Die Krähe schreit, nein, sie singt!

Cord Riechelmann: Die Krähen.
Matthes und Seitz, Berlin 2013
ISBN 9783882210484 Gebunden, 155 Seiten.

Zwei Raben sitzen auf seinen [Odins] Schultern und sagen ihm alles ins Ohr, was sie sehen und hören. Sie heißen Hugin und Munin. Bei Tagesanbruch entsendet er sie, um über die ganze Welt zu fliegen, und zur Frühstückszeit kehren sie zurück. Von ihnen erfährt er viele Neuigkeiten.
(Snorri Sturluson)

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Heinrich Vogeler: Die sieben Raben, 1895. Wikimedia Commons

Ist eigentlich schon aufgefallen, wie häufig der schwarze Rabenvogel auf den Buchumschlägen von Krimis, Thrillern und Fantasy Literatur prangt? Und hast du dir schon die Bedeutung bewußt gemacht, die damit angesprochen werden soll? Meist ist es das Unheil, die unheilvollen Vorahnungen, das Unglück, möglicherweise auch der Tod. Wir kennen Sie alle, die bösen Worte von der Rabenmutter, dem Unglücksraben, dem Rabenvieh und, und, und …. Das Tier vom Menschen zum Klischee erniedrigt, immer noch und auf vielen Covern! Oh armer Vogel, was haben die Menschen im Laufe ihrer Geschichte aus dir gemacht!

Einst fast ein Gott (der Rabengott Odin) oder als Begleiter namens  (Hugin und Mugin/Gedanke und Erinnerung) hat das Christentum im Spätmittelalter einen Unheilsvogel und Räuber aus dir gemacht. Nach der Industrialisierung der Landwirtschaft wurdest du zu einem ungeliebten Tier, bis vor wenigen Jahrzehnten  gnadenlos bejagt. Und trotzdem: man schenkt dir neuerdings wieder etwas mehr Verständnis und Fairnis, erforscht deine Lernfähigkeit und Klugheit, beschreibt deine Kulturgeschichte, deine Arten und unser Versagen, dir Gerechtigkeit zukommen zu lassen.

Eines dieser Bücher ist das Portrait von Cord Riechelmann im ersten Band der schön aufgemachten „Naturkunden“ des Matthes&Seitz Verlages Berlin. Er beschreibt darin die Nähe der Rabenvögel zum Menschen, gestern und heute in den Städten, ihren symbolischen Bedeutungswandel, ihre historische Verbreitung von Asien nach Alaska, ihre Rezeption in Film (Hitchcock), Literatur (Edgar Allen Poe) und Verhaltensforschung (Konrad Lorenz). Nach dem kulturhistorischen Teil,  der meiner Ansicht nach etwas zu knapp und kursorisch ausgefallen ist, stellt er einzelne Vertreter der Corvidae vor: Häher, Krähen, Raben, Elstern und Dohlen und ergänzt die Beschreibung mit wunderschönen Zeichnungen der Tiere. Ich hätte gerne gewußt, wer diese gezeichnet hat, leider findet sich dazu kein Hinweis im Impressum. Insgesamt umfaßt die Gattung der Corviden dreiundvierzig Arten, einige davon finden wir hier wieder.

Das Büchlein bietet sich als schönes Geschenk für all jene an, die sich für die Bedeutungswandel von Tieren interesssieren und etwas mehr als eine ornithologische Abhandlung lesen wollen. Ein interessanter Text, eine liebevolle Aufmachung und wunderschöne Bilder machen das Büchlein nicht nur zu etwas, zu dem man immer gerne zu Hause greift, sondern auch auf seinen Spaziergängen zu den Rabenvögeln mitnimmt. Es paßt wunderbar in jede Tasche. Man/frau ist beruhigt, weil er/sie darin bestätigt wird, nicht unbedingt den Unterschied zwischen Raben und Krähen wissen zu müssen, um sie zu mögen. Und wenn die Krähe schreit, wissen wir ab nun, daß sie zu den Singvögeln gehört. Krahhhhhhh ….

Post Scriptum: Auf meinem Dach haben es sich nun schon jahrelang drei Krähen eingenistet: Sie hüpfen über die Dachfenster, brüten in der Regenrinne und zerstören die Zugbänder meiner Außenlalousie. Ein ausreichender Ersatz wohl für ein pflegeleichtes Haustier!

Ein erstarrter Riese im Eis der Vergangenheit

Vladimir Sorokin: Der Schneesturm
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2012
ISBN 9783462044591. Gebunden, 206 Seiten.

