Die Stadt als (spirituelles) Labyrinth.

Tatsächlich existiert eine Fülle von Sachliteratur über Spiritualismus und Stadt, meist bezieht sich diese auf die großen monotheistischen Religionen. Der Paganismus bildet dabei keine Ausnahme, sind doch, so behauptet man zumindest, die Mehrheit der praktizierenden Pagans StadtbewohnerInnen. Ich habe eine Recherche mit der Datenkrake durchgeführt und bin allein bei den einschlägigen (englischsprachigen) Verlagen auf unterschiedliche Titel gekommen, die ein wenig die Bandbreite der Themen abbilden: etwa über den Urban Pagan im Llewellyn Journal oder zum selben Thema an anderer Stelle in The Pagan and the Pen. Im Blog des Moon Verlag etwa finden sich Hinweise auf drei Titel zum Pagan als Stadtbewohner: The Handbook of Urban Druidry von Brendan Howlin, The Rush Hour Shaman von Janet Elizabeth Gale und Traditional Witchcraft for Urban Living von Melusine Draco. Immer wieder zitiert findet sich ein älteres Buch aus dem Jahr 2002: The Urban Primitive: Paganism in the Concrete Jungle von den beiden Autoren Raven Caldera und Tannin Schwartzstein. Ich selbst bin das erste Mal auf dem Blog von Nimue Brown (Druidlife) auf das Thema gestoßen, die sich mit den Bäumen als Residuen spiritueller Tätigkeit in der Stadt beschäftigt hat. Dann kreuzte ein schmales und hübsch gemachtes Bändchen meinen Weg, dass heute rezensiert sein will: The City is a Labyrinth von Sarah Kate Istra Winter. Erschienen ist das Buch 2017 im Eigenverlag.

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Copyright: Tinderness

Tatsächlich darf man sich von den knapp 60 Seiten des Buches, welches man sehr bequem auch in kleine Taschen stecken kann, nicht zu viel erwarten: das große Thema Stadt als Hintergrund für spirituelle Begegnungen  wird eigentlich nur gestreift. Auch über den Animismus wird man hier wenig erfahren können, eine Beschäftigung mit ihm wird vorausgesetzt. Worüber wird also geschrieben?

Wie schon der Untertitel des Buches richtig vermuten läßt: es geht vorrangig um eine Anleitung für den gelassenen und assoziativen Gang durch städtische Umgebungen auf der Suche nach spiritueller Begegnung und Einsicht. Auch Pagans anderer Richtungen sollten mit den darin angesprochenen methodischen Tips etwas anfangen können. Das Buch ist ein methodischer Wanderführer für unsere Spaziergänge durch unbestimmte städtische Umgebungen. Die Stadt wird als Labyrinth begriffen, in dem man sich unter bestimmten Voraussetzungen verlieren soll, um Ungeahntes zu entdecken, gerade auch in spiritueller Hinsicht.

Sarah Kate Istra Winter bedient sich dabei eines methodischen Tricks. Sie verweist auf die Flaneure des 19. Jahrhunderts, die Situationisten der 1950er Jahre und die Psychogeographie der Gegenwart und versucht deren Methodik für ihre Zwecke nutzbar zu machen: die „animistisch beseelte Stadt“ besser verstehen zu können. Das klingt zunächst überzeugend, denn tatsächlich ermöglicht der Dérive (so haben die Situationisten ihre Methode des Spazierengehens nach dem Zufallsprinzip genannt) durch die Stadt die Überwindung der eingeübten Routinen und sinnlichen Begrenzungen des Alltags (Arbeit, Einkauf, Erholung, Behördenwege). Ob das aber aus sozialpolitischer  Sicht zusammenpassen kann (die Situationisten sahen sich durchaus als „linke“ Gruppierung), mag dahingestellt bleiben.

In a dérive one or more persons during a certain period drop their relations, their work and leisure activities, and all their other usual motives for movement and action, and let themselves be drawn by the attractions of the terrain and the encounters they find there,
schreibt Guy Debord in seiner Theory of the Dérive.

Neues kann erfahren und eingeübt werden, die Verbindung zwischen Psyche, Intellekt, Körper und städtischem Ambiente wird möglicherweise neu geknüpft. Das ermöglicht neue Sichtweisen auf unsere Welt, nicht nur in psychogeographischem Sinn, sondern möglicherweise auch auf das, was wir den spirituellen Hintergrund unserer städtischen Umgebung bezeichnen könnten. Doch diese Beweisführung bleibt dieses Buch letztendlich leider schuldig.

Wenn der Hinweis auf das Dérive der Situationisten auch durchaus überzeugend ist, so hat die Autorin darauf verzichtet bzw. vergessen, die zentralen Bestimmungselemente der Methode (als Kulturtheorie, als psychologisches Instrumentarium, als Erkenntnisinstrument, als Handlungsanweisung) herauszuarbeiten und sinnvollerweise mit den von ihr daraus gefolgerten Aussagen zur Vorfindbarkeit animistischer Bezugspunkte zu verbinden. So wirft sie nur ein Schlaglicht auf Möglichkeiten, überlässt den LeserInnen eine Fülle von unhinterfragten Behauptungen und verzichtet so auf nachhaltige  Überzeugungskraft. Das Buch kommt so nie über ein ungenaues Schlaglichter – Werfen heraus, ist selbst nur eine Beispielsammlung ohne zureichendes theoretisches Gerüst.

Insgesamt teilt die Autorin das Büchlein in mehrere Abschnitte. In einer Art Vorwort („Before Embarking„) tritt sie zu einer Art Ehrenrettung der Stadt als spiritualistischer Hintergrund an und schreibt kurz über die Methode des Dérive; im Abschnitt „First Steps“ weist sie auf die Möglichkeiten hin, in der Stadt die unterschiedlichsten spirituellen Orte und Kontexte aufzusuchen; im Kapitel „Betwixt and Between“ verweist sie auf die Chancen, die sich dadurch ergeben, sich in einer Art Schwellenzustand (zwischen den Welten) durch die Stadt treiben zu lassen; im Kapitel „Where the Wild Things are“ spürt sie den unterschiedlichen Arten spiritueller Orte auf und verweist auf die Möglichkeit, ganze Landkarten zu zeichnen,  in den Abschnitten „Let´s get Lost“ und „Ways and Means“ zeigt sie die Möglichkeiten von geplanten bzw. nicht geplanten spirituellen Spaziergängen durch die Stadt auf; kursorische und leider unvollständige Literaturangaben bilden den Abschluß des Buches. Eingestreut in den Gesamttext sind Zitate der dort angeführten AutorInnen, oft jedoch mag man sich fragen, warum ein Zitat gerade an dieser und an keiner anderen Stelle platziert wurde.

