mit weißen Schirmkappen besucht, um dort vor dem Schöpfer der Kalevalla und Mitbegründer des „Finnischen“ zu posieren und Erinnerungsfotos zu machen. Touristengruppen kommen auch, meist auf Stadttouren, die in Kombination mit der Besichtigung der „Alten Kirche“ durchgeführt werden.

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Die Kalevala ist aber nicht nur ein literarisches und nationales „Monument“ im Rahmen des  kulturellen Gedächtnisses Finnlands, sondern wohl Ort für die Überlieferung aus heidnischen Zeiten. AnhängerInnen des Neopaganismus suchen hier nach ihren heidnischen Wurzeln.  Unter der Überschrift „Standing on Sleeping Giants“ bettet Aki CEDERBERG nach einem entsprechenden Besuch des Denkmals die Skulptur in den mythisch-poetischen Zusammenhang der Kalevala. Wieder erweist das Denkmal seine Kraft als Fokus von kollektivem Gedächtnis, weniger in nationalem Zusammenhang als in einer Art neuheidnischer Rückbesinnung.

Mehrmals besuche ich während meines Aufenthalts in Helsinki das Denkmal am Lönnrotinkatu 5, auf der Suche nach dem exakten Standort der Aufnahme aus dem Jahr 1902. Die „Alte Kirche“ (finn: Vanhakirkko) hatte ja in diesem Areal schon seit 1826 bestanden, der weiträumige Platz im heutigen Zentrum Helsinkis  und hieß ursprünglich Kirchenplatz (finn. Kirkkotori). Das Denkmal wurde auf der Hinterseite des Platzes errichtet. Aufgrund des leicht erhöhten Standortes der Kamera mußte das Bild von 1902 von einem leicht erhöhten Standort geschossen worden.

Nach mehreren fotographischen Versuchen kam ich zu dem Schluß, daß sich der Standort der Kamera wohl in der Kirche selbst befunden haben mußte, und zwar durch ein geöffnetes Fenster hindurch. Leider ist gegenwärtig der Wandelgang um den eigentlichen Gebetsraum, an dem sich dieses Fenster befunden haben mußte, versperrt. Eine grimmige und bedingt höfliche Reinigungsfrau wollte da auch keine Ausnahme für mich machen. Andrerseits: aus Zeitmangel kann ich nicht mit dem Pfarrer/der Pfarrerin verhandeln, um mein Anliegen vorzubringen. Doch das ist nicht die einzige Schwierigkeit, die ich mit den Bildern von Lönnrot Denkmal habe.  Der Kontrast zwischen der Patina des Bronze-Denkmals und dem Grün der umgebenden Bäume ist schwer herzustellen und sieht in Farbe ziemlich übel aus.  Da helfen weder Sonnenschein noch Regendämmerung. Unbefriedigt ziehe ich von dannen, mich mehr schlecht als recht mit dem dummen Ausspruch tröstend, daß der Weg wohl notgedrungen das Ziel gewesen sein mußte. Man möge mir die ungenaue Fotographie aus dem Jahr 2017 verzeihen.

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Über den Verlust der Schreibfähigkeit

Die ungeliebte, aber unumgänglich notwendige Tätigkeit des Weihnachtskarten Schreibens im Büro hat es wieder auf erschreckende Weise gezeigt: Ich kann nicht mehr Schreiben!!! Wohin sind die Zeiten, als ich dem Ehrenamt des Tafelschreibers in der Schule nachgehen durfte und die Mitschüler mit meiner schönen und deutlichen Schrift beglücken durfte oder, wo ich wunderschöne Tagebücher schrieb, deren Inhalt zweifelhaft, die Schreibqualität jedoch großartig war. Irgendwann in den letzten 20 Jahren mußte es geschehen sein: Ich habe verlernt zu schreiben. Nicht nur, daß mir schon nach wenigen Zeilen die Hand wie höllisch schmerzt, auch das Ergebnis ist eine Katastrophe: die krakelige, ungelenke Schrift eines analphabetischen Greises.

