Tavolette Enigma. Ein Projekt der Rauhnächte. Folge 2: Wie alles begann.

Projekte haben immer eine Vorgeschichte. Vielleicht keinen direkt sichtbaren oder bemerkten Zusammenhang mit dem konkreten Vorhaben, sie sind aber dennoch konstitutiv für diese. Es gibt immer eine Vorgeschichte, verzweigte Fäden, die zum Knoten führen. Genauso enden sie auch, fasern aus, verlieren sich im Lauf der Zeit.

Das Projekt Tavolette Enigma entstand daher nicht erst während der Rauhnächte 2020, sondern schon Anfang Dezember. Ich war auf dem Weg ins Nachbardorf, um dort ein bekanntes Paar zu besuchen. Plötzlich, als ich gerade entlang einer langen Baumallee einen Hügel hinaufwanderte, wurde mir bewusst, wie sehr die Erfahrung mit und die Vernetzung in der Landschaft eine neu „erworbene“ Heimat konstituieren kann. Ich machte damals folgende Audionotiz:

Bei einem Spaziergang, auf dem Weg zwischen S. und E. Ich bin unterwegs, um ein Geschenk zu G. und M. zu bringen. Um von meinem Wohnort nach E. zu kommen, kann man zu Fuss verschiedene Wege benutzen. An der Bahnstrecke und den Ziegelteichen entlang, über die Hügel und durch ein Waldstück, oder einfach auf halber Höhe auf asphaltierten Feldwegen. Diesmal passiere ich folgende Orte: zuerst entlang der M., dem Bach mit dem alten keltischen Namen, der sich bei Regenfall zu einem reissenden Flusslauf verwandeln kann; dann zu der erst in jüngster Zeit fertiggestellten Waldhütte, in der ich meine Pensionierung begangen habe; die Recyclinganlage E., an der die ganze Woche rege Betriebsamkeit herrscht; der kleine Supermarkt am Bahnhof, an dem man auch einkehren und einen kleinen Imbiss nehmen kann; davor jener alte Baum, der die Bahnhofsanlage zu etwas Besonderem macht. Auf diesem Weg entfaltet sich die Geographie meiner neuen Heimat. Es ist dies eine Geographie, die nicht nur aus blossen Orientierungspunkten besteht, sondern die auch emotional sehr aufgeladen sind: erste Begegnungen, Gespräche, Besuche, wiederholte Wanderungen. Geographie ist Biographie, könnte man behaupten. Landschaft und Beziehung verschmelzen hier ineinander.

Aber wie genau entsteht eine derartige Beziehung: was sieht und spürt man, was erinnert man, was wird sofort wieder vergessen. Worin besteht das Bedeutsame, welches das Gefühl für eine Landschaft konstituiert? Vielleicht sind das einige Fragen, welche sich letzten Endes hinter dem Projekt verstecken, das ich in den Rauhnächten begonnen habe.

Tavolette Enigma. Ein Projekt der Rauhnächte. Teil 1: Beginn.

Wahrsagen in den Rauhnächten, russische ILLUSTRATION. 1895. WIKIMEDIA COMMONS

2021 möchte ich 13 Brotlaibidole rund um meinen neuen Heimatort setzen. Dabei folge ich dem Sternbild des Pegasus und wähle 13 seiner Sterne. Ich übertrage ihre Positionen auf eine Landkarte. Diese Plätze suche ich in naher Zukunft wandernd auf, lege dort die Idole nieder und schreibe das für mich Bedeutsame der Reise auf. Dabei entsteht ein Netzwerk von Bedeutungen, entlang eines Symbols für Stärke und Kreativität.

13 rätselhafte Tonkörper liegen also nach einiger Zeit versteckt in der Landschaft. Sie werden achtsamen Menschen Rätsel aufgeben. Sie wissen nicht, dass ich diese in der Zeit der 12 Rauhnächte aus Ton hergestellt und in der Natur verortet habe. Ich nehme den Begriff der Idole ernst, in seinem ursprünglichen Sinn: denn in einem rituellen Prozess haben sich in den Idolen die Geistwesen manifestiert, um mich für einen kreativen Prozess zu inspirieren. Es geschah anlässlich eines Rauhnachtsseminars am 28. und 29. Dezember 2020. Meine Idole sind rätselhafte Abbilder der gerufenen Helfer geworden: das mute ich ihnen zumindest zu. Auch ich weiss noch nicht, was sie mir tatsächlich bedeuten. Ihr Sinn wird sich vielleicht allmählich erschliessen.

Idole aus Ton, gefertigt am 29.12.2020

Aber was hat es ursprünglich mit diesen Tonobjekten auf sich? Durch Zufall bin ich auf ihre Existenz im Internet gestossen. Von der Wissenschaft werden als Brotlaibidole (auch: Tavolette Enigma) Fundobjekte aus der Bronzezeit bezeichnet, deren Zweck bis heute unbekannt ist. Sie sind etwa handtellergross und aus gebranntem Ton oder Stein gefertigt. In ihre Oberfläche wurden Zeichen geritzt, die Stempel (Pintaderas) sehr ähnlich sind. Die Interpretation ihrer ursprünglichen Funktionen reichen von ritueller Nutzung bis zu Vorstufen von Schriftlichkeit. Ein Zusammenhang mit dem Handel der Bronzezeit (Auffinden entlang von Handelswegen) wird ebenfalls erwogen. Ihr Vorkommen erstreckt sich von Mittel- bis Südeuropa, meist im Verbund mit menschlichen Ansiedelungen.

Das Geheimnis der Tavolette hat mich sofort in ihren Bann gezogen. Das sich bis heute ursprüngliche Bedeutungen auch wissenschaftlich nicht lösen lassen, ist faszinierend. Ihre Verzierungen sond von primitiver Ästhetik und gerade deshalb von eigener Anziehungskraft. Ich beschloss also, sie „nachzumachen“ um ihnen nahe zu kommen. ihr Geheimnis würde ich aber nicht lüften können. Ich wollte sie mit einem neuen, wahrscheinlich unterschiedlichen Sinn erfüllen, indem ich sie in Raum (Thurgau/Sternenbilder) und Zeit (Erlebnisse und Wanderdistanzen) transzendierte. Die Offenheit der Rauhnächte sollte am Beginn des Projekts stehen und ich wollte es in einem ritualisierten Rahmen entwickeln.

Beim Nachbau, dem Formen und Gestalten der Tavolette Enigma bemerke ich, wie schnell die Brotlaibformen aus Ton von der Hand gehen. Ebenso ist das Anbringen der „Verzierungen“ unter Verwendung von Stempeln aus Naturmaterialien (Äste und Schnüre) einfach zu bewerkstelligen. Das Formen und Gestalten der Tonkörper definieren die Eindeutigkeit des Idols. Das Brennen der getrockneten Idole am offenen Feuer im Wald wird ein weiterer Schritt in Richtung ihrer Individualisierung sein. Zur Zeit trocknen die fertiggestellten Idole auf einem Kasten in meinem neuen Heim. Sie verändern sich.

In den nächsten Wochen und Monaten sollen die weiteren Phasen des Projektes dokumentiert werden: (1) Die Verortung des Sternbildes Pegasus in der Landschaft des Thurgau; (2) Das schrittweise Trocknen und Brennen der Tavolette Enigma am offenen Feuer; (3) Die 13 Wanderungen zum Ausbringen der Idole.

Ich werde davon berichten.