Insgesamt macht das im Selbstverlag herausgegebene Buch aus den oben genannten Gründen einen sehr inkompletten Eindruck und geht kaum über den eigenen, konkreten Erfahrungshintergrund der Autorin hinaus. Ob dieser grobe Sketch und die Happen im intellektuellen Menü den LeserInnen genügen mögen, müssen diese selbst entscheiden. Ich jedenfalls finde es schade, ein derart interessantes Thema so unfertig zu präsentieren. Mehr als Anregung kann und will es offenbar nicht sein.

Jedenfalls werden sich Pagans und Aninimisten jedweder Provenienz mehr um theoretische Einsicht und Ordnung bemühen müssen, um überhaupt ernstgenommen zu werden, denkt der strenge Rezensent in mir und wendet sich rasch anderen, seriöser gemachten Büchern.

 

Ron Segal und die Erinnerung der Dritten Generation

Ron Segal: Jeder Tag wie heute. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Wallstein Verlag. Göttingen, 2014. 139 Seiten.

Der 1980 in Israel geborene Ron Segal  hat sich in seinem 2014 erschienen Romandebut „Jeder Tag wie heute“ mit jener Erinnerungsarbeit auseinandergesetzt, die die dritte Generation der Hinterbliebenen des Holocaust literarisch leisten können. Im Rahmen der Lesungsreihe Kombo Kosmopolit diskutiert er im Wiener Literaturhaus das Problem von Hococaust und Erinnern  und erzählt von seinen Recherchearbeiten in Yad Vashem und der Genese des Buches.

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Naemi Latzer und Ron Siegel @Literaturhaus Wien. Copyright: B.Burgmann

Zwei Jahre habe er immer wieder im Archiv von Yad Vashem dort verbracht, so erzählt er, um aus den vielen Lebensgeschichten jene auszuwählen, die dann später zur Substanz seines Romans geworden sei. Jahrzehnte hätte er in den dort lagernden Lesegeschichten lesen müssen, um sie alle kennenlernen zu können. So sei ihm nur übrig geblieben, sich auf die Lektüre einer kleinen Auswahl von Biographien zu beschränken. Bestimmte biographische Elemente seien ihm dabei besonders wichtig geworden, sodaß er sie verwendet und in seinem Roman eingearbeitet habe. Dennoch sei sein Buch Fiktion. Es thematisiere die Möglichkeiten von Erinnerung.

Ron Segal wurde 1980 in Israel geboren und lebt seit 2009 mit Unterbrechungen in Berlin. Er ist zur sogenannten dritten Generation der Überlebenden des Holocaust zu zählen. Sein Bemühen um Erinnerung spiegelt die unwägbare Situation wider, in der sich das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus mit dem Aussterben der letzten Zeitzeugen befindet. Beide Zeitzeugen sterben, die Opfer aber auch die Täter des Holocaust. Das Buch stellt darüber hinaus auch eine grundsätzliche Frage: Wie funktioniert individuelle Erinnerung? Letztendlich: Wie legt man Bilanz über sein Leben, das letzten Endes doch nur aus Erinnerung besteht und unter zwischen den Fingern zu zerrinnen droht? Dazu ein kurzes Zitat aus dem Buch:

Den Anfang hat kein Mensch in Erinnerung. Das Einzige, woran man sich halten kann, ist das pathetische Ende der alten Leute, denen die Erinnerungen an die Lebensmitte zwischen die Synapsen im Gehirn gefallen sind, und anders als sämtliche Kinder und Enkel denken, die sie in den Altersheimen besuchen, sind diese Alten sich sehr wohl bewußt, was ihnen geschieht, kennen sie dieses zuletzt geschriebene Kapitel, das sie notgedrungen in Erinnerung behalten – dieses und nur dieses.

Ron Segal erzählt die Geschichte des Adam Schumacher, eines Juden, der im hohen Alter widerstrebend nach Deutschland zurückgekehrt ist, um auf Einladung eines befreundeten Verlegers Max eine Fortsetungsgeschichte mit dem Titel  „Adam Schumachers Rückkehr“ zu schreiben. Er leidet an der Alzheimer Krankheit, die während seines Aufenthaltes in Münschen zum Ausbruch kommt. Als er auch noch einen Schlaganfall erleidet und im Spital ans Krankenbett gefesselt ist, verschwimmen Gegenwart und Erinnerung zu einer Phantasmagorie, die die Zeit seines erwarteten Todes begleitet. Bruchstücke seiner Flucht vor den Nationalsozialisten, des Todes seiner Frau Bella und seines Besuchs einer Sterbeklinik in der Schweiz vermischen sich zu einer subjektiven Realität, von der nicht mehr mit Bestimmtheit zu sagen ist, was Wahrheit ist oder Erfindung. Somit wird das Buch zu einer doppelten Erinnerung: jene des Protagonisten Adam Schumacher, der sein Leben zu einem Abschluß bringen will und jener des Autors, der sich mit Erinnerung an und dem Vergessen der Schoa auseinandersetzt. Darüber hinaus ist das Buch auch eine Reflexion über die Funktion der Erinnerung selbst, ein mit verzweifelter Heiterkeit formuliertes Testament für nachfolgende Generationen:

To hear a witness is to become a witness yourself.
(Elie Wiesel)

Der mutige Weg mittendurch …

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Cover, Moon Books

Nimue Brown: Spirituality without Structure. The Power of Finding your own Path. Moon Books, 2013.

In dem schmalen Band von knapp achtzig Seiten scheint die britische Autorin und Druidin Nimue Brown etwas sehr Zeitgemäßes und damit möglicherweise Verlockendes anzubieten: Anleitungen für das Leben von Spiritualität, welche ohne große formale Strukturen auszukommen scheint. Den eigenen (spirituellen) Weg zu wählen, ihn in aller Freiheit und Selbstverantwortung zu gehen und dabei nur sich selbst und seiner persönlichen Integrität verantwortlich zu sein – das alles klingt nach dem Individualismus unserer Tage, in dem wir verfangen sind. In letzter Konsequenz könnte das ja auch so interpretiert werden: Jede/r sei sein eigener Gott und MeisterIn des eigenen Schicksals. Für viele mag diese Argumentation verführerisch klingen, auch wenn sie sicherlich nicht zielführend ist.

Den Göttern sei Dank, muß ich alle LeserInnen, die sich auf derartige Weise von diesem Buch angesprochen fühlen, bitter enttäuschen. Hinter der vermeintlichen Freiheit des selbstgewählten Weges versteckt sich ein harter Weg: die Mühen, in dem Chaos der Welt und zwischen den unbeantwortbaren Fragen den eigenen Weg zu finden. Am Ende der Reise steht vielleicht auch kein einziger Gott und nur ein mechanistisches System.  Dieser ungewisse Weg hat zunächst nur wenig mit Spiritualität zu tun, eher mit „richtiger“, das heißt sich selbst aufrichtig Rechenschaft gebender, bewußter Lebensführung.   Im vorletzten Kapitel faßt die Autorin die Essenz des Buches zusammen:

Das Buch selbst bietet nur wenig  Beruhigung und Trost an. Es wird gedanklich auf die existentiellen Krise hinweisen aber keine Ratschläge geben, wie man sich dabei wohler fühlen kann. Die einzige Wahrheit des Buches ist, dass es immer wieder betont, dass wir die großen Fragen nicht lösen können und es uns selbst überlassen bleibt, sich in aller Einsamkeit mit ihnen zu konfrontieren und individuelle Konsequenzen zu ziehen. Letztendlich gibt es keine richtigen Antworten. Alles was wir tun können, ist, aus mehreren Möglichkeiten zu wählen. Wir können dies bei vollem Bewusstsein tun und nur versuchen, das Richtige dabei zu wählen.

