Von der krankmachenden und von der heilsamen Einsamkeit

Einsamkeit ist Krankheit und Beschämung, und befindet sich auf dem Vormarsch in den sgn. reichen Nationen der Welt. Von einem „Megatrend Einsamkeit“ wird immer häufiger gesprochen, einem Phänomen, für das man das immer häufigere Auftreten von Krankheiten wie Krebs, Herzinfarkt, Demenz oder Depression verantwortlich macht. Die zunehmende soziale Bindungslosigkeit und Individualisierung der Gesellschaft, unterstützt durch die Beliebigkeit und Kontaktarmut bei der Nutzung von Sozialen Medien, seien die Verursacher dieser neuen Volkskrankheit. Und da bleibt es auch nicht aus, daß sich kürzlich sogar die Politik des Themas angenommen hat. In den UK wurde etwa eine „Ministerin für Einsamkeit“ ernannt.

Festgestellt wird die Einsamkeit allerdings immer nur durch die subjektive Einschätzung des Einzelnen, der sich eben einsam „fühlt“. Dagegen haben auch Medizin und Psychologie kein Kraut erfunden. Einsam sei mithin jenes Individuum, das das subjektive Gefühl habe, nicht genügend soziale Kontakte zu besitzen und deswegen darunter leiden. Möglicherweise gibt es aber auch Menschen, die Einsamkeit nicht als Leiden empfinden?

Auwald bei Drösing/March

Einsamkeit scheint noch dazu ein besonders schambehaftetes Gefühl zu sein. In dieser scheinbar fröhlich – ausgelassenen, lauten und erfolgreichen Gesellschaft ist Einsamkeit etwas, was meist mit Unangepaßtheit, Erfolglosigkeit und Außenseitertum stigmatisiert wird. Einsamkeit ist über alle Maßen uncool. Niemand spricht davon oder thematisiert, was es überhaupt bedeuten kann, einsam zu sein. Man/frau leidet still an sich selbst und den Anderen. Niemand scheint einsam sein zu wollen, jeder und jede will dazugehören und im Mittelpunkt stehen.

Und dennoch, ich will an dieser Stelle nicht von jener Einsamkeit sprechen, in denen sich Menschen als Erkrankte oder als Mängelwesen erleben. Ich betrachte im Folgenden die Einsamkeit als selbstgewählten Raum, in dem andere Menschen glücklicherweise ABWESEND sind. Von der guten Einsamkeit eben, in denen man/frau sich den Platz und die Stille nehmen darf, die er/sie benötigt, um zu sich selbst zu kommen. Wir sprechen dabei von einem sehr kostbaren Ort, an dem es gelingt, sich ausreichend von der störenden Umwelt und den uns peinigenden Mitmenschen abschotten zu können. Ein kleines Stück selbstgeschaffenes Paradies, an dem man weder durch am (ebenso krankmachenden) Lärm leidet, noch durch die oft richtungslose und wertfreie Panik der Alltagsroutinen infiziert wird. Das eigene Ich darf sich dabei entfalten, die Gedanken können flanieren, die Gefühle zum Vorschein kommen. Und wer will, kann seinen Zustand auch singen, so wie es uns die Sami durch ihr Yoiken gelehrt haben. Man singt nicht ÜBER etwas, sondern man singt ES.

Dieses sich Zurückziehen von den Anderen in menschenleere Räume gab es schon immer, als kompletative Abgeschiedenheit, als selbstgewähltes Alleinsein, als Eremitendasein aber auch als zeitlich terminisierter Rückzug aus den Routinen der globalisierten Welt („Retreat“, „Off the Grid“). Oft passierte es freilich, daß jene Menschen, die sich in eine selbstgewählte Einsamkeit zurückgezogen haben, als Sonderlinge (oder auch als Heilige) gehandelt wurden – heute scheint es, als würden sie mit der Krankheit „Einsamkeit“ stigmatisiert.

Nein, ich will das Leiden an der nicht selbst gewählten Einsamkeit nicht banalisieren – aber unseren Blick wieder auf die Möglichkeit einer heilsamen Einsamkeit richten. Plappern wir nicht den Medien nach, die in einer endlosen Spiurale immer nur dasselbe wiederkäuen. Hören wir auf uns selbst und unsere Bedürfnisse.

Auwald bei Sierndorf/March

Letztes Wochenende stapfte ich stundenlang ohne eigentliches Ziel durch ein fast vergessenes Auengebiet am Rande unserer kleinen ostösterreichischen Betriebsamkeit. Ich begegnete keinem Menschen: nur Tieren, Pflanzen, der Erde, den Steinen, der Sonne und der Luft. Es waren Naturwege im Auwald, die meist überwachsen waren und auf denen es einiger Vorsicht bedurfte, um nicht über Lianen zu stolpern, in verdeckte Erdlöcher zu plumsen oder im Schlamm zu landen. Das Gehen erforderte mit einem Male wieder Aufmerksamkeit. Ich war mit mir und meiner Konzentration alleine, konnte beim Gehen zu mir selbst kommen, mich wieder ein Stück besser kennenlernen. Ich begegnete meinem Ego, in einer uneitlen, selbstverlorenen und stillen Weise. Kein Narzissmus weit und breit. Keine Störung, keine Ablenkung: nur ICH inmitten der Welt, die mich mit ihrer Schönheit überreichlich belohnte. Es war sehr einsam dort, aber alles von tiefer Schönheit und Bedeutung. Man möchte sich bei Gott bedanken, hätte er sich nicht so oft desavoyiert. So dankt man der Mutter Erde, die schon ewig da ist und noch ewig da sein wird: mit und ohne uns..