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Ein finnisches Bullet Journal. Bild: Wikimedia Commons

Ich erinnere mich an die Meldung in den Medien: Finnland hat mit dem Schuljahr 2016/17 mit der Tradition des Erlernens der Schreibschrift gebrochen. Begründet wurde dies vom finnischen Schulministerium mit der Auffassung, daß einerseits das Verbinden der Buchstaben bei den GrundschülerInnen in vielen Fällen zu Schreibblockaden geführt hatten und andrerseits in diesen ach so modernen Zeiten mehr Augenmerk auf ein schnelles Erlernen des Tastaturschreibens gelenkt werden müsse. Die FAZ mutmaßt nun wohl zu Recht:

… das finnische Beispiel zeigt, in welche Richtung sich das schulische Schreibenlernen vielerorts bewegt: Erst wird die verbundene Schreibschrift zur unzumutbar komplizierten oder schlicht entbehrlichen Technik erklärt, dann entweder vereinfacht oder durch handgeschriebene Druckbuchstaben nach dem Vorbild der Tastatur ersetzt. Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt ganz fort von Hand, Papier und Stift und hin zum digitalen Schreiben allein.

Schreibschrift gegen Tastaturschrift also, darauf soll es hinauslaufen. Kritiker halten jedoch dagegen, daß die Schreibschrift die Gedanken beflügle und erst das kontinuierliche Schreiben bestimmte kognitive Funktionen im Gehirn unterstütze. Das sind Erfahrungen, die auch ich beim Schreiben meiner Tagebücher immer gemacht habe. Manche Schriftsteller finden das auch.

Was auch immer die richtige Entscheidung darstellt, für mich gilt:  Eines ist, etwas in der Schule zu verlernen und das andere ist, etwas, was man gerne und gut gekonnt hat, verlernt zu haben und es mit einem Male zu vermissen. Es war eindeutig eine prekäre Paniksituation, in der ich mich befand, als ich entdeckte, nicht mehr „richtig“ Schreiben zu können. Dem muss unbedingt abgeholfen werden, dachte ich kampfeslustig.  Das Wiedererlernen der feinmotorischen Tätigkeit und des damit verbundenen ästhetischen Ausdrucks wurde mir so von einem Tag zum Anderen zu einem wichtigen Anliegen und beschäftigt mich bis heute.

Aber was tun? Wieder mit dem Tagebuchschreiben beginnen? Einträge auf meinem Blog in meiner Schreibschrift anbieten? Meinen Outlook-Kalender, der das Rückgrat meines und der mit meiner Arbeit verbundenen Personen darstellt, abschaffen und zum einstmals so gehypten und auch teuren Filofax zurückkehren? Lange Liebesbriefe schreiben? Regelmäßig Postkarten versenden, von denen die Schweizer Satirikerin Hazel Brugger gesagt hat, sie wären eine Vorform des Twitterns mit nur einem Follower? Mit einem Male wird mir bewußt, das meine schriftliche Kommunikation fast völlig durch das Verhältnis Hand-Tastatur-Bildschirm ersetzt wurde. Wo ist all meine Phantasie geblieben, das Galopperen der Gedanken im Schreibstift, die gefällig individuelle Form meiner Entäußerungen, die Befriedigung über eine fertiggeschriebene Seite?

Die offizielle bzw. informelle Abschaffung der Schreibschrift ist indes auch in den Sozialen Medien nicht unentdeckt geblieben und hat offenbar indirekt einen neuen Trend begründet: das sogenannte Bullet Journal. Der Standard titelt vordergründig kritisch: Verkaufshit leeres Notizbuch. Ich bin über die Postings der labyrinthbewohnerin darauf aufmerksam geworden, die sich mit dieser Form des Planers intensiv auseinandergesetzt hat.

