Hopfen (Humulus lupulus)

Ich habe ihn schon an vielen Stellen gefunden: etwa an einer überrankten Holzbrücke im Thurgau, an einem Zaun der Zuckerfabrik Hohenau oder an einem Weißdornstrauch auf der Donauinsel: den wunderbaren wilden Hopfen. Es sind die weiblichen Blüten, die man im August/September pflücken kann, die ein wenig klebrig (harzig) sind und stark nach Marihuana riechen. Denn der Hopfen ist ein Hanfgewächs!

Gut bekannt ist der Hopfen durch das Bier, dessen wichtigster Bestandteil er ist und dem es die ihm eigene Bitterkeit verschafft. Deshalb wird der mehrjährige Hopfen natürlich in großem Stil angebaut, im August/September die weiblichen, doldenartigen Blüten geerntet und dann für das Brauen des Bieres verwendet. Der Hopfen gedeiht am besten auf lehmig/sandigem Boden und verträgt heiße Sommer nicht sehr gut.

Umso schöner, wenn man auch in der Natur wilden Hopfen findet. Man kann ihn wohl auf zwei Arten für seinen persönlichen Gebrauch verwenden: als Tee und zum Verräuchern. In beiden Fällen sollte man/frau sich aber sicher sein, daß es sich tatsächlich um Hopfen handelt. Geerntet werden die noch grünen Zapfen im August und September und dann am besten in einem lichtgeschützten Raum getrocknet. Nur dann bleiben die wertvollen Inhaltsstoffe erhalten. Durch anschließendes Pressen können die grünen Zapfen zu Pellets verarbeitet werden, wodurch der Abbau ihrer Wirkstoffe nochmals verringert wird. Aber letzteres muss nicht unbedingt sein.

Hopfen wirkt entspannend, löst Nervosität und hilft bei Schlafstörungen.

Deshalb kann hier ein Teeaufguss von Nutzen sein: 1-2 Teelöffel getrocknete Hopfenblüten werden mit ca. 150 ml heißem Wasser übergossen und 10-15 Minuten ziehen gelassen. Vorsicht: der Aufguß wird bitter schmecken.

Und auch Räuchern kann eine Methode sein, um mehr Ruhe in das eigene Universum einziehen zu lassen. Empfohlen wird aber, keine Räucherkohle zu verwenden, das sonst der Zapfen zu schnell verbrennt. Hingegen bietet sich ein Räucherstövchen an, bei der die Zapfen auf ein dünnes Edelstahlnetz gelegt werden, unter dem ein Teelicht entzündet wird. Wenn man dann den Zapfen nicht direkt über die Flamme legt, sondern eher an die Peripherie der Flamme, wird sich der Rauch langsam, aber dafür viel nachhaltiger entfalten.

Weiterführendes Lesen:

Kein 1 X 1 der Räucherkunde

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Harzklumpen, verschiedene Nadelbäume, Copyright: tinderness

Ein wenig enttäuscht war ich schon, als ich das Buch von Christine Fuchs: Räuchern mit einheimischen Pflanzen. Sammeln, Mischen, Anwenden. (online kaufen auf Thalia) fertiggelesen hatte. Wer sich hier eine DIY – Anleitung erwartet, wie es eigentlich der Titel nahelegt, erwartet hat, mag wie ich ein wenig verärgert sein. ich habe durch eine euphorische Kritik auf Experiment Selbstversorgung zu diesem Buch gegriffen, ein Fehlgriff, wie sich herausstellte.

In vier großen Kapiteln des knapp hundertseitigen und überreich bebilderten Ratgeber des Kosmos Verlages  erleben wir wohl mehr bunte Bilder als informativen Text – ein typisches Buch für unsere lesefaule Zeit, in der die Menschen lieber in Bilderlust (131 Bilder!) schwelgen als aktive Lesearbeit leisten wollen.