Áhkká

Die ersten Schneeschauer ziehen aus Nordwesten über den Akkajaure als wir in Ritsem ankommen. Es herrscht rauhes Wetter, das sehr schnell mit Sonnenschein wechselt, so wie das hier im nördlichen Sápmi üblich ist. Nachdem wir die kleine primitive Hütte an einem Hang des nördlichen Seeufers bezogen haben, blicken wir auf das gewaltige Massiv des Áhkká, welches sich langsam vor unseren Augen enthüllt. Nebel und Wolken lösen gegen Abend langsam auf.

Ritsem Stugor

Vor Jahren haben wir im finnischen und norwegischen Teil von Sápmi einige Sieidis aufgesucht. Das sind Opferstätten der Sami, die meist an signifikanten Landschaftspunkten errichtet wurden. Viele dieser Siedis wurden während der Verfolgung der Samen im Rahmen der Christianisierung entweder zerstört oder sind zu einem Art Geheimwissen jener Samen geworden, die sich ihren Glauben nicht nehmen lassen wollten. Inzwischen sind die Ethnologie und Religionswissenschaft dazu übergegangen, diese für die Samen bedeutsamen Orte in der Landschaft zu kartographieren, sie werden in einigen Fällen staatlicherseits unter Denkmalschutz gestellt. Einige, wie etwa der Ukonkivi bei Inari sind Touristenattraktionen geworden und haben all ihre heilige Aura verloren. Der Ukonvivi, der mit einem Touristenboot angefahren werden kann, ist nichts mehr als ein weinig begrünter Felsen im See, an dem Touristen ihren Müll hinterlassen. Sie schaffen es nicht, diesen wieder aufs Boot mitzubringen. Und im Übrigen ist dort kaum Platz für eine stille Andacht.

Das Áhkká – Bergmassiv, das wir dieses Jahr besuchen, ist auch ein Sieidi, ein heiliger Ort der Sami-Mythologie. Es trägt den Namen der Muttergottheit, die in der Mythologie in mehreren Formen erscheint: als Maderakka, der ersten Akka (Erdmutter) mit ihren drei Töchtern Sarakka (die Göttin der Fruchtbarkeit, Menstruation, Liebe, Sexualität, Schwangerschaft und Geburt), Juksakka (der Beschützerin der Kinder) und Uksakka (jene Göttin, die das beginnende Leben im Uterus formt).

Die Heilige Mutter Áhkká

Wir sind also, folgen wir der Mythologie, am Beginn der Menschheitsgeschichte angelangt, an einem Ort, der heilig war und noch immer ist. Wer das Gebirgsmassiv sieht, wundert sich darüber nicht, so beeindruckend ist es. Es selbst besteht aus vier Gipfeln, von denen einer keinen Namen trägt. Glücklicherweise liegt das Bergmassiv im Stora Sjöfallet Nationalpark, sollte also die nahe Zukunft relativ unbeschadet von den Einflüssen der modernen Zivilisation existieren dürfen. Nur der Tross der Fernwanderer, die sich im Sarek bewähren wollen, zieht in den Sommermonaten vorbei, zwar von den Bergen beeindruckt, aber im Wesentlichen ihrer körperlichen Leistung verschrieben. Die Rentierherden passen hingegen ins Bild.

Immer wieder müssen wir beim Einrichten für die Nacht aus dem Fenster unserer kleinen Hütte schauen, welche direkt auf das Áhkká schaut. Wir beschließen mit dem Auto zum Ende der Straße in Ritsem zu fahren und parken uns dort, hoch oben beim Campingplatz und der bereits geschlossenen Jugendherberge ein. Ein anderes Auto steht bereits oben mit einem Fotographen, der sich ebenfalls in das Gebirgsmassiv verliebt hat. Draußen stehend und wegen des kalten Wetters auch in unseren Autos sitzend, verlieren wir uns in der Landschaft, im gleißenden Licht des Massivs und letztendlich im Beginn der Menschheitsgeschichte. So muss alles mit uns begonnen haben hier in Sapmí. Vor der grandiosen Kulisse des Akkajaure und des Áhkká fällt es nicht schwer, demütig zu sein.

Äquinoktium in Sápmi

Der diesjährige Urlaub in Jokkmokk neigt sich seinem Ende zu und es scheint mir, als hätten wir den bevorstehenden Abschied von diesem wunderbaren Ort mit dem Ritual zur Herbst – Tagundnachtgleiche begangen. Ursprünglich wollten wir ja an der sehr einsam gelegenen, alten Mühle in Granudden feiern, doch es ist in den letzten Tagen sehr kalt geworden, mit Temperaturen rund um die Null Grad Celsius. Wir entschließen uns deshalb für den bequemeren Weg. J. und ich feierten vor unserem (gemieteten) Haus in Jokkmokk, am Lagerfeuer direkt am See. Ein Ritual rund um den Sonnenuntergang.