(Nimue Brown: Spirituality without Structure. S. 74, dt. Übersetzung: Tinderness)

Das klingt natürlich sehr nach dem Existentialismus des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich beruft sich Nimue Brown auf den Kreis um Jean-Paul Sartre und führt immer wieder die „existentielle Krise“ als mögliche Ursache für die Entwicklung der eigenen Spiritualität an. Begleitet wird diese Auffassung von der grundsätzlichen Kritik am Christentums, den monotheistischen Religionen und aller Glaubenssysteme, denen ein unumstößlicher Regelkanon zugrundeliegt. Hier schließt sie sich dem rhetorischen Gestus des vor allem im britischen und amerikanischen Raum vertretenen Paganismus an. Selbst als Druidin im Order of Bards, Ovades und Druids ausgebildet, wende sie sich an Pagans aller Coleur, Like Minded People, wie sie diese nennt: Hexen (Wicca), Druiden, Schamanen, Heathens und viele andere mehr. Sie alle folgten ja nicht einer Religion im engeren Sinne. Religion wäre hingegen durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet, welche eben diesen spirituellen Richtungen fehlten: Kodifizierte Texte, Glaubensväter, verpflichtende Glaubensregeln, Gotteshäuser, Geld, Macht und anderes mehr. Der Paganismus selbst greift allein auf Rites of Passage, Rituale, Feste und Gebete zurück. Mit derart leichtem Gepäck auf dem Rücken, sei die Erforschung des eigenen Weges ein zentraler Fokus der spirituellen Arbeit. Darum gehe es in diesem Buch.

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Flammarion Engraving, 1888. Public Domain. Ein Missionar aus dem Mittelalter berichtet, daß er den Ort gefunden habe, an dem Himmel und Erde aufeinandertreffen.

Ihre argumentative Reise führt sie von der Kritik der Religionen hin zum Versuch der Beschreibung des Paganismus und individueller Spiritualität. Letztere ist für sie eine Erfahrung, die eng an das eigene Fühlen gebunden ist und sich intrinsisch in Eigenverantwortung vollzieht: eine Art Gegenbewegung zur Religion, die sich auf Regeln, Strukturen, kodifizierten Text, Institutionen und letztlich auf eine göttliche Wahrheit bezieht. Dabei seien Denken und Fühlen in einem stetigen Austausch befangen und die Aufgabe des Suchenden bestehe darin, seine eigene Philosophie (eigentlich: Weltanschauung) und Spiritualität zu entwickeln, die stets entwicklungsfähig und fluid bleiben müsse, um der Erstarrung der Spiritualität in Glaubensgrundsätzen zu entgehen.

Was die ethischen Strukturen eines derartigen spirituellen Handelns betrifft, zögert sie, das Notwendige auszusprechen: denn aus ihrer Sicht führe das bedingungslose Befolgen von Regeln stets zu religiösem Fundamentalismus. Damit zieht sie sich letztendlich auf die Wicca – Rede zurück, nach der alles getan werden könne, was dem anderen keinen Schaden zufüge:  „An‘ it harm none, do what ye will“. Diese ethische Unverbindlichkeit empfinde ich als große Schwäche des Buches. Aus meiner Sicht kann und darf der Paganismus, so sehr er die Individualität seiner TrägerInnen respektiert schützt, sich an seinen zentralen ethischen Verpflichtungen (Ökologiefragen, Menschenrechtsfragen u.a.m.) nicht vorbeidrücken. Gerade der Mißbrauch des Paganismus durch das rechtsgerichtete „Neuheidentum“ zeigt, wie sehr es hier an einem klaren Standpunkt in diesem Buch fehlt. Nimue Brown weicht diesem generellen Ansinnen aus und argumentiert in Bezug auf die Wicca – Rede: „(…) which once you start to think about it, turns out to be a pleasingly complex proposition“. Warum also nicht mit Inhalt füllen und seiner Verantwortung gegenüber der Welt Ausdruck verleihen?

Besonders beeindruckt hat mich an dem Büchlein von Nimue Brown, wie sie mit dem scheinbaren Gegensatzpaar von Spiritualität und Rationalität umgeht. Mit Recht führt sie aus, das die Existenz eines Gottes nie selbstevident sei. Dennoch führe die Beweisführung der Atheisten, da0 das, was nicht bewiesen werden könne auch nicht existiere, zu kurz.  Sie sieht darüber hinaus aber keinen Grund, warum sich Rationalität und Spiritualität nicht ergänzen könnten und warnt vor einer Überschätzung des Geistig-Spirituellen:

There are no magical shortcuts. Spiritual practice can help us to develop the inner reserves to tackle our challenges and to make sense of them, but it won`’t make them go away.

Manchmal hat es den Anschein, als würde Nimue Brown mehr Fragen stellen wollen, als beantworten zu können. Das ist eine im Kern exzellente Methode für all ihre LeserInnen, die dieses Buch als Anstoß verstehen, selbst weiterdenken und die eigene Spiritualität weiterzuentwickeln. Manche mögen die von ihr vertretenen Thesen als Ausflucht vor jedweder spiritueller Festlegung verstehen. Manch ihrer LeserInnen mögen enttäuscht sein, weil sie sich (trotz des Titels) doch mehr Anleitung und Hilfe auf ihrem Weg im Paganismus erwartet haben. Trotz alledem: die Kritiken des Buches auf Goodreads zeigen, wie erfolgreich das Buch war. Bleibt zu hoffen, daß sich dies auch finanziell für die Autorin niederschlägt.

Ich selbst empfehle dieses Buch, vor allem dann, wenn man es mit Papier und Bleistift zu lesen gewillt ist, um die darin gestellten Fragen und Meinungen auf ihre individuelle Haltbarkeit zu prüfen. Denn die zentrale Frage bei jedweder Lektüre ist ja: Was bedeutet sie für mich? Was fällt mir dazu ein? Welche Assoziationen weckt sie in mir? Nimue Brown hat ein wohlüberlegtes und sicherlich nicht einfaches Buch geschrieben, welches der Komplexität der paganen Spiritualität gerecht wird. Steuern müssen wir schon selber lernen.