Entwickelt wurde es von dem New Yorker Designer Ryder Caroll, der einen rein analoge Methode suchte, um sein Leben zu organisieren und dieses in trial and error Verfahren zu perfektionieren versuchte. Die Grundausstattung: ein Notizbuch und einen Schreibstift. Seinen Namen bekam dieses Art von Journal von den von ihm vorgeschlagenen Bullets als Gliederungssystem. Es ist eine Kombination aus einer To Do List, einem Tagebuch, einem Notizbuch und einem Skizzenbuch. Im Wesentlichen besteht es aus einem Ordnungssystem, das aus verschiedenen Modulen besteht: dem Index, dem Future Log, dem Monthly Log und dem Daily Log.

Schwerpunkte zu setzen obliegt einem selbst, je nachdem für welche Bedürfnisse man sein Bullet Journal verwendet. Und das ist der Punkt, ab dem es beginnt, interessant zu werden. All die Tagebücher, Notizbücher und To Do Lists gibt es ja bereits als plattformübergreifende Apps, jedoch ohne die Möglichkeit, sie kreativ zu gestalten und komplett seinen Bedürfnissen anzupassen. Jetzt darf ich mich kreativ austoben UND wieder zu einer Regelmäßigkeit des Hand-Schreibens und -Malens zu kommen. Ist das die Möglichkeit des alltäglichen Schreibens, zu der ich wieder zurückfinden will? Sollte ich das Bujo ausprobieren? Immerhin befinden wir uns am Beginn eines Neuen Jahres und ich habe Muße, um mich derartigen Dingen zu widmen. Wie heißt es so schön im Standard in Bezug auf das Rückzugsbüchlein:

Dabei handelt es sich bei den Journals keinesfalls um Malhefte für Nerds, sondern eher um eine Art Superfilofax für die Generation Whatsapp. Es ist beeindruckend, mit wie viel Hingabe sich die Benützer ihrem Büchlein widmen. Bestimmt befriedigt der Hype, küchenpsychologisch betrachtet, auch das Bedürfnis nach mehr Ordnung, Ruhe und Rückzug abseits des omnipräsenten digitalen Rummels.

Résume: Offenbar steht ein Besuch bei boesner auf dem Programm, um mich mit Journalen und Siften auszurüsten. Und das wird wieder mal teuer.

Auch Statuen sterben

Apropos: Statuen, die uns über ihre eigene Migration erzählen. Darum ging es in einem meiner letzten Postings. Nun soll einiges zu ihrem Tod notiert werden.

1953 stellten Chris Marker und Alain Resnais den Essayfilm Les Statues meurient aussi (dt. Auch Statuen sterben) fertig. Darin findet sich neben sehr vielen klugen Aussagen auch folgende, gleich am Beginn des Filmes:

Wenn Menschen sterben, treten sie in die Geschichte ein. Wenn Statuen sterben, werden sie zur Kunst. Dieses Naturgeschichte des Todes nennen wir Kultur. Denn die Gesellschaft der Statuen ist sterblich. Eines Tages zerbröckeln ihre Steingesichter und Teile fallen zu Boden. Die Zivilisation hinterläßt solch verstümmelte Spuren ähnlich wie die Kieselsteine, die der Kleine Däumling fallengelassen hat. Letztendlich wird die Geschichte alles verschlingen. Objekte sterben angesichts des flüchtigen Blicks der Lebenden. Und wenn wir selbst verschwinden, werden unsere Dinge an den Platz verbannt, zu dem wir die auch schwarzen Dinge geschickt haben: ins Museum.