So weist das 1. Kapitel unter dem Titel Kleine Räucherkunde auch nur sehr kursorisch auf die Grundbegriffe des Räucherns hin. Neben einem elementaren Howto des Räucherns auf Räucherschale oder Räucherstövchen (ausführliche Hinweise auf das Räuchern mit Räucherstäbchen oder Räucherkegel fehlen!), sollen den LeserInnen auch Informationen zur Qualität von Räucherwerk im Handel, Grundbegriffe zum Ernten und Sammeln, Trocknen und Aufbewahren angeboten werden. Über allgemeine Phrasen kommt das Buch aber schon hier nicht hinaus: weder erfährt man, welche konkreten Qualitätskriterien an Räucherwerk im Handel anzulegen sind („Am besten immer Natur pur“) noch zur Ausstattung und Beschaffenheit eines Trockenraums und schon gar nicht zum Sammeln und Trocknen eines Grundbestandteils von Kräutermischungen, dem (einheimischen) Harz. Auch wer mehr zu den Regeln einer Räuchermischung erfahren will, der wird enttäuscht werden. Zwar sind im ganzen Buch Rezepturen von Kräutermischungen verstreut, die hochkomplexen Zusammensetzungen lassen sich jedoch kaum aus dem eigenen Bestand mischen, sondern verführen wohl eher zum Großeinkauf  im Handel. Das eigenständige Mischen bleibt der sgn. Intuition überlassen, es wird so getan, als gäbe es keine Regeln, die den Lernenden anleiten könnten.

Schlimmer wird es mit der Unkonkretheit der Autorin im 2. Kapitel Wie Räucherdüfte wirken. Mit mehr als allgemeinen Phrasen möchte uns die Autorin nicht versorgen, sodass sowohl der/die naturwissenschaftliche Orientierte als auch historische Interessierte und wohl auch der in spiritualistischen Ritualen Erfahrene weiterführende Hinweise vergeblich suchen wird. Im 3. Kapitel werden unter dem Titel Heimische Kräuter und exotische Harze 40 der nach Meinung der Autorin beliebteste Pflanzen/Harze kurz vorgestellt. Zu einer verantwortungsvollen Bestimmung und einer konkreten Wirkungsanalyse der Substrate reicht dieses „Anreißen“ allerdings bei weitem nicht aus. Auch die Literaturhinweise im letzten Kapitel sind mager und beliebig geraten.

So bleibt das Buch insgesamt zu sehr in Allgemeinheit verhaftet und ist wohl mit vielen anderen seiner Art einem Wohlfühl-Durchblättern ohne viel intellektuellem Gewinn verhaftet, ganz im Stil der Lifestyle – Büchlein der heutigen Tage. Wenig wird dem Leser/die Leserin Anleitung zur Selbsttätigkeit und Selbstverantwortung in Räucherangelegenheiten gegeben. Die „erfahrene Kräuterfrau Christine Fuchs“ (Klappentext) teilt ihr Wissen nicht. Bestenfalls dient das 2016 erstmals erschienene Buch dem Einstieg in ein Kauferlebnis in den diversen Online Räucherwerkläden, die in den letzten Jahren ins Kraut geschossen sind. Und das kann kein Zufall sein: die Autorin hat sich in den letzten Jahren einen doch recht frequentierten Online Shop namens Lap.danum erarbeitet, welcher auf seine basisinformierten Kunden und Kundinnen wartet. Die Informationen hätten wohl auch in etwas knapperer Form auf ihre Webseite gepaßt und kaum eines gesonderten Buches bedurft. Dafür sollte man nicht 15 Euro berappen.

Das Buch ist bei weitem kein Standardwerk zum Räuchern mit einheimischen Pflanzen geworden, höchstens ein Appetittanreger zum Kaufen im Onlineshop.

Waldkinder, Waldmenschen

Es muss wohl daran liegen, daß ich in einer Stadt aufgewachsen bin und wohl auch im falschen Land – denn in den Wald gegangen bin ich schon immer. Was ich bei meinen Wanderungen in Österreich vorher nie gesehen hatte, bei meinen spätberufenen Aufenthalten in der Schweiz fand ich sie fast regelmäßig: die Spuren der Waldkinder.

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Wald in der Schweiz. Copyright: gemeinfrei

Unerwartet etwa fand ich, am Rande auf einer Waldlichtung, die kleine Feenstadt aus Zweigen rund um die schützende Baumwurzel gebaut. Irgendwo bemalte Steine, auf denen freundliche Grüße gemalt waren. Buntbemalte Steine, die einen Feuerkreis umrahmen und Feuer, Erde, Luft und Wasser zeichnen. Und dann mein Lieblingsplatz: ein von Eltern und Kindern mit Genehmigung des Waldbesitzers errichteter Bänkekreis rund um ein Lagerfeuer, neben einer Hütte, in dem trockenes Holz und selbstgemachte Musikinstrumente lagern, rund um einen langen Tisch.