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Vom Leben im Fegefeuer

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken.
Übersetzung aus dem Hebräischen von Ruth Achlama.
Verlag kein&aber, 2015.

Schlafende Löwen soll man nicht wecken, aber unter der Oberfläche unseres durch Routinen und allerhand Sicherheitsvorkehrungen geregelten Lebens schlummert das Andere, das Unberechenbare, die Gefährung. Und wer die Löwen einmal geweckt hat, der bleibt wohl unbarmherzig allein auf sich selbst gestellt.

Das neue Buch der islaelischen Autorin Ayelet Gundar-Goschen ist ein solches Buch über die Gefährungen unserer Lebensroutinen, gezeigt anhand der Leben des Neurochirurgen Eitan, seiner Frau Liat und der aus Eritrea geflüchteten Sirkit. Um aus der Routine seines anstrengenden Arbeitsalltags auszubrechen, beschließt der Neurochirurg Eitan nächtens eine Spritztour durch die Wüste zu machen, tötet dabei einen am Wegrand stehenden Flüchtling und entschließt sich zur Fahrerflucht. Schon am nächsten Morgen taucht die Ehefrau des Getöteten auf und erpresst den Arzt, der ab nun in seiner Freizeit in der Abgeschiedenheit einer einsamen Werkstatt die Flüchtlingscommunity ärztlich versorgen muss. Sirkit, der gesellschaftliche Underdog wird zur beherrschenden und Eitan kontrollierenden Leiterin des improvisierten Spitals, auf das sich ab nun die Lebensenergie des Arztes konzentriert. Eitan wird Geisel seines eigenen Verbrechens und im Laufe seiner „Gefangenschaft“ verweben sich in einer Art „Stockholm – Syndrom“ das Denken und Fühlen von Eitan und Sirkit immer mehr. Andere Personen sterben und die Ehefrau des Arztes, eine im Fall der Fahrerflucht ermittelnde Polizistin, beginnt misstrauisch zu werden. Hinter jedem Kapitel lauert eine neue Überraschung. Wie sehr wünschen wir uns während des Lesens, die Situation möge endlich eskalieren, um die psychologische Spannung von uns zu nehmen: allein, das Leben ist banal und tendiert zur Entropie.

Vieles hätte aus der Grundidee dieses Buches werden können: eine Yuppie-Befindlichkeitsstudie, ein Kriminalroman, ein Flüchtlingsdrama, eine Liebesgeschichte – und gottseidank ist der Roman keines davon. Bis auf die letzten Zeilen entzieht sich der Roman der Erwartungshaltung seiner LeserInnen, langweilt nie, sondern überrascht mit unerwarteten Rückblenden und Wendungen der Handlung, ohne dabei im geringsten konstruiert zu wirken. Auch wer eine fein säuberlich in Gut und Böse bzw. in Täter und Opfer geteilte Welt erwartet, wird enttäuscht werden. Was die Autorin (deren zweiter Beruf übrigens Psychologin ist) interessiert, ist die psychologische Entwicklung der Handlung, der Blick hinter die Fassaden unserer Leben, die sehr mitfühlende aber dabei unbarmherzige Aufdeckung dessen, was die Wahrheit der handelnden Personen sein könnte. Und sie erzählt brilliant, auf hohem Sprachniveau, ist dabei aber nie abgehoben.

So endet dieser Roman mit einer Art „Moral von der Geschicht“: „Wie schön ist die Erdkugel auf ihrer richtigen Bahn. Wie angenehm, sich auf ihr zu drehen. Zu vergessen, dass es einmal eine andere Bahn gegeben hat. Dass eine andere Bahn im Bereich des Möglichen liegt.“

Das Buch wurde auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse im Rahmen des Schwerpunktes „50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen“ vorgestellt. Nichts Besseres kann den Beziehungen zwischen zwei Ländern passieren, als Erzählungen und Haltungen, die nicht vordergründig auf „Völkerfreundschaft“ pochen, sondern darauf insistieren, dass unser Leben hie und da und anderswo zwar sehr unterschiedlich ist, aber im Grunde nach denselben menschlichen Prinzipien verläuft. Das ist der Autorin mit ihrem zweiten Buch hervorragend gelungen, indem sie uns vor Augen führt, welches (durchwegs auch erschreckendes) Potential sich in uns verbirgt und nicht zuletzt, indem sie der deklassierten Zuwanderin ihre Würde wieder gibt: im Guten wie im Bösen. Von der deutschen Kritik wurde das Buch sehr positiv aufgenommen und die Rezensionen sind erfreulich zahlreich. Ein Verkaufserfolg wäre der Autorin und dem engagierten schweizer Indie – Verlag kein&aber sehr zu wünschen.

Literatur Exil: In der Sprache wohnen….

Zum 21. Mal wurden 2017 die Preise des Literaturwettbewerbs „Schreiben zwischen den Kulturen“ vergeben, mit denen junge AutorInnen ausgezeichnet werden, die in Deutsch schreiben. Ihre Erstsprache ist nicht Deutsch. Immerhin: die heute weithin bekannten AutorInnen Julya Rabinowich und Dimitrè Dinev  gehörten einst auch auch zu den PreisträgerInnen dieser Initiative. Interessantes gibt es aber nicht nur von der in diesem Band versammelten Literatur, sondern auch von dem Vorwort von Jessica Baer zu berichten.

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Copyright: Krakatoa

Mit „Erschreckende Parallelitäten“ titelt sie das Vorwort und weist auf das Paradox hin, daß sich einerseits die deutschsprachige Literatur von AutorInnen mit Migrationshintergrund ihren Platz erkämpft hat, andererseits ebendiese Gesellschaft, die sich am „fremden“ Erzählen erfreut, zunehmend bereit ist, auch die rassistische Parolen von Volk und Politik zu akzeptieren. Diesen Widerspruc habe Literatur und andere Kunstsparten gemeinsam. Als Erklärungsmuster interpretiert sie: Entweder zwei, sich getrennt voneinander entwickelnde Öffentlichkeiten (Mainstream und kritische Gegenöffentlichkeit) oder ein exotistischer Bedarf an Abwechsung und Spektakulärem. Bei der Arbeit der Edition Exil ginge es deshalb nicht nur um „Neuentdeckungen“, sondern auch um den Kontext, in der diese Produktionen entstanden seien, es gehe

um Texte, die sich bemühem, ihre Wahrheit über die widersprüchlichen, rauen, holprigen Realitäten der Migrationsgesellschaft zu sagen.