Ich bin ja bei den Jahreszeitenfesten immer nur der zufällige Gast und ein unregelmäßiger Teilnehmer. Zu einem fixem Ritual habe ich es bis dato nicht gebracht, denn es gibt immer wieder viel zu viele Ablenkungen um mich herum. Der Sinn des Lebens scheint sich in der Bewältigung der Berufs- bzw. Alltagsroutinen zu erschöpfen. Das ist allerdings für meine aufkeimenden spirituellen Bedürfnisse zu wenig. Diesem Defizit werde ich hoffentlich mit meiner Pensionierung im kommenden Jahr aktiver als bisher begegnen, zumindest wünsche ich mir das. Ein bewußtes letztes Drittel des Lebens ist wichtig. Worum sollte es sonst gehen?

Deshalb schreibe ich auch selbst nach langen Unterbrechungen an diesem Blog weiter, es ist eine Art roter Faden, der wichtige Anderswelten meines Bewußtseins miteinander verbindet, seit vielen Jahren schon. Auf mich ist kurzfristig nicht Verlaß, nur längere Lebenszyklen zeigen mir, daß ich immer wieder an den selben Ruhepunkt zurückkomme. Das Schreiben ist so eine Gelegenheit, mich auf das Wichtige zu besinnen: ich könnte aber nicht sagen, worin dieses besteht!

Es liegt nahe, sich bei Anlässen, wo die Länge von Tag und Nacht einander gleichen, über die Balance von Begebenheiten oder Umständen im eigenen, persönlichen Leben Gedanken zu machen. Als mir J. dieses Thema vorschlägt, weiss ich zunächst nur wenig damit anzufangen. Nichts scheint in meinem Leben von Balance geprägt zu sein, alles ist diruptiv und zufällig, kaum in einer zufriedenstellenden Harmonie, die ich zu balancieren imstande wäre. Nur bei seltenen (und meist mit Rauschmitteln) herbeigeführten Gelegenheiten vermag sich der Zustand von Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Tiefe herzustellen. Im Grunde teile ich die Auffassung von Nimue Brown, die in ihrem Blogbeitrag Approaching the Equinox festhält: There’s a disconnection for me in the way we talk about equinoxes as times of balance, and the way I experience them. Und dann detaillierter ausführt: I don’t feel balanced in myself, either, I feel the rush of change, the scope for everything to be different. If I am still now, it is because I’m being tugged in a number of directions and am waiting to see which pulls are the strongest.

Alles scheint zu dieser Jahreszeit in mir und um mich im Wandel zu sein und der naheliegende Schluss, dass die Tag – und Nachtgleiche das Fest der Balance sei, trifft für mich nicht zu – weshalb die Aufforderung von J., Ausgleich und Ausgeglichenheit zum Thema des Rituals zu machen, seltsam fremd für mich wirkt. Wann aber soll sich ein Ausgleich herstellen, wenn er selbst nach fast dreiwöchigem Urlaub undenkbar erscheint?

Doch das gemeinsame Trommeln und Legen eines Mandalas mit den Überresten der Herbstvegetation macht es mir möglich, die Dinge für einen kurzen Augenblick anders zu sehen. Es ist ein Gegensatz, der mir zur Einsicht verhilft. Blicke ich auf die Seenlandschaft vor mir, so gleitet mein Blick immer wieder von West nach Ost und zwei sehr gegensätzliche Bilder erschließen sich: jene vom prächtigen Sonnenuntergang zu meiner Linken und gegenüber die beiden winzigen Inseln im Halbdunkel des Ostens. Hin und her gleitet mein Blick, wenn ich, wie jetzt, am Ufer des Sees stehe: vom Licht ins Dunkel, von West nach Ost und: vom verheißungsvollen Leben in den sanften Tod.

Doch dann wieder die Zerstörung des so mühsam hergestellten Bildes: Das Bild vom Trank des Vergessens drängt sich mir auf, jenes aus der griechischen Mythologie. Die Balance von Leben und Tod, die so kurze Zeit seine Geltung besaß, ist dahin. Der Tod verkündet sein Recht.

Sommersonnenwende 2018

Dieses Jahr wurde ich von der Sommersonnenwende überrascht. Mein Hauptaufgenmerk lag auf äußerst unangenehmen beruflichen Ereignissen, die mich nicht loslassen wollten und wollen. So kam die nachricht von der Sommersonnenwende überraschend. Eine Kollegin hatte sich dazu geäußert, so ganz nebenbei, und bedauernd gemeint, die Tage würden ab heute immer kürzer werden.

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Johanniskraut – Wikimedia Commons

Mir bleibt diese Jahr keine Zeit, mit Freunden rauszugehen und das Ereignis zu begehen. Ich begnüge mich also damit, einen Tagebucheintrag von früher zu posten, quasi als Erinnerung an die Energie und Magie, die solch ein Tag schenken kann:

J. leitete das Ritual mit grosser Umsicht. Ihre Stirn hatte sie mit einer strahlend gelben Sonne bemalt, den linken Arm schmückte eine bunte Blume und über die Hand zogen sich fünf Pflanzenarten. Schon einige Tage vorher hatte sie das Waldstück und die besondere Stelle,  wo das Ritual stattfinden würde, ausgesucht und dort auch die Nacht verbracht, um herauszufinden, ob uns die Naturgeister dort willkommen heißen würden.
Wir waren zu viert. J.,  Ch. und A., ich war das erste Mal dabei und wollte das Ritual deshalb so gerne mitmachen,  weil ich noch nie bewusst an einem Naturritual teilgenommen hatte. Rituale, das weiss ich mittlerweile, ziehen mich seit jeher magisch an.
In der Einladung waren wir gebeten worden, Steine für den Feuerring mitzunehmen, dazu auch Dinge,  mit denen wir den Ritualplatz schmücken wollten, Geschenke an die Naturgeister und für die Mitfeiernden und Essen für den Abschluss. Als wir um 19.00 am Ritualplatz ankamen,  erlebten wir eine schöne Überraschung. Eine Kinderspiel-gruppe, die in diesem Wald ihre Feuerstelle hatte, hatte an mehreren Stellen mit den dort gefunden Naturmaterialien gebaut: eine Waldburg, ein Waldmonster und viele andere sorgsam zusammengelegte Gebilde. An unserem noch jungfräulichen Ritualplatz lag ein wunderschönes Mandela, ein schönes Symbol für unser Unterfangen , so fand ich.
Nachdem uns J. gefragt hatte, ob wir Einwände gegen den Platz hätten und wir verneinten, räucherten wir uns und dann nahm J. die Räucherung des Platzes vor. Danach schmückten wir den Platz mit Blumen, die wir am Vormittag auf einem nahegelegenen Pflanzfeld besorgt hatten. Sie hatte 4 bemalte Steine mitgebracht, mit der wir jeder einzeln mit einer Farbe die entsprechende Himmelsrichtung bezeichnete: Gelb den Osten, Blau den Norden, Rot den Süden und Grün den Westen, dort wo wir während der Zeremonie wunderschöne und intensiv die Sonne untergehen sahen. Das fehlende Rund legten wir mit Steinen aus und entzündeten dann das Feuer. Ich reichte J. einen mit Baumharz bestrichenen Zapfen und schon bald brannte ein Feuer das wir wegen der vorherrschenden Trockenheit bewusst klein und niedrig hielten. Es brannte gleichmäßig und intensiv und wir trugen unsere Texte vor. J. hatte Johanniskraut besorgt, die Pflanze, die in diesen Tagen blüht und die der Sommersonnenwende zugeordnet ist. Ch. hatte Steine von einem Meeresufer mit. Schließlich aßen wir von den mitgebrachten Speisen. Hin und wieder musizierten wir: Trommel, Rasseln und Flöte. Es war schön, die Rhythmen aufeinander abzustimmen, gemeinsam den Beginn und das Ende zu begehen.
Mein erstes Naturritual und nichts von Emphase oder Betulichkeit. Ich konnte mich ganz intensiv auf die Natur um uns konzentrieren. Die Sonne ging gleißend im Westen unter und beleuchtete die Spinnweben, die zwischen den Bäumen hingen. Die Mücken verloren sich im Rauch unseres Feuers. Langsam verebbte das wilde Gezwitscher der Vögel. Der längste Tag des Jahres ging langsam zu Ende.

Keine frohe Ostern

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Osterkarte, um 1900. Wikimedia Commons.

Im gestrigen Standard ist anläßlich der Osterfeiertage eine Umfrage zum Glauben in Österreich veröffentlicht worden, die mich trotz aller Vorbehalte gegenüber dem Katholizismus doch sehr erstaunt hat. Der Kern der Gläubigen an die Katholische Kirche sei in den letzten Jahren auf kümmerliche 14 Prozent zusammengeschmolzen. Die Zustimmung zu esoterischen Praktiken seien hingegen überraschend groß (zur Wirksamkeit von „Karma“ 72% der Befragten, zur stärkenden Wirkung von „Kraftplätzen“ , zur Wirksamkeit Schamanistischer Praktiken 22%). Ein nicht unerheblicher Teil der sgn. „Taufscheinchristen“ scheint sich also aus unterschiedlichen Motiven wieder dem zuzuwenden, was die Kirche historisch gesehen mit Feuer und Schwert und anderen, weniger blutigen Maßnahmen dem gemeinen Volk ausgetrieben hat. Den Islam, als immer wichtiger werdende Religion in Österreich hat man offenbar in die Umfrage nicht aufgenommen bzw. islamische Gläubige gar nicht erst befragt.

Jetzt mag man die Abkehr von der Katholischen Kirche hin zu esoterischen Praktiken unterschiedlich beurteilen oder interpretieren: als eine Rückkehr zur Irrationalität (dasselbe kann man auch dem Glauben in den monotheistischen Religionen vorwerfen), als Ausdruck für den Ekklektizismus unserer Zeit (aber welche Zeiterscheinung wäre der medial vermittelten Beliebigkeit denn heute nicht unterworfen?) oder auch als Abkehr von einer völlig abgehobenen Katholische Kirche, die keine der gegenwärtigen Sinnfragen mehr zufriedenstellend zu beantworten imstande ist.  Fest steht jedenfalls, das immer mehr Menschen auf der Suche nach einer spirituellen Struktur sind, die sie in einer zersplitternden Welt, welche alles dem neuen Glaubensbekenntnis „Geldreichtum“ unterwirft, aufbewahren kann. Stück für Stück sucht man/frau sich also das zusammen, was für einen funktioniert bzw. in ein größeres System eingebunden, Halt verspricht.