Chris Marker, Alain Resnais: Les Statues meurient aussi. Film, 1954. Übersetzung: Gkowar

https://vimeo.com/173549297

Die beiden Autoren nehmen in diesem Film zu den kulturellen Konsequenzen des Kolonialismus Frankreichs in Afrika Stellung, der Grundton des Filmes ist als Rezeptionskritik antikolonialistisch, antirassistisch und antikapitalistisch.  Frankreich befand sich gerade in mehreren bewaffneten Auseinandersetzungen mit seinen Kolonien (u.a. Indochinakrieg  1946 – 1956, Algerienkrieg 1954 – 62), was die Aussagen des Filmes für die herrschende Regierung und das kolonialistisch orientierte Establishment inakzeptabel radikalisierte.

Der Film wurde vom Magazin Revue Presence Africaine in Auftrag gegeben, die Dreharbeiten begannen 1950 und wurden 1953 abgeschlossen.  Nach seiner Uraufführung am Festival in Cannes 1953 und trotz des Jean Vigo – Preises, der den Regisseuren für diesen Film 1954 zuerkannt wurde, wurde er zwischen 1953 und 1963 von der französischen Regierung auf die Zensurliste gesetzt und war erst 1968 offiziell wieder erlaubt, blieb aber in weiterer Folge relativ unbekannt. Erst mit der Herausgabe einer Videoedition 2004 war der Film potentiell einem weiteren Publikum verfügbar. Eine deutsche Fassung gab es meines Wissens noch nicht. Man könnte den Film also als quasi-verschollenes Dokument betrachten, gäbe es heute seine Fassungen auf Youtube und Vimeo nicht.

Die Kritik an kolonialer Sammeltätigkeit und daran, daß bei Sammlungen oft deren problematische Herkunft der Objekte verschwiegen wird, ist auch heute noch zu äußern. Einige Museen, so etwa das neu eröffnete Weltmuseum in Wien und insbesondere das hier auf diesem Blog schon erwähnte Museum der Kulturen in Basel thematisieren aber diesen Sachverhalt und eröffnen so für ihre Sammlungen neue und faire Betrachtungsperspektiven.

Hier noch einige Auszüge aus dem Filmessay, der mir auch heute bedeutsam erscheint, gerade auch wegen seiner schon von Beginn an durch die Zensur induzierten geringen Öffentlichkeit. Ich konnte einfach nicht anders, als (sehr frei) zu übersetzen. Trotzdem bin ich mir bewußt, daß der Text ohne die dazugehörigen Bilder nur schwer dem ästhetischen aber auch kunsthistorischen Gewicht des Films Rechnung tragen kann.

(Unwillkürlich musste ich beim Übersetzen an Joseph Conrads 1899 erschienenes Buch Herz der Finsternis denken, das auf andere Weise ähnliche Töne anschlägt.)

Schwarze Kunst: sie sieht so aus, als lägen die Gründe für ihre Existenz alleine im Vergnügen, die sie uns beim Betrachten bereitet. Die Absichten der Schwarzen, die sie geschaffen haben, die Überlegungen und Gefühle der Schwarzen, die sie nun betrachten – all das entgeht uns. Nur weil sie auf Holz geschrieben sind, sehen wir sie als Statuen und anerkennen allein das Pittoreske an ihnen. Die schwarze  Community hingegen sieht sie als Ausdruck von Kultur. (…) Es ist das Zeichen einer verlorenen Einheit, als die Kunst noch die Garantie eines Übereinkommens zwischen dem Menschen und der Welt darstellte. Es ist das Zeichen der Ernsthaftigkeit eines alten Afrika seiner Ahnen, jenseits der Zeit der Verschmelzung der Rassen und der an seinen Ufern auftauchenden Sklavenschiffe.  Die Geschichten der nach Afrika gereisten Weissen sprachen hingegen von Beginn an von Monstern, Flammen und diabolischen Geistererscheinungen.