Doch kommen wir zur Literatur selbst. Die Preistexte versammeln AutorInnen unterschiedlicher Herkunft und Geburtsjahrgänge: Helena Srubar, Gabriel Furmucachi, Zdenka Becker, Ioanna Michalcuk, Irene Diwiak, Amirabbas Gudarzi, Julian Shi-an Maximilian Ho und SchülerInnen der HTL Braunau. Neben den Kurztexten der AutorInnen haben die Herausgeberinnen auch Interviews mit den AutorInnen eingestellt, welche der Kontextualisierung des Schaffens dienen und die sowohl ihre Biographie als auch ihr literarisches Schaffen ansprechen. Diese Methode bewährt sich, da die Leserin die Qualität des literarischen Schaffens erst mit diesen Informationen vollständig einzuschätzen weiß. Abgedruckt sind auch die Begründungen der Jurymitglieder zur Preisvergabe. Jessica Beer, Klaus Nüchtern,  Sina Tahayori und Bernhard Studlar haben sorgfältige und wertschätzende Texte geschrieben. Und so finden wir uns wieder in der Kontextualisierung der Texte, die Jessica Bär angesprochen hat.

Insgesamt hat mich der Text von Amirabbas Gudarzi am meisten beeindruckt. Der Auszug aus seinem Bühnenstück „Zwischen uns und denen liegt ….“ spielt mit den Erwartungen der Leser, widersetzt sich ethnischen wie politischen Kategorisierungen und verschont keinen, auch nicht die selbsternannten HelferInnen und sgn. „Gutmenschen“. Der Erzähler/die Erzählerin ist zornig und seine/ihre Geschichten sind verstörend, disparat und jenseits der derzeit in der Öffentlichkeit verhandelten Klischees.

ERZÄHLER/IN: Ich erzähle euch Geschichten, bis ihr sie nicht mehr hören könnt. Bis ihr kotzt und erstickt vom Geschichtenzuhören, und dann werdet ihr vielleicht verstehen, wen oder was ich verkörpere.

Ich danke, daß ist das einzige Mittel, das noch bleibt: daß die Menschen ob der gehörten Geschichten erbrechen, weil sie einfach nicht verdaubar sind. Begönnen sie nur endlich mit dem Zuhören!

Deshalb rate ich zum Kauf des Buches. Dessen Lektüre hilft möglicherweise mit, die, über die wir immer nur flach reden, auch tatsächlich besser kennen zu lernen. Und selbstverständlich, wie Literatur es auch immer wieder zustande bringt, uns selbst.

Im Wilden Osten

Rosa Liksom: Abteil Nr. 6
DVA, 2013. Klappenbroschur.  224 Seiten

Der Mann an die junge Frau: „Drum sage ich Ihnen direkt, liebe Reisegefährtin, dass Sie mich wenigstens einmal ranlassen sollten. Davon nutzt du dich untenrum nicht ab.“

Die typisch russische Familie, erzählt mir meine Dolmetscherin unlängst bitter, bestehe aus Großmutter, Mutter und Kinder. Das politisch motivierte Gerede der Putinanhänger von der heilen Familie habe sie satt. Am selben Nachmittag beginne ich das Buch der finnischen Autorin Rosa Liksom und lese es in einem Zug zu Ende. Und ich weiß mit einem Male ganz konkret, was mit den knappen Worten meiner Begleiterin in Moskau gemeint war.

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Rosa Liksom, 2011. Wikimedia Commons

Nach dieser kurzen Vorbemerkung zum eigentlichen Roman. Eine junge Finnin, die in Russland studiert, begibt sich auf eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Ulan Bator in der Mongolei. Ihren Namen erfahren wir nicht, sie wird von der Erzählerin immer als „die junge Frau“ bezeichnet. Die Reise führt durch die desolate Sowjetunion der 80er Jahre, gemeinsam mit einem Albtraum von Menschen, im Roman schlichtweg „der Mann“ genannt. Unfreiwillig teilt sie mit ihm das Schlafwagenabteil, alle ihre Versuche, der grotesk-grauenhaften Situation einer gemeinsamen Reise zu entkommen, scheitern. „Die junge Frau hatte nur einen einzigen Gedanken. Sie hasste diesen Mann.“

Das Buch ist nichts für die zart besaiteten Seelen unter uns, die sich von einem Roman wohlgesetzte Worte in ernsthafter Manier und moralisch ziseliertem Ende erwarten. Oft empfindet man die von der Erzählerin gewählten Sprache wie einen Schlag ins Gesicht. Die Monologe des ewig betrunkenen Mannes an ihrer Seite sind durchsetzt mit schlimmen Zoten, monströsen Rassismen und verbalen Übergriffen, denen die junge Frau nur beständigen und stillen Widerstand entgegenzusetzen hat. Die Tage im Zug scheinen nicht zu vergehen und gestalten sich zu einem Lehrstück über die hässliche und menschenverachtende Seite der ehemaligen Sowjetunion. Zerfall und Gewalt lauert an jeder Ecke all der sibirischen Städte, die die Reisenden auf der gemeinsamen Reise durchmessen. Mit dem Kunstgriff der Übertreibung, der Zuspitzung und Wiederholung gelingt es der Erzählerin jedoch, dem zotenhafte der Sprache und Monströsen der Schilderung eine literarische Wende zu geben. Manchmal, wenn auch selten blitzen im Tier von Mann auch menschliche Züge auf und die Machtverhältnisse zwischen den beiden Reisenden kehren sich um: der überlegten Frau steht ein tragischer aber gewaltbereiter Narr gegenüber.

Manchmal habe ich das Gefühl, es handelt sich um einen Schelmenroman, dann wieder um eine Parodie auf die „Westklischees“ über die UdSSR. Oder ist das alles eine Reflexion über die Unfähigkeit der Männer, gewalt- und alkoholfrei leben und lieben zu können? Ich bin mir unsicher geworden und schon habe ich den Angelhaken geschluckt, den die Autorin für mich ausgelegt hat. Ich bin gefangen im Rausch der Worte und des Unheils und verliebe mich in die wirre und verwirrende Beziehung, die sich zwischen beiden aufzubauen beginnt.

Seltsam blass bleibt „die junge Frau“, von der wir nur ihre Erinnerungen an den Grund ihrer Reise erfahren, die wir aber selbst nie sprechen hören dürfen. Die Rede gehört allein dem Mann, seine Beobachtung steht im Zentrum, an seinen absurden Gedanken müssen wir teilhaben, wieder und wieder. Das macht uns nervös, misstrauisch und manchmal auch aggressiv. Wie kann man/frau sich nur soviel aggressives Männergewäsch antun wollen? Doch das Buch kann fesseln und ein wenig fühle ich mich an den Duktus Elfriede Jellineks erinnert, die durch die Wucht und Brutalität ihrer Sprache die eigentliche Handlung in den Hintergrund treten lässt. Den hinterfotzigen Humor von Rosa Liksom besitzt sie jedoch nicht.