Waldpädagogik nennt man den Bildungsansatz, der in der Schweiz so trefflich umgesetzt wird und dessen Spuren sich in den Wäldern wohl finden lassen. Diese Nähe zum Wald hängt wohl mit der historisch gewachsenen und sich verändernden Allmende zusammen, eine tradierte Regel, wonach die Gemeinschaft den Wald (natürlich beschränkt) nutzen darf – auch zu Schlaf- und Feuerzwecken. Das ist so etwas wie das Jedermannsrecht, welches in großen Teilen Skandinaviens gültig ist, eine Besonderheit in unserem verreglementierten Europa.

Es ist schön, daß eine Kulturzeitschrift wie die Saiten ihre Februarausgabe der Waldpädagogik gewidmet hat und ihr die Bedeutung zumisst, der ihr tatsächlich zukommt: nämlich die Eigengesetzlichkeiten der Natur für unsere Sinne wieder zugänglich zu machen. Das wäre natürlich auch ganz im Sinne der Erwachsenen und gäbe uns wieder ein Stückchen Achtung für das von uns so schamlos benutzte und ausgebeutete Stück Universum wieder. Wie wir immer wieder vor Augen geführt bekommen, sind wir nicht so sehr (wie das Christentum uns eingebleut hat) die Krone der Schöpfung als vielmehr ihre Bedrohung und ihr möglicher Untergang.

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Naturandacht. Copyright: tinderness

Abgedruckt in diesem Heft finde ich einen sehr interessanten Artikel des Schweizer Historikers und Journalisten Peter Müller mit dem Titel „Die Schule des Waldes“. In diesem geht er der Frage nach, was der Wald uns denn beibringen könne und fasst seine Erkenttnisse in sieben Lektionen zusammen. Ich hänge seinen Gedanken nach:

  1. Im Wald werden wir wieder mit unseren ursprünglichen Sinnen konfrontiert, die in der Alltagswelt mit völlig anderen Eindrücken konfrontiert sind. Hier könne man wieder in einer „ursprünglichen“ Art sehen, schmecken und riechen, und diese Erfahrung unterscheide sich stark von den hochtourigen Sinneseindrücken in der gegenwärtigen Zivilisation. Meine Waldgefährtin etwa hat durch ihre regelmäßigen Aufenthalte in der Natur sich ein Sehen erschlossen, daß weniger punktgenau und analytisch ist, sondern sich auf Bewegung und Peripherie konzentriert. Sie sieht Tiere, fallende Blätter und Bewegungen im Laub, die mich immer wieder erstaunen machen. Sie sieht im Wald viel mehr als ich. In der Nacht im Wald zu schlafen wiederum schult das Gehör für Geräusche in einem Maß, welches manche Menschen in Angst und Schrecken versetzt: da ist der raschelnde Käfer, die schreiende Eule, der kratzende Fuchs und das Prasseln des Regens auf dem aufgespannten Tarp, unter dem man nächtens oder tagsüber Zuschlupf gesucht hat.
  2. Der Wald lehrt uns, vorsichtig mit unserer eigenen Befindlichkeit umzugehen und uns in unserem Menschsein in der Natur zu begreifen: wir lernen, uns nicht zu überschätzen. Denn wer sind wir schon im Wald, der uns seine eigenen Regeln aufzwingt, etwa bei Regen, Sturm oder Feuer. Angesichts der Komplexität und Vernetzung des natürlichen Lebensraumes und seiner Fremdheit für uns „Zivilisierte“ bleibt uns wohl nichts anderes über, als uns selbst als Teil eines sensiblen Gefüges zu begreifen. Wer sich nicht an die Regeln des Waldes hält, dem kann dieser mitunter gefährlich werden.
  3. Der Wald schult das Gefühl für das Lebendige: das reicht vom komplexen Zusammenspiel des Ökosystems im Wald bis zur Abfolge der Jahreszeiten und der entsprechenden Anpassung der Organismen. Daß das Lebendige den Vorrang gegenüber den sogenannten Zweckmäßigkeiten des Alltags besitzen sollte, bekommen wir im Wald als beeindruckendes Beispiel vor Augen geführt. Das Tote und das Lebende liegen im Wald sehr eng nebeneinander und der Kreislauf der Natur ist auch unser Schicksal.
  4. Der Wald hat sein eigenes Zeitmaß und jedes Ding braucht seine Zeit. Schon das Wachsen eines Baumes, die Bemoosung eines Steines oder die Bildung von Humus braucht seine Zeit und läßt sich nicht über das „natürliche Maß“ hinaus beschleunigen oder in einen Stundenplan pressen. Es das Licht, der Regen, die Temparatur und sehr viel anderes mehr welche den Rhytmus des Waldes bestimmen. Nachhaltigkeit hat Vorrang, wenn schon nicht in unserem gestressten Berufsleben, so doch in der Natur.
  5. Im Wald entstehen innere Bilder, es entwickelt sich Bewußtsein, mit Hilfe dessen wir unsere Begegnungen mit der Natur speichern. Diese inneren Bilder helfen uns, Ankerpunkte zu entwickeln, die die Angemessenheit des eigenen Lebens bestimmen. Der Wald wird zum Erlebnis- und Reflexionsraum: wir denken über uns nach, als Teil eines wertvollen Ganzen. Wir akzeptieren das, was uns im Wald begegnet und erarbeiten uns in der Stille eine eigene Poetik, auf die wir uns in Krisenzeiten verlassen können.
  6. Der Wald lehrt uns, daß er notwendig, wertvoll und schützenswert ist. Genau wie die realen Wälder in ihrer Funktionen als Schutzwälder, Wasserreservoire und geheimnisvolle Orte beschützt werden müssen, sollten wir auch mit unseren „inneren Wäldern“ umgehen lernen: mit der Weite und Tiefe unseres Unbewußten. Beides gilt es zu schützen und mit beidem ist umzugehen.
  7. Ein denkbar unmoderner Begriff ist wohl die Dankbarkeit. Wer jedoch jemals die Schönheit und Tiefe des Waldes erlebt hat,  der mag für sein Stückchen bewegendes Leben wohl auch jenes altmodische Gefühl erlebt haben. Seien wir also dankbar für den Wald, so gequält, so ausgenutzt und so geschlagen er auch sein sollte. Wir haben nur ihn.