Dies ist die erste Unterteilung der Erde. Hier ist der Fötus der Erde. Hier ist Afrika im 11. Jahrhundert, im 12., im 15., im 17. Jahrhundert. Von Epoche zu Epoche, während seine Umrisse langsam enthüllt wurden, wurde Afrika immer mehr zu einem Territorium der Rätsel. Schwarz war zur Farbe der Sünde geworden. Die Weissen projizierten ihre eigenen Dämonen auf die Rücken der Schwarzen, in dem Bemühen, sich von den eigenen Dämonen zu befreien. Und doch, jenseits der Wüsten und Wälder, von denen wir glaubten, sie grenzten an das Königreich des Teufels, entdeckte der Reisende Nationen und Paläste.

Welches Lied hat diese kleine Prinzessin in den Schlaf gewiegt? Ist diese Orange in den Höhlen von Benin gereift? Welcher Kult hat über diese kleine Republik der Nacht geherrscht? Wir wissen es nicht mehr. Die großen Reiche Afrikas sind durch die Geschichte zu toten Königreichen geworden. Als Zeitgenossen von St. Luis oder der Jeanne d’Arc sind sie uns sogar noch unbekannter als die Reiche der Sumerer und Babylonier. In den letzten Jahrhunderten haben die Flammen der Eroberer diese Vergangenheit in ein absolutes Dunkel verwandelt. Schwarz gegen Schwarz, schwarze Kämpfe in der Nacht der Zeit; der Untergang dieser Zivilisationen hat uns nur die wunderschön ornamentierten Relikte zurückgelassen, welche wir nun befragen.

Wenn auch ihre Geschichte ein Rätsel für uns ist, sind die Umrisse der (betrachteten) Figuren nicht fremd für uns. (…) Es ist nur gerecht, daß die Schwarzen auf eine Zivilisation stolz sind, die so alt wie unsere ist. Unser beider Vorfahren können sich von Angesicht zu Angesicht betrachten, ohne den Blick mit leeren Augen senken zu müssen. Aber diese Bruderschaft im Tod genügt uns nicht. Es ist uns eigen, daß wir die wahre Schwarze Kunst entdecken wollen ….

Chris Marker, Alain Resnais: Les Statues meurient aussi. Film, 1954. Übersetzung: Gkowar

Museumsmigranten. Von Indonesien nach Basel und Belgrad.

Manchmal habe ich es satt, immer nur für das Blablabla der Eröffnungsreden zur Verfügung stehen zu sollen. Manchmal füge ich mich den Zumutungen des Betriebes, manchmal verweigere ich mich, manchmal versuche ich einen dritten Weg. Letzteren habe ich anläßlich einer Tagung zu Migrationsfragen in Belgrad eingeschlagen. In Rückbesinnung auf einen vorangegangenen Museumsbesuch in Basel mutete ich dem Publikum in Belgrad folgende Eröffnungsworte zu. Dem Verständnis halber rückübersetze ich ins Deutsche.

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Liebe KollegInnen!

Herzlichen Dank, daß ich an diesem Runden Tisch zu Migrationsfragen teilnehmen darf.

So viel ist schon zu Migration gesagt worden, und so viel hat noch diskutiert aber vor allem getan zu werden. Anstatt einer Eröffnungsrede habe ich Ihnen heute zwei Dinge aus der Schweiz mitgebracht: (1) meine Eindrücke von einer Ausstellung mit dem Titel „Migration – Bewegte Welt“ im weithin gepriesenen Museum der Kulturen in Basel und (2) die Worte einer Gruppe von verwahrlosten Personen, die sich seit langer Zeit im Keller des Museums aufhalten.

Die KuratorInnen des Museums der Kulturen haben meist viel Platz in ihren Ausstellungen zur Verfügung. Das Konzept des Museums sieht nämlich vor, gegenwartsrelevante Themen in den Vordergrund zu stellen und sich mit der Präsentation von Sammlungen zurückzuhalten. Das schafft die Möglichkeit, zentrale Dinge im Raum sprechen zu lassen.