Ich denke dabei an das Buch von Nimue Brown, das ich hier vor kurzer Zeit rezensiert habe. Everything goes, so meinte sie, solange es nur hilft, dem Ethos der Ehrlichkeit einem selbst gegenüber verpflichtet ist und keinem schadet. Warum auch nicht? Was ist etwa gegen die Naturreligiösität in schamanischer Tradition einzuwenden, welche die Natur achtet, ehrt und schützt? Ist sie denn nicht wahrhaftiger als eine Religion, die die Frau derart verachtet, dass sie ihr die das Recht entzieht, das Priesteramt ausüben zu dürfen? Und wie dürfen wir vor dem Hintergrund eines zerfallenden Christentums denn von jenen Heuchlern und Volksverhetzern halten, die Europa noch immer als Bollwerk des Christentums bezeichnen?

In diesem Sinne wünsche ich eben NICHT Frohe Ostern, denn mein Ostara habe ich schon längst gefeiert, mit all dem notwendigen Ekklektizismus bei Ritual, Gebet und Gottheit. Es fand mich auf der Suche nach dem Einklang mit der Natur. Aufs säkularisierte Ostereiersuchen habe ich mich nie so gut verstanden. Die Bigotterie der österreichischen Kirche ear sowieso nie mein Fall.


Nachtrag vom 5.04.2018

In einem Kommentar von Hans Rauscher hat der Standard zu dem Thema Glauben in Österreich noch einmal nachgelegt. In Umkehrung der derzeit verhandelten Diskussion, ob der Islam zu Europa gehöre, fragt er: „Gehört der Katholizismus noch zu Österreich?“ Darin finden sich auch Zahlen zum islamischen Glaubensbekenntnis.

 

Ein Universitätslehrstuhl für Magie

Es war eher als eine Meldung gedacht, die zum Schmunzeln anregt und das Thema will auch gerne als spleenig, kurios oder schräg betrachtet werden. Vice berichtete kürzlich über einen neu einzurichtenden Lehrstuhl für Magie. (engl. Allain Slaight Chair for the Conjuring Arts). Tatsächlich macht dieser geplante Lehrstuhl derzeit als Kuriosum seine Runde durch die Kanadischen Fernseh-Talkshows und auf Twitter. Was aber steckt hinter der Einrichtung des Lehrstuhls tatsächlich? Magic oder Magick?

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Harry Houdini. Copyright: Public Domain

Ein genaues Lesen der Webseite der Carleton – University, auf der diese Stelle ausgeschrieben ist, empfiehlt sich. Tinderness kommt zu folgender Zusammenfassung:

  • der Lehrstuhl wird zur Hälfte von der Slaight Family Foundation in einer Höhe von 2 Mio. Kanadischen Dollars finanziert und entspricht dem lebenslangen Interesse des Medienmoguls Allain Slaight für die Magie.  Er hat seinen Berufsweg als „Magier“ in einer Radioshow begonnen, ist in den 1940er Jahren als Illusionist öffentlich aufgetreten und hat auch entsprechende Bücher publiziert, wie Wikipedia zu berichten weiß.
  • Wie aus dem Ausschreibungstext der Universität ersichtlich ist, ergänzt dieser Lehrstuhl eine Büchergabe der Slaight Familie von etwa 1600 Texten zum Thema Zaubertricks und wird zur bereits bestehende Bibliothek zur Magie hinzugefügt.
  • Gesucht werden BewerberInnen mit einem multidisziplinären Hintergrund und spezieller Qualifikation in der Erforschung von Magie (magic and the conjuring arts).

Die entscheidende Frage ist, ob sich der Forschungsgegenstand eher mit Magie als Varietekunst und Illusionismus beschäftigt, oder tatsächlich mit dem was Wicca-Begründer Gerald Gardener  als Magick bezeichnet hat: mit Magie als spirituellem Instrument.  Alles deutet darauf hin, daß sich die Forschung an der Carleton University eher mit der Magie als Varietekunst beschäftigen wird. Auch das ist sicherlich spannend. Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Magick müssen wir weiterhin HistorikerInnen oder ReligionswissenschafterInnen überlassen.

 

 

 

Der mutige Weg mittendurch …

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Cover, Moon Books

Nimue Brown: Spirituality without Structure. The Power of Finding your own Path. Moon Books, 2013.

In dem schmalen Band von knapp achtzig Seiten scheint die britische Autorin und Druidin Nimue Brown etwas sehr Zeitgemäßes und damit möglicherweise Verlockendes anzubieten: Anleitungen für das Leben von Spiritualität, welche ohne große formale Strukturen auszukommen scheint. Den eigenen (spirituellen) Weg zu wählen, ihn in aller Freiheit und Selbstverantwortung zu gehen und dabei nur sich selbst und seiner persönlichen Integrität verantwortlich zu sein – das alles klingt nach dem Individualismus unserer Tage, in dem wir verfangen sind. In letzter Konsequenz könnte das ja auch so interpretiert werden: Jede/r sei sein eigener Gott und MeisterIn des eigenen Schicksals. Für viele mag diese Argumentation verführerisch klingen, auch wenn sie sicherlich nicht zielführend ist.