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Efeu (Gort, Hedera Felix, Ivy) und der Umgang mit ihm

Es ist gar nicht so einfach, sich bei den Pflanzen des Baum-Oghams zurechtzufinden. Das Suchen nach den Spezifikationen der von mir am vergangenen Wochenende gesammelten Efeublätter und -früchte zeigt das wieder einmal deutlich. Dabei stellt sich heraus, daß das Internet manchmal ein denkbar schlechtes Instrument ist, um sich verläßliche Informationen zu verschaffen. Die eklektische und sich sehr oft als prophetisch gerierende Art, mit der manche AnbieterInnen ihre Informationen verbreiten, ist gerade im Fall von giftigen Pflanzen äußerst problematisch. In den meisten Fällen fehlen die notwendigen Quellenangaben. Oft schreibt eine Autorin von der anderen ab und verschweigt dies geflissentlich. Nicht einmal ganze Sätze werden verändert, um den intellektuellen Diebstahl zu verschleiern. Der nach Informationen Suchende scheint aufs bloße Glauben angewiesen zu sein: gerade deshalb ist kritisches Hinterfragen allemal sinnvoll.

Wikipedia ist zwar hinsichtlich der Quellenlage und der verwendeten Informationen im Sinne einer freiwilligen Selbstkontrolle seiner AutorInnen meist gut abgesichert, dennoch empfiehlt sich auch hier oft der kritische Blick. Sehr gut komme ich hingegen mit dem schweizer Heilpflanzenlexikon zurecht – es soll ja auch Positives erwähnt werden.