Mit diesem Vorwissen begab ich mich in den fünften Stock des Museums, um dort mit der Großzügigkeit der Ausstellungsgestaltung konfrontiert zu werden. In der ersten langen Flucht des Saales deshalb nur zwei Objektbereiche: ein kompaktes Objekt von 12 Holzfiguren  aus Indonesien, welches das mythische Wandern in Naturreligionen symbolisieren soll. Danach eine langgestreckte Installation mit Glasfiguren von Matteo Gonet aus dem Jahr 2017, welche die Migrantenströme und deren statistische Erfassung symbolisieren sollen. Erst als ich die Videoprojektion über den Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko links vor mir liegengelassen habe stoße ich quasi auf der Hinterseite des ersten Raumes auf meine nunmehr liebgewonnen Freunde aus dem Museum.

Da waren sie: sicherlich mehr als 50 Holzfiguren, hier in einer langen Reihe angeodnet, die aus der Asiensammlung des Museums an die Oberfläche und ins Licht gefördert worden waren. Diese Persönlichkeiten waren einst von reichen Basler SammlerInnen von ihren Reisen nach Südostausien und anderen Weltgegenden mitgebracht und dem Museum vermacht worden. Was aber sollten die stummen ZeugInnen erzählen, warum standen sie so kommentarlos vor den Besuchern: ohne Erklärung zu ihrem Hintergrund, ihrer Funktioni ihrer Verortung und ihrem ihnen zugemuteten Namen.

Etwas hilflos suchte ich nach einer Erklärung und etwas versteckt fand ich ein Schild mit dem die ins Museum Verschleppten zu mir und heute zu Ihnen sprechen:

Was schaut ihr uns an? Wir sind hier nicht ausgestellt! Wir spielen nicht die Hauptrollen. Wir stehen hier, um hinzuschauen , mit euch. Wir beobachten mal mit weit aufgerissenen Augen; kritisch, selbstbewusst, staunend; zornig, grimmig, trotzig; demütig; verängstigt, erschrocken; gelangweilt, geduldig, gleichmütig, müde, verbissen; fragend.

Ja, das sind einige unserer Gemütslagen. Ihr vermeint uns zu kennen. Doch der Schein trügt. Ihr seht uns und seht uns doch nicht.

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Wir sind Migranten. Aus aller Welt. Wir dienten unseren Kulturen, in unterschiedlichen Funktionen. Wir wurden geschätzt, teils sogar verehrt. Wir hatten ein gutes Leben, bis wir zu Migranten wurden. Die Hintergründe dafür waren so individuell wie wir: gesammelt im Namen der Wissenschaft, mitgenommen weil eine Augenweide, verkauft für ein wenig Luxus, entsorgt, weil schon etwas älter.

Die Migration war mitunter beschwerlich. manche von uns erlebten eine wahre Odyssee. Meist wurden wir verpackt und weggesperrt in Koffern, Kisten oder Containern. Wir blieben im Dunkeln. Tage_, wochen_, monatelang. Einige wechselten den besitzer. Die Zoll- und Einfuhrbehörden ignorierten uns meist. Zuweilen wurden wir durchsucht. Dass wir heute teils ramponiert aussehen, verdanken wir diesen, unseren Biografien. Ständig waren wir mit Neuem konfrontiert. Ungewissheit prägte unser Dasein.

Heute sind wir nicht mehr, was wir einmal waren. Wir haben im museum neue Aufgaben, sollen Repräsentanten einer anderen, einer fremden Welt sein. Wir sollen authentisch sein! Dazu fehlt uns der alte Kontext. Für uns wird gesorgt, wir sind in Sicherheit, doch wir müssen und an unzählige Vorschriften halten und Konventionen bedienen.

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Die Migration ist ein Konzept mit Widersprüchen. Wir selber sind voller Widersprüche. Wir sehen uns als heimatlos, obwohl wir eine neue Heimat gefunden haben. Uns geht es hier gut; aber sind wir glücklich? Zurück wollen wiur nicht. Wir leben in Erinnerungen. Wir sorgen für reiche Ernten, Kindersegen, heilung und erfolgreiche Reisen. Daran ist nichts Exotisches. Da könnt ihr uns noch lange anstarren.