Den Göttern sei Dank, muß ich alle LeserInnen, die sich auf derartige Weise von diesem Buch angesprochen fühlen, bitter enttäuschen. Hinter der vermeintlichen Freiheit des selbstgewählten Weges versteckt sich ein harter Weg: die Mühen, in dem Chaos der Welt und zwischen den unbeantwortbaren Fragen den eigenen Weg zu finden. Am Ende der Reise steht vielleicht auch kein einziger Gott und nur ein mechanistisches System.  Dieser ungewisse Weg hat zunächst nur wenig mit Spiritualität zu tun, eher mit „richtiger“, das heißt sich selbst aufrichtig Rechenschaft gebender, bewußter Lebensführung.   Im vorletzten Kapitel faßt die Autorin die Essenz des Buches zusammen:

Das Buch selbst bietet nur wenig  Beruhigung und Trost an. Es wird gedanklich auf die existentiellen Krise hinweisen aber keine Ratschläge geben, wie man sich dabei wohler fühlen kann. Die einzige Wahrheit des Buches ist, dass es immer wieder betont, dass wir die großen Fragen nicht lösen können und es uns selbst überlassen bleibt, sich in aller Einsamkeit mit ihnen zu konfrontieren und individuelle Konsequenzen zu ziehen. Letztendlich gibt es keine richtigen Antworten. Alles was wir tun können, ist, aus mehreren Möglichkeiten zu wählen. Wir können dies bei vollem Bewusstsein tun und nur versuchen, das Richtige dabei zu wählen.

(Nimue Brown: Spirituality without Structure. S. 74, dt. Übersetzung: Tinderness)

Das klingt natürlich sehr nach dem Existentialismus des 20. Jahrhunderts. Tatsächlich beruft sich Nimue Brown auf den Kreis um Jean-Paul Sartre und führt immer wieder die „existentielle Krise“ als mögliche Ursache für die Entwicklung der eigenen Spiritualität an. Begleitet wird diese Auffassung von der grundsätzlichen Kritik am Christentums, den monotheistischen Religionen und aller Glaubenssysteme, denen ein unumstößlicher Regelkanon zugrundeliegt. Hier schließt sie sich dem rhetorischen Gestus des vor allem im britischen und amerikanischen Raum vertretenen Paganismus an. Selbst als Druidin im Order of Bards, Ovades und Druids ausgebildet, wende sie sich an Pagans aller Coleur, Like Minded People, wie sie diese nennt: Hexen (Wicca), Druiden, Schamanen, Heathens und viele andere mehr. Sie alle folgten ja nicht einer Religion im engeren Sinne. Religion wäre hingegen durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet, welche eben diesen spirituellen Richtungen fehlten: Kodifizierte Texte, Glaubensväter, verpflichtende Glaubensregeln, Gotteshäuser, Geld, Macht und anderes mehr. Der Paganismus selbst greift allein auf Rites of Passage, Rituale, Feste und Gebete zurück. Mit derart leichtem Gepäck auf dem Rücken, sei die Erforschung des eigenen Weges ein zentraler Fokus der spirituellen Arbeit. Darum gehe es in diesem Buch.

Flammarion
Flammarion Engraving, 1888. Public Domain. Ein Missionar aus dem Mittelalter berichtet, daß er den Ort gefunden habe, an dem Himmel und Erde aufeinandertreffen.

Ihre argumentative Reise führt sie von der Kritik der Religionen hin zum Versuch der Beschreibung des Paganismus und individueller Spiritualität. Letztere ist für sie eine Erfahrung, die eng an das eigene Fühlen gebunden ist und sich intrinsisch in Eigenverantwortung vollzieht: eine Art Gegenbewegung zur Religion, die sich auf Regeln, Strukturen, kodifizierten Text, Institutionen und letztlich auf eine göttliche Wahrheit bezieht. Dabei seien Denken und Fühlen in einem stetigen Austausch befangen und die Aufgabe des Suchenden bestehe darin, seine eigene Philosophie (eigentlich: Weltanschauung) und Spiritualität zu entwickeln, die stets entwicklungsfähig und fluid bleiben müsse, um der Erstarrung der Spiritualität in Glaubensgrundsätzen zu entgehen.

Was die ethischen Strukturen eines derartigen spirituellen Handelns betrifft, zögert sie, das Notwendige auszusprechen: denn aus ihrer Sicht führe das bedingungslose Befolgen von Regeln stets zu religiösem Fundamentalismus. Damit zieht sie sich letztendlich auf die Wicca – Rede zurück, nach der alles getan werden könne, was dem anderen keinen Schaden zufüge:  „An‘ it harm none, do what ye will“. Diese ethische Unverbindlichkeit empfinde ich als große Schwäche des Buches. Aus meiner Sicht kann und darf der Paganismus, so sehr er die Individualität seiner TrägerInnen respektiert schützt, sich an seinen zentralen ethischen Verpflichtungen (Ökologiefragen, Menschenrechtsfragen u.a.m.) nicht vorbeidrücken. Gerade der Mißbrauch des Paganismus durch das rechtsgerichtete „Neuheidentum“ zeigt, wie sehr es hier an einem klaren Standpunkt in diesem Buch fehlt. Nimue Brown weicht diesem generellen Ansinnen aus und argumentiert in Bezug auf die Wicca – Rede: „(…) which once you start to think about it, turns out to be a pleasingly complex proposition“. Warum also nicht mit Inhalt füllen und seiner Verantwortung gegenüber der Welt Ausdruck verleihen?