„Grundsätzlich ist es ja so, dass Russland in einer weit entfernten Vergangenheit lebt, und davon erzählt mein Roman“, meint der Schriftsteller Vladimir Sorokin in einem Interview, das über Youtube allgemein zugänglich ist.

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Pussy Riot (Denis Bochkarev), Wikimedia Commons

„In diesem Roman ist die eigentliche Hauptfigur der Schneesturm. Sie begleitet die beiden anderen Figuren stetig und von ihr hängt das Leben dieser beiden Figuren ab.“ Und weiter fährt Sorokin mit Bezug auf die unterschiedlichen Zeit- und Bewusstseinsebenen im heutigen Russland fort: „Wenn sie heute nur 70 Kilometer hinausfahren, aus Moskau zum Beispiel, speziell im Winter, dann finden Sie sich augenblicklich in einer anderen Zeit wieder. Sie verlieren die Orientierung, in welchem Jahrhundert sie sind und dort begegnen sie der russischen Metaphysik.“ Schließlich zur Kritik an den russischen Nomenklatura:

„Wenn man heute die Machthaber in diesem Land sieht, die Elite Russlands, die fahren Mercedes, telefonieren mit Smartphones usw., aber mental und kulturell stehen sie im 16., 17. Jahrhundert. Ich habe den Eindruck, Russlands Zukunft, das ist unsere Vergangenheit plus Hochtechnologie. (…) Solche Prozesse wie jetzt gegen Pussy Riot wird es noch mehrere geben, für mich haben sie den Geruch von Mittelalter.  Sie zeigen, dass sich an er Spitze unseres Landes, im Kreml, die Paranoia auszubreiten beginnt. (…) Ich denke nicht, dass es Veränderungen durch Straßenproteste geben wird, die Machtfrage wird im Kreml sehr plötzlich und unerwartet entschieden werden.“

Diese Aussagen des Autors sind für mich wichtige Hintergrundinformationen, um die Handlung des Romans zu entschlüsseln, eine Handlung, die eigentlich von großer Statik geprägt ist. Denn um die 17 Kilometer zu überwinden, die einen Arzt und seinen Kutscher von einem Ort trennen, in dem angeblich die „bolivianische Pest“ ausgebrochen ist, braucht es angesichts des ausgebrochenen Schneesturms fast eine Ewigkeit. Immer wieder hindert das Unwetter die beiden an der Weiterfahrt. Entweder man sucht Schutz in bewohnten Hütten und Zeltlagern an der Wegstrecke oder repariert im beißenden Schneetreiben auf offener Strecke die Kutsche. Die Reise „erfriert“ zu einem hoffnungslosen Unterfangen. Zunächst denken wir uns in die Realität des 19. Jahrhundert zurückversetzt, durchwoben mit märchenhaften Zügen. Wir begegnen Zwergen und Riesen, beides in Menschen- und Tiergestalt. Aber auch diese Erfahrung wird empfindlich gestört, indem moderne Drogen, Hightech-Behältnisse und Mobiltelefone in die Handlung eingeführt werden und damit die Zeitebenen sprengen. Am Ende sind es sogar Chinesen, die mit riesigen Pferden den Arzt Garin vor dem Tod bewahren und so einen poetisch-politischen Schwenk in die Zukunft erlauben. Russland, erstarrt in einer politischen Eiszeit, aus der es sich alleine nicht befreien kann?

Man kann das Buch auf verschiedene Weise lesen: als poetisch verschlüsselte Erzählung über die derzeitige politische Erstarrung in Russland, als Rekurs auf die Literatur eines Tolstoi oder Dostojewski, welche virtuos im Roman verarbeitet werden, oder als modernes Märchen, welches einprägsame Charaktere hervorbringt, wie den von seinem Scheitern besessenen und rücksichtslosen Arzt oder den gleichmütig – demütigen Kutscher. Auf alle Fälle wird uns die Sprache Sorokins begeistern, der die mehr als 200 Seiten ohne Kapitelüberschriften auskommt und in einem Guss erzählt, so als wäre dieses Buch ohne Unterbrechung entstanden. Ich habe mir gewünscht, in diesem Buch immer weiterlesen zu können, auch über sein Ende hinaus; einen Roman, der so grausam und beschwingt vom menschlichen Scheitern erzählt, in einer Welt der kleinen Pferdchen und gestorbenenen Riesen, des pfeifenden Windes und der lähmenden Kälte. Irgendwo in Sibirien, wo die Zeiten durcheinandergekommen sind und sich Russen, Kasachen und Chinesen auf fast natürliche Weise begegnen können. Es ist gefährlich kalt geworden, nicht nur dort in Russland, sondern auch in unserer Welt. Auch hier hat es den Anschein, als könnten wir die Aufgaben nicht mehr bewältigen, die die Zukunft für uns und unsere Nachfahren sichern. Starre und fröhlicher Untergang auch hier.