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Efeu: By Esser, Peter, 1859- Wikimedia Commons

Ich rate dazu, sich ein wissenschaftlich abgesichertes Handbuch über Pflanzenheilmittel anzuschaffen, denen man gültige Aussagen über die pharmakologische Wirkungsweise abgewinnen kann. Schon zum eigenen Schutz sollte man zwischen der pharmakologischen Wirkung einer Pflanze, der historischen Anwendung und dem heutigen Gebrauch in der Volksmedizin und mythisch begründeten Überlieferungen unterscheiden. Das Beispiel Efeu zeigt dies deutlich. Pharmakologische Quellen etwa  weisen darauf hin, daß Efeu eine giftige Pflanze ist, insbesondere seine Früchte. Vor allem Kinder sollten vor der Einnahme geschützt werden. Viele vernünftige Quellen warnen vor der inneren Anwendung, die nur mittels medizinisch getesteter Präparate erfolgen sollte. Efeu wirkt ja schleimlösend und hilfreich bei Erkrankungen des Atemapparates. Die Volksmedizin wiederum empfiehlt Umschläge bei Infektionen der Haut oder Efeusalben bzw. -öle bei der Behandlung von Cellulitis, trotzdem der Umgang mit Efeu zu Hautreizungen führt. Efeublätterumschläge sollen bei Hühneraugen helfen. Aber: wer will an den aus dem Mittelalter überlieferten Praktiken teilhaben, die Efeuabsud gegen die Wirkungen von Alkohol verabreichten?  Auch die allseits verehrte Hildegard von Bingen sollte ja in ihren Hinweisen nicht als sakrosankt gelten. Daß die Priesterinnen des Baccus Mänaden sich einen Trank bestehend aus Efeusud, Kiefernsaft und Fliegenpilzen zubereitet hatten, um ekstatische Visionen zu haben, dem wird man wohl klugerweise auch nicht nahetreten wollen.

Lassen wir deshalb die Kirche im Dorf. Bedingungslose Experimentierbereitschaft mit Efeu kann im günstigsten Fall enttäuschend, im schlechtesten Fall in der Notaufnahme enden. Verläßliche Informationen sind wichtig.  Martin Koradi hat sehr übersichtlich einige Kriterien aufgelistet, die einem bei der Anschaffung eines seriösen Heilpflanzenbuches unterstützen sollen. Ich empfehle, seinen Hinweisen zu folgen. Doch vermeiden wir gleichzeitig auch ein mögliches Mißverständnis, auf das Wolf-Dieter Storl in seinem Buch Kräuterkunde hingewiesen hat, nämlich die pharmazeutische Wissenschaft gegen die Naturheilkunde auszuspielen.  Selbstverständlich hat die pharmazeutische Industrie in ihrer Lobbying – Arbeit sehr oft die jahrhundertealte (und erfolgreiche) Volksmedizin in Verruf gebracht: so als hätte sie nicht Unschätzbares für die Volksgesundheit geleistet, als ärztliche Versorgung in Europa noch für die Mehrzahl der Bevölkerung nicht verfügbar und leistbar war. Pflanzenheilkunde macht auch heute wieder Sinn, gerade angesichts einer sich umsatzbewußt oft unverantwortlich gebärdenden pharmazeutischen Industrie. Aber man soll das Kind nicht mit dem Bade ausschütten: und deshalb sowohl bei pharmazeutischen Produkten als auch bei Naturheilkunde die nötige Vorsicht walten lassen.

Dabei haben wir bisher nur von den rein informativen Webseiten gesprochen und nicht von jenen, die mit der Pflanze verbundene Produkte anbieten. Sie sind oft in der Einschätzung der Wirkungen der Pflanzenprodukte widersprüchlich und die Produkte unangemessen teuer. Hier wird mit der Sehnsucht nach Spiritualität geworben, die dabei verwendeten Begriffe sind in höchstem Maße spekulativ: man sollte deshalb immer eine gewisse Vorsicht beim Lesen walten lassen. Spiritualität und Rationalität sind ja per se kein Widerspruch und Spekulation bedeutet nicht Transzendenz.

Daß meine Kritik leicht nachzuweisen ist, sollen einige Beispiele aus dem Angebot von Efeu-Räucherwerk zeigen: Beim Räucherguru wird die Wirkung des geräucherten Efeus als schützend, heilend und lösend angeboten, Spirit-Räucherwerk vermeidet von der Wirkung geräucherten Efeus zu sprechen, sondern sagt lieber unspezifisch Efeu – Energie dazu, welche Angste bearbeiten und verschüttete Potentiale ans Licht bringen sollen; KräuterundGeist verspricht die Herbeiführung von Trancezuständen, die Mondfee preist Efeu – Räucherwerk an, um sich mit Kraft und Freiheit zu erheben. Der zugegeben umfangreich recherchierte Katuschka’s Celtic Garden bietet zur Efeu Räucherung ebenfalls phantasievolles aber zu Hinterfragendes an: Kontakt zu den Ahnen und unserem Unbewußten, aber auch vor bösen Geistern wird gewarnt.