Rosa Liksom ist ja in Finnland und international nicht nur durch ihre Literatur bekannt geworden. Sie ist Bildende Künstlerin, die im letzten Jahr durch ihre Ausstellung Burka Projekt große Aufmerksamkeit erregt hat. Sie verpflanzt dabei Burka tragende Frauen in die Schneelandschaften Finnlands und erreicht damit eine Verfremdung unserer herkömmlichen Klischees zu diesem Thema. Ein ähnlicher Verfremdungseffekt gelingt ihr mit dem vorliegenden Buch, indem sie die Frauenperspektive aus dem eines frauenverachteten Narren erzählen läßt. Das mag nicht jedem gefallen und die Irritation mag ihrerseits wieder Aggressivität auslösen. „Was, diesen Roman hat eine Frau geschrieben?“, wird sich so manche/r fragen und empört die Nase rümpfen.

So durchmessen wir Sibirien mit seiner vorüberziehenden Natur, den devastierten Städten und seinen vom poststalinistischen System deformierten Menschen. Da finden wir nichts von der sogenannten Russischen Seele und die Weite und Kälte der Landschaft verschluckt jedwedes Sentiment. Der Traum von der Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn ist ausgeträumt, nur der Alkohol und die Perversion männlicher Sexualität bleiben, um sich abgesichts der grotesken Realität betäuben zu können.

Am Ziel angekommen, wird der Traum der jungen Frau wahr, in einem absurden, melodramatischen Finale zu dem „der Mann“ und ein heroinsüchtiger lokaler Fahrer entscheidend beitragen. Beruhigt kann sie nun nach Moskau zurückkehren.

Diese Reise möchte man nicht nochmals durchmachen wollen, aber dieses Buch empfehlen, das kann man ohne Zaudern.

Über das Lernen von Anderen

Johanna Marie Jakob: Taterndorf. Historischer Roman.
EIGENVERLAG, 2014.
ISBN 9781499779851, Broschiert.

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Vincent van Gogh: Zigeuner.

Manchmal begegnet uns in unserer Umgebung ein altes Gebäude, das unsere Neugier erweckt. Es kann auch sein, daß wir Orte auf alten Fotos entdecken, von denen wir gerne mehr wissen möchten. Wir beginnen nachzuforschen, entdecken Spuren von Begebenheiten, die uns neugierig machen. Wenn diese Begebenheiten ein oder mehrere Jahrhunderte zurückliegen und nicht unbedingt zur „Großen“ Geschichte gehören, dann stoßen wir auch auf weiße Flecken, von denen wir aber wissen, daß wir sie wahrscheinlich nie mehr restlos füllen können. Das mag für den Hobbyhistoriker enttäuschend sein, ein Romanautor beginnt hier erst seine Arbeit. Er erzählt sich durch das Unbekannte „hindurch“ und erfüllt historischen Räume mit Leben. Weisse Flecken nutzt er/sie für die Entfaltung der Handlung und die Charakterisierung der Romanfiguren. Der Erzähler tut dann so, als hätte  er selbst in diesen Zeiten gelebt und könne uns mit seiner Erfahrung an den damaligen Lebensumstände teilhaben lassen. Authentizität ist wichtig, es bedarf einer gründlichen Recherche, aber auch eines sehr sensiblen Sprachgefühls, um die Illusion des Zeitsprungs beim Leser aufzubauen und am Leben zu erhalten.

Dieser Balanceakt zwischen vermuteter Realität und Phantasie ist der Autorin mit Taterndorf ohne Zweifel hervorragend gelungen. Sie erzählt die Geschichte des ihr persönlich gut bekannten Ortes Friedrichslohra um 1830, welcher durch die Konflikte zwischen Katholizismus und Protestantismus, vor allem aber zwischen der seßhaften Bevölkerung und einer Gruppe von halbnomadischen Sinti geprägt ist, die dort missioniert werden sollen. Auf kirchliche Initiative erhält ein Missionarsehepaar erhält den Auftrag, die „Zigeuner“ seßhaft zu machen, ihre Kinder zu beschulen und für ihre Eingliederung in den Arbeitsprozeß zu sorgen. Im Zentrum der Handlung steht Magdalena Blankenburg, die Ehefrau des Missionars, die mit ihrem Engagement, ihrem Verständnis und ihrem Einfühlungsvermögen den Kindern der Sinti eine Mentorin sein will und ihre Sprache lernt. Die Begegnung mit ihnen verändert sie und ermöglicht ihr dadurch, sich immer mehr psychologischen Spielraum für Verstehen und Einfühlungsvermögen von Kindern und Eltern zu schaffen. Sie stellt sich dadurch immer mehr gegen ihren Ehemann, der durch die Arbeit mit den Sinti zu einem Hardliner wird und ihre Missionierung, das heißt Anpassung mit fast allen Mitteln (bis hin zur Kindesentführung) vorantreibt.

Hautnah erleben wir die Fortschritte und Rückschritte in diesem Unterfangen und von dessen Ende her betrachtet, das Scheitern der „Sittigung der Zigeuner“. Erzählt wird nicht nur vom Versuch einer (auch gewaltsamen) Eingliederung der Sinti in das sgn. normale Leben der Bürger der Region, sondern auch von den Mühen, Irrtumern und Erfolgen einer Annäherung zwischen beiden Volksgruppen. Versetzt in den historischen Kontext des 19. Jahrhunderts werden aber auch die Themen des heute wieder aufflackernden Antiziganismus in Europa aufgegriffen. Damit ist dieses Buch brandaktuell.

Trotz seines Engagements für eine Annäherung der Volksgruppen bleibt uns aber die Keule einer moralischen Schulmeisterei erspart. Indem wir an den unterschiedlichen Motiven und Hintergründen der handelnden Personen teilhaben, können  wir unterschiedliche Befindlichkeiten begreifen, ohne sie dabei aber auch gleich billigen zu müssen. Ebenso gelingt es der Autorin der Falle zu entgehen, Unterschiede zwischen Menschen nur auf ihre ethnische Herkunft, nach dem Motto hier „Gadsche“, dort Sinti zu reduzieren. Es geht der Autorin auch um den Hinweis auf Unterschiede, die mit sozialer Herkunft, dem Glauben, dem Beruf oder der körperlichen Verfassung jedes Einzelnen einhergehen. Sie illustriert damit, das sich die Konflikte nicht allein auf das „Problem Zigeuner“ reduzieren lassen.

Das Buch doziert nicht, es offeriert uns ein spannendes Stück Erzählung aus Leben eines Missionarspaares im 19. Jahrhundert und der Auseinandersetzung mit den Sinti. Wir lernen Geschichte kennen: nicht die Geschichte jener, die diese gelenkt haben sondern die Geschichte jener, die sie erlitten haben. Dabei bleibt die Lektüre immer spannend, realistisch und in höchstem Maße human.


Das Gedächtnis der Natur

Emi Itäranta: Der Geschmack von Wasser
DTV Verlagsgesellschaft, München 2014
ISBN: 978-3-423-65009-0, kartoniert, 340 Seiten.