Ich bin kein Kartograph. Ich bin Erzähler.

Isabel Greenberg: Die Enzyklopädie der Frühen Erde. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Berlin, 2014. ISBN: 978-3-518-46561-5 Klappenbroschur, 176 Seiten.

Ein Nachschlagewerk bzw. eine Zusammenfassung des Wissens über die  „Frühe Erde“ will dieses Buch sein, schrittweise führt es uns von Geschichte zu Geschichte, um zu berichten, wie es zur unmöglichen Liebe zweier gegensätzlicher Menschen gekommen ist. Eine wunderschön gemachte Graphic Novel, die poetisches Potential hat.

Die Geschichte eines jungen Mannes und Geschichtenerzählers  aus einem fiktiven Nordland wird erzählt, welcher als Kind durch den Egoismus seiner Mütter (sic!) und einen unfähigen Schamanen seine Seele verloren hat.  Bei der Suche nach seinem verlorenen Selbst reist er durch die vier Kontinente Nordland, Britarnitarka, Migdal Bavel und Südpol, erlebt zahlreiche Abenteuer und erfährt viele Geschichten, die aneinandergereicht den Bestand der Mythen der „Frühen Erde“ darstellen. Berührende Erzählungen sind darunter, etwa von den „Drei Schwestern auf der Sommerinsel“ oder von den „Drei Kindern des Berges“, aber auch altbekannte Stoffe werden angesprochen, die Isabel Greenberg verkürzt und respektlos neu erzählt: die Geschichte von Odysseus, von Jonas und dem Wal,  vom Turmbau zu Babel oder von der Sintflut. Über all dem Geschehen wacht eine Gottheit namens Vogelmann mit seinen Kindern Kid und Kiddo, welche beide wiederholt in das Leben unseres Helden eingreifen. Der Vogelmann selbst ist im Grunde nur mit sich selbst beschäftigt, ein abwesender, mitunter auch sehr grausamer und nur auf sich selbst bezogener Gott ohne Erbarmen für seine eigenen Geschöpfe.

Während mich die stimmungsvollen Zeichnungen mit ihrer großen Liebe zum Detail, der effektvollen Farbgebung und der groben, holzschnittartigen Linienführung während des Betrachtens sofort gefangennehmen, stelle ich mir die Frage, ob es heute überhaupt möglich ist, Geschichten zu erfinden, die, wenn auch nur für Augenblicke, so etwas wie einen neuen Schöpfungsmythos generieren können. Dazu hätte ich mich gerne von diesen Bildern verführen lassen und auch mitunter von den prägnanten Beschreibungen. Aber dann rissen mich immer wieder die Dialoge der Figuren aus meinen Phantasien, die zwischen Umgangssprache und Slang wechselten und wohl auch sehr achtlos und unsensibel ins Deutsche übersetzt wurden. Wenn von einer Alten Weisen Frau namens „Weise Schrulle“ gesprochen wird, mag das Respektlose dabei durchaus als jugendlich charmant durchgehen, ein in allen deutschsprachigen Ländern sofort erschließbare und sprachneutrale Übersetzung ist das nicht. Auch weiß ich nicht, was „außerkörperliche Visionen“ sein sollen und finde die Übernahme der englischen Bezeichnungen „Kid“ und „Kiddo“ oder die Bezeichnung „knallheiße Wurst“ mäßig professionell. Ein wenig mehr Behutsamkeit im Übersetzen und wohl auch im Umgang mit Umgangssprache und Slang (die durchaus auch ihren  Reiz haben können), hätte den „bezaubernden“ Zeichnungen durchaus mehr Ernsthaftigkeit geben können.

Obwohl diese Graphic Novel durchaus ansprechend ist, gelingt der Mythos von der „Frühen Erde“ nur teilweise. Daran ist die Sprache (Übersetzung?) schuld, aber auch das oft wahllos benutzte Sammelsurium an bekannten Mythen aus unterschiedlichen Kulturkreisen. Ihre Aneinanderreihung wirkt bemüht und nicht immer zwingend, ist in schlechtem Sinn postmodern.  Aber sollte man/frau von einer Graphic Novel nicht zu viel erwarten? Dennoch: die Zeichnungen der jungen Isabel Greenberg haben das Zeug zu mehr und deshalb mag ich diesmal gerne so respektvoll kritisch sein. Wir wünschen der jungen Zeichnerin auf ihrem weiteren Weg viel Erfolg und dem Buch viele LeserInnen.