Was kann Efeu – Räucherung also wirklich?  Nur eine eingehende Beschäftigung mit der Pflanze wird dazu die Antwort geben können. Von dem, was die praktische Arbeit im Rahmen des Baum – Ogham ergibt, kann möglicherweise auf die Wirkung der Efeu-Räucherung geschlossen werden. Oft sind aber dann die Ergebnisse sehr individuell und von der eigenen Wahrnehmung abhängig und deshalb nur beschränkt veröffentlichbar. Sie finden vielleicht Eingang in ein spirituelles Tagebuch, wo sie auch ihren angemessenen Platz finden, in Eigenverantwortung und Selbstreflexion. Verallgemeinert können sie nicht werden. Auf welche Räuchertraditionen sollte man sich denn berufen? Umgekehrt, von 100 ml schnell verglühenden getrockneten Efeublättern um 6,20 EURO (sic!) bestimmte spirituelle Ergebnisse zu erwarten, ist sicher der falsche Weg.

Auch was das keltische Baum-Ogham, das heißt die von mir gewählte geistig-spirituelle Seite der Beschäftigung mit einer bestimmten Pflanze betrifft, kommt das angebotene Wissen oft sehr autoritativ einher, kann diesen Anspruch aber nur in wenigen Fällen einlösen. Oft sind willkürliche Informationshappen eklektisch aneinandergereiht und mit scheinbarer Bedeutung versehen worden. Dass die angebotene Meinung, ja sogar die spirituelle Begründung im besten Fall die persönliche Einschätzung (und nicht die Phantasie) des Autors/der Autorin darstellt, liegt auf der Hand. Es nicht als private Meinung auszuweisen, ist jedoch unverantwortlich. Naturreligiosität bedeutet nicht, sich mit selbsternannten Propheten abgeben zu müssen und im Glauben an Unsinn spirituell zu verwildern. Social Media sind keine Autorität, auch wenn sie sich als Instrument der Lebensführung gerieren.  Sich gesichertes Wissen zu erwerben, ist ein langwieriger Prozeß, welcher geeignete Informationen, praktische und spirituelle Erfahrungen und vor allem Zeit zu seiner Verarbeitung erfordert. Nichts geht von Heute auf Morgen! Spiritualität entzieht sich, den Göttern sei Dank, pragmatisch angelegten Input-Output Mechanismen.

Für meine spirituelle Arbeit mit dem keltischen Baum-Ogham (derzeit mit dem Efeu/Gort) benutze ich daher zwei bis drei sauber recherchierte Bücher, die mit Quellenangaben nicht geizen und deren VerfasserInnen auch eine gewisse Fachautorität und spezifische Ausbildung nicht vermissen lassen.

  • Steven Blamires: Baum Magie. Mit dem keltischen Ogham-Alphabet. Heyne Verlag. München, 2003. Das Buch ist mittlerweile vergriffen.
    Der irisch-amerikanische Autor stellt hier nicht nur eine ausführliche, auch historische Einleitung zum Baum-Ogham vor, sondern widmet sich auch ausführlich und systematisch den einzelnen Pflanzen. Er bespricht die Physische Ebene, die Mentale Ebene und die spirituelle Ebene des jeweiligen Baumes/Strauches und widmet sich dann der praktischen Arbeit mit ihr.
  • Wolf-Dieter Storl: Pflanzen der Kelten. Heilkunde, Pflanzenzauber, Baumkalender. AT-Verlag. Aarau, 2013. Erhältlich auch als Ebook bei Thalia.at. Storls Buch geht weit über den Rahmen des Baum-Ogham hinaus, es behandelt den Kosmos der Kelten von einem ethno-historischen Standpunkt aus, in dem die Pflanzenwelt eine ganz besondere Bedeutung besaß.
  • Danu Forest: Celtic Tree Magic. Ogham Lore and Druid Mysteries. Llewellyn. Woodbury, 2014. Erhältlich bei Thalia auch als Ebook. Schwerpunkt dieses Buches liegt auf der spirituellen Praxis der Arbeit mit keltischen Baumzauber, daneben finden wir aber auch ausführliche Hinweise auf die einzelnen Bäume und Sträucher des Baum-Oghams.