Besonders beeindruckt hat mich an dem Büchlein von Nimue Brown, wie sie mit dem scheinbaren Gegensatzpaar von Spiritualität und Rationalität umgeht. Mit Recht führt sie aus, das die Existenz eines Gottes nie selbstevident sei. Dennoch führe die Beweisführung der Atheisten, da0 das, was nicht bewiesen werden könne auch nicht existiere, zu kurz.  Sie sieht darüber hinaus aber keinen Grund, warum sich Rationalität und Spiritualität nicht ergänzen könnten und warnt vor einer Überschätzung des Geistig-Spirituellen:

There are no magical shortcuts. Spiritual practice can help us to develop the inner reserves to tackle our challenges and to make sense of them, but it won`’t make them go away.

Manchmal hat es den Anschein, als würde Nimue Brown mehr Fragen stellen wollen, als beantworten zu können. Das ist eine im Kern exzellente Methode für all ihre LeserInnen, die dieses Buch als Anstoß verstehen, selbst weiterdenken und die eigene Spiritualität weiterzuentwickeln. Manche mögen die von ihr vertretenen Thesen als Ausflucht vor jedweder spiritueller Festlegung verstehen. Manch ihrer LeserInnen mögen enttäuscht sein, weil sie sich (trotz des Titels) doch mehr Anleitung und Hilfe auf ihrem Weg im Paganismus erwartet haben. Trotz alledem: die Kritiken des Buches auf Goodreads zeigen, wie erfolgreich das Buch war. Bleibt zu hoffen, daß sich dies auch finanziell für die Autorin niederschlägt.

Ich selbst empfehle dieses Buch, vor allem dann, wenn man es mit Papier und Bleistift zu lesen gewillt ist, um die darin gestellten Fragen und Meinungen auf ihre individuelle Haltbarkeit zu prüfen. Denn die zentrale Frage bei jedweder Lektüre ist ja: Was bedeutet sie für mich? Was fällt mir dazu ein? Welche Assoziationen weckt sie in mir? Nimue Brown hat ein wohlüberlegtes und sicherlich nicht einfaches Buch geschrieben, welches der Komplexität der paganen Spiritualität gerecht wird. Steuern müssen wir schon selber lernen.


TINDERNESS WEITERLESEN:

 

Gefährliche Sinnsuche

Es ist schon eine vertrackte Sache mit der Sinnsuche. Wer meint, daß Sinnsuche in unserer säkularisierten Welt keine Bedeutung mehr habe, der irrt, wenigstens laut Lisa Marchiano in einem Artikel in Quilette (Our Search for Meaning and the Danger of Possession, engl.). Dort greift die Familientherapeutin die C.G. Jung’sche Idee von einem, jedem Menschen innewohnenden religiösen Instinkt auf. Trotz der Abwendung der Menschen von den großen Religionssystemen, die als nicht mehr zeitgemäß und lebensunterstützend empfunden werden, sei die religiöse Sinnsuche weiterhin ein bedeutender Bestandteil unserer Natur geblieben. Säkularismus bedeute also nicht das Ende religiösen Empfindens, sondern nur die Veränderung seiner Ausdrucksformen.

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Sie verweist an dieser Stelle auf einen Artikel in der New York Times mit dem Titel „Don’t believe in God? Maybe you’ll Try U.F.O.S!“ Dort argumentiert der Autor Gray Matter, daß zwar der traditionelle Glaube und die aktive Mitgliedschaft in den Glaubensgemeinschaften in den U.S.A. sinke, nicht jedoch das Interesse an Religiösität, gerade angesichts der Vielzahl an existentiellen Fragen und Unsicherheiten, die sich in der gegenwärtigen Welt stellen. Dieser Befund ist auch für die europäischen Gesellschaften gültig.

Wir leben also in keiner „gottlosen“ Welt, sondern (und hier zitiert Marchiano James Hollis):

Quite the contrary. We have too many of them. Too many surrogates with which the ego seeks to resist the spiritual vacuum of modernism. Besieged by pseudo-deities such as Power, Wealth, Health, Pleasure, Progress, we grow more and more alienated from nature, from each other, and from ourselves.

An diese anderen Götter zu glauben, geschehe meistens unbewusst und ohne die explizite Referenz auf religiöse bzw. spirituelle Prozesse. Und sie sei für Individuum und Gesellschaft auch deshalb gefährlich, weil diese unbewußte  Glaubenssuche nicht mit Sinngebungen von anhaltender Bedeutung verbinde.

Aber selbst, wenn wir uns von diesen neuen „Göttern“ fernhalten, lauern weitere Fallstricke auf uns. Denn sich mit dem Unendlichen in Verbindung zu setzen, berge immer auch die Gefahr in sich, einer Art „Bessessenheit“ anheim zu fallen und den eigenen Platz, das heißt die eigene Sterblichkeit und die eigene Natur zu verleugnen und in die Unendlichkeit zu verlängern. Derartig anmaßende Grenzüberschreitungen wurden in der Antike Hyprib, bzw. Superbia genannt. C.G. Jung bezeichnete solche Dynamiken als pathologischen Willen zur Macht.

Lisa Marchiano führt an mehreren Beispielen aus, was mit dieser Besessenheit gemeint sein könnte, etwa am Beispiel des selbsternannten „Bärenflüsterers“ Timothy Treadwell oder der Drachenfrau Eva Tiamat Medusa. Ein weiterer Fallstrick in diesem religös motivierten Willen zur Macht liege in der politischen orientierten Besessenheit. Ideologien und „-isms“ bieten eine ideale Projektionsfläche für quasi-religiöse Verehrung. Am Beispiel der „White Supremacy“ oder anderer glaubensbasierter Kreuzzugsphänomene macht die Autorin klar, dass dabei ein Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ konstruiert wird, der irrationales und menschenverachtendes Verhalten erst möglich macht und als selbstverständlich akzeptiert.