Wir unterscheiden uns kaum von menschlichen migranten. Schaut nicht weg! Blickt mit uns auf die Ausstellung, auf das Phänomen Migration. Seht ihr, ihr seht es mit anderen Augen.

Text in der Sonderausstellung „Migration – Bewegte Welt“ (19. 5 2017 – 21. 1. 2018 ). Museum der Kulturen Basel

Rare Experts. Eine Weihnachtsgeschichte.

Der wahre Weihnachtsmann, meint der Junge, sei den Samen einst so auf den Keks gegangen, daß sie ihn auf einen gefrorenen See gelockt hätten, um ihn dort ins Wasser einbrechen zu lassen. Den zu einer mächtigen Kugel Gefrorenen hätten sie dann über Generationen hinweg mit Holzspänen, Geröll und Felsbrocken bedeckt, sodaß ein Berg, der Korvatunturi, entstanden sei. Als der kleine Pietari dieser Geschichte nachgeht, entdeckt er in alten Büchern das wahre Gesicht des Weihnachtsmannes. Er war ein böses, gehörntes Ungeheuer, das Kinder bestrafte und verschleppte und so zum Schrecken des Nordens wurde. Der wahre Weihnachtsmann machte aus frechen Kindern Kleinholz!

Just jener Berg aber wird von einer ausländischen Bergbaugesellschaft untersucht, auf der Suche nach den Gebeinen des Original – Weihnachtsmannes. Doch dieser ist nicht tot und eine Heerschar von Wichteln, bösen, alten, nackten Männern unterstützt ihn bei seiner Wiederkehr im tief verschneiten Nordland. Unerschrocken nimmt eine Gruppe von einsamen Rentierzüchtern im Grenzgebiet zu Rußland den Kampf um ihre wirtschaftliche Zukunft auf!

Wer Sinn für Skurilles hat und deshalb wissen will, wieso heute Finnland gewinnbringend Weihnachtsmänner in alle Welt exportiert, dem sei dieser Fim ans Herz gelegt. Immerhin wurden vor dem Erscheinen des Films zwei Video – Showcases ins Netz gestellt, die austesten sollten, ob sich überhaupt ein Publikum für eine derart verquere Weihnachtsgeschichte fände: 2003 Rare Exports Inc. und 2009 Rare Exports: The Official Safety Instructions. Die zwei Videoclips nehmen Elemente des eigentlichen Filmes vorweg, sind aber stilistisch etwas anders gelagert.

Doch damit ist dieses, zugegeben skurrile Thema noch nicht zu Ende, denn Jalmari Helanders Kinoerfolg sollte ein gesamtes Literaturgenre begründen, jenes von „Finnish Weird“. Erfunden hat diesen Begriff zwar die finnische Autorin Johanna Sinisalo, die mit ihrem 2005 ins Deutsche übersetzten Buch „Troll: Eine Lebensgeschichte“ selbst einen Klassiker in diesem Genre geschrieben hat. Sie selbst gibt an, dass sie Jalmaris Film nach der Aufführung folgendermaßen beurteilt habe: „Weird in a very Finnish Way.“ Und sie schließt diese Stellungnahme mit der Feststellung: “We are weird and very proud of it.”

So wurde dieser Film zum Markenzeichen von „Finnish Weird“, einer Erzählbewegung von jungen finnischen Autoren, die sich der Grenzüberschreitungen zwischen Mythologie, Natur, Fantasy, Humor und Horror verschrieben haben. Der Film gibt frühes Zeugnis davon ab. Wenn das keine Empfehlung für ein schräges und absolut unchristliches Weihnachtsgeschenk ist!

Wer sich übrigens den Film nicht auf DVD kaufen mag, der kann ihn in Österreich auch auf Maxdome (Video on Demand) sehen.