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Usnea Barbata, die Bartflechte

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Usnea Barbata, ein unter den Namen „Old Man’s Beard“ oder Bartflechte bekanntes Gewächs: ein Zwitterwesen, das wegen seiner urtümlich wilden Form auch Eingang in die Fantasywelt der Medienindustrie gefunden hat. In Herr der Ringe tritt uns eine Anleihe an die Baumflechten in Gestalt der Ents entgegen, als große, baumartige Wesen, die geschaffen wurden, um die Wälder von Mittelerde zu beschützen: „Ent, der Erdsproß, alt wie die Berge …“ Ob Tolkien beim Schreiben der Brauch aus Österreich bekannt war, der mittlerweile in das Immateriellen Kulturerbe der UNESCO aufgenommen wurde, ist nicht bekannt aber möglich. Im Telfer Schleicherlaufen in Tirol wird eine Bartflechte gesammelt und als Kostüm der „Wilden“ verwendet. Laut Berichten benötigt man für das Kostum eines Mannes etwa fünf Jutesäcke voller Baumflechten, die im Kühtai knapp unterhalb der Baumgrenze wachsen. Für das Anbringen der Bartflechten am Kostüm muß sie frisch und feucht sein, sonst würde sie beim Aufnähen brechen. Viel also braucht man von der bedrohten Art, die langsam wächst und in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht wird.

Tatsächlich hat die Bartflechte also etwas Dämonisches, Wildes, Unheimliches an sich. Wer sich in Wäldern bewegt, in der die Bartflechten von den Bäumen hängen, wird sich (im besten Fall!) an einen Märchenwald, eher aber an einen Geisterwald erinnert fühlen. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, daß die Flechten im Vergleich zu uns Menschen ein mehr als biblisches Alter erreichen. Manche Flechten erreichen sogar ein Alter von 1000 Jahren – umgekehrt wächst die Flechte allerdings sehr langsam, die Bartflechte ist eine der schnelleren mit etwa 2 cm pro Jahr. Man sollte daher beim Pflücken große Rücksichtnahme nehmen und die Bartflechte nur von umgestürzten oder toten Bäumen entnehmen. Sie einfach als Zunder oder als Faschingsverkleidung abzureißen, kommt Raubbau gleich. Die dunkelbraunen bis schwärzlichen Bärte wirken nur abgestorben, sind aber höchst vital. Insbesondere in Wäldern mit altem und sich wenig veränderndem Baumbestand kommen die Bartflechten häufig vor, insbesondere an Nadel- und Laubbäumen mit saurer Borke.

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Die Bartflechte, neben anderen Gruppen wie Krustenflechten, Bartflechten, Nabelflechten und Strauchflechten) ist ein eigenartiges Wesen: halb Alge, halb Flechte, wächst sie nur mehr an feuchten borealen Standorten mit ausgezeichneter Luftqualität. Eine Selbstmordpflanze: indem sie die Luftfeuchtigkeit aufnimmt, nimmt sie auch darin enthaltene Schadstoffe auf und geht schließlich daran zugrunde. Sie ist deshalb auch in Industriezonen kaum mehr zu finden. Schwefeldioxid, Ozon, Schwermetalle und Stickoxyde sind für ihren rapiden Rückgang verantwortlich. Glücklich also jene Gegenden, wo sie noch wachsen kann: in Lappland etwa, wo sie noch häufig vorkommt.

Und natürlich hat die Pflanze als Heilmittel auch einen unmittelbaren Nutzen für den Menschen. Usnea barbata wird wegen der antientzündlichen Eigenschaften der in ihr enthaltenen Usninsäure in der Homöopathie oder als Flechtenhonig als anthroposophisches Heilmittel gegen die Erkrankung der Luftmittel verwendet. Die Firma Weleda hat derartiges einmal vertrieben.  Vor Selbstmedikation ist allerdings, wie immer, zu warnen. Wie man selbst eine Tinktur herstellen kann, ist auf diesem Blog beschrieben. Eat the weeds beschreibt noch weitere Verwendungsmöglichkeiten, etwa als Nahrungsergänzungsmittel oder Wundheilmittel.