Irgendwann in der fernen Zukunft: auf der Erde herrscht aufgrund einer nachhaltigen Klimaerwärmung prekäre Wasserknappheit. Die Protagonistin des Buches ist eine junge Teemeisterin namens Noria. Sie wird Kraft ihres Amtes, wie sie allerdings erst im Verlauf ihrer Recherchen erfährt, zur rituellen Hüterin des Wassers. In dieser Rolle bewacht und beschützt sie eine Quelle, die sich in unmittelbarer Nähe ihres Hauses, versteckt in einer Höhle,  befindet.

Ihre Familie hat das Geheimnis der Quelle seit Generationen gewahrt und da die Wasserknappheit inzwischen sehr groß geworden ist, versucht die Militärregierung die komplette Kontrolle über alle Wasservorräte zu erzwingen. So wird der Besitz von verfügbaren Frischwasserquellen für den Einzelnen sehr gefährlich, Wasservergehen werden von den offiziellen Wasserwächtern mit Isolation und dem Tod bestraft. Die Häuser der Betroffenen werden mit einem blauen Kreis gebrandmarkt.

„Der Geschmack des Wassers“ ist eine negative Utopie, zeigt jedoch nur einen schmalen Ausschnitt einer künftigen Gesellschaft. Das Hauptaugenmerk des Romans liegt nicht so sehr auf der Schilderung der Entstehung oder des Hintergrunds dieser Dystopie.  Damit ähnelt das Buch ein wenig dem großen Utopie – Entwurf der kanadischen Autorin Margret Atwood, die sich in ihrer Trilogie über die „wasserlose Flut“ ebenfalls auf das individuelle Schicksal ihrer ProtagonistInnen und nicht auf die Beschreibung einer komplexen Zukunft konzentriert hat. Doch Emmi Itäranta geht weiter: Die siebzehnjährige Heldin ist keine Actionheldin, sondern eine nachdenkliche und introvertierte Jugendliche, die mit ihrer sozialen Verantwortung ringt und Stück für Stück die Geschichte des Wassers und damit der Ungerechtigkeit ihrer Welt entschlüsselt. Es ist ein Ringen um Verantwortung, die sie nach dem Tod ihres Vaters und dem Wegzug ihrer Mutter alleine tragen muss. Sie kann dabei weniger auf die Hilfe ihrer Freundin zählen als vielmehr auf die Notizen vorhergehender Teemeister und auf historische Bücher, die ihre Mutter hinterlassen hat. Stück für Stück entschlüsselt sie so die Geheimnisse der Vergangenheit, die sie ermutigen klare Konsequenzen zu ziehen.

So  bleibt die Erzählung sehr auf die individuelle Wahrnehmung, das Ringen um Verantwortung und damit auf die Gewissenskonflikte der siebzehnjährigen Protagonistin konzentriert. Sie hütet das Geheimnis der Quelle,  erfährt aber auch, wie egoistisch ein solches Verhalten sein kann. Indem sie beginnt, Frischwasser mit einer befreundeten Familie zu teilen, begibt sie sich nicht nur in Lebensgefahr, sondern auch in ein tiefes moralisches Dilemma. Darf man das Geheimnis überhaupt wahren, wenn die Menschen ihrer Umgebung unter lebensbedrohender Wasserknappheit leiden? Solidarisches Handeln gefährdet nicht nur die eigene Sicherheit, sondern gibt auch das Geheimnis der Quelle preis, die damit für die Allgemeinheit verloren geht. Denn wie so oft, sind Ressourcenfragen zu allererst Machtfragen und die Militärregierung tut alles, um ihre eigene Macht zu festigen und die eigenen, geheimgehaltenen Wasservorräte zu vermehren.

Das Buch ist das Debut der in den UK lebenden und in zwei Sprachen schreibenden Finnin Emmi Itäranta. Der englische Titel weicht vom deutschen ab und gibt viel mehr vom eigentlichen Thema des Buches preis. Er heißt „Memory of Water“ und darum geht es auch in diesem Buch: um ein Nachdenken darüber, wie sehr das Wasser zu unserem Menschsein gehört und wie sehr es die Geschichte dieser Welt in sich trägt, vom ihrem Beginn an.  Wer gerne Dystopien liest, die nicht nur die negativen Konsequenzen unseres gegenwärtigen Handelns kritisieren, sondern sich mit den moralischen Kernfragen unserer Existenz auseinandersetzen, dem sei angeraten, zu diesem Buch zu greifen. Es ist spannend und sprachlich eindrücklich geschrieben und gewährt uns tiefe Einblicke in eine konfliktreiche und unwägbare Welt, in der Heranwachsende auch heute schon leben. Insofern ist es ein Jugendbuch, das vor allem der Erwachsenengeneration ans Herz zu legen ist, welche über ihr eigenes Versagen an dieser Welt nachdenken sollte.

Ich freue mich auf das nächste Buch der Autorin und vergebe guten Gewissens alle fünf möglichen Sterne, daß es nur so funkelt.

Über die Gefährdungen des Lesens

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek.
DuMont Verlag, Köln 2013
ISBN 9783832197179, gebunden, 64 Seiten.

Eigentlich hatte ich mich für dieses schmale, aber doch relativ teure Buch wegen der sehr schönen Aufmachung entschieden. Der Text des bekannten Schriftstellers Haruki Murakami wird mit wunderschönen Illustrationen von Kat Menschik begleitet. Ein prächtig gestaltetes, unheimlich anmutendes Buch also, das es einem schwer macht, es aus der Hand zu legen und in der Buchhandlung zurück zu lassen.

Die Handlung selbst ist rasch erzählt. Ein Jugendlicher wird mit Vorsatz von einem merkwürdigen Alten im Verlies einer Bibliothek eingeschlossen und begegnet dort neben der Geschichte eines osmanischen Steuereintreibers einem geheimnisvollen Mädchen und einem Schafmann. Gemeinsam beschließen sie die Flucht durch ein dunkles Labyrinth. Eine typische Murakami Geschichte also, die viele Elemente seiner Werke wieder aufnimmt und eigentlich keine Überraschung für all jene Leser darstellt, welche mit einem der früheren Werke des Autors vertraut sind.

Was mich allerdings an diesem Buch besonders interessiert hat, ist der formale Aspekt der Buchgestaltung. Es klingt paradox, aber gerade aufgrund der beeindruckenden Gestaltung verliert das Buch an Substanz. Aus der Erzählung wurde ein (wunderschönes) Bilderbuch, wo sich Text und Illustration nicht ergänzen, indem sie unterschiedliche Seiten unserer Phantasie ansprachen, sondern sich leider ihrer Wirkung gegenseitig berauben. Sie kennen das doch: ein Buch lesen bedeutet auch, sich von seiner Atmosphäre fesseln lassen und Bilder im Kopf zu entwickeln, die ganz intim mit der eigenen Vorstellungskraft und der eigenen Befindlichkeit zu tun haben. Das macht das Geheimnis der Literatur aus und das gilt umso mehr für Literatur, die uns in ein geheimnisvolles und unheimliches Universum entführen will. Das aber kann bei diesem Buch nur sehr schwer gelingen, denn die begleitenden Illustrationen kappen und beschränken die Entfaltung der eigenen Phantasie. Sie sind exzellent gezeichnet, aber sie drängen sich der Phantasie auf; sie entfalten ihre eigene Atmosphäre und dominieren damit den Gesamteindruck. Anders als bei der Graphic Novel sind Text und Bild keine geschlossene Einheit, die einander ergänzen, sondern konkurrierende Elemente. Brutal gesagt: die Bilder erschlagen die Worte und berauben die Erzählung ihrer Kraft.