Um nicht in diese psychologischen Fallstricke zu geraten, bliebe als „menschengerechte“ und gesunde Reaktion die Selbstbeschränkung und Demut vor unserer eigenen Natur:

An awareness of our dependence upon that which is larger breeds the humility without which wisdom is not possible. It reminds us that our ego is just a small part of us, and is dependent upon – and easily influenced by – irrational, unconscious forces that are beyond our full understanding.

Die ersten Selkies meines Lebens

Gestern, stark vergrippt und in einer Art krankheitsbedingtem Trancezustand lese ich  Philip Carr-Gomm: Druidcraft. The Magic of Wicca & Druidry. In dem 2012 erschienen Buch versucht er den Gemeinsamkeiten von Wicca und Druidry nachzuspüren, nicht nur auf Basis gemeinsamer historischer Wurzeln sondern auch aufgrund zentraler Begrifflichkeiten, die er in einer Art sokratischem Dialog umreisst. Als Einstimmung erzählen Barden alte Geschichten.

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Eine davon betrifft die Selkies, Wesen, die in der Mythologie Schottlands, Irlands, Islands, der Orkney und der Färoer Inseln weithin bekannt sind. Diese besonderen Robben kommen einmal im Jahr an Land, um dort ihr Seehundfell abzulegen und sich als Menschen zu lieben bzw. sich mit Menschen zu vereinen. Tatsächlich hat sich im Laufe der Überlieferung ein großer Geschichtenkreis um die Selkies gebildet, regional oft sehr unterschiedlich.

Philip Carr-Gomm erzählt eine davon. Als zu Beltane sechs Selkie – Paare an einem Strand zusammentreffen, ihr Fell abwerfen und sich als Wesen in Menschengestalt zu lieben beginnen, werden sie von einem Fischer beobachtet. Dieser entwendet das Fell einer wunderschönen Selkie und gewinnt dadurch Macht über sie. Er zwingt ihr die Übereinkunft ab, mit ihm 7 Jahre lang zusammenzuleben: danach wäre sie frei und könne wieder ins Meer zurückkehren. Das ungleiche Paar bekommt bald einen Jungen und als die sieben Jahre vorüber sind, stellt sich heraus,  daß der Fischer sein Versprechen nicht halten will. Er versteckt das Fell seiner Frau weiterhin, doch durch die Hilfe des Sohnes gelingt es der Mutter wieder ins Meer zu entkommen. Fortan legt sie in selbstloser Liebe jeden Tag zwei Fische ans Ufer: für ihren Sohn und den selbstsüchtigen Ehemann.

Zweimal habe ich Seehunde auf meinen Reisen gesehen. Einmal, im Süden Chiles, in der Nähe eines Meeresarmes mit dem romantisch-schaurigen Namen Seno del Ultimo Esperanza (Kanal der letzten Hoffnung). In einer Touristengruppe wurden wir auf ein mittelgroßes Boot verfrachtet und zu einer Robbenkolonie geführt, die wir umkreisten und nach unzähligen Fotos wieder hinter uns ließen. Beide, Mensch wie Tier, blieben von der Begegnung unbeeindruckt. Ein bedeutungsloses Ereignis, wenn ich mich heute daran zurückerinnere. Die Tiere waren für mich putzige Wesen in einer malerischen Umgebung.

Mein zweites Erlebnis mit Robben verlief anders. Meine Begleiterin und ich waren nach stundenlanger Fahrt in einem vergessenen Winkel im äußersten Norden Norwegens an jenem menschenleeren Strand angelangt, an dem die Straße endete. Wolken, Wind, Meer: eine dramatische Szenerie. Das Meer war bleiern Grau und bewegt. Beide suchten wird den Strand ab nach seinen wunderbaren Schätzen an Muscheln, Seetang, Federn und Knochen. Wir befanden uns am Ende der Welt. Plötzlich, bei einem routinemäßigen Blick auf das Meer, sah ich sie: die wunderbaren, schönen dunklen Wesen, wie sie in die kleine Bucht einschwammen und sich neugierig umblickten. Alarmiert korrespondierte ich mit meiner Partnerin per SMS, da wir sicherlich einen Kilometer entfernt voneinander das Meer beobachteten. Sie folgte ihnen auch.

Die Zeit schien stillzustehen und der Augenblick war von sakraler Stille. Entrückt war alles, Vergangenheit und Zukunft verschmolzen in dem Augenblick, der eine Ewigkeit zu dauern scheinte. Zu kostbar der Augenblick, um ihn mit Fotografieren zu vertrödeln. Halb verdeckt von einem Felsen verfolge ich die kraftvollen Bewegungen der glänzenden Wasserwesen. Verliebt träumte ich vor mich hin. Fast schäme ich mich für meinen Blick, der in diesen wunderbaren Augenblicken fast dem eines Voyeurs glich. Ich war der Fischer, dort draußen waren die glänzend geschmeidigen Meerjungfrauen. Momente des Glücks, so, als ob sich das Leben gelohnt hätte.

Heute bin ich mir sicher, daß ich Selkies gesehen habe.


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