Wie so vieles aus der Natur kann die Bartflechte auch zum Räuchern verwendet werden Entsprechende Literatur schreibt ihr reinigende und stärkende Wirkung zu, bzw. pur oder als Mischung zum Räuchern in den Rauhnächten. Und auch zum Färben von Wolle scheint sie geeignet und gibt ein kräftiges Orange.

 

Die Zähmung des Wildwuchses im Garten.

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Bekannte von mir betreiben ein kleines esoterisches Zentrum und haben vergangenes Wochenende zu einem Gartenputztag eingeladen. Ihren doch sehr weitläufigen Garten nutzen sie auch als Kursgelände, also habe ich ihren Plan nicht so sehr dem Klischee vom Schweizer Putzfimmel als vielmehr einer Betriebsnotwendigkeit zugeschrieben. So sind also sieben Freiwillige zusammen gekommen, um einen zivilatorischen Akt grössten Ausmasses zu setzen und das den ganzen lieben Tag lang.

Er bestand in folgenden Tätigkeiten (Auswahl) : Heckenschneiden, Totholz entfernen, lose Schieferplatten verlegen, Unkraut jäten, Gartenbank Reparatur, Errichtung zweier Andachtsstätten, Dachrinnensäubern, Rechenarbeiten und und und. Als wahre Syssiphusarbeit erwies sich das Entfernen einer Wildrosenhecke,  welche in die lichten Höhen eines Nadelbaumes gewachsen und sich dort rettungslos verfangen hatte. Bei ihrer Zähmung floss trotz der Gummihandschuhe Blut, aber unsere Hartnäckigkeit würde belohnt. Wir fanden ein wundersames Gebilde aus Wärme, Flauschigkeit und strahlendem Grün (siehe Bild).

post scriptum: Simon hat mich dankenswerterweise im Kommentar zu diesem Posting darauf aufmerksam gemacht, daß es sich dabei um einen Schlafapfel handelt. Das aber ist ein anderer Name für die Rosengalle, einem Gebilde der Gemeinen Rosengallwespe. Danke für den Hinweis, Simon.

Die Pilzjäger

Viel Regen, leider. 15134939741_0b01b90318_zEin gutes Pilzjahr, unbestritten! Nicht daß ich ein passionierter Pilzsammler wäre, aber Gelegenheit macht Diebe. Geblendet von dem hohen Steinpilzaufkommen auf den jeweiligen Wochenmärkten ist mein Blick auch auf den Streifzügen durch den Wald entsprechend vorherbestimmt. Und da plötzlich, unter dichtem Blattwerk diese wunderbaren Exemplare, frisch, nicht wurmstichig, verlockend. Und: Es könnte sich ja um Steinpilze handeln, aber wir bleiben skeptisch.

Jetzt gibt es ja diese wunderbare Einrichtung in dem Dorf, in dem ich meine Wochenenden verbringe, namens Pilzbeschau. Zwei nette Pilzexperten sitzen in der alten, mittlerweile ausgedienten Gemeindestube und begutachten die gesammelten Pilze, die die Sammler vorbeibringen. Ein Formular wird ausgefüllt, mit Namen des Sammlers versehen, das Gewicht der mitgebrachten Pilze vermerkt und die Art. Handelt es sich um ungenießbare oder gar giftige Exemplare, werden diese sofort entsorgt, die „Guten“ darf man wieder mit nach Hause nehmen. Wer noch ein wenig bleibt, darf der Fachsimpelei zwischen Sammler und ExpertIn lauschen und mancherlei dabei lernen. Begeistert erzählt mir J., daß sie als Kind regelmäßig zur Pilzbeschau gegangen war, um dort zu staunen und zu lernen. Ja, die Leute sind nett, und ein Pilzsammler hat uns beim Weggehen sogar ein paar seiner „Guten“ angeboten, denn wir waren leider erfolglos dieses Mal: unsere 400 Gramm Pilze waren eben KEINE Steinpilze, sondern wunderschöne, aber ungenießbare Gallenröhrlinge. Man erkennt offenbar sie leicht an der rosa Färbung der Hutunterseite – wenn man es nur weiß. Sei’s drum, es war das Erlebnis wert.

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Illustration von Ellen Willnow aus dem Buch von Wladimir Solouchin: „Die dritte Jagd. Betrachtungen eines Pilzjägers.“ Berlin, 1981.