Schade, denke ich, dass ich das bemängeln muss, denn eigentlich gefällt mir das Buch sehr gut. Vielleicht spricht die Gestaltung auch Jugendliche mehr an und kann sie so auf die Welten Murakamis neugierig machen. Wie heißt es so schön in dieser Erzählung über die unheimlichen Geheimnisse eines Verlieses tief unter einer Bibliothek, wo sich die verschiedenen Welten treffen: „Deine Welt, meine Welt und die vom Schafmann. Es gibt Orte, an denen sie sich überschneiden. So ist es doch, oder?“ (S. 37)

Und genau darum geht es vordergründig in diesem Buch: um das Ineinander und Nebeneinander der verschiedenen (Phantasie-) Welten eines jungen Menschen, der sich so gerne unterordnen möchte und letztendlich doch alleine bleibt. Schade, dass die Hintergründigkeit des Buches durch die Faktizität der Illustrationen auf der Strecke bleiben muss. Pracht muss nicht Qualität bedeuten, denke ich. Einfach zu viel des Guten, werter Dumont Verlag! Aber die Verkaufsstrategie hat gewirkt, bei mir zumindest.


Harte Zeiten, gestern wie heute.

Karl August Tavaststjerna: Harte Zeiten.
DTV Verlag. München, 2014.
ISBN 978-3-423-14350-9, 272 Seiten.

Einen Klassiker habe ich gekauft, vom finnischen Schriftsteller Karl August Tavaststjerna geschrieben und 1891 erstmals erschienen. Mit dem Begriff „Harte Zeiten“ kann allerdings auch unsere Gegenwart charakterisiert werden. Das Buch thematisiert auf unaufgeregte Weise politische Gleichgültigkeit, mangelndes Rechtsbewusstsein, Armut, humanitäre Katastrophen und die dümmliche Egozentrik vieler Entscheidungsträger, die auf der Sonnenseite des Lebens leben.

Talollisia_Ruokolahdelta
Freie Bauern aus Ruokolahti, Finnland (S. Falkman, 1882)

Das alles sind auch Grundthemen unserer globalisierten Gesellschaften und die Kenntnis um diese Dinge ist uns allen zugänglich, täglich und stündlich, wenn wir nur wollen. Aber unsere Aufmerksamkeit scheint seltsam unkonzentriert, Achtsamkeit  und Handeln tun not, damals wie heute.

Was wir heute im globalen Maßstab erleben, ist in Tavaststjernas Roman geographisch auf zwei Regionen Finnlands begrenzt. Finnland war damals noch ein Großfürstentum des Russischen Reiches und stark von der Land- und Forstwirtschaft geprägt: Hungersnöte angesichts langer Winter waren also vorprogrammiert. „Harte Zeiten“ ist den Romantiteln von Dickens entlehnt und bezeichnet sich selbst als „Erzählung aus Finnlands letzten Notjahren“. Das Buch beschreibt  das Schicksal von verarmten Taglöhnern wie reichen Großgrundbesitzern, die die historisch verbriefte Hungersnot von 1867/68 in Finnland zusammengeführt hat. Der Erzähler konzentriert sich dabei auf das Schicksal zweier Kleinbauern und ihrer Familien, die durch den Ernteausfall in der Provinz Österbotten in den Süden des Landes getrieben werden und sich dort bei zwei reichen Grundherren verdingen. Letztere aber scheinen der gesellschaftlichen Realität seltsam entrückt, während erstere verzweifelt um Leben, Glück und Zukunft ringen.  Dort in Tavastland verknüpft sich ihrer aller Schicksal auf dramatische Weise, und spitzt sich angesichts der Hungersnot und Typhusepidemie, die bald auch im reicheren Süden ausbrechen wird, katastrophal zu. Gleichzeitig wird ganz in der Nähe des Schauplatzes der Bau der Eisenbahnlinie vorangetrieben, die Helsingor (das heutige Helsinki) und St. Petersburg verbinden soll. Und wie es eben so ist in jener und unserer Welt, profitiert von den Hungerlöhnen der Arbeiter scheinbar die  Wirtschaft des Landes. Die persönlichen Konflikte und Katastrophen bleiben nicht aus, ein Mord wird geschehen und der Mörder sich selbst der Tat bezichtigen.  Deshalb kann man den Roman auch als Kriminalfall bezeichnen, der allerdings den Schwerpunkt nicht auf seiner Aufdeckung, sondern auf den Rahmenbedingungen und gesellschaftspsychologischen Hintergründen des Verbrechens legt.

Wer mutmaßt, der Erzählstil des Autors käme plakativ und plump anklagend daher, unterliegt einem Irrtum. Geradlinig und klar beschreibt der Autor die Hintergründe und Motive der Romanfiguren und tut ihnen andrerseits auch kein Unrecht an. Fast wirkt er wie ein distanzierter Chronist von Ereignissen, ein wenig sentimentaler Chronist  allerdings. Er trifft aber den Nerv der Gesellschaft, indem er die Dinge so darstellt, wie sie sind: sachlich, unaufgeregt und in aller Fairnis.  Trotz der großen Anerkennung für seinen Romans außerhalb Finnlands muss Tavaststjerna nach seinem Erscheinen das Land verlassen, dessen führende Schicht es nicht ertragen konnte, die Wahrheit über sich selbst  zu hören.

Ein Klassiker also, aber das darf die künftigen Leser nicht verschrecken. Denn die Schönheit der Sprache Tavaststjernas ist weder veraltet noch verwirrend. Hilfestellung beim Lesen leisten uns auch ein Nachwort und Anmerkungen von Klaus-Jürgen Liedtke, welche in die Hintergründe einführen und für all jene hilfreich sind, die mit Autor und Thema nicht vertraut sind.

Ich bin froh, dass der Finnland Schwerpunkt auf der Frankfurter Buchmesse 2014 auch auf dieses Buch aufmerksam gemacht  hat und bedanke mich beim DTV Verlag für die Neuauflage der „Harten Zeiten“. Vielleicht ist das ja auch kein Zufall angesichts des zustands unserer Welt. Klassiker lesen, kann spannend sein und gar nicht altmodisch. Immerhin hat dieser Klassiker mehr als 120 Jahre bei bester Gesundheit überlebt und ist auch heute noch aktuell und anregend. Das spricht für seine Qualität!